LI 117, Sommer 2017
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Die Sprache tropft

Schalamow, Tschechow, Milne, Lorca, Rulfo

(…)

SCHNEE. Die Unterwelt ist die gewöhnliche Welt, nur nicht so gemäßigt, sondern heiß wie Mexiko und kalt wie der sibirische Winter. Warlam Schalamow beginnt seine Erzählungen aus Kolyma mit Schnee in Sibirien. Schnee, so weit das Auge reicht. Neuschnee. Fünf, sechs Männer trampeln einen Weg durch den Schnee. Einer der Männer geht voran und gibt die Richtung vor. Die anderen folgen ihm Schulter an Schulter. Sie treten nicht in seine Fußstapfen, sie treten um seine Fußstapfen herum einen Weg fest, auf dem dann Schlitten und Traktoren fahren können. Wenn der Vorangehende müde geworden ist, wird er von einem der Nachfolgenden abgelöst. Und so geht es weiter.
Die Männer sind Strafgefangene. Sie machen Wege und können auf ihnen nicht entkommen. Die Wege verlaufen zirkulär im Schnee. Das Lager bräuchte eigentlich keine Zäune und Wachtürme. Die Kälte friert die Gefangenen fest, entzieht ihnen die menschliche Wärme und läßt ihnen nur noch den Trieb, irgendwie zu überleben.
Windstille muß herrschen, wenn man die Wege festtritt. Sonst verwehen sie wieder. Es ist zu kalt, den Mund aufzumachen. Niemand spricht. Die Sprache spricht. Der Schnee ist die Sprache. Sie hat sich über alle Dinge gelegt. So entsteht die Welt der Menschen, der sprechenden Tiere. Sie sind in der Sprache gefangen. Ein Mantel von Lauten, Zeichen und Bedeutungen bedeckt, was wir wahrnehmen. Die Zeichen zeigen auf andere Zeichen. So erst tauchen für uns die Dinge auf. Sie bedeuten etwas. Wenn wir die Bedeutung nicht gleich erfassen, suchen wir nach ihr. Was bedeutet das Gehen durch den Schnee am Anfang der Geschichten aus einem sibirischen Gefangenenlager? Wenn die Männer im Neuschnee die Dichter sind, ist ihr Einsinken nicht nur Qual.
Die Wege im Schnee verlaufen im Kreis. Der Vorangehende im Neuschnee sinkt tief ein. Doch der Grund, auf den er sinkt, ist wieder Schnee, verharscht und vereist. Wann stoße ich endlich auf den Boden? Wir gehen auf festen Wegen, weil sie längst festgetreten sind. Doch die Dichter, die Liebhaber der Sprache, stapfen durch den Neuschnee. Das Einsinken ist ihr Glücksgefühl, für Augenblicke den Boden unter den Füßen verlieren, das langsame Stürzen in die zarte, weiche Hülle, bis sie irgendwo wieder aufkommen, erfrischt, belebt, befreit von den festgestampften Bedeutungen. Der Sinn ist leicht geworden. Von der Sprache gefesselt sind sie begeistert und befreit und können von der Hölle berichten.

NOCH EINMAL WINTER in Rußland, Schnee, Frost und klarer Himmel, aber milder als in Kolyma. Ein Junge und ein Mädchen rodeln den Berg hinunter. Das Mädchen hat Angst. Sie will nicht. Der Junge hat sie überredet. Er hat vielleicht auch Angst. Wann hat er schon einmal ein Mädchen im Arm gehabt? Während der Schußfahrt des Schlittens flüstert er ihr fast wie einen Kuß ins Ohr: „Ich liebe Sie, Nadjenka.“ Nadjenka glaubt, nicht recht gehört zu haben: Ist es der Fahrtwind, aus dem sie diese Worte heraushört, oder kamen sie von dem Jungen hinter ihr? Sie traut sich nicht zu fragen und will es dennoch wissen. Darum fährt sie trotz aller Angst wieder und wieder mit dem Jungen den Berg hinunter. Und der flüstert ihr jedesmal den einen Satz ins Ohr. Schließlich macht sie die Gegenprobe und fährt todesmutig allein auf dem Schlitten den Berg hinab. Doch sie erlangt keine Gewißheit.

