LI 074, Herbst 2006
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Mao im Himalaya

Der lange Marsch nach Manma - zu Fuß durch Nepals ärmste Provinzen

ES gab zwei Pässe, die wir hätten überqueren können, um in den Distrikt Kalikot zu gelangen, aber der eine - die kürzere Route - führte an Manma, der Hauptstadt des Distrikts, vorbei. Manma, eine der unzugänglicheren Distrikthauptstädte des Königreichs Nepal, war nicht einmal über eine Straße erreichbar. Aber genau dort wollten wir hin.

Chitra Bahadur hörte das nicht gern. „Müssen Sie wirklich nach Manma?" fragte er immer wieder.

Wir antworteten jedesmal, ja, unbedingt.

Dann sagte er: „Aber der Weg nach Manma führt auf und ab und auf und ab. Die andere Route ist die schnellere."

Aber führt der kürzere Weg durch Manma?"

Müssen Sie denn wirklich nach Manma?"

Ja, wir müssen nach Manma."

Er knirschte mit den Zähnen. „Was soll ich dann noch sagen?"

Wir verbrachten die Nacht im Dorf Dandibandi und machten reichlich Gebrauch von Seife, Zahnpasta, Handcreme, Gesichtscreme und Lippenbalsam - dem ganzen Komfort, den wir in der Nacht zuvor entbehrt hatten. Das Haus, in dem wir übernachteten, hatte das kleinste Außenklo der Welt: Ich mußte fast kriechen, um überhaupt hineinzukommen, und selbst dann noch stieß ich mit dem Kopf gegen die Decke, an der, wie ich entsetzt feststellen mußte, eine riesige Spinne hing.

In dieser Nacht waren wir zu müde, um uns zu unterhalten. Doch am nächsten Morgen fragten wir einen Mann, der in der Lodge einen Tee trank, ob hier tatsächlich zwei Frauen von den staatlichen Sicherheitskräften umgebracht worden seien.

Er nickte. Eine von ihnen war Lehrerin an einer hiesigen Schule gewesen, die andere eine Schülerin, sagte er. „Ihre Namen waren Laxmi Shahi und Laxmi Rizal."

Ein Mädchen im Teenageralter, das in der Nähe saß, mischte sich in das Gespräch ein und erzählte, daß die beiden Laxmis hier festgenommen und zwei Wochen lang in der Garnison von Dailekh Bazaar festgehalten worden seien. Dann seien sie zu den unmittelbar vor dem Dorf liegenden Feldern gebracht und erschossen worden. „Ich habe die Schüsse selbst gehört", sagte sie. „Ich habe die Armee gesehen. Es waren viele Soldaten und nur die beiden. Sie gingen an den Feldern vorbei. Und da habe ich die Schüsse gehört. Andere Leute im Dorf haben auch gesehen, wie sie erschossen wurden."

Nach einer Pause fügte sie leise hinzu: „Sie waren keine Maoistinnen."

Es wäre auch dann nicht legal, wenn sie welche gewesen wären", entgegnete ich.

Sie waren genauso wie wir alle", sagte sie.

Als wir das Dorf verließen, hatten wir keine Illusionen mehr: Wir wußten, daß wir, sobald wir das Gebiet von Kalikot betraten, mehr solcher Greuelgeschichten hören würden. Es gab nur vier Distrikte, die stärker vom Aufstand betroffen waren als Kalikot. Den Statistiken des INSEC (Informal Sector Services Centre) zufolge waren während des Ausnahmezustands in ganz Nepal 3 681 Menschen ums Leben gekommen. Im Distrikt Dailekh waren es 34 gewesen, in Kalikot dagegen 147. Es kursierten zahlreiche Berichte über andere Gewalttaten wie Verschwindenlassen, Vergewaltigungen, illegale Festnahmen und Folterungen.

Aufschlußreich ist, daß nur fünf der 147 Morde hier von Maoisten begangen wurden. Bei allen 142 Personen, die von den staatlichen Sicherheitskräften umgebracht wurden, handelte es sich angeblich um Maoisten, die im Laufe von Kampfhandlungen das Leben verloren. Laut amnesty international und anderen Menschenrechtsorganisationen waren fast die Hälfte der von den Sicherheitskräften Getöteten keine maoistischen Kombattanten, sondern unbewaffnete Maoisten oder unschuldige Zivilisten.

Von Dandibandi schlängelte sich der Pfad an einem Grat entlang hinauf zu einem Dorf mit nur einer einzigen Straße. Malcolm ging voraus, mit Windschutzsonnenbrille und einem CD-Player, der ihn noch auffallender machte, als er so schon war. Ein Mann brüllte ihm aus einer Teestube heraus zu: „Hello, Namaste, Laal Salaam!" Da Malcolm nichts hören konnte, stapfte er an ihm vorbei.

Beunruhigt rannte ich nach vorn und holte Malcolm zum Teeladen zurück.

Der Mann begrüßte uns mit erhobener Faust: „Laal Salaam!" Der rote Gruß. Er war, wie er sagte, area committee member D. P. Rizal. Er fragte in einer besitzerstolzen, ziemlich arroganten Art, warum wir hier seien, und nickte bei den Worten „Menschenrechte" und „Schreiben".

