LI 082, Herbst 2008
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Olympischer Schwindel

Ränkespiele, Landnahme, Goldrausch. London macht sich fit für 2012

Der Londoner Osten wird gerade olympiareif gemacht. Keine vier Jahre mehr, und die Lichter gehen aus, die Spots für 17 Tage an. Ein unternehmerisches Ausstattungsstück, ein Vorhaben, dem wir jetzt schon alle tief verschuldet sind. Haggerston Park, E 2 (also in Londoner Postleitzahlen: innenstadtnah), ein bescheidener, umfriedeter Fleck. Eine Oase auf den Trümmern der im Krieg zerstörten Reihenhäuser und der britischen Gas-, Licht- und Kohlegesellschaft. Eröffnet 1958. Was für Furore im Park sorgte, ist nun Schnee von gestern und wirbelt in diesen veränderungsirren Zeiten mit paprikaroten Schotterpisten, Holzhindernissen für Trainingsrunden und beschichteten Kulturerbeplaketten schon lange keinen Staub mehr auf. Funkelnagelneuer Rasenteppich für klapprige Fußballfelder. Umkleidekabinen statt mittelalterlicher Duschräume, die Soapstar und EastEnders-Ikone Wendy Richard irgendwann mal lindenstraßig eröffnet hat. Schon in den Zwanzigern des 19. Jahrhunderts sind Gasgesellschaftsgelder veruntreut, Ratsmitglieder geschmiert und Wertpapierbücher gefälscht worden. In unseren aufgeklärteren Zeiten nun, da Amtsvergehen täglich Schlagzeilen machen und im Rampenlicht gefeiert werden, gewinnen lauschige, hinter hohen Mauern verborgene städtische Grünreservate Preise für visionäre Pflanzprojekte und wiederhergerichtete Gemeinderabatten. Unbemerkt nutzen Freiluftschläfer in dünnen Säcken die Steinterrasse des seit Jahren leerstehenden Parkcafés. Sie vergraben sich in ihre kläglichen, mit eingefallener Daune gestopften Penntüten: Spätaufsteher, für die es nicht lohnt, früher aufzustehen, während Bellofundamentalisten prothetische Schmeißgeräte zum Einsatz bringen und durchgeweichte, gelbgrüne Tennisbälle für ihre Apportierfiffis durch die Gegend schleudern. Nicht zu vergessen das unerschütterliche chinesische Ehegespann in seiner eigenen Version des Langen Marsches, im gummisohligen Lauffeuer immer um die vorhängeschlösserne Neuheit des makellosen Fußballfelds herum. Kunstrasen ist einfach echter als echt, jeder Halm einzeln angepinselt. Der nachgemachte Rasen funkelt im ewigen Geltungstau, im kapitalen Dauerfrost von Prestigeanlagen. Bei einigen Pennbrüdern hat nicht der Immobilienwahn oder ein Kriegstrauma den Wohnsitz auf dem Gewissen: Bauarbeiter, wahrscheinlich Polen, sparen das Geld für Unterkunft und hauen sich gleich da aufs Ohr, wo der Tsunami aus Spekulationskapital, mutwilliger Zerstörung und Lochbuddelei anlandet. Schnell hochgezogene Appartementkästen, Schlafsilos, umgebaute Lagerhallen an Trübwasserkanälen. Anstelle des alteingesessenen Kühlhausbetriebs steht nun eine Art Flugzeugträger, der in einem Sägewerk auf Grund gelaufen zu sein scheint. Adelaide Wharf „mit 147 Wohneinheiten [und Preisen bis zu über einer halben Million Euro] ist ein tolles Beispiel für die Verwirklichung von ehrgeizigen Zielen“, meint Stephen Oakes, Gebietsleiter für English Partnerships. Zentimeter um Zentimeter ist aus dem funktionstüchtigen Regent’s Canal zwischen Limehouse Basin und dem Tunnel bei Islington eine Laufmasche aus Glas geworden, die die Docklands mit den nördlichen Ausläufern der City of London verbindet. Fußballer mit den nötigen Rubeln kaufen für kleines Geld komplette Gebäude als Kapitalanlage auf. So wird jedenfalls gemunkelt. Die meisten dieser kunterbunten Wohnsilos mit zu heiß gewaschenen Balkonen sind dazu verdammt, halb leer vor sich hin zu dämmern. Der Anblick ist schwermütig verspielt: Ikea-Bettkästen aus Bankomatkarten und Zahnstochern zusammengetrickst. Stadtlandschaften im Bereich der akustischen Baulärmstapfen des Olympiaparks werden mit einer in London seit dem Beginn des Eisenbahnzeitalters nicht mehr gesehenen fieberhaften Kampf-gegen-die-Uhr-Ungeduld verwüstet. Jedwede Moral oder gar Gefühlsduseleien werden vom all-einigen Ziel, dem Big Peng der Startpistole, hinweggefegt.

