LI 080, Frühjahr 2008
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Tochter des Westens

Benazir und der Bhutto-Clan - Politik und Karriere in Pakistan

Arrangierte Ehen können eine heikle Sache sein. Obwohl sie in erster Linie darauf abzielen, den Wohlstand zu mehren, unerwünschte Flirts zu verhindern und heimliche Affären zu beenden, gehen sie nicht immer gut aus. Wenn offensichtlich wird, daß sich die beiden Partner nicht ausstehen können, werden nur von kurzfristigem Gewinn geblendete Eltern das Vorhaben durchsetzen, wohl wissend, daß es in Leid und wahrscheinlich Gewalt ausartet. Dies gilt auch in der Politik, wie bei dem Versuch Washingtons, Benazir Bhutto und Pervez Musharraf zu verkuppeln, deutlich wurde.

Den sturen Elternpart – mit John Negroponte als makabrem Kuppler und Gordon Brown als verschleierter Brautjungfer – übernahm in diesem Fall das verzweifelte US-Außenministerium, das wohl befürchtete, die Ehekandidaten könnten zu alt zum Recycling werden, wenn es keinen Druck machte. Die Braut hatte es jedenfalls eilig, der Bräutigam weniger. Vermittler beider Lager verhandelten lange über die Höhe der Aussteuer. Derjenige der Braut war Rehman Malik, ehemaliger Leiter der pakistanischen Bundespolizei FIA, gegen den der pakistanische Bundesrechnungshof (National Accountability Bureau) wegen Korruption ermittelte. Nach Benazirs Sturz hatte er fast zwei Jahre im Gefängnis gesessen, anschließend war er einer ihrer Geschäftspartner gewesen. Gegen beide ermittelte ein spanisches Gericht, das fragwürdige Zahlungen des Unternehmens Petroline FZC an Saddam Husseins Irak untersucht. Wenn die Dokumente echt sind, stand Bhutto dem Unternehmen vor. Sie hatte es zwar eilig, wollte jedoch nicht als Gattin eines uniformierten Präsidenten auftreten. Und er war nicht bereit, über ihre Vergangenheit hinwegzusehen. Die gegenseitige Abneigung mußte sich schließlich der beiderseitigen Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten beugen. Keiner von beiden konnte sich verweigern, obwohl Musharraf die stille Hoffnung hegte, die Ehe könne möglichst unauffällig vollzogen werden. Ein frommer Wunsch.

Beide Parteien machten Zugeständnisse. Sie akzeptierte, daß er die Uniform erst nach seiner „Wiederwahl“ durch das Parlament ausziehen würde, aber jedenfalls vor den nächsten allgemeinen Wahlen. (Das hat er getan und sich damit dem Wohlwollen seines Nachfolgers im Amt des Armeechefs ausgeliefert.) Er boxte ein Gesetz durch, den Nationalen Versöhnungserlaß (National Reconciliation Ordinance), auf Grund dessen alle anhängigen Verfahren gegen Politiker wegen Veruntreuung von Staatsgeldern eingestellt wurden. Der Erlaß war ausschlaggebend für sie, weil sie hoffte, die Verfahren wegen Geldwäsche und Korruption, die bei drei europäischen Gerichten (Valencia, Genf und London) anhängig sind, würden daraufhin eingestellt.

Viele Pakistaner waren empört, und die Presseresonanz über „den Deal“ war abgesehen von der Berichterstattung des Staatsfernsehens überwiegend ablehnend. Im Westen wurde das Ganze als „Durchbruch“ bejubelt und die reingewaschene Benazir Bhutto im USFernsehen und in der BBC als Siegerin der pakistanischen Demokratie propagiert – Reporter stellten sie brav als frühere Ministerpräsidentin vor und nicht als die flüchtige Politikerin, gegen die in mehreren Staaten wegen Korruption ermittelt wird.

Sie hatte sich für die Unterstützung im voraus bedankt, indem sie ihre Sympathie für den US-Krieg im Irak und in Afghanistan zum Ausdruck brachte, mit dem israelischen Botschafter bei der UN speiste (ein Lackmustest) und gelobte, „den Terrorismus im eigenen Land“ auszumerzen. 1979 hatte ein Militärdiktator ihren Vater mit Washingtons Billigung gestürzt, vielleicht hielt sie es für besser, sich dem Schutz der Weltmacht zu unterstellen. Harper Collins hatte ihr eine halbe Million Vorschuß für ein neues Buch gezahlt. Der Arbeitstitel lautete: „Versöhnung“.

