LI 085, Sommer 2009
Heftpreis: 11,00 € inkl. MwSt. 7%

Diebe in Gautam Nagar

Weltwirtschaft und Überlebenskünste in den Slums von Mumbai

GAUTAM Nagar ist eins von etwa dreißig Elendsvierteln in Mumbai. 90.000 Familien leben hier auf Land, das eigentlich der indischen Flughafenbehörde gehört. Bis zum internationalen Terminal sind es zehn Minuten zu Fuß. Drumherum stehen fünf der schicksten Hotels in Mumbai. Bis zu tausend Dollar blättert man für eine Nacht hin. Die Hotels sind von hohen Mauern und Stacheldraht umgeben, so daß von einer gegenseitigen Beeinflussung nur im atmosphärischen Sinne gesprochen werden kann. Hochzeits- und Poolpartymusik schwappt herüber. Asche von den Kuhfladen- und Holzfeuern zurück. Und Punkt 18.30 Uhr geht das Hyatt-Schild an, ein rot-weißes Leuchten, das nicht ganz herüberreicht bis zu den zwei schmutzigen Videospielkonsolen in der Wellblechhütte.

Der Tamile Anna, ein in die Jahre gekommener Bewohner von Gautam Nagar mit sehr kurzem Lendenschurz, hat die Spielothek letztes Jahr eröffnet, aber schon bald seine Mühen bereut. Mit der weltweiten Krise ließen seine Einnahmen nach, und nun war er wie je ein internationaler Geschäftsmann dabei, sein Unternehmen neu zu positionieren: Aus dem vorderen Teil des Spielsalons war eine Imbißbude geworden. Lebensmittelhygiene war bei Anna allerdings ein viel größeres Problem als im Hyatt gegenüber, da die Luft von Gautam Nagar mit dem Staub der benachbarten Betonfabrik gesättigt ist. Und so deckte er seine Pfannen mit dem InterContinental-Grandhotel-Schild ab, das er auf einem Müllhaufen gefunden hatte.

Sunil, ein dreizehnjähriger Junge, der am Flughafen arbeitete, machte sich Sorgen um die Zukunft des Spielsalons. Er unterstützte den Laden, so gut er konnte: eine Rupie jeden Abend für dreißig Minuten Metal Slug Three. In der Dämmerung des 22. Januar aber, als die Frauen von Mumbai zu Tausenden die Wellness-Center der Hotels aufsuchten, um nach Maniküre, Haarkur und Peeling bereit zu sein für die Premierennacht von Slumdog Millionär, war die Rendite für Sunils Unterhaltungsrupie besonders schmal. Sie machten ihn nach Strich und Faden fertig, und „sie“ waren nicht die Zombies und Riesenmutanten auf dem Bildschirm, sondern der kleine, zwölf Jahre alte Angeber da. „Du bist tot“, schrie Sunils Gegner, malträtierte den Joystick und ließ die virtuelle Stadt erbeben. „Kommt alle mal her und schaut euch das an!“ Sunil versuchte, seinen Metal-Slug-Mann in Position zu bringen, feuerte eine Raketengranate auf den verlassenen Panzer ab, der als Deckung diente, während immer mehr Jungen hereindrängten, um zuzuschauen, wie er verlor.

Er nahm das nicht persönlich. Annas Spielbude war immer gestopft voll mit Jungen. Ein Grund dafür war Anna selbst: Kahl am Kopf, bedeckte den Rest seines Körpers silberner Haarfilz. Das fanden die Kinder immer wieder witzig. Noch unwiderstehlicher waren allerdings die Spiele, die zwei Glühbirnen und die kurze Metallbank. Sunils Zuhause in einer der vielen matschigen Gassen hinter dem Spielsalon besaß weder Licht noch Wasser noch eine Sitzgelegenheit. Allabendlich wurde diese Gegend in einen Gestank gehüllt, der alles sonst in Gautam Nagar Stinkende übertraf. Die Leute krümmten sich, wenn sie neben der täglichen Lasterladung verfaulter Hotellebensmittel einatmen mußten, die vor Sunils Haustür abgeladen wurde und gut 300 ausgewilderte Hausschweine am Leben hielt. Sunil würde weit mehr als eine Rupie zahlen, um irgendwo anders Luft holen zu können.

Zwei ältere Burschen bearbeiteten die andere Spielkonsole. Zwei, die wußten, wo’s langgeht, mit rostigen Patronenhülsen in den Ohrlöchern. Eine Mode, die Entzündungen hervorrief, aber alle glaubten, daß das ungeheuer amerikanisch sei.

