LI 081, Sommer 2008
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Wachsende Rivalitäten

Furcht, Ressentiment und Appetit - eine Karte politischer Passionen

Das 20.Jahrhundert ist in Europa vom Konflikt zwischen totalitären Regimes und liberalen Demokratien beherrscht gewesen. Nach dem Zweiten Weltkrieg, nach der Niederlage des Nazismus, hat dieser Konflikt die Form eines globalen Kalten Kriegs angenommen, verstärkt durch einige eng begrenzte „heiße“ Konfrontationen an der Peripherie. Die Akteure waren klar zu identifizieren. Auf der einen Seite der Block der kommunistischen Länder, der sich von Ostdeutschland bis nach Nordkorea erstreckte und den anfangs die Sowjetunion dominiert hatte. Auf der anderen Seite des „eisernen Vorhangs“, der diese Länder umgab, lag, unter Führung der Vereinigten Staaten, der Westen, die „freie Welt“, bestehend hauptsächlich aus den Ländern Westeuropas und Nordamerika. Außerhalb dieses Antagonismus verblieb ein dritter Akteur, ein buntes Ensemble von politisch ungebundenen, neutralen Ländern, genannt die Dritte Welt. Es war eine Teilung der Erde nach politischen Kriterien, auch wenn andere Charakteristika eine Rolle spielten: Die Dritte Welt war arm, der Westen reich, und in den kommunistischen Ländern war die Armee reich und die Bevölkerung arm. (Aber sie durfte es nicht sagen.)

Diese Situation dauerte mehr als ein halbes Jahrhundert an. Ich war dafür besonders empfindlich, weil ich in Osteuropa, in Bulgarien, geboren wurde und dort aufgewachsen bin, bevor ich im Alter von 24 Jahren nach Frankreich übersiedelte. Diese Aufteilung der Welt schien mir für die Ewigkeit bestimmt – oder in jedem Fall bis an mein Lebensende. Vielleicht erklärt das die Freude, die ich empfand, als um 1990 die kommunistischen Regimes in Europa zusammenbrachen. Es gab keinen Grund mehr für einen Ost-West-Gegensatz oder für eine Konkurrenz um die Weltherrschaft, alle Hoffnungen waren erlaubt. Endlich würden sich die alten Träume der großen liberalen Denker erfüllen, an die Stelle der Kriege würden Verhandlungen treten, eine neue Weltordnung, harmonischer als die Welt des Kalten Krieges, könnte sich durchsetzen. Ich habe wohl nicht als einziger an eine solche günstige Entwicklung geglaubt.

Knapp zwanzig Jahre später muß man feststellen, daß diese Hoffung eine Illusion war; Spannungen und Gewaltakte zwischen den Ländern scheinen sich keineswegs aus der Weltgeschichte verabschiedet zu haben. Die große Ost-West-Konfrontation hatte Feindseligkeiten und Gegensätze in den Hintergrund gerückt, deren Wiederauftauchen nicht lange auf sich warten ließ. Die Konflikte konnten nicht wie durch Zauberei verschwinden, denn ihre tieferen Ursachen bestanden fort; man kann sogar annehmen, daß sie sich verschärften. Nach wie vor wächst die Weltbevölkerung schnell, während das bewohnbare Territorium dasselbe bleibt oder sogar schrumpft, bedrängt von Wüsten und bedroht von Fluten. Schlimmer noch:
Die lebenswichtigen Ressourcen – Was-ser, Energie – nehmen ab. Unter diesen Umständen ist der Wettbewerb zwischen den Ländern unvermeidlich, das heißt auch die Aggressivität derjenigen, die weniger haben, gegen die, die mehr haben, sowie die Besorgnis der letzteren, die ihre Privilegien zu behalten und zu verteidigen versuchen.

Zu diesen konstanten Faktoren sind ein paar neue Entwicklungen hinzugekommen. Zwar gibt es nach wie vor viele Spannungszentren in der Welt, und manchmal explodiert dort die Gewalt, aber ihre Wirkung bleibt räumlich beschränkt, und seit nunmehr über sechzig Jahren ist kein globaler Konflikt mehr entstanden, der dem Zweiten Weltkrieg vergleichbar wäre. Dieses Fehlen größerer Konfrontationen hat unter unseren Augen und friedlich eine echte technologische Revolution ermöglicht, welche wiederum stark zu jener Intensivierung internationaler Kontakte beigetragen hat, die Globalisierung genannt wird.

