LI 086, Herbst 2009
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Durchlauferhitzer

Erinnerungsblitze, Szenesplitter aus dem Berlin der achtziger Jahre

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Es war die Verlagsidee, zur intellektuellen Diskussion beizutragen. Viele haben nicht über ihren eigenen Tellerrand geschaut. Wir wollten sehen, was man von anderen in anderen Ländern lernen kann, und haben anregende Texte im Ausland gesucht. Wir kamen ursprünglich vom Marxismus, davor von Adorno. Antonio Negri war eine große Merve-Entdeckung. Foucault hat uns die 3.000 Deutsche Mark, die er für seinen Spiegel-Artikel erhalten hatte, geschickt, und wir haben sie dem Tunix-Kongreß zur Verfügung gestellt.

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Auf die Poststrukturalisten sind wir gestoßen, weil wir uns für die minoritären Gruppen, Frauen-, Männer-, Schwulen-, Knastgruppen interessiert haben. Der große Zusammenhang der Linken war mit dem Tunix-Kongreß vorbei. Mit den Studentenparteien hatten wir nichts am Hut. Changer la vie, das war ja schon die Parole des Mai 1968 gewesen. Für uns war der Anti-Ödipus entscheidend, wir hatten eine Lektürearbeitsgruppe gegründet, wo wir das Buch vier Jahre lang diskutiert haben.

Das erste Merve-Buch war 1976 die Dokumentation eines Kongresses über Psychoanalyse und Politik, an dem Deleuze und Guattari teilgenommen haben. Dann kam Foucault. Ich las den Nouvel Observateur und die Quinzaine Littéraire und wußte daher, was es in Frankreich an Neuem gab. Foucault galt damals in Deutschland als zu schwierig. Habermas kritisierte ihn als Jungkonservativen, aber Foucault war viel linker und aktiver als die Frankfurter. Das hat uns erst recht motiviert, ihn zu publizieren. Foucault brachte uns seinen Freund Gilles Deleuze, und Jean-François Lyotard kam mit Socialisme et barbarie.

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Ich frage mich, wie wir das alles hinbekommen haben. Wir hatten nie richtig Geld, wurden aber immer eingeladen und haben in Paris umsonst geschlafen. Virilio hat uns einige Male ins La Coupole zum Austernessen eingeladen. Wir haben damals jeden Tag bis 23 Uhr gearbeitet. Dann brauchten wir einen Absacker, sind in den Dschungel gegangen und haben noch bis zwei, drei Uhr früh ein paar Bier getrunken. Wir waren immer zu zweit. Heidi Paris und ich.

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Die Wende war das Ende des Westberliner Biotops. Keiner konnte intellektuell abgeklärt reagieren, es gab eine Jubelstimmung, alles war turbulent, weil man mit ungewohnten Erfahrungen zu tun hatte, und existentielle Fragen kamen mit solch historischer Wucht, daß die eher kleinen politischen Fragen der Szene zweitrangig erschienen. Das ganze Koordinatensystem von Wichtig und Unwichtig, alle Perspektiven und Erwartungen wurden über den Haufen geworfen. Ich bin nach dem Mauerfall herumgereist, in den USA, Kanada, der Südsee, Mexiko, in Südostasien. Dadurch, daß sich Berlin geöffnet hat, hat sich für mich die Welt geöffnet. Ich habe Herman Melville und Joseph Conrad entdeckt. Vielleicht bin ich vor dem Übermaß an Deutschland in die Welt geflohen. Schon Foucault und Baudrillard haben mir Welten eröffnet, die laut Habermas und Adorno eigentlich als verboten galten. Man sollte Heidegger nicht lesen, selbst Brecht war für Adorno persona non grata, alles war tabuisiert, aber wir haben durch diese Autoren entdeckt, was man alles denken kann. Nach den Theorien wollten wir nun die reale Welt kennenlernen. Europa hat sich geöffnet, und wir waren unterwegs in die Welt.

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Im Heft auf Seite 120

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