LI 082, Herbst 2008
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Die Kunst des Interviews

Verhör, Beichte, Psychoanalyse - Schleusen des Ungesagten öffnen

Das Wort „Interview“, wahrscheinlich aus Frankreich gebürtig, enthält schon den Kern dessen, was zum Thema zu sagen ist. Es bedeutet nichts anderes als: sich gegenseitig ansehen. Der Fragesteller sieht den Befragten an, der Befragte den Frager. Zwei Gleichgesinnte? Zwei Kontrahenten oder gar Feinde? Das hängt davon ab, was beabsichtigt ist. Allerdings soll hier weniger von der sachbezogenen Erkundung die Rede sein, die man zum Beispiel an Politiker oder Manager, Wirtschaftler oder Wissenschaftler heranträgt, als vielmehr vom Herausarbeiten der Persönlichkeit. (Natürlich gibt es da Mischformen.) Ich spreche vom Porträt, von der Charakterdarstellung, wie sie etwa ein Holbein oder ein Goya von ihren Modellen herstellten. Nur handelt es sich hier eben um die Begegnung zweier Menschen im Wort. Der eine ist, wenn Sie so wollen, der „Täter“, der andere das „Opfer“. Aufgabe des Täters ist, seinem Gegenüber möglichst wahre, auch überraschende, verräterische Auskünfte über sich zu entlocken. Anliegen des Opfers wird es zumeist sein, nur solche Geständnisse herzugeben, die es selbst an die Öffentlichkeit tragen möchte. Es findet hier also eine Art Wettkampf oder Wettbewerb statt, unter dem Deckmantel eines vorgetäuschten Spiels. Ein möglicherweise aufregendes, vielleicht auch gefährliches Spiel, ein Spiel am Abgrund manchmal. Das Interview als Herausforderung, als Provokation für beide Teile, darauf wird es im Idealfall hinauslaufen.

Ängstliche Interviewer – oder von ihren Auftraggebern dazu angehaltene – pflegen die Sache gern zu entschärfen, indem sie zusichern, es ginge hier bloß um eine leichte Plauderei, eine Konversation. Und begreifen nicht, daß das echte Interview, je treffender, schärfer und, nun ja, aggressiver es geführt wird, auch für den Betroffenen desto ansprechender sein mag. Weil er nämlich hoffen kann, bei seinem Befrager auf Verständnis zu stoßen für Dinge, die er selbst vielleicht noch nie ausformuliert hat, die er verdrängte oder auch sich längst vom Herzen reden wollte. Zumindest dabei die Chance bekommt, sich aufzuregen, was ja auch schon etwas ist. Der Interviewer ist dann nicht mehr bloß der Herausarbeiter seines Gegenübers, sondern sein Verhörer und Vernehmer, vielleicht sogar sein Beichtvater oder Psychoanalytiker. So läuft das manchmal, wenn auch nicht im Regelfall.

Welches sind also die Voraussetzungen, die der gute Interviewer mitzubringen hat? Abgesehen von der Informiertheit ist es vor allem ein möglichst reichhaltiges Repertoire, ein allgemeiner Erfahrungsschatz – zur Not auch aus Büchern zu erwerben – um Ehrgeiz, Eifersucht und Eitelkeit, um Gier und Genuß, um Sehnsucht, Sättigung und alle Regenbogenfarben menschlichen Instinkts (und menschlicher Idiotie) dazwischen.

Oder er muß dies zumindest vorspielen können … bis dahin, wo er dem Partner etwas Gleichwertiges anzubieten hat. Nur wer spürt, daß hier jemand auftaucht, der begreift, wie’s dir ums Herz ist, wird es dir auch ausschütten wollen. Natürlich leben wir alle aus verschiedenen Schubladen unserer selbst. Je tiefer und verborgener, desto schwerer aufzustoßen. Sich aber wenigstens an sie heranzutasten ist Aufgabe des Interviewers als Porträtisten.

Nur leider, man sieht ja nur, was man selber hat, heißt es. Auch der beschlagenste Fragesteller kann nur das herausholen, was er in sich selbst vorgebildet findet. Anderes bleibt ihm verschlossen. Und hat er noch nie von politischer Allmacht, sexueller Ausschweifung, mystischer Weisheit oder lebensgefährdenden Wagnissen geträumt, so sollte er lieber die Finger davon lassen. Weil er sonst unvermeidlich die stupidesten Fragen stellen wird, die ihm je einfielen, etwa: Wollten Sie schon als Kind Gewichtheber … Bundeskanzler … Masochist werden? Oder: Haben Sie noch Lebenspläne jetzt zum Ende Ihrer Karriere?

Und woher kommen andererseits die guten Fragen? Neugier wird uns gerne nachgesagt, auch wenn man sich ja nicht immer als besonders neugierig empfindet. Eher kommen schon verstecktere Dinge ins Spiel. Zum Beispiel der alte Kinderwunsch, hinter die Dinge zu schauen. Warum zerlegen und benagen wir denn sonst unsere Spielzeuge und sezieren stracks die teuren Bilderbücher, welche unsere Eltern mit so viel psychologischer Feinsinnigkeit für uns ausgesucht haben? Welche Mysterien stecken hinter der verschlossenen Zimmertür … hinter dem Spiegel … oder auf der anderen Seite des Mondes?

Also nicht bloß auf das Wissen und die Bereitwilligkeit des Befragten kommt es an, sondern immer wieder auf den Befrager selber. Ist er tatsächlich interessiert? Oder doch mehr darauf aus, sein Einfühlungsvermögen oder etwa seine Überlegenheit zu demonstrieren? Oder ist er gar ein versteckter Fabulierer? Also der Interviewer als Scriptwriter, der seine persönlichen Anliegen dem Partner suggeriert und in die Schuhe schiebt, als Fadenzieher seines eigenen inneren Marionettentheaters? All dieser Dinge bekennt sich der Autor fallweise für schuldig. Denn darauf läuft es eben am Ende hinaus: So präponderant die Rolle des Auskunftgebers – das Interview kann letztlich nur so gut sein wie der Fragesteller selber. Sie selbst sind es, der die Angel auswirft, den Lockruf – und manchmal den Balzruf – ausstößt. Sie und kein anderer, der sein Gegenüber aufschließt oder definitiv verschließt!

Wird dann, Gott behüte, im Gegenzug der Interviewer, wie das ja vorkommen mag, nach seinen eigenen Erfahrungen befragt, so läßt er auch schon mal, nach gegebener Auskunft, den Frager abziehen mit der kaum unterdrückten Verwünschung: „Dieser alte Dummkopf, der bringt’s auch nicht mehr!“ Ohne die leiseste Vorstellung davon, daß es die eigene Unzugänglichkeit – und Unzulänglichkeit – war, die sein Opfer zum Verstummen brachte. Oder war es andererseits, statt der genannten abschreckenden Überheblichkeit, eine allzu deutlich sichtbare Unterwürfigkeit beim Fragesteller, was genauso von Übel ist? Nur dem Ebenbürtigen gibt man ja, was er braucht. Und ist er’s nicht, so hat er’s eben vorzumachen, zu bluffen! Dabei allerdings dringend zu vermeiden jede Art von politischer oder ideologischer Diskussion! Meinungen hat jeder. Meinungen sind nicht das, worauf Sie aus sein dürfen. Auf diesem Level haben Sie nicht zu operieren, sondern auf einem tieferen, dem psychologischen, dem seelischen, bis hin zum metaphysischen.

(...)

Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 92

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  • Kunst und Technik des Interviews

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