„Da mußt du dir schon was anderes einfallen lassen, um mich kaltzumachen.“

„Nimm die Rakete mit rein!“

„Nein, nein – dann werfen sie die Bombe.“

„Bomben? Ich hab’ keine Bomben mehr …“

„Verloren. Verloren.“

Die Klugscheißer waren nicht so laut wie der Angeber, aber sie hatten sich während des Spiels die Bank unter den Nagel gerissen. Sunil richtete sich auf, um sie zurückzuzerren, schon aus Prinzip. Das brachte ihm einen weiteren Schlag ins Punktekontor bei, aber er war auch schon nicht mehr mit vollem Einsatz bei der Sache. Das hatte weniger mit den Klugscheißern oder dem Angeber zu tun. Sein Verhältnis zu Metal Slug Three hatte sich verändert. Die Auswirkungen der Krise der amerikanischen Wirtschaft hatten ihm seine Arbeit genommen, eine Arbeit, die er gern gemacht hatte – Müll sammeln und an Recycler weiterverkaufen –, und ihn in Arbeit getrieben, die er nicht leiden konnte: Metalldieb am internationalen Flughafen. Und dort stand er täglich echten Gefahren gegenüber, ohne Waffen oder Rüstung. Das hatte dem Rausch der gespielten Gefahren auf dem Videobildschirm einen Dämpfer verpaßt. Er bedauerte, seine Rupie für Metal Slug Three ausgegeben zu haben, als die beiden Buben, die seinen Platz auf der Metallbank eingenommen hatten, Bomberman wählten. Die Bombermänner hatten runde Köpfe, sahen aus wie Spielzeuge, und Zirkusmusik erklang, wenn man in die Luft flog.

Inder von Welt lieben es, die indische Finanzmetropole Mumbai als ihr New York zu bezeichnen. Die Stadtteile um den Flughafen herum wären dann Mumbais Queens, nur daß Gautam Nagar Queens in Sachen Glamour völlig in den Schatten stellt. Um die Hotels herum schießen ganze Gruppen glatter, glänzender Bürohäuser aus dem Boden. Eines wurde sogar auf den Namen „More“ getauft. Der achtjährige Sohn eines Müllsammlers, den eine Lungenentzündung dahingerafft hatte, nachdem die Slums wieder einmal dem Erdboden gleichgemacht worden waren, gab Gautam Nagar seinen Namen. Zirka tausend Menschen leben hier, außerdem 17 Wasserbüffel, Ziegen, Hunde, Schweine und zwei Schimmel mit Streifen, damit sie wie Zebras aussehen – das Werk eines einst gefürchteten Slumlords, der irgendwann überschnappte. Die Haupteinnahmequelle ist das Sammeln von Flughafenmüll fürs Recycling. Die Trostlosigkeit dieser Arbeit wurde in den letzten fünf Jahren durch die erweiterten globalen Märkte und Indiens stark ansteigendes Bruttoinlandsprodukt ein wenig gemildert. Es gab immer genug Wasserflaschen, Ohrhörer, Diätcoladosen, gebrauchte Tampon-einführhilfen, Batterien und Ausgaben der indischen Vogue, um die Mehrheit der Familien über die Armutsgrenze der Weltbank zu heben, die sich gegenwärtig auf 22 Rupien am Tag in Indiens Städten beläuft.

Ein Job in den umliegenden Hotels hätte die Menschen von Gautam Nagar in diesem Sinne noch viel weiter gebracht, aber das Management wollte nur Leute einstellen, die auch Englisch sprachen. Hindi, Marathi, Tamil, Nepali oder eine der anderen sechs bis acht Sprachen, die in den Flughafenslums gesprochen werden, waren nicht gefragt. Ein offenes Geheimnis war auch, daß die Geschäftsleitung hellhäutiges Personal bevorzugte; viele Bewohner von Gautam Nagar sind jedoch dunkel vom Arbeiten in der Sonne. Nichtsdestotrotz hatte das Müllsammeln im Laufe der Zeit die Planen auf den Dächern der Elendshütten in Blech verwandelt, unter dem einige Familien die Fußböden sogar gefliest hatten. Doch im Herbst vergangenen Jahres, als das Kreditwesen weltweit erlahmte, stockten die Bauprojekte, die Nachfrage für Recyclingmaterial sackte ab, und die Verbindung zu den globalen Märkten ließ Gautam Nagar wieder an Boden verlieren.

(...)

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Katherine Boo
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 48
Aus dem Englischen von Jürgen Ghebrezgiabiher

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