Wir fanden ihn auf Anhieb unsympathisch, aber da wir Angst hatten, einen Maoisten zu vergrätzen, setzten wir uns auf ein Glas Tee zu ihm, und er hielt uns eine lange, mit Parolen durchsetzte Rede über den Kampf seiner Partei gegen halbfeudale, halbkapitalistische, im Dienst des Auslands stehende bourgeoise Einkommensjäger, ausländische Imperialisten, Spitzel und Kapitalistenknechte. Und so ging es immer weiter. Wir waren beide mit der maoistischen Rhetorik vertraut - die Website der CPN (Maoist) [ein 1995 aus der CPN (Unity Centre) hervorgegangener Zweig der Communist Party of Nepal] war schließlich voll davon -, und nur weil sie in einem Dorf angewandt wurde, klang sie kein bißchen weniger vorgestanzt und formelhaft. D. P. Rizal hatte seinen Text gut gelernt.

Um das Thema zu wechseln, bat ich ihn, uns zu erklären, wie seine Partei die Grenzen der districts, der village development committees und der wards, die vom nepalesischen Staat festgelegt worden waren, neu definiert habe. Erfreut lieferte er uns folgende Erklärung:

Die CPN (Maoist) hatte den Distrikt Dailekh in zwölf areas aufgegliedert, von denen jede von einem area committee regiert wurde, an dessen Spitze je ein area secretary und ein area commander standen. Die zwölf areas waren weiter aufgeteilt worden in village people's committees, die ihrerseits in wards unterteilt wurden. Die kleinsten politischen Einheiten waren die cells, die auch noch den letzten Winkel erfaßten. Keine dieser Grenzen entsprach den staatlichen. So lagen Teile der Gebiete, die für die Regierung zu anderen Distrikten gehörten, nun also gemäß den von der CPN (Maoist) festgelegten Grenzen im Distrikt Dailekh.

Nachdem er uns dies erklärt hatte, fing D. P. Rizal wieder an, gegen die im Dienste des Auslands stehenden bourgeoisen Einkommensjäger, die ausländischen Imperialisten, die Spitzel und Spione und Kapitalistenknechte zu wettern.

Wir müssen los", sagte ich und stand auf.

Er schaute enttäuscht. „Wollen Sie nichts über die Leute wissen, die die Armee hier umgebracht hat?"

Eigentlich möchten wir mehr Zeit in Kalikot verbringen."

Ja, Kalikot hat stark gelitten." Er nickte und hob eine Faust: „Laal Salaam!"

Verlegen sagte ich: „Namaste."

Malcolm, der die Nase ziemlich voll von ihm hatte, schnaubte: „Keep it real, man!"

Chitra Bahadur war sichtlich bekümmert, weil wir auf unserem Weg so vielen Maoisten begegneten. Während wir weitergingen, fragte er mich: „Ist das auch ein Maoist gewesen? Was hat er gewollt?"

Gibt es in Ihrem Dorf denn keine Maoisten?" fragte ich zurück.

Er sagte, nein. Sein Dorf, Guranse, das hoch in der Lichtung eines Rhododendrenwaldes gelegen und oft in Nebel gehüllt war, bestand aus ungefähr zwanzig Häusern, in denen Sunwar-Familien lebten. Wir waren am ersten Tag unserer Reise dort durchgekommen. Ein paar Leute aus diesem Dorf waren weggegangen, um in anderen Teilen des Distrikts für die Maoisten zu arbeiten, aber der Ort selbst war tatsächlich maoistenfrei.

Mir fiel ein, daß sich Chitra Bahadur vielleicht Sorgen machen und meinen könnte, wir seien selbst Maoisten. Deshalb erklärte ich ihm Malcolms Interesse für die Menschenrechte und mein Interesse als Schriftstellerin. Er hörte aufmerksam zu, gab aber keine Antwort.

Bald fielen er, sein Sohn im Lausbubenalter und sein Onkel hinter uns zurück. Wir hatten eigentlich beabsichtigt, mit ihnen zusammen zu gehen, aber von ihren Lasten niedergedrückt, konnten sie nicht mit uns Schritt halten. Und wir waren zu ungeduldig, um auf sie zu warten. Während der Weg immer steiler wurde, kamen Malcolm und ich an mehreren kleinen, von der Sonne ausgedörrten Siedlungen vorbei, deren Bewohner sich sofort um uns scharten, uns ungeniert anglotzten und fragten, woher wir kämen und aus welchem Grund.

Wir machten Rast in dem Dorf Ghumnekhali, ganz oben auf dem Bergkamm, wo ein kleiner Lümmel namens Bharat einen Hahn so lange im Kreis herumhetzte, bis er ihn, eine Orgie von Flügelschlagen und Gekreische auslösend, erwischt hatte. Die Frau, die die Lodge führte, hieb dem Vogel den Kopf ab, warf ihn in kochendes Wasser, rupfte ihn, nahm ihn aus, hackte ihn in Stücke und rieb die Teile mit Curry ein. Wir aßen das Fleisch zusammen mit unglaublichen Mengen Reis.

(...)

Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 102
Aus dem Englischen von Sylvia Höfer

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