LI 084, Frühjahr 2009
Heftpreis: 11,00 € inkl. MwSt. 7%

Das Ende Russlands

Vom Rad der Geschichte - Eine Nation verspielt ihre letzte Chance

In den letzten Monaten wurden wir Zeugen einer Reihe von Aktionen der russischen Regierung, die auf den ersten Blick paradox erscheinen. Die wichtigsten waren:

– Erstmals seit dem Abzug der Sowjetarmee aus Afghanistan haben russische Streitkräfte einen „realen“ (nicht „Kalten“) Krieg außerhalb Rußlands (in Georgien) begonnen und zu Ende geführt;

– zum ersten Mal seit dem Zusammenbruch der UdSSR sind strategische Bomber und Kriegsschiffe der russischen Marine nach Lateinamerika entsandt worden;

– die Rückkehr zur Rhetorik des „Kalten Krieges“ hat einen Punkt erreicht, an dem sich der russische Außenminister im Gespräch mit seinem britischen Kollegen zu obszönen Flüchen
versteigt;

– in Sewastopol stationierte russische Kriegsschiffe kämpften im Schwarzen Meer gegen Georgien, obwohl der ukrainische Präsident ihren Einsatz ohne vorherige Information der Ukraine untersagt hatte;

– Premierminister Putin spielte die Karte der atomaren Erpressung gegen die Tschechische Republik und Polen aus, in der für ihn typischen, geheimdienstlich vieldeutigen und verrätselten Ausdrucksweise;

– vor dem Hintergrund der schreienden und weiter zunehmenden Diskrepanzen bei der Einkommensverteilung in Rußland wurde der Militärhaushalt um fast dreißig Prozent gesteigert;

– der russische Präsident begrüßte die Wahl des neuen US-Präsidenten mit dem Versprechen, zur Abschreckung der europäischen Verbündeten Amerikas Raketenbasen im Königsberger Gebiet zu stationieren.

Diese Dinge wirken paradox. Schließlich leben wir im Nuklearzeitalter. Dennoch können all diese Ereignisse, die so gar nicht ins Bild der Gegenwart passen wollen, auf unparadoxe Weise erklärt werden. Die Erklärung wird dann aber noch finsterer und alarmierender ausfallen als die „scheinbaren Paradoxa“ – die in Nebel gehüllte Realität. Betrachten wir offenen Auges, realistisch, rational und im historischen Kontext, was vor sich geht, dann bekommen wir das Gefühl, verrückt zu sein – oder jedenfalls auf dem besten Wege dahin. Sind wir aber dank des Vertrauens in unsere mentale Gesundheit fähig, diese so schrecklich und bizarr wirkenden Gedanken zu verwerfen, dann empfinden wir etwas nicht minder Furchtbares – nämlich eine große Leere ringsum.

Keine absolute Leere, natürlich. Hie und da, selten genug, stößt man noch auf Menschen, die die Dinge ähnlich sehen wie wir. Auf mich wirken diese Menschen wie Leuchtkäfer. Ich versuche, mich in der Finsternis von ihnen leiten zu lassen.

Aber sogar dann bleibt das Gefühl einer Leere. Denn dieses Gefühl hat mehr als einen Grund. Das Problem ist nicht allein die Regierung. Wäre das der Fall, dann könnte die Dunkelheit wenigstens teilweise durch ein Verstehen zerstreut werden – selbst die grausamsten Maßnahmen der Behörden lassen sich zumindest verstehen. Aber selbst wenn man das getan hat, läßt sich das Gefühl der Dunkelheit nicht zerstreuen, weil an nicht weiß, was man mit diesem Verstehen anfangen soll.

Denkt man die Dinge bis zu Ende, deutet man sie konsequent, dann läßt sich das Verhalten der Regierung nur als Entfremdung vom Volk interpretieren, als Maßnahmen einer Okkupationsregierung, einer „Goldenen Horde“, die sowohl illegitim als auch kriminell ist.

Selbst wenn man ganz sicher ist, selbst wenn die eigenen Ideen wohlbegründet und von den Tatsachen gestützt sind – wohin wendet man sich mit diesem Verstehen? Natürlich, sollte man meinen, nicht an die Regierung, sondern an das Volk.

