LI 088, Frühjahr 2010
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Istanbulreigen

In Istanbul zu leben verwandelt mich in eine zwischen zwei Geliebten hin und her gerissene Liebende. Irritiert wende ich mich einmal Justinian zu, ein anderes Mal Fatih Sultan Mehmet dem Eroberer. Entweder muß ich mir, gleich Justinian, den Verlust mancher Dinge eingestehen und darauf gefaßt sein, meine eigene Stadt wiederaufzubauen, oder ich erobere die Stadt wie Sultan Mehmet. Bei beiden handelt es sich um sakrale Beziehungen, beide haben etwas für sich. Das Leid und die Lust, die sie bereiten, sind nicht miteinander vergleichbar.

Insbesondere Justinian beeindruckt mich tief. Diesem in sein Schicksal hineingeborenen Mann gelingt es, die ganze Welt vom Zauber im Wesen des Zufalls zu überzeugen. Denn nicht als Erbe eines Herrschers wurde Justinian geboren, sondern als jüngstes Kind einer mazedonischen Bauernfamilie. Weit außerhalb einer gradlinigen Zeit lebte er stets in einer kosmischen Zeitdimension. Er verbrachte sein Leben auf den Flügeln Kairos’, des Gottes der günstigen Gelegenheit und einmaligen Chance. Er war ein junger Offizier, als er – wer weiß, aufgrund welchen Vergehens – von Kaiser Anastasius zum Tode verurteilt wurde. Hier aber griff der Zauberstab des Schicksals ein. Bevor das Urteil vollstreckt werden konnte, erschienen Kaiser Anastasius im Traum zwei Heilige und rieten ihm, Justinian zu begnadigen.

Jahre später, als Justinian den Kaiserthron von Konstantinopel bestieg, ließ er zu Ehren dieser beiden Heiligen, denen er sein Leben verdankte, eine Kirche erbauen. Die Kirche Sergios und Bakchos, besser bekannt als Kleine Hagia Sophia, ist eines der seltenen Beispiele für Träumen gegenüber empfundene Dankbarkeit. In sämtlichen Steinen der Kirche steckt bis heute ein tiefer Schlaf. Das ist der Schlaf des Anastasius. Der Schlaf, der für die Wiedergeburt des Justinian sorgte und das Leben Justinians heiligte, das dieser dem Wiederaufbau der alten Pracht des Römischen Reiches widmen sollte.

Was Fatih den Eroberer betrifft, so scheint er vom Augenblick seiner Geburt an Sehnsucht nach Konstantinopel in sich getragen zu haben. Zwar eroberte er die Stadt, mehr noch aber verführte sie ihn. Er bemühte sich sogar, ihr zu entsprechen, ihrer würdig zu sein. Unschlüssig, ob er die Hagia Sophia, das Symbol Justinians für die Wiedergeburt Roms, nun, 900 Jahren später, erobern oder in Verwahrung nehmen sollte, ließ er in den vier Ecken der Kuppel gigantische Namenstafeln anbringen. Konstantinopolis mutierte zu Konstantiniyye, Fatih aber war nicht länger der Sultan, der zerstörte und plünderte, um anschließend wiederaufzubauen, sondern ein Herrscher mit Blick gen Westen, der den Geist Ostroms verinnerlicht und ihm die islamische Kultur beigemengt hatte. Er war ein ehrgeiziger, unermüdlicher Liebender, bemüht, sich die Stadt gewogen zu machen und ihr zu gefallen, um ihrer würdig zu sein.

