LI 075, Winter 2006
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Lektionen der Wildnis

Erfahrungen der großen Natur - Umgangsformen mit der Freiheit

  • AN einem Juninachmittag in den frühen siebziger Jahren wanderte ich über goldfarbene, trocken knisternde Grasflächen zu einer aus rohem Holz gefertigten, recht ansehnlichen Hütte, die am hinteren Ende einer Ranch im Einzugsgebiet des südlichen Yuba in Nordkalifornien gelegen war. Die Fenster waren ohne Glas, es gab keine Tür. Sie stand im Schatten einer riesigen Färbereiche. Das Haus sah verlassen aus, und mein Freund, ein Student der kalifornischen Eingeborenensprachen und deren Literatur, ging geradewegs hinein. An einem rohen Holztisch, von der Tischkante abgewandt, saß ein kräftiger, alter, grauhaariger indianischer Mann bei einem Becher Kaffee. Er bemerkte uns, begrüßte meinen Freund und bot uns würdevoll Pulverkaffee und Kondensmilch an. Er sagte, es gehe ihm gut, aber er werde sich nie wieder in ein Krankenhaus für Kriegsveteranen begeben. Wenn er wieder einmal krank werde, wolle er bleiben, wo er sei. Er sei gerne zu Hause. Wir unterhielten uns über Leute und Orte am Westhang der nördlichen Sierra Nevada, der Gegend, wo sich das Gebiet der Concow und der Nisena befindet. Schließlich kam mein Freund mit seiner guten Nachricht heraus: "Louie, ich habe jemanden gefunden, der Nisena spricht." Es gab zu dieser Zeit nicht mehr als vielleicht drei Menschen, die die Sprache der Nisena sprachen, und Louie war einer davon. "Wen?" fragte Louie. Er nannte ihren Namen. "Sie lebt in Oroville. Ich kann sie hierherbringen. Dann könnt ihr beiden miteinander sprechen." "Ich kenne sie von früher", sagte Louie. "Sie wird nicht hierher kommen wollen. Ich sollte mich eher nicht mit ihr treffen. Und unsere Familien haben sich nicht besonders gut miteinander vertragen."

    Das verschlug mir die Sprache. Hier war ein Mann, den die drohende Auslöschung einer ganzen Kultur nicht dazu brachte, gegen seine   und ihre   Überzeugung zu handeln. Für wohlmeinende, verständnisvolle Weiße ist seine Antwort nahezu unbegreiflich. In der Welt seines Stammes, nie überbevölkert, reich an Eicheln, Wild, Lachs und Goldspechtfedern, leistete man sich den Luxus, einer solchen Geradlinigkeit anzuhängen und in Angelegenheiten der Familie oder des Clans nach Perfektion zu streben. Für Louie und seine Nisena-Landsfrau gab es Wichtigeres, als miteinander Konversation zu pflegen. Ich glaube, für ihn war es eine Frage der Würde und des Stolzes, seiner Lebenseinstellung bis zum Ende treu zu bleiben   egal, welchen Nöten sie inzwischen ausgesetzt war.

    Kojote und Backenhörnchen brechen nie ihre Abmachung, daß der eine die Rolle des Jägers und der andere die der Beute spielt. In der Wildnis bekommt ein junger Eselhase (Lepus californicus) vielleicht ein einziges Mal die Möglichkeit, ohne nach oben zu schauen über eine Wiese zu laufen. Eine zweite wird es nicht geben. Je schärfer das Messer, desto sauberer die Schnittlinie. Wir erkennen die Eleganz der Kräfte, die das Leben und die Welt formen und die jede einzelne Linie unseres Körpers geformt haben   Zähne und Fingernägel, Brustwarzen und Augenbrauen. Und wir sehen auch, daß wir ein Leben führen sollten, ohne unnötiges Leid zu verursachen   nicht nur gegenüber unseren Mitmenschen, sondern gegenüber allen Lebewesen.

    Wir sollten nicht engherzig sein oder andere ausnützen. Es gibt genug Schmerz in der Welt, so wie sie derzeit ist.

    Das sind die Lektionen des Wilden. Die Schule, in der diese Lektionen gelernt werden können, ist das Reich von Karibu und Wapitihirsch, von Elefant und Nashorn, von Orka und Walroß, und es schrumpft von Tag zu Tag. Geschöpfe, die mit uns durch die Zeiten gingen, sind nun vom Aussterben bedroht, da ihre Lebensräume   und der alte, uralte Lebensraum des Menschen   der Zeitlupenexplosion der expandierenden Weltwirtschaft zum Opfer fallen. Falls unter uns der Junge oder das Mädchen ist, die wissen, wo sich das Herz dieses Ungeheuers verbirgt, laßt sie bitte Bescheid geben, wohinein wir den Pfeil schießen müssen, um dieses Monstrum aufzuhalten. Und falls jenes geheime Herz verborgen bleibt und unsere Arbeit nicht leichter wird   ich werde weiter für die Wildnis arbeiten, Tag für Tag.

