LI 098, Herbst 2012
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Und nach den Tyrannen?

Macht, Verwandtschaft und Gemeinschaft in der Arabellion

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Welchen Verlauf werden die sozialen Umbrüche in Syrien nehmen, nun, da der politische Aufstand in einen Bürgerkrieg umgeschlagen ist? Ist es möglich, vorauszusehen, welche Gestalt Autoritätsbeziehungen in einem zukünftigen Syrien annehmen werden – und wie sich staatliche Macht manifestieren wird? Die Revolutionen in den arabischsprachigen Ländern begannen am 16. Dezember 2010 in Tunesien mit der Selbstverbrennung des Straßenhändlers Muhammad Bouazizi und haben eine Dynamik der Gruppenbildung ausgelöst, die von Marokko bis zu den Golfstaaten reicht. Diese Dynamik ähnelt derjenigen, die nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Entkolonialisierung in Gang gesetzt wurde und die nicht nur politische Strukturen und Allianzen radikal erschütterte, sondern auch alle Formen lokaler Autorität fundamental in Frage stellte.
Es wäre falsch, zwischen den jüngsten Aufständen in der arabischen Welt und den populären Revolutionen europäischen Stils Analogien herzustellen: Es gibt keinen vergleichbaren „Sturm auf die Bastille“, der die autoritären Regime nachhaltig verändern könnte. Es ist äußerst unwahrscheinlich, daß der euro-amerikanische Wunsch nach demokratischen Formen in rechtsstaatlichen, halbautonomen und zentralisierten Staaten erfüllt werden wird. Tektonische Verschiebungen des Machtgefüges sind greifbar – der Verlauf dieser Prozesse wird jedoch nicht von sichtbaren politischen Veränderungen bestimmt werden. Vielmehr werden es lokale Identifikationsprozesse sein, durch die neue Formen von Autorität herausgebildet werden, und diese unterscheiden sich fundamental von Gruppenbildungsprozessen, wie sie in Europa und Amerika zur Zeit der großen Revolutionen stattgefunden haben. Die Identifikation mit einer Gruppe aber ist eine Verhaltensweise, die erlernt wird in und durch Verwandtschaftsbeziehungen.

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Wenn autoritäre Regierungen gestürzt und Führer umgebracht, eingesperrt oder ins Exil getrieben werden, sind Formen emotionaler Anbindung, Zugehörigkeit und Solidarität für die Bildung einer neuen Gemeinschaft zentral. In arabischen Gesellschaften ist diese Gemeinschaft die umma, und die Vorstellung neuer Gemeinschaften steht im Zeichen der Mutter (umm) und nicht des Vaters (abu). Die umma kann sich auf die vorgestellte Gemeinschaft [imagined community] eines Landes, einer Stadt oder einer Verwandtschaftsgruppe beziehen; sie kann ein imaginäres Kalifat sein oder ein islamisches Gemeinwesen, das sich vom südlichen Spanien bis nach Indonesien erstreckt. Eine Betonung des mütterlichen Registers impliziert nicht, daß eine Gemeinschaft ohne Beachtung des Vertikalen operieren kann, ohne Abstammungssysteme oder Führer, ohne Objektliebe. Die geisterhafte oder real-handfeste Wiederkehr einer Vaterfigur wirft immer ihre Schatten auf Beziehungen sozialer Zugehörigkeit, insbesondere wenn sich eine Gemeinschaft auflöst und nach dem Tod eines Vaters/Führers danach strebt, neue  Gestalt anzunehmen.

Aufgrund meiner ethnographischen Feldforschung in Aleppo zwischen 2004 und 2008 kenne ich mich mit den Gegebenheiten in Syrien am besten aus. Dort  begann die Revolte zwei Monate nach Bouazizis Selbstopferung in und für Tunesien. Sie setzte Anfang März 2011 ein, in der Stadt Daraa, nachdem die Polizei 15 Kinder, zwischen neun und 15 Jahre alt, und alle Angehörige der Familie al-Abazid festgenommen und ins Gefängnis gesperrt hatte. Sie wurden beschuldigt, Slogans gegen das Regime an die Schulmauer gesprüht zu haben.

Präsident Baschar al-Assad und die regierende Baath-Partei haben konsequent abgelehnt, auf die Macht zu verzichten oder sie mit einer Opposition zu teilen. Baschar verlangt von einem Volk, das aus unterschiedlichsten Gruppierungen besteht, die sich entlang Stammes- und Religionszugehörigkeiten organisieren, ihm im Namen eines vereinten Syriens zu folgen. Er tut dies, obwohl er zu der schiitischen Minderheit der Alawiten gehört und Syrien unter den Assads – in der Analyse Malise Ruthvens – „zu einem Militärstaat (wurde), der von einer Verwandtschaftsgruppe kontrolliert wird, die von tribalen Loyalitäten und dem Glaubenssystem einer Minderheit zusammengehalten wird“.
 