Aber wendet man sich an das Volk, wird die Leere nur noch schlimmer. Denn auch sie, jene „Massen“, gegen die die grausamen Aktionen der Behörden gerichtet sind, atmen Leere. Diese „Massen“ lassen sich die Aktionen der Behörden nicht nur schweigend gefallen. Sie haben begonnen, sie enthusiastisch zu unterstützen, so wie in den dreißiger Jahren. Es macht die Sache nur schlimmer, daß es solche enthusiastischen Reaktionen der manipulierten und mißbrauchten Massen auch früher schon gegeben hat: vor und unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg. Damals standen sich das Volk und die Bolschewiken so nahe, daß bis heute nicht klar ist, wer wen unterstützt, wer wen geführt hat. Wir wissen nur ungefähr, welches Ergebnis dieses Zusammengehen, das auf Dauer todbringend für beide Seiten werden sollte, gezeitigt hat – das Jahr 1991.

Gleichzeitig wissen wir, daß das russische Volk den Staat nie als „Freund“ betrachtet hat und auf staatlichen Zwang stets mit Tricks, Listen und dem Umgehen der Vorschriften reagierte. Äußerlich gefügig, spielte man Unterwürfigkeit vor und ballte doch in der Tasche die Faust. Diese äußerlichen Anzeichen von Gefügigkeit und Gehorsam wurden (und werden) als Neigung zu großer Duldsamkeit interpretiert, und solches Verhalten kann, wenn man so will, als Volkes Unterstützung für die Regierung gedeutet werden. Gegenwärtig scheinen Putin und sein Präsident allgemeine Unterstützung zu genießen. Die in Rußland bis zum Überdruß wiederholte Losung lautet: „Volk und Regierung sind eins.“ Das bedeutet nur, daß beide noch keine Regierung und kein Volk im modernen, rationalen Sinne des Begriffes sind. Nicht nur die Regierung ist in dieser Hinsicht fragwürdig, auch das Volk. Beide haben noch nicht begonnen, eine aktive Rolle in ihrer eigenen Geschichte zu spielen. Das Volk ist weiter nur Masse, ist Menschenmaterial. Erst in den letzten 18 bis zwanzig Jahren hat die amorphe, atomisierte sowjetrussische Masse begonnen, sich zu strukturieren. Doch dabei entstand leider keine Zivilgesellschaft, sondern eher so etwas wie eine Reihe krimineller Clans. Man mag dieses Konzept anstößig finden und mir vorwerfen: Mit solchen Vorstellungen vom Volk wirst du nie einen Zugang zu ihm finden. Ich verstehe das. Darum sage ich ja, daß wir auch hier vor einer Leere stehen.

Viele Jahrhunderte lang hat unser Volk Leiden ertragen, die zu ertragen man, wie Karamsin sagte, einen „fiesen Charakter“ haben muß. Daher die Unehrlichkeit, die Betrügereien und die Doppelmoral. Doch Ende des 18. Jahrhunderts konnte Karamsin nicht wissen, daß die größten Leiden und moralisch verderblichsten Folgen noch bevorstanden.

Von Zeit zu Zeit begehren wir auf wider die unerträglichen Leiden und wider die Regierung. Einmal im Jahrhundert, mit Rasin, Pugatschow oder Lenin, feierten wir unsere „wilde Freiheit“. Dann steckten wir die geballte Faust in die Tasche zurück und fanden uns wieder in unserer gewöhnlichen, tierischen Existenz.

Manch einer betrachtete dieses Aufbegehren, im Spaß oder zynisch, als ein Erwachen. Doch unser Volk blieb und bleibt auch in seinem Leiden, seinen unüberlegten Aufständen und seiner wilden Wut nichts als eine Masse. Eine Menge, die Sympathie und stille Trauer verdient hat, eine Menge, die manchmal erschreckend und abstoßend wirkt. Deshalb haben nur Leute wie Lenin und Stalin, später Jelzin und Putin es vermocht, dieses Volk aus seinem Dauerzustand von Bewußtlosigkeit und latenter Rebellionsbereitschaft zu reißen und anzusprechen. Wer weiß, vielleicht wird schon in naher Zukunft jemand wie Schirinowski oder Limonow dazu in der Lage sein?

(...)

Mehr von:
Juri Afanassjew
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 26
Aus dem Russischen von Olaf Kühl

Genre

Hauptthema:
  • Der historische und kulturelle Niedergang Rußlands

Schlagworte

Heftpreis: 11,00 € inkl. MwSt. 7%
No Javascript