In Istanbul zu leben gleicht wahrhaftig dem Hin- und Hergerissensein zwischen zwei Geliebten. Der Mantel dieser fesselnden Liebesbeziehungen birgt Eroberung ebenso wie Okkupation. Fallen aber wird diese Stadt niemals. Täglich wird ihr Gedächtnis stärker, und mit ihm wurzelt sie in Vergangenheit und Zukunft zugleich. Mal fällt sie brutal über einen her, mal umarmt sie eines Menschen Seele zärtlich. Istanbul ist auf Istanbul beschränkt, reicht soweit wie das vom Meer aus erkennbare Land, wie das vom Land aus überschaubare Meer. Sultan über Land und Meer ist es, und sein Herz schlägt im Bosporus. Alles andere ist weit, ist fern von Istanbul.

All dem Gedränge, dem wahnsinnig machenden Verkehr und der die horizontale Schönheit des Bosporus wie mit dem Messer zerschneidenden phallischen Bebauung zum Trotz ist mein Istanbul mit seiner vom Ufer in die Täler fließenden Silhouette voller Kuppeln, Minarette und Türme nach wie vor eine der schönsten Städte der Welt. Hier sind nicht zwei Kontinente voneinander geschieden, vielmehr schmiegen sie sich mit Hilfe des Meeres aneinander. Im Gedächtnis Istanbuls liegt auch das Wissen über das Meer verborgen. Die Gewässer Istanbuls sind es, zu denen ich einst kam. Um den Duft des Meeres in mich aufzunehmen, der die labyrinthischen Gassen dieser mit Zisternen, Hamams, Aquädukten und monumentalen Brunnen dekorierten Stadt erfüllt, um das Wasser aus ihren Quellen zu trinken, um in den Hainen an Bächen, die in smaragdgrünem Lauf die Stadt zerreißen, und an Seen, mit Wasserpflanzen durchsetzt, zu spazieren, um Bootsfahrten zu unternehmen. Als ich ankam, fand ich aber von alledem so gut wie nichts. Zahllose Bäche waren ausgetrocknet, kleine Barackenbauten hatten sich gleich Amuletten darin angesiedelt, Waldgebiete waren in Baugrund umgewidmet, Bootsfahrten lebten allein in fünfzig Jahre zuvor geschriebenen Romanen fort, auf nach Nostalgie muffelnden Seiten. Ihren Platz nehmen nun eine Handvoll touristischer Boote ein, die Ruderer kostümiert mit goldbestickter Weste und Fez auf dem Kopf. Zudem herrschte arge Wasserknappheit, als ich ankam. Noch vor 15 Jahren zischten luftgeblähte Wasserhähne leer. Die Menschen behalfen sich mit abgestandenem Wasser aus algenbesetzten Tanks. Wer keinen Tank im Haus sein eigen nannte, mußte sich mit Wasser begnügen, das er in Schüsseln, Küchengerät, Kanistern, was eben gerade zur Hand war, aufgefangen hatte. Ich wohnte in einem gutbürgerlichen Viertel auf der anatolischen Seite, in dem hauptsächlich alteingesessene Istanbuler lebten, in einem Wohngebäude mit Rosen im Vorgarten. Es fiel mir schwer, mich an die hohe Luftfeuchtigkeit der Sommer zu gewöhnen. Was ich auch berührte, war feucht, die Matratzen klamm. Beständig litt ich unter Kopf- und Gliederschmerzen aufgrund der Feuchtigkeit. Ich war also nicht gerade gastfreundlich aufgenommen worden. Verließ ich das ruhige Viertel, in dem ich wohnte, und tauchte ein in die Menge auf den Straßen, zehrte die verdorbene Luft, die ich zu atmen gezwungen war, tagtäglich an meiner Konstitution, mein Immunsystem ging allmählich zugrunde. Lag es an unzulänglich geputztem Gemüse oder am abgestandenen Wasser? Den ersten Monat, den ich in Istanbul verbrachte, lag ich fiebernd im Bett. Noch hatte ich keine Freunde gewonnen, so gab es niemanden, der sich nachts um mich kümmerte. Zwischen Stunden fiebergeschüttelten Schlafs dachte ich: Ich bin hier nicht gewollt. Die Stadt spie mich aus, erbrach mich, in schmerzhafter Wehe stieß die Stadt mich aus sich heraus. Nach einer feuchten, im Fieber verbrachten Woche ohne Wasser in der Leitung verließ ich panisch das Haus. Als ich nach Kadiköy gelangte, kamen mir auf einmal all die Gassen, die schmalen Durchgänge, die Antiquitätenpassagen, die Antiquariate mit Glockenspiel an der Tür höchst bekannt vor. Hatte Istanbul sich mir zugewendet, oder hatte ich eine persönliche Perspektive auf Istanbul gefunden? Der Duft verstaubter Bücher in den Antiquariaten tat mir derart gut, daß ich mich wie einer weitverzweigten Familie zugehörig fühlte. Kommt man in eine Stadt, verläuft der erste Schritt zur Gewöhnung über einen Teil seiner selbst. Erst danach beginnt man, Teile der Stadt aufzunehmen.