Ein großer Teil des olympischen Ameisens, die Zwangsneurose des Bretternverschlagens und Auf-den-Kopfstellens wickelt sich in die Reklamespruchbänder der Bauzäune, die großen Töne der Sponsoren und ihre Beteuerungen einer rosigen, computeranimierten Zukunft ein. Die Whiston Road im Norden des Haggerston Parks einmal überquert, geht’s links hinein in die Laburnum Street. Hier wird eine Irrgartenraumstation, Typ Unheimliche Begegnung der dritten Art, von der Baufirma Mace Plus in Form einer Schule fabriziert: The Bridge Academy, eine Eruption aus Zündhölzern, Luftpolsterfolie und Terrakottakontrollpulten. Und auf dem Zaun, drumherum, ein Bildermeer genehmigter Sprühkunst, ein Hokusai-Comic, der von Fluten erzählt, die die bleistiftdünne Moschee und das verlassene Haggerston-Schwimmbad wegspülen. Nicht dumm: Knallige Bilder, schrill, aber linientreu, kommen der Aufmerksamkeit von echten Graffitirevoluzzern, Klassenkämpfern, militanten Tierschützern und Möchtegern-Banksys zuvor, die auf ihre Schlagzeile in den Wochenendzeitschriften hoffen. Man muß schon lange keine Mauerränder von verfallenen Tankstellen mehr besprühen, um galerietauglich zu werden. Jock McFadyen war jemand, dem man so etwas erst verklickern mußte. Depressiver Naturalist mit Atelier unweit der Bahnstation London Fields. „Das grinsende Krokodil auf deinem Rol-laden ist mehr wert als alles, was du in den letzten dreißig Jahren gemalt und in die Ecke gestellt hast.“ Seine Randzonenfundstücke hat er mittlerweile in einem Autohaus auf der Cambridge Heath Road ausgestellt: Graffiti in Öl, auf Leinwand gebanntes Sprühgut von den Mauern am Kanal und von verlassenen Autofriedhöfen entlang der ramponierten Umzäunung des Olympiaparks.

