LI 084, Frühjahr 2009
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Totentanz und Rosenfest

Dichter und Philosophen im Mahlstrom der preußischen Geschichte

(...) „Es waren in Friedrich II.“, schrieb Germaine de Staël 1810 im ersten Buch von De l’Allemagne, „zwei ganz verschiedene Menschen, ein Deutscher von Natur, ein Franzose von Erziehung.“ Diese Scheidung in zwei mochte durch die Erziehung begründet sein, ging aber durch alle Erscheinungsformen Friedrichs II. hindurch. Begründet in der Janusköpfigkeit Preußens, in der Aufgabe, den Westen und den Osten zusammenzuführen, begründet in den noch hundert Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg gegenwärtigen Schäden im Land, begründet in der Notwendigkeit, einen Staat zu schaffen, in dem die aus verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen Herkünften angeworbenen Menschen, die durch Eroberungen und Annexionen eingebrachten Bevölkerungsschichten zusammengeführt werden konnten – so schuf er seinen Untertanen ein Bild von sich als Inszenierung seiner selbst: Die zwei Körper des Königs, den sterblichen und den unsterblichen, lebte Friedrich II., den Gott nicht geformt hatte, sich an dessen Statt setzend als Künstler, der den Staat formte, das Werk seiner Unsterblichkeit, und als Menschen, der sich bei seiner Arbeit an diesem Werk – nach dem Wort seines Vaters – als premier serviteur in seiner Bedürftigkeit zeigte. So hat er die Gestalt des aus zwei Körpern bestehenden Königs säkularisiert und den Preußen den Staat zum Gott gemacht. „Der Staat war ihnen der präsente Gott“, schrieb Carl Schmitt über die Preußen in sein Glossarium am 3. März 1949 – zwei Jahre nach der Abschaf-fung des preußischen Staates durch den Alliierten Kontrollrat. „Sie haben eine antitheologische französische Erfahrung theologisch ernst genommen. Der Staat war das preußische Sakrament.“

Alles hatte Friedrich II. darangesetzt, Voltaire, den ersten der Philosophen der Aufklärung, an seinen Hof zu holen. Ihm gegenüber erklärte er, der sich selbst als Philosoph verstand, er sei ein „Handwerker in der Politik“, und mit ihm wolle er über Politik nicht reden. Doch vielleicht wäre die Politik für Voltaire interessanter gewesen als das Korrekturlesen der philosophischen, historischen und poetischen Texte des Gastgebers. Schreibend waren sie beide mit der jüngeren Vergangenheit ihrer Länder beschäftigt, um auf die Gegenwart einzuwirken: Während Friedrich II. seine Ausgabe der Mémoires pour servir à l’histoire de la maison de Brandenbourg von 1748 erweiterte, überarbeitete Voltaire sein bereits 1737 Friedrich zur ersten Lektüre überlassenes, 1739 abgeschlossenes, doch noch nicht publiziertes Manuskript Siècle de Louis XIV., mit dem er versucht hatte, den Sonnenkönig, gegen den er als junger Mann angetreten war, gegenüber aktuellen Herabsetzungen zu rehabilitieren – oder sich selbst ihm gegenüber zu rehabilitieren. Aus der Vergangenheit holte er das Vorbild, das Friedrich II. brauchte, um Preußen in ein goldenes Zeitalter der Künste und Wissenschaften zu führen. „Barbaren“ waren Voltaire die Franzosen in den neun Jahrhunderten vor Ludwig XIV., „halbe Barbaren“ waren Friedrich seine Untertanen. „Das Zeitalter Ludwigs XIV. teilt also in jeder Hinsicht das Los der Zeitalter Leos X., Augustus’ und Alexanders. Die Gefilde, die in jenen ruhmvollen Tagen so viele Früchte des Genies er-zeugten, waren lange vorher zubereitet worden. Man hat vergebens unter den moralischen und den physischen Ursachen nach dem Grund für diese verspätete und eine lange Sterilität nach sich ziehende Fruchtbarkeit gesucht – der wahre Grund ist der, daß bei den Völkern, die die Künste pflegen, viele Jahre zur Reinigung der Sprache und des Geschmacks erforderlich sind. Sind diese ersten Schritte getan, dann entwickeln sich die Genies, der Wetteifer; die diesen neuen Bestrebungen sich zuwendende Gunst des Publikums regt alle Talente an, und jeder Künstler erfaßt in seiner Kunstgattung die natürlichen Schönheiten, die dieser Gattung zustehen.“ (Das Zeitalter Ludwigs XIV., 32. Kapitel: „Die schönen Künste“) In einem Manuskript von 1752, einem Brief an den Freund Jakob Friedrich Bielfeld als Antwort auf dessen Schrift Progrès des Allemands dans les sciences, les belles-lettres et les arts, particulièrement dans la poé-sie, l’éloquence et le théâtre, übertrug Friedrich II. auf Preußen, was er aus Voltaires Darstellung für die Formulierung seiner eigenen Aufgabe brauchen konnte: „daß in allem die Fortschritte ihre Zeit brauchen und daß der Kern, den man in die Erde steckt, erst Wurzeln fassen muß, dann aufgeht, seine Zweige ausbreitet und kräftig wird, ehe er Blüten treibt und Früchte trägt. Nach diesem Ablauf mustere ich sodann Deutschland, um den Punkt, an dem wir angelangt sind, gerecht abzuschätzen; ich halte meinen Verstand frei von jedem Vorurteil; die Wahrheit allein soll mich erleuchten. Ich finde noch eine halb barbarische Sprache vor, die in ebenso viele Dialekte zerfällt, wie Deutschland Länder und Ge-genden aufzuweisen hat.“ Erst müßten Kriege geführt werden: „Ein Augustus wird einen Vergil hervorbringen.“ Ein Manuskript, das er erst 1780 überarbeitet veröffentlichte.