(…)

Die Sprache spricht. Wind, Ohrensausen. Das Mädchen glaubt, etwas gehört zu haben. Auch der Junge hat etwas gehört oder gelesen, weiß aber noch nicht, was es bedeutet. Er probiert den Satz einfach aus. Hat das, was er vage fühlt, etwas mit dem zu tun, was Liebe genannt wird? Ruft womöglich das Wort dieses Gefühl überhaupt erst hervor?
Die Welt ist verschneit, alles in Sprache gehüllt. Über allem liegt Schnee. Wege sind in ihm festgestampft und eingefahren, Worte, Sätze, die unser Verhalten und Gefühl bahnen. Die Liebe ist ein steiler Weg, abschüssig, eine Rodelbahn. Man möchte am liebsten zu zweit fahren, von einem festgehalten, wenn der Schlitten Fahrt gewinnt und nicht mehr zu bremsen ist. Wird er wenigstens die Spur halten? Der Verlust von Kontrolle muß aufgefangen, die Angst vor ihm in Kauf genommen werden.
Die Liebhaber der Sprache genießen das Einsinken in den Neuschnee, die Liebenden die Angst und Lust, sich fallen zu lassen, nicht senkrecht hinunter, sondern schräg, die rasende Schlittenfahrt ohne Bremse, aber mit Auslauf. Der Junge probiert die Worte aus, dem Mädchen genügt schon das ungewisse, berauschende Gefühl, geliebt zu werden.
Die Sprache legt dem Jungen einen ungeheuren Satz in den Mund. „Ich liebe Sie, Nadjenka.“ Das altmodische „Sie“ hebt den Abstand hervor, den die Liebe mit Hilfe der Sprache überwinden will. Der Satz ist keine Aussage über einen Sachverhalt, sondern – als Scherz in der Schwebe gehalten – Ausdruck eines Verlangens. Die Sprache verlängert den Arm. Ich möchte etwas erlangen, erreichen.
Die Liebe bewegt sich in der Spannung zwischen Verlangen und Verzicht, zwischen Begierde und Selbstlosigkeit. Je selbstloser sie ist, desto mehr kann der Gegenstand der Begierde zu einer Person mit Namen werden. „Ich liebe Sie, Nadjenka.“ Das Wort fordert eine Antwort und fürchtet sich zugleich vor ihr. Wer spricht, riskiert etwas, er gibt sein Wort. Das bindet ihn. Der Junge müßte die Unverbindlichkeit des Scherzes aufgeben und wäre abhängig von der Antwort. Sie kommt wiederum von einer Person, sei sie Mensch, Tier, Blume oder Stofftier. Die Sprache ist der Liebe ähnlich. Auch sie bewegt sich zwischen Verlangen und Verzicht, Habenwollen und Seinlassen. Sie ruft, befiehlt, jammert, verflucht, beschwört, schwindelt, verführt, behauptet dies und das und versucht zu beschreiben, berichten, erzählen, was passiert ist, so zutreffend wie nur irgend möglich.
Das Mädchen traut sich nicht zu antworten. Der Junge flüstert ihm von hinten ins Ohr. Sie sind noch nicht einander zugewandt. Von Angesicht zu Angesicht zählt jedes Wort, der Tonfall, der Augenblick, das Unausgesprochene wie das Ausgesprochene. Ein falsches Wort, und ich breche ein in einen verharschten Untergrund, eine glückliche Wendung, und der Schlitten gewinnt an Fahrt. Der Ernst stockt, der Scherz kann über seinen Einbruch hinweggleiten, ohne ihn zu verleugnen. Dieser zarte Augenblick – fiel überhaupt ein Wort? – kann erzählt und aufgeschrieben werden.

(…)

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Im Heft auf Seite 11
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