Wann wurde eigentlich aus dem Flirt der Bauunternehmer und der Regierung ein Bund fürs Eben, um London in eine Profitgrube zu verwandeln? Doktor Frankenstein mit Google-Earth-Programm und fernbedientem Laserskalpell. Anfang der Siebziger waren die Docks heruntergewirtschaftet. Containerisierung, unwirtschaftliche Arbeitsmethoden, „Enoch hat recht“-Märsche wütender und gleichzeitig um ihre Existenz bangender Arbeiter – Powells Ansichten werden heute noch gern wieder rausgekramt, wenn es um Einwanderungspolitik und Rassenkonflikte geht – und die Mühlen der Zeit, die auch die letzten Arbeitermythen kleinkriegten. In diesem Klima erwarb Maxwell Joseph – mittlerweile Chef des größten europäischen Vergnügungskonzerns, der Grand Metropolitan Hotels, die von Milch über Bier bis zu Hotels und Wettbüros Milliardenumsätze machen – die Truman-Brauerei in der Brick Lane. Das Brauhaus, die Ställe, Keller, die Böttcherei und die Kopfsteinpflasterhöfe waren im Verbund mit dem Spitalfields-Obst- und Gemüsemarkt und Nicholas Hawksmoors Christ Church Felsen in der Brandung der sich ausbreitenden City. Ein gütiger und väterlicher Arbeitgeber ging verloren. Mit ihm verschwanden der berauschende Hopfentrunk (Direktvertrieb!) und die wilden Gärten der umliegenden Straßen. Joseph verscheuerte das Gainsborough-Porträt des Braumeisters Sir Benjamin Truman, filetierte den Betrieb, stieß Unterbewertetes ab und kaufte den umliegenden Grundbesitz auf. Er witterte schon künftige Stadtentwicklungsgelder, die Manche-mögen’s-alt-Welle, marokkanische Internetcafés und die monströsen Körperwelten von Oberplastinator Gunther von Hagens. Der Schritt in den Londoner Osten, der Griff nach noch nicht katalogisiertem, noch nicht angezapftem Territorium war eingeläutet. Spitalfields Market mit all seinen Trittbrettfahrern, den Kleinhändlern, Kneipiers, Kleingärtnern, Prostituierten in der Grauzone der City, stromernden Trinkern an Mülltonnenfeuern wurde nach Norden verstoßen: Hackney Marshes. Dort ging erst mal alles ganz ordentlich weiter wie zuvor, bis die angrenzenden Fußballfelder als Stellfläche für Spritfresser von der Grünen Olympiade 2012 annektiert wurden. Johnnie Walker, Vorsitzender der Hackney-Leyton-Sonntagsfußballvereinigung, war außer sich: Trotz der vielen Versprechungen namenloser Verantwortlicher, daß die Bauarbeiten erst in vier Jahren beginnen würden, kamen die Bagger, schon bevor die Saison 2007 überhaupt angefangen hatte. Elf Fußballplätze, auf denen vom Leder ziehende Begeisterte hinter Bällen hergestochert hatten, waren verloren. Erfüllungsgehilfe ist die für Austragungsstätten und Infrastruktur verantwortliche Olympic Delivery Authority, kurz ODA. Anne Woollett von der Interessenge-meinschaft NutzerInnen der Hackney Marshes klagte, daß die ODA Teile der Ostmarsch konfisziert habe, um, ein Jahr vor dem eigentlichen Baubeginn, eine „riesige zwölfspurige Autobahn“ zu bauen. Die ODA gab zu, daß tatsächlich schon zwei Gräben gezogen worden seien, allerdings zum Zwecke „bodenfundlicher“ Untersuchungen: Tierknochen und Bierdosen seien photographiert und konserviert … wahrscheinlich samt den Trümmern der den deutschen Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg zum Opfer gefallenen Reihenhäuser, über deren Resten man die Fußballfelder angelegt hatte. „Kulturdenkmäler müssen geschützt werden.“

Viele dieser Kulturdenkmäler kann man in Heimatfilmen, die auf DVD erneut aufgelegt werden, wieder ausgraben. Der hohe Schornstein der Brick-Lane-Brauerei, eine bekannte Landmarke der Zeit, hebt in Carol Reeds Film Ausgestoßen von 1947 tadelnd seinen Finger. James Mason spielt den IRA-Kämpfer auf der Flucht in einer der ausgedehntesten Menschenjagden der Filmgeschichte. Mason wird durch die winkligen Gassen von Bethnal Green, südlich des Haggerston Parks, gehetzt, die die Kulisse für ein geradezu expressionistisches Belfast abgeben. Und zwanzig Jahre später, Masons Hollywood-Karriere ist in die Jahre gekommen, kehrt er nochmal ins Londoner East End der qualmigen Pubs, dunklen Schatten und Obdachlosenasyle zurück. 1962 schrieb Geoffrey Fletcher The London Nobody Knows, und 1967 diente es als Drehbuchvorlage für Masons dokumentarischen Spaziergang. Den Regenschirm rollend, Vokale verschluckend, schlafwandelt er durch einen Stadtteil, der den Orkus hinuntergestoßen worden ist, bemüht, mit Brennspiritussäufern und feueräugigen Sehleuten ins Gespräch zu kommen. In den Gainsborough-Filmstudios legte Mason den Grundstein seiner Karriere, fuchtelte mit der Pferdepeitsche in schaftstiefligen, tief ausgeschnittenen Kostümfilmen herum. Heute zeigt der Bau an der glitzernden Laufmasche des Regent’s Canals nieselnde Wasserspiele und eines dieser typischen Alfred-Hitchcock-Konterfeis (bloß groß muß es sein) in den Hauptrollen. Die Plumpheit dieser Vereinnahmung macht es nur zu deutlich klar: Geschichte wird gemacht, es geht voran … zurück bleibt: das geplünderte kulturelle Gedächtnis. Als der gehetzte Mason in Ausgestoßen von der zweiten tödlichen Kugel getroffen wird, sich am Tor stützend noch mal über den Schnee ins Scheinwerferlicht der Polizeiwagen schleppt, ist er genau hier: Haggerston Park, London, E 2.

(...)

Mehr von:
Iain Sinclair
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 54
Aus dem Englischen von Jürgen Ghebrezgiabiher
Hauptthema
  • Vernichtung traditioneller Stadtlandschaften durch die Olympiaplanung 2010

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