Hier spricht man davon, im Rhythmus der Fische zu leben. Anders ausgedrückt bedeutet der Rhythmus Istanbuls, im Schwange der wandernden Fische zu leben, die sich zwischen dem Unterstrom der Meere und den Oberflächenwellen hin und her bewegen. Ziehen die im Schwarzen Meer aufgewachsenen Fische zum Ablaichen in die Buchten des Marmarameeres, läutet das gewissermaßen die Jagdsaison ein. Der herrliche Geschmack eingelegten Thunfischs, von armenischen Meze-Experten zubereitet, ist nicht zuletzt der Lebenserfahrung der herumgekommenen Bonitos zu danken, die nach abenteuerlicher, der Odyssee ähnelnder Reise hier landen. In meinem ersten Istanbuler Sommer waren die Auslagen der Fischer seltsam armselig. Es gab nur ein paar Garnelen, einige Sorten übermäßig gemästeten Fischs von Farmen an der Ägäis, Hummer, Krebse und auch Zahnbrassen. Wie schade, dachte ich, im Marmarameer lebt außer Gekreuch offenbar kaum noch etwas. In den Wintermonaten erweiterte sich dann zum Glück das Fischsortiment in den Auslagen, die phosphoreszierenden Blicke mehrten sich. Es dauerte eine Weile, bis mir die Arten und Eigenarten aller Fische geläufig waren. Man muß lernen, dem Fisch ins Auge zu sehen, um echt von falsch zu unterscheiden. Es ist schwierig einzuschätzen, welcher tatsächlich aus dem Meer, welcher aus dem Kühlhaus und welcher von Farmen stammt, in denen die Fische mit Trockenfutter gemästet werden. Ich will sagen, man kann mit dem Blick in die Augen eines Fisches durchaus eine herzliche menschliche Beziehung aufbauen. Ein Blick mit Einschränkung ist das, aber tief, ähnlich dem phönizischer Fischer, die die Welt kannten wie ihr Boot und umgekehrt von der Welt aus ihr Boot betrachteten. Blaubarsch zum Beispiel, Blaubarsch ist wahrlich ein Geschenk. Im Kühlhaus läßt er sich nur mit Mühe aufbewahren, ihn in Farmen zu züchten ist ganz unmöglich. Denn er ist vom Wesen her ein Wanderer. Aus Blaubarsch läßt sich kein falscher Blaubarsch machen. Die einheimischen Goldbrassen aber sind trügerisch. Ich fange gerade erst an zu lernen, im Rhythmus der Fische zu leben und aus der Welt der Fische heraus den Menschen ins Gesicht zu sehen.

Dann sind da noch die Wasservögel, die Kormorane und Möwen … Jagen sie im Winter im Sturzflug über das Marmarameer, sind sie wahre Vögel. Im Sommer aber, wenn sie ihr Stammrevier auf die Istanbuler Müllhalden verlagern, erinnern sie an die Kinder aus den Elendsvierteln.

(...)

Mehr von:
Sema Kaygusuz
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 74
Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe

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