LI 100, Frühjahr 2013
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Vom geistigen Tierreich

Über die Möglichkeit, Ereignisse ungeschehen zu machen

(…)

Einer Anekdote zufolge fuhr Alfred Hitchcock, der selbst Katholik war, einmal durch ein kleines Schweizer Dorf. Plötzlich zeigte er durch das Wagenfenster mit dem Finger auf jemanden und sagte: „Das ist die schrecklichste Szene, die ich je gesehen habe!“ Ein Freund, der neben ihm saß, blickte überrascht in die Richtung, in die Hitchcock gedeutet hatte. Er sah dort nichts Besonderes, lediglich einen Priester, der mit einem jungen Knaben sprach und diesem dabei die Hand auf den Arm legte. Hitchcock hielt an, kurbelte das Fenster herunter und rief: „Lauf um dein Leben, Junge!“ Auch wenn diese Geschichte sicherlich auch ein Ausdruck von Hitchcocks exzentrischer Selbstdarstellung ist, führt sie uns doch mitten ins „Herz der Finsternis“ der katholischen Kirche.

Das obszöne Geheimnis

Man denke nur an die zahlreichen Fälle von Pädophilie, welche die katholische Kirche erschüttern. Wenn deren Repräsentanten insistieren, bei diesen Fällen handele es sich, so bedauerlich sie auch seien, um eine innere Angelegenheit der Kirche, und sich heftig dagegen wehren, die Polizei bei ihren Ermittlungen zu unterstützen, dann haben sie damit in einem gewissen Sinne recht. Die Pädophilie der katholischen Priester betrifft nicht lediglich jene Personen, die sich aus zufälligen, mit ihrer privaten Geschichte zusammenhängenden Gründen, ohne Beziehung zur Kirche als Institution, als Priester berufen fühlten, sondern sie ist ein Phänomen, das die katholische Kirche als solche angeht und ihrer Funktionsweise als soziosymbolischer Institution eingeschrieben ist. Sie betrifft nicht das „private“ Unbewußte von Individuen, sondern das „Unbewußte“ der Institution selbst. Sie ist nicht etwas, das geschieht, weil die Institution sich der pathologischen Wirklichkeit des libidinösen Lebens anpassen muß, um zu überleben, sondern etwas, das die Institution selbst benötigt, um sich zu reproduzieren. Man kann sich sehr gut einen heterosexuellen, nicht pädophilen Priester vorstellen, der sich nach vielen Jahren im Dienst der Kirche auf pädophile Aktivitäten einläßt, weil ihn die Logik der Institution dazu verführt. Ein solches institutionelles Unbewußtes stellt die obszöne, geleugnete Kehrseite der öffentlichen Institution dar, die gerade als geleugnete diese Institution aufrechterhält. (In der Armee besteht die Kehrseite aus den obszönen sexuali-sierten Ritualen des „versehentlichen“ Tötens unfähiger Offiziere, durch das die Gruppen-solidarität aufrechterhalten wird.)

Mit anderen Worten: Die Kirche versucht nicht einfach aus konformistischen Gründen die peinlichen Pädophilieskandale zu vertuschen, sondern mit ihrer Selbstverteidigung verteidigt sie ihr innerstes obszönes Geheimnis. Das bedeutet, daß die Identifizierung mit dieser geheimen Seite ein wesentlicher Bestandteil der Identität eines christlichen Priesters ist. Wenn ein Priester diese Skandale ernsthaft, nicht bloß rhetorisch, verurteilt, schließt er sich damit selbst aus der kirchlichen Gemeinschaft aus, ist er nicht mehr „einer von uns“ (genauso wie ein Bürger einer Stadt in den amerikanischen Südstaaten sich in den zwanziger Jahren aus seiner Gemeinde ausschloß, wenn er den Ku-Klux-Klan an die Polizei verriet, sprich: die fundamentale Solidarität innerhalb der Gemeinde aufkündigte). Folglich sollte die Antwort auf das Sträuben der Kirche nicht einfach lauten, daß wir es hier mit kriminellen Fällen zu tun haben und die Kirche sich im nachhinein der Beihilfe schuldig macht, wenn sie sich nicht vollständig an den Ermittlungen beteiligt. Vielmehr muß die Kirche als solche, als Institution, im Hinblick darauf untersucht werden, wie sie systematisch die Bedingungen für derartige Verbrechen schafft. Was diese Verbrechen so verstörend macht, ist nämlich, daß sie sich nicht einfach in einem religiösen Umfeld ereigneten, sondern daß dieses Umfeld selbst Voraussetzung und Bestandteil dieser Verbrechen war und unmittelbar als Instrument der Verführung mobilisiert wurde.

