LI 081, Sommer 2008
Heftpreis: 15,00 € inkl. MwSt. 7%

Unser Fragiler Planet

Vor einigen Jahren schrieb ich ein kurzes Buch. Ich gab ihm den Titel Our Last Century …?. Mein britischer Verlag löschte das Fragezeichen. Der deutsche Verlag wünschte einen Titel, der noch schauriger klingt: Unsere letzte Stunde. Es ging um das ernste Thema, daß das prometheische Potential von Wissenschaft und Technologie uns unendliche Chancen eröffnen wird, uns aber zugleich mit noch mehr Bedrohungen und ethischen Dilemmata konfrontieren wird, als es die Atomwaffen taten.

Wir stehen am Beginn eines Erdzeitalters, in dem unsere Spezies zum ersten Mal in der Lage ist, die Zukunft der Erde zu gefährden; manche sprechen deshalb von einem „Anthropozän“. In der bisherigen Geschichte gingen die Gefahren?– Krankheit, Erdbeben, Überschwemmungen und dergleichen – von der Natur aus. Aber jetzt gehen sie von uns aus.

Meine Vermutung war, daß wir, wenn wir alle Risiken berücksichtigen, eine Chance von 50?Prozent haben, das Jahr 2100 ohne einen katastrophalen Rückschlag zu erreichen. Das war in meinen Augen eine deprimierende Schlußfolgerung. Ich war erstaunt, daß viele meiner Kollegen eine Katastrophe für noch wahrscheinlicher hielten als ich und mich als einen Optimisten betrachteten.

Es gibt gute Gründe, ein „Techno-Optimist“ zu sein. Für die meisten Menschen in den meisten Ländern gilt, daß es noch nie bessere Lebensbedingungen gab als heute. Die Innovationen, die den wirtschaftlichen Fortschritt vorantreiben werden?– Informationstechnologie, Bio- und Nanotechnologie –, können den Entwicklungs- wie den entwickelten Ländern einen mächtigen Auftrieb geben. Wir sind zunehmend eingebettet in einen Cyberspace, der jeden überall mit allen Informationen und Kulturen der Welt verbinden kann – und mit jedem anderen Menschen auf der Erde. Die Zahl der Menschen, die sich in Wissenschaft und Kunst schöpferisch betätigen können, ist gewaltig gestiegen. Die Technologien des 21.?Jahrhunderts werden umweltfreundliche Lebensweisen ermöglichen, die weit weniger Energie und Ressourcen verschlingen als das, was wir heute als ein gutes Leben betrachten. Und wenn der politische Wille vorhanden wäre, könnten wir die Mittel erhöhen, um die zwei Milliarden Menschen, die am stärksten benachteiligt sind, von ihrer extremen Armut zu befreien.

Im Laufe dieses Jahrhunderts könnten Medikamente, die das Denkvermögen steigern, genetische Eingriffe und „Cyborg“-Verfahren den Menschen selbst verändern. Das ist etwas qualitativ Neues in der Menschheitsgeschichte – und es wird uns vor neue ethische Fragen stellen. Es könnte hier auf der Erde und vielleicht auch an anderen Orten möglich werden, unsere Spezies zu verändern und zu diversifizieren – und das nicht in den Millionen von Jahren einer Darwinschen Selektion, sondern in wenigen Jahrhunderten. Dies ist für einen Wissenschaftler eine faszinierende Zeit.

Einige technische Fortschritte könnten jedoch eine Kehrseite haben. Seit je gingen mit den Lösungen, die die Wissenschaft bot, neue Gefahren einher. Ich beginne mit einer Rückblende ins 20. Jahrhundert, als die Kernphysik zur Atombombe führte. Vergessen wir nicht, wie ernst diese Bedrohung war.
(...)

Mehr von:
Martin Rees
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 229
Aus dem Englischen von Friedrich Griese

Genre

Hauptthema
  • Erdgeschichte
  • Verantwortung der Wissenschaftler

Schlagworte

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