LI 086, Herbst 2009
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Berlin hat’s schwer

Wann geht man endlich von der Usurpation der Vereinigung über?

(...) Mit der politischen Geschichte ist es nicht anders als mit der eines Individuums: Man vergißt und verdrängt, was das Selbstbild stört, und muß dann die Erfahrung machen, daß das Verdrängte wiederkehrt. Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten wäre der Vorschlag der Psychoanalyse, um an die Stelle des Verdrängens die zuweilen schmerzliche Annahme des Geschehens setzen zu können. Eigentlich sind wir beim Erinnern steckengeblieben, in dem Scham und Schuld verweigernden Zustand, den die Mitscherlichs in den sechziger Jahren beschrieben haben. Nicht einmal das Erinnern gelingt immer. Das merkt man, wenn an Tabus gerührt wird, wie bei der Wehrmachtsausstellung, deren erste Fassung in Berlin Empörung auslöste. Mit dem wachsenden zeitlichen Abstand wird die subjektive Erinnerung durch Erinnerungspolitik abgelöst, die im günstigsten Fall die Schuldfrage hintan stellt und eine Schamkultur entfaltet. Das gelingt aber nur, wenn dem Hang zur Konfliktverschiebung durch kontinuierliche Aufklärung entgegengearbeitet wird.

Seitdem Berlin Hauptstadt geworden ist, müssen Bundespolitik und Stadtpolitik halbwegs harmonieren. Das wäre auch ohne die historische Last Berlins schwer. Staat und Stadt funktionieren nach unter-schiedlichen Ordnungsprinzipien. Bürgerliche Städte, besonders die freien Reichsstädte, standen über Jahrhunderte in Konkurrenz zu den Residenzstädten. Noch im 19. Jahrhundert war das Bürgertum zwar nationalistisch, aber hochambivalent gegenüber dem Staat. Berlin war beides, Bürgerstadt und Residenz. Doch schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann das reiche Bürgertum, sich in den Westen jenseits des Tiergartens abzusetzen. Die männerbündische Stadtfeindschaft der zwanziger Jahre, die von den Nazis übernommen wurde, fand ihr Haßobjekt in Berlin. Deshalb sollte Speer die Stadt radikal umgestalten. Zum Glück ist ihm nicht sehr viel gelungen, doch die Artefakte des Nationalsozialismus sind allgegenwärtig. Wer ist für sie verantwortlich?

In Rom oder Paris tagen und residieren die Regierungen in historischen Gebäuden, die Teil der Stadtgeschichte sind, in der sie ganz unterschiedlliche Funktionen hatten. Diese Stadtgeschichte ist offener, widersprüchlicher und älter als die jener Regierungssysteme, die sich in den Städten einnisten. Der Elysée-Palast gehörte ursprünglich einer Madame de Pompadour; unsere Ministerien befinden sich in NS-Gebäuden oder in gerade neu erbauten. So hat das Verteidigungsministerium im Bendlerblock seine Berliner Dienststelle. Und als wäre das Gedenken an den Widerstand ein Gewicht, das ein Widerlager braucht, um dauerhaft tragbar zu sein, hat man auf der Rückseite des Gebäudes ein Denkmal für die toten Soldaten der Bundesrepublik Deutschland errichtet – obwohl die Bundesrepublik offiziell bislang an keiner Kriegshandlung beteiligt war.

Wie wichtig für das Gefühl von Kontinuität Gebäude sind, die eine Geschichte haben, kann man am Reichstag sehen. Von Schönheit keine Spur. Doch das Reichstagsgebäude ist vielleicht das einzige alte Regierungsgebäude, für dessen Geschichte sich niemand schämen muß. Als Reichstag unter und für Kaiser Wilhelm I. gebaut, haben alle großen Demokraten bis 1933 dort ihre Bühne gehabt. Der Reichstagsbrandstifter, wer er auch war, hatte mehr Gefühl für symbolische Politik, als er vermutlich ahnte. Nach dem Brand haben die Nazis das Gebäude nicht mehr betreten. Es überdauerte schwer beschädigt den Krieg. Da es Westberlin zugeschlagen wurde, blieb es von der kommunistischen Usurpation verschont. Das wiedervereinigte Deutschland hat mit der Neubelebung des Reichstags dessen Vorgeschichte zu seiner eigenen gemacht. Nur so kann man den etwas voreiligen Namen „Berliner Republik“ verstehen, der eine Verbindung zur Weimarer Republik nahelegt, die jedoch inhaltslos ist. Ein ähnlicher Namenszauber gilt auch im Falle des Reichstags. Ursprünglich eine Funktionsbezeichnung, ist „Reichstag“ zum Eigennamen geworden, mit dem sich Berlin schmückt. Er ist das einzige Gebäude, das den Staat mit der Stadt verbindet. Das häßliche Ungetüm ist zur größten Touristenattraktion geworden. Als Christo und Jeanne-Claude in den siebziger Jahren ihr Projekt der Reichstagsverhüllung dem Bonner Parlament vorlegten, war die Ablehnung groß. Die beiden ließen nicht locker. Die Zustimmung kam schließlich nach der deutsch-deutschen Vereinigung, bevor der Reichstag wieder in seine alte Funktion als Parlament eingesetzt wurde. Horst Bredekamp vermutet für diesen Stimmungsumschwung psychologische Gründe. Für das Unbewußte, so legt es seine Interpretation nahe, sei das zerstörte Gesicht der deutschen Geschichte verhüllt worden und erschien nach der Enthüllung wie gereinigt. Obwohl ein Kunstwerk, das man nur aus großer Distanz anschauen konnte, haben Christo und Jeanne-Claude es fertig gebracht, Tausende und Abertausende derart in Staunen zu versetzen, daß sie sich wie neu geboren fühlten. Niemanden hätte es gewundert, wenn aus der Vermummung eine Verpuppung geworden, und der Reichstag leicht wie das römische Kapitol der Enthüllung entstiegen wäre.

(...)

Mehr von:
Sigrun Anselm
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 75

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