LI 088, Frühjahr 2010
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Weltbasar am Bosporus

Molekularer Kapitalismus und das Netzwerk der Völkerschaften

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Istanbul erfüllt immerhin ein für die global city wesentliches Kriterium: Es dient als Sammelbecken, wobei dieses Wort noch zu schwach ist. Langsam haben die Nachbarvölker, die von den Stürmen der Zeitgeschichte in Bewegung gesetzt wurden, sich unauffällig wie trockenes Laub in seinem Zentrum und in seiner Peripherie eingefunden. Wenn Istanbul ungefähr 12 Millionen Einwohner hat (vielleicht 15 – die Megastadt beruht auf einem Unsicherheitsfaktor, einer demographischen Spannung, und wenn die Zählung der erste Akt ist, um etwas zu beherrschen, so bewegt sich die Herrschaft in einem unsicheren politischen Bereich, wenn nicht alle gezählt werden), rechnet man dort außerdem mit ebenso vielen Durchreisenden, annähernd 14 Millionen Personen.3 Man kann es sich nicht erlauben, sie pauschal als „Touristen“ zu bezeichnen, so vielfältig sind die Gründe ihres vorübergehenden Aufenthalts: Dazu gehören Pilger, denn Istanbul ist wegen der Reliquien des Propheten, die es besitzt, eine heilige Stadt des Islam. Ich erinnere mich an Frauen aus Katar, die nicht den Hidschab, sondern eine Ledermaske vor dem Gesicht trugen und die man während der achtziger Jahre in Zehnergruppen zum Topkapýpalast kommen sah – sie stiegen aus schwarzen Limousinen, und die Frauen waren von den Rauchglasfenstern ihres Fahrzeugs sowie von den Gesichtsmasken verborgen, die jenen der Commedia dell’arte ähnelten. Überdies kamen – wirklich echte – „Touristen“. Sie waren durch ihre Kleidung globalisiert, die sie alle in demselben Sportartikelkaufhaus mit dem Slogan „Himmlisch fit – ich tu’s für mich“ erworben hatten, und sie trugen das gleiche Reisehandbuch unterm Arm, in der Hauptsache Europäer, die zwischen Erstaunen und Enttäuschung schwankten und oft verblüfft entdeckten, daß diese Stadt nicht nur ein Ruinenfeld auf einem Basar, sondern auch eine kosmopolitische Metropole ist. Schließlich die sogenannten tschelnoki („Pendelhändler“), die man anderswo „Einkaufstaschen“ nennt, weil sie alle die gleiche große chinesische Plastiktüte mit Flechtmuster tragen; sie heißen „Ameisen“ oder trabendos („Schwarzhändler“), wenn sie aus Algerien kommen. Es sind Straßenhändler unterschiedlichen Formats, die kommen, um Handel zu treiben. Außerdem treffen Transithändler und Flüchtlinge ein, die an den Kais von Eminönü nach einer Weiterfahrt Richtung Europa suchen.

Um die hundert Nationalitäten sind aus all diesen Gründen in Istanbul vertreten, wobei die meisten aus der Nachbarschaft stammen, wenn man diesen Namen einem Raum geben darf, der von der Kabylei über den Ural bis zu den Küsten Chinas reicht, einschließlich der zahlreichen Staaten, die aus dem Zerfall des Sowjetreichs hervorgegangen sind. Eine Wegbereiterin des algerischen Handels in Istanbul erklärte mir, daß sie die Erinnerung an die türkische Sprache bewahrt habe, die man in der Familie sprach, in jenem Bürgertum von Constantine, das eine der wenigen „osmanisierten“ Städte Algeriens war, und daß diese imaginäre Vertrautheit wie das Gesicht eines schnurrbärtigen Großvaters, dessen imaginäre „Cousins“ sie in den Straßen von Laleli wiederentdeckte, dazu beigetragen habe, ihr den nötigen Wagemut einzugeben, nach Istanbul zurückzukehren. Hier findet man die Bruchstücke eines ehemaligen Reiches versammelt, darin läßt es sich mit London vergleichen – abgesehen von der Staatsbürgerschaft, die die Zugehörigkeit zum Commonwealth verleiht.

