LI 090, Herbst 2010
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Des Teufels Begräbnis

(Auszug/LI 90)
 
(...) Angekommen in der Menge, habe ich ersten Blickkontakt mit der K-1-Kommunardin Antje, die mich wie einen Beerdigungstouristen anschaut. Sie kennt mich aus den Siebzigern, als ich in Berlin ankam und eine Liaison mit Peter Lilienthal hatte. Lilienthal nahm mich mit auf die Beerdigung von Ulrike Meinhof, und ich sah zum ersten Mal Otto Schily live. 1976 stellte er mir in der Friedenauer Disko Roxy bei einem Chuck-Berry-Konzert Charly Wierzejewski vor, Hauptdarsteller in Roland Klicks Supermarkt, der als Ausreißer ins Baader-Umfeld geraten war und mit 16 verhaftet wurde, weil er einen Molotowcocktail aufs Amerika-Haus am Bahnhof Zoo geworfen hatte. Meine erste Berliner Freundin, Dschungel-Todora, erzählte mir von Holger Meins, mit dem sie vor mir etwas hatte. Todora sprach auch über Baader, der in der Disko Park am Ku’damm sowie in der Kreuzberger Meisengeige verkehrt haben soll, und sie war es, die mich mit Rio Reiser zusammenbrachte, mit dem ich Ende der Siebziger eine Schöneberger Ladenwohnung teilte. In Goa traf ich später die Gründer der umherschweifenden Haschrebellen, Hannibal und Bommi Baumann.
 
Bommi, Hanni und Charly grüße ich auf der Trauerfeier. Hannibal erzählt mir, wie „wir eigentlich alle von der Musik kamen, Amon Düül; wie wir als langhaarige Gammler vermöbelt wurden und wie wir uns dann wehrten. Haschischfuhren einschmuggelten, Diskos aufmischten und die Bullen provozierten, uns mit ihnen Straßenschlachten lieferten, mit Mollies und scharfen Waffen, und wie wir den Karl-Heinz Pawla in der Kommune wochenlang mit Spezialnahrung und Abführpillen trainierten, daß er auf die Sekunde genau sein großes Geschäft auf den Richtertisch verrichtete“.
 
In einer süßen THC-Wolke berichtet mir eine Hanfmuseumspädagogin von richtig geilem schwarzen Afghan, wie in alten Zeiten. Auf einer großen, fest gepreßten Haschischplatte habe sie Panzerspuren entdeckt. So preßten unsere Soldaten, so komme der schwarze Afghan heuer ins Land: via Militär, via Bundeswehr …
 
Plötzlich reicht mir eine Hand, hageres Gesicht, schnarrende Stimme – Kunzelmann? – einen Joint, ich ziehe zweimal. Mir wird schwindlig; an einem Kiefernstamm gehe ich in die Hocke und beobachte die Szenerie. Alles verschwimmt vor meinen Augen. Die Türen öffnen sich, heraus kommen die Geister der Achtundsechziger. Das Kreuzberger Nasenflötenorchester pfeift Ruby Tuesday von den Rolling Stones, „Macht kaputt, was euch kaputt macht“, flötet Ton-Steine-Scherben-Mann Lanrue. Sechs schwarz uniformierte Sargträger bringen Fritz Teufel heraus. Sonnenblumen bedecken den Sargdeckel. Ihr Gelb leuchtet mir in die Augen, als hätte ich einen Yellow Sunshine geworfen. Unglaubliches geschieht: Der Sargdeckel öffnet sich langsam, und es wird ganz still. Fritz Teufel im Eulenspiegelkostüm stellt sich im Sarg auf, wirft mit Konfetti, Bonbons und Flugblättern um sich und ruft: „Der Clown ist tot, es lebe der Clown! Fürchtet euch nicht! Denn wir lassen es krachen! Die Toten sollen leben! Ihr wollt einen utopischen Unsinn, ihr wollt eine ordentliche Hölle, ihr wollt ein paradiesisches Chaos – dann folgt mir, ich werde euch Unsinn vorspielen, um Sinn zu ernten! Ich bin eine menschliche Zwiebel mit vielen Häuten, ich möchte die Zukunft einläuten. Wir brauchen politischen Humor und humoristische Politik, erotische Wissenschaft und wissenschaftliche Erotik, liebevolle Sexualität und sexuelle Liebe. Leute, das heißt nicht, daß alle Probleme gelöst wären, wenn ihr den ganzen Tag vögelt! Die Vögel sagen wahrscheinlich ‘Menscheln’ dazu. Die Teufel vielleicht ‘Engeln’. Und die Engel ‘Teufeln’. Aber fürs Vögeln gilt dasselbe wie fürs Spaßmachen: Es passiert zuwenig, und es passiert mit zuwenig Verstand! Also backt kleine schmackhafte Brötchen, und arbeitet nicht zuviel! Wie sagte doch der alte Grieche: Drei Stunden am Tag zum Broterwerb, mehr verdirbt den Charakter. Und kämpft mit Humor, denn Humor macht den Schmerz erträglicher. Also nieder mit den Spielverderbern! Und keine Angst vor dem Spaß! Hoch leben die Kinder und die Narren!“
 