Der General hingegen hatte sein Amt 1999 angetreten und sich ganz im Geist der Zeit Chief Executive genannt statt Chief Martial Law Administrator, wie es früher üblich gewesen war. Wie seine Vorgänger hatte auch er versprochen, nur eine begrenzte Zeit im Amt zu bleiben, und 2003 angekündigt, ein Jahr später als Armeechef zurückzutreten. Wie seine Vorgänger hatte er sein Versprechen nicht gehalten. Das Kriegsrecht wird stets mit dem Versprechen einer neuen Ordnung und der Beseitigung von Filz und Korruption der vorangegangenen Regierung gerechtfertigt: In diesem Fall war die Regierung von Benazir Bhutto und Nawaz Sharif gestürzt worden. Aber „neue Ordnungen“ sind normalerweise kein Schritt vorwärts, sondern eher militärische Schlenker, die die ohnehin wackligen Fundamente und Institutionen eines Landes noch mehr schwächen. Binnen eines Jahrzehnts wird der uniformierte Herrscher von einem neuen Aufstand eingeholt.

Benazir träumte von ihren glorreichen Tagen im letzten Jahrhundert und wünschte sich einen großen Bahnhof. Der General war nicht begeistert. Die Nachrichtendienste (auch ihre eigenen Sicherheitsleute) warnten vor Anschlägen. Sie hatte den Terroristen den Krieg erklärt, und diese hatten gedroht, sie zu töten. Sie gab sich unnachgiebig. Der ganzen Welt wollte sie demonstrieren – ihren politischen Gegnern wie auch den Anhängern in ihrer eigenen Partei, der Pakistanischen Volkspartei (PPP) –, wie populär sie war. Bevor sie an Bord der Maschine von Dubai nach Karatschi ging, hatte ihre Partei einen Monat lang Freiwillige aus dem ganzen Land zusammengetrommelt, um ihr einen überwältigenden Empfang zu bereiten. An die 200?000 Menschen säumten die Straßen, nicht annähernd so viele wie die Million Menschen von 1986, als eine völlig andere Benazir Bhutto zurückgekehrt war, um General Zia ul-Haq herauszufordern. Jetzt wollte sie in ihrem Bhutto-Mobil langsam von Karatschi zum Grab des Staatsgründers Muhammad Ali Jinnah fahren, um eine Rede zu halten. Daraus wurde nichts. Bei Einbruch der Dunkelheit schlugen die Angreifer zu. Wer sie waren, wer dahintersteckte, ist bis heute ein Geheimnis. Sie blieb unverletzt, aber 130 Menschen starben, darunter Polizisten, die für ihre Sicherheit verantwortlich gewesen waren. Der Hochzeitszug endete im Chaos.

Obwohl der General versprochen hatte, mit Bhutto zusammenzuarbeiten, traf er eiskalt Vorbereitungen, um seinen Verbleib im Präsidentenamt zu sichern. Noch vor ihrem Eintreffen hatte er drastische Maßnahmen erwogen, um die Hindernisse beiseitezuräumen, die ihm im Weg standen, doch seine Generäle (und die US-Botschaft) hatten Bedenken vorgebracht. Mit den Bomben auf Benazirs Troß kam das Thema erneut auf die Tagesordnung. Zwar war Pakistan keineswegs das Pulverfaß, für das der Westen es hielt, es wurde jedoch von Explosionen aller Art erschüttert. Die Anwälte waren wegen der Absetzung des Vorsitzenden Richters auf die Barrikaden gegangen und hatten einen vorläufigen Sieg errungen, der die Unabhängigkeit des Supreme Court festigte. Die unabhängigen Fernsehanstalten forderten mit kritischen Berichten die staatliche Propaganda heraus. Investigativer Journalismus genießt nicht viel Sympathie bei Regierungen, und der General wies öfters auf den Unterschied zwischen den Sendern in den Vereinigten Staaten und der BBC und den „renitenten“ Fragen der einheimischen Journalisten hin. Angeblich „täuschten“ sie die Menschen. Die Berichterstattung über den Aufstand der Anwälte war ihm ein Dorn im Auge, er war wie besessen davon. Seine schrumpfende Popularität steigerte die Paranoia. Seine Berater waren durchweg Günstlinge. Generäle, die bei „offenen, informellen Treffen“ abweichende Meinungen geäußert hatten, waren in den Ruhestand versetzt worden. Jetzt fürchteten seine Verbündeten um ihre Pfründen, denn sie sollten die Macht mit Benazir teilen.

(...)

Mehr von:
Tariq Ali
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 27
Aus dem Englischen von Pociao

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  • Geschichte

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