LI 079, Winter 2007
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Ein Bildnis Europas

Die Union zwischen ökonomischem Erfolg und freiwilliger Knechtschaft

Eine Epiphanie betört Europa. Die Alte Welt ist weit davon entfernt, ihre historische Bedeutung zu verlieren. Im Gegenteil, sie steht an, eine in den vergangenen Tagen des zweifelhaften Ruhms nie gekannte Bedeutung für die Menschheit zu erlangen. Am Ende seiner tausendseitigen Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart feiert der amerikanische Historiker Tony Judt Europas Aufstieg am Beginn des 21. Jahrhunderts zu einem „Musterbeispiel weltpolitischer Tugend: einer Wertegemeinschaft, … die von Europäern und Nichteuropäern gleichermaßen als vorbildlich gepriesen und zur Nachahmung empfohlen wird“. Diesen guten Ruf, so Judt, hat Europa „sehr wohl verdient“. Von derselben Vision sind auch die Auguren der britischen Linken ergriffen. „Warum Europa das 21. Jahrhundert beherrschen wird“, nennt sich ein Manifest von Mark Leonard, dem außenpolitischen Wunderkind von New Labour.? „Stellen Sie sich eine Welt des Friedens, des Wohlstands und der Demokratie vor“, beschwört Leonard seine Leser. „Mit anderen Worten: Stellen Sie sich das ,neue europäische Jahrhundert‘ vor.“ Wie soll nun diese berückende Vision der Zukunft verwirklicht werden? „Europa steht für eine Synthese aus Kraft und Freiheit. Sie speist sich aus dem Liberalismus einerseits und aus der Stabilität und sozialen Absicherung sozialdemokratischer Prägung andererseits. Indem die Welt reicher wird und sich über die Befriedigung elementarer Bedürfnisse nach Nahrung und Gesundheit erhebt, wird die europäische Lebensform irgendwann als die einzig erstrebenswerte dastehen.“ Tatsächlich? Und ob! „Je mehr Indien, Brasilien, Südafrika und selbst China sich wirtschaftlich entfalten und politisch behaupten, um so mehr wird auch dort das europäische Modell eine überzeugende Möglichkeit bieten, den Wohlstand zu fördern und gleichzeitig für die eigene Sicherheit zu sorgen. Diese Länder werden sich der Europäischen Union bei der Gestaltung des ,neuen europäischen Jahrhunderts‘ anschließen.“
 
Damit ihm niemand seinen Rang als Ehreneuropäer und einstiger persönlicher Berater von Romano Prodi in dessen Amtszeit als Kommissionspräsident ablaufen kann, gab uns der gebürtige Amerikaner und Zukunftsforscher Jeremy Rifkin ebenfalls einen Leitfaden zum „europäischen Traum“ an die Hand. Die EU, so Rifkin, „strebt Harmonie statt Hegemonie an“, und „sie hat alles, was es braucht, um auf dem Weg zu einem neuen, dritten Stadium des menschlichen Bewußtseins die moralische Führerschaft zu beanspruchen. Die Europäer haben einen visionären Fahrplan zu einem neuen gelobten Land vorgelegt, der das gemeinsame Überleben und die Unteilbarkeit der Erde in seinem Banner trägt.“ Nach einer lyrischen Beschreibung dieser Entwicklung mit Wegmarken wie „Staat ohne Zentrum“ und „zweite Aufklärung“ ermahnt uns Rifkin, jedem Zynismus zu entsagen. „Wir leben in turbulenten Zeiten. Ein großer Teil der Welt tappt im dunklen, und den Menschen fehlen klare Lebensziele. Der europäische Traum ist ein Leuchtfeuer in einer von Sorgen erfüllten Welt. Er führt uns hin zu einem neuen Zeitalter der Integration, der Vielfalt und der Lebensqualität, der leidenschaftlichen Auseinandersetzung, der Nachhaltigkeit, der universellen Menschenrechte und des Friedens auf Erden.“

So viel ekstatische Verzückung könnte man noch als spezifisch angelsächsischen Wesenszug durchgehen lassen, aber auf dem europäischen Kontinent herrscht kein Mangel an deckungsgleichen, wenn auch prosaischeren Stimmen. Nach Jürgen -Habermas hat Europa schon heute „vorbildliche Antworten“ auf zwei große Fragen unserer Zeit gefunden: das „Regieren jenseits des Nationalstaats“ sowie das Regieren jenseits des „Wohlfahrtsregimes, die lange Zeit vorbildlich“ waren. „Warum sollte sich Europa, wenn es mit zwei Problemen dieser Größenordnung fertig geworden ist, nicht auch der weiteren Herausforderung stellen, eine kosmopolitische Ordnung auf der Basis des Völkerrechts gegen konkurrierende Entwürfe zu verteidigen und voranzubringen?“ Und der Soziologe Ulrich Beck beschreibt die Europäisierung als ein „Meta-Machtspiel“ und ein „Ringen um die Gestaltung der Regeln für eine neue Weltordnung“. Ihr Motto könne lauten, Amerika möge doch bitte Platz machen, denn „Europa ist wieder da.“ In Frankreich sekundiert Marcel Gauchet, der Demokratietheoretiker und Herausgeber der Zeitschrift Le Débat, in etwas bescheidenerem Ton: „Vielleicht dürfen wir hoffen, daß die von Europäern vorangetriebene politische Lösung irgendwann als Modell für alle Länder der Welt dienen kann. Das entspräche auch ihren genetischen Anlagen.“

Nun ist Selbstzufriedenheit in Europa nichts Ungewöhnliches. Aber die gegenwärtig vorherrschende Stimmung geht weit darüber hinaus. Was hier entsteht, ist ein grenzenloser Narzißmus, bei dem die Spiegelung auf dem Wasser aus der Zukunft unseres Planeten ein Abbild des Betrachters macht. Wie läßt sich ein solches Maß an politischer Eitelkeit erklären? Sicher: Die politische Landschaft auf dem europäischen Kontinent hat sich in den letzten Jahren verändert, und Europas Bedeutung in der Welt hat zugenommen. Reale Veränderungen können surreale Träume erzeugen. Um so wichtiger ist es, darauf zu achten, ob diese Visionen noch eine Verbindung zur Wirklichkeit aufweisen. Erst vor einem Jahrzehnt stand Europa vor drei großen Unwägbarkeiten: der Einführung einer gemeinsamen Währung nach den in Maastricht gefaßten Beschlüssen, dem Wiedererstarken Deutschlands zur Regionalmacht im Gefolge der Wiedervereinigung und der Ausdehnung der Europäischen Union nach Osteuropa. Bei allen drei Prozessen war ex ante nicht klar, wie das Ergebnis aussehen würde. Inwieweit wissen wir heute mehr?

(…)

Mehr von:
Perry Anderson
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 13
Aus dem Englischen von Herwig Engelmann

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Hauptthema
  • Europa

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