„Die Verführungstechnik bedient sich der Religion. Fast immer wurde irgendeine Art von Gebet als Vorspiel benutzt. Die Orte, an denen die Belästigung stattfand, sind von Religiosität durchtränkt: die Sakristei, der Beichtstuhl, das Pfarrhaus, katholische Schulen und Clubs mit sakralen Bildern an den Wänden. (…) Es handelt sich um eine Verknüpfung der übertrieben strengen Sexuallehre der Kirche (etwa die Todsünde des Masturbierens, die selbst dann, wenn es sich um einen einmaligen Vorfall handelt, direkt in die Hölle führen kann, sofern sie nicht gebeichtet wird) mit einem Führer, der einen durch unerklärlich heilige Ausnahmen von unerklärlich dunklen Lehren befreien kann. [Der Täter] benutzt die Religion, um sein Vorhaben zu sanktionieren, wenn er Sex als Teil seines Priesteramts ausgibt.“ 

Doppelmoral

Die Religion wird nicht nur heraufbeschworen, um den Schauder des Verbotenen zu erzeugen, sprich: die Lust dadurch zu steigern, daß man aus Sex einen Akt der Überschreitung macht, sondern, schlimmer noch, Sex selbst wird unter religiösen Gesichtspunkten präsentiert, als die religiöse Heilung von der Sünde der Masturbation. Die pädophilen Priester waren keine Liberalen, die Knaben verführten, indem sie behaupteten, schwule Sexualität sei etwas Gesundes und Erlaubtes. Durch einen meisterhaften Gebrauch der Umkehrung, die Lacan als point de caption bezeichnet, beharrten sie zunächst darauf, daß die von einem Jungen gebeichtete Sünde (Masturbation) tatsächlich eine Haupt- oder Todsünde sei, und offerierten ihm dann homosexuelle Akte, wie etwa das Sich-gegenseitig-Masturbieren – also etwas, das nur als noch schwerer wiegende Sünde erscheinen kann –, als „Heilverfahren“. Der entscheidende Punkt ist diese geheimnisvolle „Transsubstantiation“, durch die das Verbote aussprechende Gesetz, das uns wegen einer läßlichen Sünde Schuldgefühle einflößt, in Gestalt einer viel größeren Sünde umgesetzt wird, als ob das Gesetz in einer Art Hegelschen „Einheit der Gegensätze“ mit seiner schwerwiegendsten Übertretung zusammenfiele. Und ist die Struktur der derzeitigen Politik der USA nicht eine Art politisches Pendant zu dieser katholischen Pädophilie? Das Problematische am neuen moralischen Elan dieser Politik ist nicht nur, daß in ihr Moral auf manipulative Weise ausgebeutet wird, sondern daß diese unmittelbar mobilisiert wird. Und das Problematische an ihrem Appell an die Demokratie ist, daß es sich dabei nicht einfach um Scheinheiligkeit und externe Manipulation handelt, sondern daß diese Politik „aufrichtiges“ demokratisches Streben unmittelbar mobilisiert und sich darauf stützt.

(…)

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Mehr von:
Slavoj Žižek
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 63
Aus dem Englischen von Nikolaus G. Schneider

Genre

Hauptthema:
  • Die Privatisierung des öffentlichen Raums und die Tierhaftigkeit des Menschen

Schlagworte

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