LI 105, Sommer 2014
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Die Lässigkeit der Eleganz

Über das Gelingen oder die Vollendung der Anstrengung in Leichtigkeit

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Das Wort elegantia kommt von dem Verb eligere: „auswählen“. Eleganz ist Gewähltheit. Das setzt die Mittel und die Freiheit voraus, auswählen zu können. Doch die Gewähltheit soll sich, um nicht angestrengt zu wirken, sorgsam (diligenter) hinter einer gewissen „nicht unangenehmen Nachlässigkeit“ (non ingrata neglegentia) verbergen. Eleganz ist die höchste Kunst, natürlich, beiläufig, einfach zu erscheinen, ähnlich wie die Anmut, die ihre Natürlichkeit ganz im Gegensatz zur Eleganz unbewußt, in Unschuld bewahrt. Doch auch die künstliche Natürlichkeit der Eleganz wäre nichts ohne das nescio quid, das gewisse Etwas, das man nicht lernen kann. Man hat es von Natur aus, oder man hat es nicht.

Von Xenophons Kyropädie über Castigliones Libro del Cortegiano, Graciáns El Héroe und El Discreto bis zum Freiherrn von Knigge und über ihn hinaus gibt es eine Literaturtradition zur Prinzenerziehung, Anleitungen zum vollkommenen Hofmann, zum Kavalier und Gentleman. Da geht es ums Jagen und Reiten, um Grundkenntnisse der freien Künste und der Rechtskunde, um Zeichnen, Tanzen, Musizieren und um Sicherheit in Fragen der Etikette, der Angemessenheit. Entsprechend die Erziehung zur Dame. Das Barock kannte noch eine Zeremonialwissenschaft, die Politik, Kameralistik, Rechtswissenschaft und Repräsentation zusammenfaßte.

Und immer ist die hohe Kunst Mühelosigkeit und Lässigkeit, die sprezzatura und desinvoltura, „jene nachlässige Ungezwungenheit“ oder „großzügige Nachlässigkeit“, das Ungekünstelte zu erkünsteln.1 „Man kann daher sagen, daß wahre Kunst ist, was keine Kunst zu sein scheint, und man hat seinen Fleiß in nichts anderes zu setzen, als sie zu verbergen.“2 Diese Lässigkeit heißt französisch nonchalence: Man erhitzt und ereifert sich nicht. Man bleibt locker und lässig. „Cool“ sagt man heute. Kamen früher die Begriffe für Lebensführung und gute Manieren aus dem Französischen (contenance, courtoisie, noblesse, nonchalence), so jetzt aus dem Angelsächsischen.

Die Guten und Schönen grenzen sich ab von denen, die nicht schön und gut sind. Auch untereinander wollen sie die Besten sein und überlegen den anderen. Darum eifern sie unter dem Anschein von Mühelosigkeit danach, sich in Tapferkeit, Klugheit, Sprache und Manieren auszuzeichnen. Dazu dient auch die Eleganz.

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Wenn die Reichgewordenen lernen wollen, was gut und schön ist, kommt Eleganz ins Spiel. Dann bekommen sie zu hören: „Echter Reichtum sollte – genau wie wirklicher Luxus – so unsichtbar wie möglich sein und nur wahrnehmbar für die wenigen Eingeweihten, die mit einem Blick feststellen können, daß ein einfacher dunkelblauer Wollmantel ein Balenciaga-Modell ist, das wahrscheinlich genausoviel kostet wie ein Pelzmantel.“4 Eleganz kostet Geld, Zeit und Verzicht auf Angeberei. Die stillen Signale einer sozialen Zugehörigkeit taugen nicht dazu, in der Massengesellschaft aufzufallen. Dafür eignet sich viel eher exzentrisches Verhalten.

Elegant ist nicht so sehr ein einzelnes Kleidungsstück oder ein Accessoire wie die Bewegung, mit der sie getragen werden. Die Mehrsilbigkeit betont den Bewegungscharakter der Eleganz. Die Bewegung vermittelt Erscheinung und Verhüllung, Innerlichkeit mit äußerem Verhalten ebenso wie Positionen im gleichen Raum, die Interessen der eigenen Person mit denen der anderen. Elegant ist die Vermittlung, wenn sie schicklich und geschickt zugleich ist.