Die technologische Umwälzung berührt zahlreiche Gebiete, aber manche Entwicklungen haben sich auf die internationalen Beziehungen besonders stark ausgewirkt. Die offensichtlichste betrifft die Kommunikation: Sie ist unvergleichlich viel schneller als früher und bedient sich vielfach neuer Kanäle. Informationen werden in Echtzeit weitergegeben, werden von Wörtern wie von Bildern transportiert und erreichen die ganze Welt. Fernsehen (nicht mehr bloß Radio), Mobiltelefone, elektronische Post, Internet – war früher ein Mangel an Information zu beklagen, findet man sich heute überflutet von ihrer Fülle. Eine Folge dieser Mutation ist, daß die Bevölkerungen der Welt mehr miteinander verkehren. Wörter und Bilder machen sie einander vertraut, standardisierte Produkte zirkulieren in der ganzen Welt, und die Menschen wechseln den Ort häufiger denn je. Die Bewohner der reichen Länder begeben sich zu den Armen, um dort ihre Geschäfte abzuwickeln oder ihre Freizeit zu verbringen; die Armen versuchen, in die reichen Länder zu gelangen, um dort Arbeit zu finden. Reisen sind, wenn man bemittelt ist, weit schneller geworden.

Die intensive Kommunikation und der beschleunigte Austausch zwischen Ländern und Men-schen haben positive wie negative Wirkungen; eine andere technische Innovation aber ist ausschließlich Quelle von Angst. Es handelt sich um den erleichterten Zugang zu Vernichtungswaffen, insbesondere zu Explosivstoffen. Jeder, so scheint es, kann sich ohne Schwierigkeit damit eindecken. Miniaturisiert lassen sie sich in der Tasche tragen; perfektioniert können sie auf der Stelle Dutzende, Hunderte oder Tausende von Menschen töten. Baupläne für Bomben kursieren im Internet, die Bestandteile zu ihrem Bau sind im Supermarkt erhältlich, ein Handy reicht aus, eine Explosion auszulösen. Diese Demokratisierung der Vernichtungswaffen schafft eine neue Situation: Man braucht keine staatliche Macht mehr, um seinem Feind schweren Schaden zuzufügen; ein paar entschlossene, finanziell gut ausgestattete Individuen reichen aus. Die „feindlichen Streitkräfte“ haben ihr Gesicht völlig
verändert.

Die großen technologischen Innovationen hatten ihre Auswirkungen auf die Lebensweisen, aber ein Verschwinden der früheren Welt haben sie nicht gleich mit sich gebracht, sie konnten es offenkundig auch nicht. Geschaffen haben sie jedoch ein Nebeneinander von Kontrasten, in dem das Archaische neben dem Ultramodernen steht. Diese Simultaneität findet sich innerhalb eines Landes wie zwischen den Ländern. Der russische oder chinesische Bauer ist vom in Moskau oder Schanghai herrschenden Lebensstil ebensoweit entfernt wie der Bauer vom Rif oder aus Anatolien von den Bewohnern von Paris und London. Die Welt der einen, in der eine „vertikale“ Kommunikation dominiert, die die Weitergabe von Traditionen sichert, steht gegen die der anderen, die durch die Kraft der „horizontalen“, der Kommunikation unter permanent an ein Netz angeschlossenen Zeitgenossen geprägt ist. Frappierend ist, daß beide Welten voneinander wissen: von der einen wie von der anderen reisen Bilder um die Welt. Und es bleibt nicht beim bloßen Sehen: Die ruinierten Bauern verlassen ihr Land und ziehen in die Städte ihrer oder der reichen Länder. Die Metropolen, die auf den Kontinenten verteilt sind, beherbergen Bevölkerungen verschiedener Herkunft mit äußerst verschiedenen Sitten. Und so kann sich der niqab, der Ganzkörperschleier, neben dem string wiederfinden. (In den französischen Schulen sind sie beide verboten!)

Die Folgen, die dieser Zusammenstoß zwischen dem irdenen und dem eisernen Topf zu provozieren droht, kann man sich denken. Bei den einen führt er zu Neid oder Ablehnung oder zu beidem; bei den anderen zu Gier, Herablassung oder Mitleid. Die einen haben die Überlegenheit des Zorns auf ihrer Seite, die anderen die der Gewalt. Die Mischung ist explosiv, die Konflikte nehmen zu. Allerdings ist ihre Landkarte nicht mehr die, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg durchgesetzt hatte.

Mehr von:
Tzvetan Todorov
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 104
Aus dem Französischen von Heinz Jatho

Genre

Hauptthema
  • Triebkräfte und Gefahren internationaler Konflikte

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