Als zwei Schachspieler, die sich gegeneinander erproben sollten, hatte Aron Gumperz 1754 Gotthold Ephraim Lessing und Moses Mendelssohn einander vorgestellt. Der Dichter und der Philosoph fanden ihren Austausch in dem Spiel, von dem Leibniz gesagt haben soll: „Die erstaunliche Logik und die mathematische Exaktheit stellen das Schachspiel auf eine Stufe mit jeder exakten Wissenschaft, während Schönheit und Bildhaftigkeit seiner Ausdrucksform im Verein mit künstlerischer Phantasie es in eine Reihe mit allen anderen Künsten rücken läßt.“ Sie konnten ihr Verhältnis als Dichter und als Philosoph, die Aufgabe eines jeden im Gegenüber des anderen, sogleich 1755 in einer gemeinsam verfaßten, anonym publizierten Schrift darstellen: Pope ein Metaphysiker! – als Antwort auf die von der Akademie der Wissenschaften 1753 gestellte philosophische Preisaufgabe einer „Untersuchung des Systems von Pope, das in der Behauptung Tout est bien enthalten ist“. Doch ging es bei der Preisaufgabe – und das war allen sehr schnell klar geworden – nicht um Alexander Popes zwanzig Jahre früher geschriebenes Lehrgedicht Essay on Man, sondern um eine vom Präsidenten Maupertuis intendierte Befragung von Leibnizens Vorstellung der „besten der möglichen Welten“. Für Lessing und Moses Mendelssohn, beide Anhänger von Leibniz, eine Provokation – und unsinnig schon die Tatsache, einen Dichter nach einem philosophischen System zu befragen. Sie fanden als Bild der Klarstellung eines für sie beide: „Der Philo-soph, welcher auf den ,Parnaß‘ hinaufsteiget, und der Dichter, welcher sich in die Täler der ernsthaften und ruhigen Weisheit hinabbegeben will, treffen einander gleich auf halbem Wege, wo sie, so zu reden, ihre Kleidung verwechseln und wieder zurückgehen. Jeder bringt des andern Gestalt in seine Wohnungen mit sich; weiter aber auch nichts als die Gestalt. Der Dichter ist ein philosophischer Dichter, und der Weltweise ein poetischer Weltweise geworden. Allein ein philosophischer Dichter ist darum noch kein Philosoph, und ein poetischer Weltweiser ist darum noch kein Poet.“

Friedrich II. und Voltaire brauchten sich und bekämpften einander, um sich jeder durch den anderen des eigenen Machtzuwachses zu versichern. Die Form des Austausches zwischen Lessing und Moses Mendelssohn aber war ein Kleidertausch auf halber Höhe zwischen Parnaß und Flußtal, die Erprobung im Haushalt des anderen, die Erkenntnis im Tausch – eine Übergabe, die weitergeht an die Leser, das Publikum, die in die Gesellschaft eindringt.

Lessing war schon in Berlin, als Voltaire nach Potsdam kam, und fand den Kontakt zu dessen Sekretär Richier de Louvain. Er übersetzte einige Texte Voltaires und wurde Dolmetscher im Prozeß zwischen ihm und Abraham Hirschel, einem jüdischen Geschäftsmann, wegen ausdrücklich von Friedrich II. verbotener Geldgeschäfte, einer großangelegten Spekulation mit sächsischen Steuerscheinen. Er verfolgte, wie es Voltaire gelang, sich aus der Schlinge, die ihm Hirschel gelegt hatte, zu befreien, und dichtete darauf: „Herr V… war ein größrer Schelm als er.“ Als Lessing Druckbögen von Siècle de Louis XIV., die ihm Voltaires Sekretär zur Lektüre überlassen hatte, nicht vor seiner Abreise nach Wittenberg zurückgegeben hatte, schrieb ihm Voltaire einen heftigen Brief und machte ihn bei Hofe schlecht. Lessing erfuhr in Voltaires Interesse an der Macht – in dessen Hybris, Schärfe, Brillanz, Rücksichtslosigkeit, in dessen Wissen –, erfuhr in dessen Spiel die Macht. Ihr hatte er sich zu stellen – in einer Polemik, die für eine allgemeine öffentliche Diskussion jenseits der Sprache des Hofes taugte. „Fll“ war das Signum seiner Beiträge für die 1759 von ihm begründeten, von Moses Mendelssohn und Christoph Friedrich Nicolai mitgetragenen, anonym herausgegebenen Briefe, die neueste Literatur betreffend: flagellum = „Peitsche“ oder „Geißel“ = „Fll“: F II.

Mehr von:
Wolfgang Storch
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 90

Genre

Hauptthema:
  • Kunst und Philosophie in Preußen

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