Der Teufel springt jetzt mit einem Satz aus seinem hellen Holzsarg, und die Leute jubeln, applaudieren. Musik! Jimi Hendrix gibt einen Riff zum besten, Hey Fritz, Bob Dylan singt seinen Titel He Was A Friend Of Mine … he never done no wrong. Manche weinen, andere fangen an zu tanzen. Strauss’ Kaiserwalzer erklingt in meinen Ohren, und schon eröffnen die ersten Paare den Ball im Brecht-Garten, der hinter einem Mäuerchen an den Dorotheenstädtischen Friedhof grenzt: Peggy Parnass, die neunundsiebzigjährig aus Hamburg anreist, mit Detlef Wittenberg; die Terroristin Petra Schelm und der Polizist Norbert Schmid, die ersten Todesopfer der Terrorzeit, tanzen den Kaiserwalzer Hand in Hand; Ulrike Meinhof, als Stadtindianerin verkleidet, reitet auf einem grunzenden Schwein in Bullenuniform vorbei, schießt wild in die Luft; das feuert die Paare auf dem Parkett an: Axel Cäsar Springer schwebt mit seiner Frau Friede durch den Garten; Rudi Dutschke etwas hölzern mit seinem Gretchen; Dieter Kunzelmann und Ina Siepmann tanzen Pogo; Adorno und Horkheimer tucken wie zwei zickende Tunten; Rainer Langhans gibt mit geschlossenen Augen den Eintänzer. Grünen-Mitbegründerin Eva Quistorp schwebt als Fee mit Strohhut durch die flirrende Luft und lacht und lacht.
 
Wo ist Fritz? Mein Kreislauf stabilisiert sich, die Tüte turnt jetzt richtig: Inzwischen trage ich mein rot-weißes Kirchengewand, das ich mit zwölf als weihrauchschwenkender Meßdiener neben dem Priester in der Johanniskirche zu Osnabrück trug, wo mein Vater mir im sonntäglichen Hochamt hochzufrieden zuschaute. Wie ein schwebender Geist mische ich mich unter die Menge; keiner nimmt Notiz von mir.
 
Dort, vorm Eingang zum Brecht-Keller, entdecke ich Fritz Teufel, wie er genüßlich auf seinem Sargdeckel thront; über ihm ein Wappen mit drei Symbolen: Holzschuh, Klodeckel und Fahrradreifen. Darüber der Spruch Ridendo dicere verunt. Am Sarg lehnt sein Radl. Hinter dem Sarg hängt ein vergilbtes Mao-Bild in der verrauchten Luft. Am Fußende des Sarges stapeln sich Apfelsinenkisten voller verstaubter Bücher von Marcuse, Adorno, Lukács, Horkheimer, Korsch, Fanon, Sartre, Braunthal, Reich und Freud. Da nähert sich eine Frau mit Säugling im Arm; er schreit. Fritz liebevoll: „Ruhig, ruhig, kleener Fritz, alles fließt in Strömen: die Zeit, Geld, Blut, die Cokackola, der Schweiß der Gerechten und die zornigen Tränen. Nun paß mal auf, mein lieber Fritz: Du bist zwar vor fünf Wochen erst geboritz, aber es kommen Dinge auf dich zu. Was ist der Sinn? Nun paß mal auf mein kleiner Fritz: Ick flüster’ dir jetzt was ins Ohr Ritz. Du lieber Gott, das arme Kind! Wer bremst die Oma, wenn sie spinnt? Wer löscht die Oma, wenn sie brennt? Vorüber ging der lange Traum der Schmerzen, Sophie ist ewig Priesterin der Herzen. Schlaf, Fritz, schlaf ein!“ Und siehe da, das Baby schläft ein. Daneben sehe ich den jungen Fritz im Pyjama auf Knien beten: „Lieber Gott, mach, daß ich niemals in die Hölle komm.“
 
Gerührt von dieser Szene, erscheint mir ein hübsches Mädchen in einem grünen Flauschpullover. Es nähert sich dem Teufel, setzt sich auf seinen Schoß und küßt ihn sanft. Mit einem Mal verfärbt sich ihr grüner Flauschpulli rot. „Ich heiße Sunnhild“, sagt sie, „ich liebe dich, und ich bin trotzdem traurig.“ „Sei nicht schwermütig“, besänftigt Teufel, „ich kenne eine Insel, die heißt Sky, wir gehen eine wunderschöne Straße entlang. Es blüht, summt und duftet überall.“ Sunnhild: „Nein, steh auf, wir müssen arbeiten!“ Teufels Miene verfinstert sich: „Arbeiten? Niemals!“
 
Ein paar alte Semester rempeln mich an. Wie Hotelpagen halten sie Schilder hoch mit Aufschriften wie „Arbeitskreis Psychologie“, „Arbeitskreis Marxismus“, „Arbeitskreis Entfremdung“. Aua, Axel Springer tritt mir auf den Fuß, „Sorry, Guido.“ Ob er mich wiedererkennt in meinem Meßdienergewand? 1976 hatte mich ja sein B.Z.-Chefredakteur Wilhelm Pannier eingestellt und nach der Probezeit wieder gefeuert. Springer und seine Frau Friede jumpen zum Teufel: „Mensch, Fritz, wo warst du denn so lange? Laß dir mal wieder was Originelles einfallen, wir brauchen immer Bombenschlagzeilen!“ Teufel versöhnlich: „Axel, Friede, Eierkuchen, ihr müßt euch eenen andren suchen.“ Axel: „Fritz, ich bitte dich!“ Teufel: „Na jut, wie wär’s mit einer klassischen Tortung?“ Axel: „Einer was?“ Fritz knallt ihm eine Käsetorte ins Gesicht. Ein Photograph läßt es ordentlich blitzen. Axel begeistert: „Super! Originell! Danke!“ Greift zum Handy, diktiert Schlagzeile an Bild. Aufgeregt flitzen Zeitungsverkäufer durch die Party: „Tortenattentat auf Springer!“
 
(...)

Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 138

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Hauptthema:
  • Beerdigung von Fritz Teufel

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