Die städtischen Pendler von Istanbul sind bei weitem keine Staatsbürger. Denjenigen, die dieser Kosmopolitismus als Beweis für eine hochentwickelte Kultur begeistern würde, muß man sagen, daß sich viele Pendler verstecken und vor Angst zittern bei dem Gedanken, daß sie einem Polizeikommando begegnen könnten. Sie treiben Handel, indem sie kurze Abstecher in die Stadt machen, als wollten sie Razzias unternehmen. Sie leben in heruntergekommenen Hotels oder verrotteten Zimmern, in denen sie abwechselnd schlafen. Ich habe Dutzende dieser scheinbar modernen und ordentlichen Hotels besucht, zu denen jedoch schmutzige Hinterhöfe und nicht allzu saubere Zimmer gehörten. Ich erinnere mich an eines von ihnen, das an der Ordu Caddesi lag und beinahe ausschließlich für Tadschiken bestimmt war, die nach Istanbul kamen, um die Erzeugnisse ihrer Konfektionswerkstätten zu verkaufen. Die Zimmer waren winzig und gingen nach einem Innenhof, wie es der Bauweise der traditionellen funduks entspricht. Dutzende von Kleidern waren an der Decke aufgehängt oder an den Wänden angehakt, und Wäschehaufen lagen auf den Betten, während die Familien, die das Zimmer bewohnten, ihr Essen auf Spirituskochern zubereiteten, direkt unter den Kleidern, die alle Küchengerüche aufnahmen. Die Tadschiken schwärmen für Würste. Der Geruch ihrer Kleider ließ sich danach auf den Bürgersteigen und an den Verkaufsständen von Laleli nachverfolgen und kennzeichnete sie besser als ein Fingerabdruck.

Die „Pioniere“ waren Afghanen während jenes Krieges, den das Sowjetreich gegen sie führte, beinahe gleichzeitig mit von den Mullahs vertriebenen Iranern, und seit den achtziger Jahren kamen Polen und Rumänen als Kundschafter. Ihnen zum Trotz ruhte Istanbul zu Anfang der achtziger Jahre noch im Dornröschenschlaf. Die europäischen Touristen konnten sich noch für den die Exotik kultivierenden Schriftsteller Pierre Loti halten und sich der Illusion hingeben, Pompeji zu entdecken. Die große Massenbewegung hat Anfang der neunziger Jahre begonnen. Die Menschenwogen, die wie Brandungswellen hereingebrochen sind, kamen zuerst aus Rußland und der Ukraine, im Schiff aus Odessa, im Bus, wobei sie den Freibeutern trotzten, die bei der Durchquerung von Moldawien als Erpresser auftraten, und es trafen so viele in Charterflugzeugen ein, daß man einen neuen Flughafen bauen mußte, um sie zu empfangen. Danach kamen Polen, Rumänen, Moldawier. Vor allem Rumäninnen und Moldawierinnen, von denen manche als Ladenverkäuferinnen begannen, um eine Kundschaft auf Russisch zu bedienen, der es nicht im Traum einfiel, irgendeine Sprache zu erlernen, und noch weniger, sich mit der Ethik des Basarhandels vertraut zu machen. Sie würden wieder abfahren, wenn sie, Koffer für Koffer, in einem Zyklus primitiver Akkumulation etwas erzielt und Schubkarren voller Lire angehäuft hatten, in einer Zeit, da man ein Bündel Banknoten benötigte, um eine Streichholzschachtel zu kaufen.

Mitte der nuller Jahre kamen die Tadschiken, Turkmenen, Kasachen und Usbeken. Sie hatten Busse mit den Erzeug-nissen ihres überragenden Kunsthandwerks, mit Teppichen und Stoffen gefüllt, als hätten sie sich Zeit gelassen, zu produzieren und zusammenzutragen, bevor sie eintrafen und verkauften. Dabei wurden sie allerdings von weitläufigen Verwandten in Unruhe versetzt, Pionieren, die sich in den Basarwinkeln bereits unauffällig niedergelassen hatten. Dort schienen sie auf die Neuankömmlinge zu warten, während sie Erzeugnisse jenes indischen oder pakistanischen Kunsthandwerks verkauften, das den Touristen so gut gefiel. Denn auch das ist eine Regel der kosmopolitischen Stadt: Es gibt keine Urzeugung von Pendlern, sondern nur eine sehr lange Kette von Wechselbeziehungen, die sich zuweilen im Verlauf von Jahrhunderten entwickeln. Zu welchem Zeitpunkt haben sich die Usbeken auf dem großen Basar festgesetzt? Dann kamen Iraker, als der Krieg zwischen dem Iran und dem Irak begann, hierauf folgten wieder Iraner und andere Afghanen, die diesmal vor den Taliban flohen, später Libyer, Tunesier, Algerier, Ägypter, Jordanier und Syrer, doch sonderbarerweise wenige Marokkaner (die einzigen, denen ich dort begegnet bin, sind häufiger Pilger als Händler), als würde selbst in diesem Fall allein eine vertraute Beziehung – und mag sie auch imaginär sein – zum Osmanischen Reich die Reise nach Istanbul rechtfertigen. (Und ebenso wie das Osmanische Reich vor den Toren des Scherifischen Königreichs stehengeblieben ist, reicht die Rekrutierung von Händlern heute nur bis in die Gegend von Tlemcen.) Als letzte treffen uigurische Chinesen ein. Sie sind Muslime, und manche von ihnen sprechen eine Sprache, die dem Türkischen nahesteht. Sie stammen aus einer der entlegensten Provinzen des früheren Reichs, die man Ostturkestan genannt hat, bevor sie zu Xinjiang wurde.

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Mehr von:
Michel Péraldi
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 77
Aus dem Französischen von Ulrich Kunzmann

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