Immer wieder reißt das Band zwischen Schicklichkeit und Geschicktheit. Der modische Chic lotet aus, wie stark die Eleganz ihre traditionellen Formen variieren kann, wie weit sie sich von ihnen entfernen darf. Wenn sich das Schickliche in Umständlichkeit (Formalismus) verstrickt oder in soziale Blasiertheit verliert (Schickeria), nimmt die Geschicktheit immer weniger Rücksicht auf sie. Der überkommenen Eleganz gelingt es dann nicht mehr, die Umstände und Schwierigkeiten aufzulösen. Die Geschicklichkeit muß Gewalt zu Hilfe nehmen, um die Widerstände zu überwinden oder in Selbstbetrug ausweichen, indem sie die Widerstände und Widersprüche einfach hinweg-eskamotiert.

Kopernikus, Kepler und Newton haben die Blickrichtung auf den Himmel verändert und dadurch die Berechnung der Planetenbewegungen in eine bessere Ordnung gebracht. Der Apfel, der Newton auf den Kopf fällt, bringt ihn auf den Gedanken, daß ein und dieselbe Kraft im ganzen Weltraum wirkt, die den Apfel fallen läßt und die Planeten in Ellipsen bewegt. Der Weltraum ist keine Zwiebel mit verschiedenen Schalen, Kammern oder Sphären, sondern ein Raum, ein Fach, einfach, aber riesig groß.

Manchmal gelingt im Aufräumen die große Vereinfachung. Nicht nur ein Zimmer kann in Ordnung gebracht werden, sondern gleich die Anordnung der Zimmer im Haus, die Gliederung des ganzen Raums. Das ist außerordentlich: eine neue, in sich gegliederte, reichhaltige Einfachheit.

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Cicero führt die Eleganz als eine verführerische Frau ein, deren Charme darin liegt, daß sie gerade nicht aufgeputzt ist und darum natürlich wirkt. Die Eleganz ist gewählt-nachlässig, fast leichtsinnig und eben darin erotisch betörend. Sie ist unbeschwert von der metaphysischen Last der Philosophie, das Schöne müsse das Gute und Wahre sein. Die Eleganz steht für das Wahrscheinliche. Sie kommt aus der Rhetorik. Belastet aber ist sie mit der Funktion der sozialen Distinktion. Sie muß die Guten und Schönen von denen unterscheiden, die ihre Mühsal nicht verbergen können.

Die Guten und Schönen leisten sich die Identität von schön und gut, die von der rhetorischen Angemessenheit weitergetragen wird. Die Edlen wollen gut und schön reden und handeln. Reden ist Handeln. Damit drängt die Eleganz in den Bereich der Klugheit. Die Rhetorik formuliert die Begriffe der adeligen Lebenskunst: Lässigkeit, nonchalence, désinvolture. Doch das Handeln soll nicht nur elegant wirken, die Eleganz soll auch erfolgreich sein. Sie haut einen vertrackten Knoten nicht durch, sondern löst ihn auf in einer Bewegung. Das englische smart erobert mehr und mehr das Begriffsfeld von „elegant“, wird aber noch zu sehr im Technischen aufgehalten. „Eleganz“ umfaßt den ganzen Bereich des Handelns und Machens und verkörpert hier die freie Bewegung zur Lösung hin, die noch im hergestellten Ding zu spüren ist.

Je mehr die unsichtbaren Aristokratien von rasch wechselnden Plutokratien abgelöst werden, desto konventioneller und traditioneller droht die Eleganz als soziale Distinktion zu werden. Das gewisse Etwas hat man erst nach Generationen. Sie könnte darum die Funktion der sozialen Distinktion abschütteln und zu ihrer Einmaligkeit finden. Denn sie lehrt keine Regel und Methode, sie löst den Einzelfall. Sie findet die richtige Lösung in den besonderen Umständen der Situation. Dieses Finden und Daraufkommen, die inventio, ist ihre hohe Kunst. Ihr Geheimnis ist die Lässigkeit, die mondäne Gelassenheit, das Paradox von diligentia und neglegentia, von Konzentrierung und Dezentrierung in einem. Einmalig ist die Eleganz außerordentlich. Sie beendet eine umständlich gewordene Ordnung und beginnt eine neue, einfache. Für den Umbruch setzt sie eher auf Klugheit als auf Gewalt.

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Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 11

Genre

Hauptthema:
  • Eleganz in der abendländischen Kultur

Schlagworte

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