    "Wild und frei"   Worte aus dem amerikanischen Traum, die ihre Bilder einbüßen: Ein langmähniger Mustang galoppiert durch das weite Grasland; hoch in der Luft in einer V-Formation rufen kanadische Wildgänse; das keckernde Grauhörnchen, das in der Eiche über unseren Köpfen von Ast zu Ast springt. Die Phrase klingt aber auch wie eine Harley-Davidson-Reklame. Die beiden Worte, so fundamental politisch und gefühlsgenau sie sind, sind zum Konsumententand geworden. Ich möchte die Bedeutung von "wild" herausfinden, wie es mit "frei" zusammenhängt und was man mit diesen Wortbedeutungen anfangen will. Um wirklich frei zu sein, muß man die grundlegenden Gegebenheiten nehmen, wie sie sind   schmerzhaft, unbeständig, offen, unvollkommen , und dankbar sein für die Unbeständigkeit und die Freiheit, die sie uns geben. In einem fixierten, feststehenden Universum würde es keine Freiheit geben. Mit dieser Freiheit verbessern wir den Lagerplatz, lehren die Kinder, vertreiben die Tyrannen. Die Welt ist Natur, und auf lange Sicht ist sie unweigerlich wild, denn das Wilde ist auch eine Ordnung der Unbeständigkeit.

    Obwohl "Natur" ein Begriff ist, der für sich nichts Bedrohliches hat, wird die Idee des „Wilden" in zivilisierten Gesellschaften in Europa wie in Asien   häufig mit Regellosigkeit, Unordnung und Gewalt assoziiert. Das chinesische Wort für Natur, zi-ran (im Japanischen shizen) bedeutet "selbst-so". Es ist ein eher blasses und allgemeines Wort. Das Wort für "wild" im Chinesischen, ye (japanisch ya), das ursprünglich "offenes Land" heißt, hat eine ganze Reihe von Bedeutungen: In verschiedenen Kombinationen wird es zu: "unzulässige Verbindung", "Wüstenlandschaft", "illegitimes Kind" („Offenes-Land-Kind"), "Prostituierte" („Offenes-Land-Blume") und ähnlichem mehr. In einer interessanten Variante bedeutet ye-man zi-yu ("Offenes-Land-Süd-Stamm-Personen-Freiheit") "Freiwild". In einem anderen Zusammenhang bedeutet „Offenes-Land-Geschichte" "Dichtung" und "frei erfundene Liebesromanze". Weitere Assoziationen gehen gewöhnlich mit "ländlich" oder "ungeschlacht" einher. Auch wird ye als "Natur im schlechtesten Sinn" verwendet. Obwohl die Chinesen und Japaner seit langem Lippenbekenntnisse für die Natur abgeben, sind es nur die frühen Daoisten, die wohl daran dachten, Weisheit könne von Wildheit kommen.

    Thoreau sagt: "Give me a wildness no civilization can endure." ("Gib mir Wildheit, die von keiner Zivilisation ertragen werden kann.")   So etwas ist nicht schwer zu finden. Es ist schwieriger, sich eine Zivilisation vorzustellen, die von Wildheit ertragen werden kann, und gerade dies müssen wir versuchen. Wildheit ist nicht bloß die „Bewahrung der Welt"   sie ist die Welt. Zivilisationen, östliche und westliche, waren lange auf Kollisionskurs mit der wilden Natur, und nun haben vor allem die entwickelten Nationen die geistlose Macht, nicht bloß einzelne Lebewesen, sondern ganze Arten, ganze Prozesse der Erde zu vernichten. Wir brauchen eine Zivilisation, die gänzlich und schöpferisch mit Wildheit zusammenlebt. Wenn wir im heutigen Amerika an Wildnis denken, denken wir an weit entfernte und womöglich eigens als Wildnis ausgewiesene Gebiete, bei denen es sich in der Regel um Hochgebirge, Wüsten oder Sumpfgebiete handelt. Vor nur ein paar Jahrhunderten, als faktisch alles in Nordamerika wild war, war Wildnis nichts außergewöhnlich Unzugängliches, Schweres. Gabelantilope und Bison zogen durchs offene Grasland, die Bäche flossen voller Lachse dahin, es gab Unmengen eßbarer Muscheln und Grizzlys und Pumas, und im Tiefland war das Dickhornschaf weit verbreitet. Es gab auch Menschen: Nordamerika war überall bevölkert. Man mag sagen: "Ja, aber sehr dünn ..."   was die Frage aufwirft, im Verhältnis wozu. Tatsache ist, daß die Menschen überall waren. Als der spanische Infanteriesoldat Álvar Núñez Cabeza de Vaca und seine beiden Gefährten (einer war Afrikaner) an der Küste von Texas   dort, wo heute Galveston liegt   Schiffbruch erlitten und sie zum Tal des Rio Grande wanderten, von dort weiter in südlicher Richtung nach Mexiko   es war zwischen 1528 und 1536 , campierten sie auf ihrer achtjährigen Wanderung nur wenige Male nicht bei einer Siedlung oder in der Nähe eines Lagers. Und immer gingen sie auf Wanderpfaden.

