LI 078, Herbst 2007
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Visionen grüner Technik

Kann eine Revolution der Genetik Fortschritt und Ökologie versöhnen?

Es herrscht mittlerweile weitgehend Übereinkunft darüber, daß das 20. Jahrhundert das der Physik war und das 21. das der Biologie werden wird. Über zwei Aussagen das gegenwärtige Jahrhundert betreffend sind sich nahezu alle einig: Die Biologie ist heute, gemessen an der Größe der Etats, der Anzahl der in ihr Beschäftigten oder dem Output bedeutender Entdeckungen, größer als die Physik, und die Biologie wird wahrscheinlich das ganze 21. Jahrhundert hindurch den größten Anteil an den Wissenschaften bilden. Und auch gemessen an ihren wirtschaftlichen Folgen, ihren ethischen Implikationen oder ihren Auswirkungen auf das Wohl der Menschen ist die Biologie wichtiger als die Physik.

Diese Fakten führen zu einer interessanten Frage. Wird die Domestizierung der Spitzentechnik, deren Triumphzug wir mit dem Erscheinen von PCs, GPS-Empfängern und Digitalkameras erlebt haben, bald von der physikalischen Technik auf die Biotechnik ausgedehnt? Ich glaube, die Antwort auf diese Frage ist ja. Ich maße mir hier nun eine eindeutige Voraussage an. Ich sage voraus, daß die Domestizierung der Biotechnik unser Leben während der kommenden fünfzig Jahre wenigstens genauso beherrschen wird, wie die Domestizierung des Computers es während der vergangenen fünfzig getan hat.

Ich sehe eine starke Analogie zwischen John von Neumanns beschränkter Vision von Computern als großen, zentralisierten Einrichtungen und der öffentlichen Wahrnehmung von Gentechnik als einem Arbeitsgebiet großer Pharma- und Agrounternehmen wie Monsanto. Die Öffentlichkeit mißtraut Monsanto, weil Monsanto gern Gene gegen giftige Pestizide in Kulturpflanzen steckt, so wie wir von Neumann mißtrauten, weil er seinen Computer gern dafür nutzte, zu mitternächtlicher Stunde heimlich Wasserstoffbomben zu entwerfen. Wahrscheinlich wird die Gentechnik so lange unbeliebt und umstritten sein, wie sie ein zentralisiertes Arbeitsgebiet von Großunternehmen ist.

Ich sehe für die biotechnologische Industrie eine große Zukunft, wenn sie den Weg der Computerindustrie beschreitet, den von Neumann nicht voraussah, daß sie nämlich klein und domestiziert wird statt groß und zentralisiert. Der erste Schritt in diese Richtung wurde unlängst getan, als genetisch veränderte Tropenfische mit neuen, leuchtenden Farben in Tierhandlungen auftauchten. Damit die Biotechnik domestiziert werden kann, muß sie in einem nächsten Schritt benutzerfreundlich werden. Kürzlich habe ich einen schönen Tag auf der Blumenmesse in Philadelphia verbracht, der weltgrößten Hallenausstellung, wo Blumenzüchter aus der ganzen Welt die Ergebnisse ihrer Arbeit ausstellen. Auch die Reptilienausstellung in San Diego habe ich besucht, wo Züchter dieser Sparte in ebenso eindrucksvoller Weise ihre Ergebnisse präsentierten. Philadelphia zeigt großartige Orchideen und Rosen, San Diego wunderschöne Echsen und Schlangen. Das größte Problem der Großeltern, die die Ausstellung mit ihren Enkelkindern besuchen, liegt darin, aus dem Gebäude herauszukommen, ohne für sie eine Schlange gekauft zu haben.

Jede Orchidee oder Rose, jede Echse oder Schlange ist das Werk eines hingebungsvollen und geschickten Züchters. Tausende von Menschen, Amateure wie Profis, stellen ihr Leben in den Dienst dieser Sache. Stellen wir uns nun vor, was geschieht, wenn die Werkzeuge der Gentechnik diesen Menschen zugänglich werden. Es wird Do-it-yourself-Kästen für Gärtner geben, die mit Hilfe der Gentechnik neue Rosen- und Orchideenarten züchten. Ebenso welche für Tauben-, Papageien-, Echsen- und Schlangenfreunde, die neuartige Haustiere züchten. Auch Hunde- und Katzenzüchter werden ihre Kästen haben.

Die domestizierte Biotechnik wird uns, steht sie erst einmal Hausfrauen und Kindern zur Verfügung, eine explosionsartige Vielfalt neuer Lebewesen geben statt der Monokulturen, die die Großunternehmen bevorzugen. Neue Abstammungsgruppen werden sich herausbilden und jene ersetzen, die Monokulturanbau und Entwaldung vernichtet haben. Genome designen wird eine persönliche Angelegenheit werden, eine neue Kunstform, die so kreativ wie Malen oder Bildhauern sein wird.

Nur wenige der neuen Kreationen werden Meisterwerke sein, viele aber werden ihren Schöpfern Freude bereiten und unsere Fauna und Flora bereichern. Der letzte Schritt zur Domestizierung der Biotechnik werden Bio-Tech-Spiele sein, die wie Computerspiele für Kinder schon ab dem Kindergartenalter konzipiert sind, aber statt mit Bildern auf einem Schirm mit echten Eiern und Samen gespielt werden. Bei solchen Spielen werden Kinder ein unmittelbares Gefühl für die Organismen entwickeln, die sie züchten. Sieger könnte das Kind sein, aus dessen Samen der stacheligste Kaktus wächst, oder das, aus dessen Ei der süßeste Dinosaurier schlüpft. Diese Spiele werden schmuddelig und möglicherweise gefährlich sein. Regeln und Vorschriften würden gebraucht, damit unsere Kinder nicht sich und andere gefährden. Die Gefahren der Biotechnik sind real und ernst.

(...)

Mehr von:
Freeman Dyson
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 68
Aus dem Englischen von Eike Schönfeld

Genre

Hauptthema:
  • Grüne Technik
  • Zukunft

Schlagworte

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