    In einer Kultur der Wildnis zu leben, war immer Teil der grundlegenden menschlichen Erfahrung. Seit einigen hunderttausend Jahren gibt es keine Wildnis ohne Anwesenheit von Menschen. Natur ist kein Ort, der besucht wird  sie ist Zuhause, Heimat, und in diesem Heimatgebiet gibt es vertrautere und weniger vertraute Orte. Häufig sind Gebiete schwierig und weit entfernt, aber alle sind bekannt und sogar benannt. Ich war einmal im August an einem Paß im Brooks Range im nördlichen Alaska im Quellgebiet des Koyukuk River, einem grünen, tausend Meter hohen Tundrapaß zwischen weiten Gebirgszügen, offen und sanft, die die vom Yukon in das arktische Meer fließenden Wasser teilen. Es war ein Ort, so abgelegen, wie er in Nordamerika nur sein kann, keine Straßen, und die Pfade sind die der wandernden Karibuherden. Dieser Paß ist vom Volk der Inupiaq aus den Gebieten des nördlichen Gebirgshangs und von den Athapaska aus dem Yukongebiet als reguläre Nord-Süd-Handelsroute benutzt worden, mindestens 7000 Jahre lang.

    Sämtliche Berge, Hügel und Seen Alaskas tragen einen Namen in einer der von den Ureinwohnern gesprochenen Sprachen, es gibt deren etwa ein Dutzend. Das haben die Untersuchungen von Jim Kari und anderen herausgefunden. Euroamerikanische Kartographen benennen solche Orte nach den Ausbeutern des Landes, die sich dort vorübergehend aufhielten, oder nach ihren Geliebten oder nach ihren Heimatorten im Lower 48 [alle Bundesstaaten der USA außer Alaska und Hawaii]. Der Punkt ist: In der Überlieferung der Ureinwohner ist alles bereits enthalten, das zeigen schon kleinste Spuren menschlicher Anwesenheit aus all diesen Zeiten. Die an den Ort gebundenen Geschichten, die diese Menschen erzählen, und ihre Namensgebung sind ihre Archäologie, ihre Architektur, und sie sind ihre Rechtstitel an dem Land. Sie schildern ein helles, leichtes Leben.

    Kulturen der Wildnis leben von den Lektionen der Subsistenzwirtschaft, die von Leben und Tod handeln. Aber was können wir heutzutage unter den Worten „wild" und „Natur" verstehen? Sprachen mäandern wie große Flüsse, und sie hinterlassen Spuren mäandernder Bögen und Schlingen in vergessenen Flußbetten, die man nur aus der Luft oder mit den Augen eines Wissenschaftlers erkennt. Sprache ist wie eine Familie von Arten, die untereinander unbegrenzt fruchtbaren Verkehr haben und die sich über die Zeiten ausbreiten oder auf geheimnisvolle Weise zurückgehen, die sich schamlos und endlos hybridisieren und dabei die eigenen Regeln ändern, wie es gerade paßt. Worte werden wie Zeichen benutzt, stellvertretend, willkürlich und provisorisch, genau so, wie Sprache die sich verschiebenden Werte der Menschen reflektiert (und informiert), in deren Geist sie wohnt, durch den sie hindurchgleitet. Wir glauben an „Bedeutung" ähnlich, wie wir an den amerikanischen Vielfraß glauben   indem wir Vertrauen in gelegentliche Berichte anderer setzen oder weil wir einmal mit eigenen Augen das Fell eines solchen Tiers gesehen haben. Aber manchmal lohnt es sich, solchem Schwindel auf die Schliche zu kommen.

    (...)

Mehr von:
Gary Snyder
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 82
Aus dem Englischen von Hanfried Blume

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Hauptthema
  • Kulturen der Wildnis

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