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Im gesamten Mittleren Osten fordern die gegenwärtigen Revolten autoritäre Herrschaftsformen heraus und beanspruchen, ihre Herrschaft im Zeichen des kulturellen Idioms patrilinealer Abstammung zu legitimieren. In Frage gestellt werden die Machtverhältnisse aus der Peripherie heraus, von Marginalisierten und Abhängigen, und weniger von den Machtzentren her. Es ist bemerkenswert, daß in den Revolten die dominanten Kategorien des Idioms kultureller Hierarchie – Alter und Geschlecht – nicht respektiert wurden; es waren junge Männer und Frauen, die die Revolten anführten und dabei zum Teil auch von ihren Eltern unterstützt wurden. Außer in Ägypten bei der Besetzung des Tahrirplatzes und in Libyen auf dem Gerichtsplatz  von Benghasi (aber eben nicht in Gaddafis Domäne Tripoli) haben die Aufstände zumeist abseits öffentlicher Plätze ihren Anfang genommen, in Vororten und abseits gelegenen Gebieten, eher an Rändern als in Zentren und oft mit geringer Organisation. Globale Medienanstalten haben die Bilder dieser Unruhen zirkulieren lassen, und Reporter eines arabischen Fernsehsenders, al-Dschazira, standen für eine Berichterstattung ein, die gegenüber den herrschenden Regimen kritisch auftrat (zumindest solange nicht die Interessen der sie protegierenden Dynastie in Qatar berührt wurden).

Diese Umkehrung der Hierarchien und der Druck von den Rändern auf das Zentrum signalisiert eine panarabische kulturelle Kehrtwende in den Autoritätsbeziehungen, bei aller Diversität der arabischen Gesellschaften.
 
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Während der Jahre autoritärer Herrschaft haben religiöse Führer die kohärentesten Sozialprogramme einer Rundumversorgung durch islamische Wohlfahrtsorganisationen entwickelt und Korruption weitgehend vermieden. Sie haben die mütterlichen Aspekte der umma in ihrer sozialen Praxis umgesetzt. Gleichzeitig operieren sie, wenn es um die Anerkennung von Vielstimmigkeit und Differenzen geht, pluralistischer, als es die Rhetorik mancher lokaler Führer vermuten läßt. Während diese Führer über Verwandtschaftsfragen keine Kontrolle besitzen – außer bei Eheschließung und Ehescheidung, was angesichts des Fehlens von Zivilehen in den meisten arabischen Staaten ein nicht zu unterschätzender Faktor ist –, monopolisieren sie das Heilige und damit die Ambiguitäten und Ambivalenzen von Leben und Tod. Dadurch sind sie in der Lage, den vielen Opfern der Revolten einen Sinn zu geben und den Toten eine Bedeutung zu verleihen. Vielleicht vermögen sie es auch, neue Solidaritäten zu schaffen, die auf horizontaler Zugehörigkeit basieren, wie es die Idee der Muslimbruderschaft vorsieht.

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Wenn islamische Bewegungen politische Parteien werden, müssen sie sich von horizontal organisierten Bruderschaften in vertikal organisierte Parteien verwandeln mit zentralisierten, exekutiven und repräsentativen Funktionen und ordnungsgemäßen Prozeduren der Nachfolge. Vorerst ist abzusehen, daß in den arabischen Staaten, in denen religiöse Bewegungen die Führung übernommen haben, libidinöse Bindungen hinter die formale Organisation hierarchischer Autorität zurücktreten werden. Ob die neuen Regierungsparteien eine Konzeption von legitimer und notwendiger Opposition sowie ein Verständnis von der Bedeutung der Minderheitenpositionen gegenüber der Machtfülle einer Mehrheit entwickeln werden, hängt davon ab, wie legitime Interessen in alten und neuen Gruppierungen artikuliert werden können und ob deren Artikulation in Parteien und außerparlamentarischer Opposition verhindert werden wird.

Mittlerweile hat sich auch in Tunesien, ähnlich wie in der Türkei, eine Mehrparteienkoalition aus Islamisten und unterschiedlichen säkularen Gruppen gebildet. Die herrschenden Parteien in beiden Staaten haben Konzepte für eine integrative Gemeinschaft entwickelt, und zwar nicht entlang formal gleichgestellter Bruderschaft, sondern entlang hierarchisch organisierter Nichtverwandtschaft. Ich meine nicht, daß hier ein Gleichgewicht zwischen Mehrheits- und Minderheitsherrschaft hergestellt worden ist. Die herrschende Mehrheit in der Türkei verweigert einigen Minderheiten im Land, etwa den Kurden, die volle Berücksichtigung ihrer Rechte. Dennoch verweisen diese beiden Beispiele auf die Möglichkeit einer demokratischen Transformation: von autokratischen Herrschern zur Übernahme der Regierungsverantwortung durch oppositionelle religiöse Widerstandsbewegungen, die mit Andersdenkenden koalieren.
 
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In islamischen Visionen der Herrschaft war das mütterliche Register im Mittleren Osten immer äußerst lebendig, und es wurde energisch aufrechterhalten. Aber galt dies nur, solange sich die Islamisten in der Opposition befanden? Der Erfolg ihrer zukünftigen Herrschaft wird von ihrer Fähigkeit abhängen, diesen Bezugsrahmen kontinuierlich zu gestalten und zugleich eine Pluralität von Ordnungsvorstellungen zuzulassen. Es ist möglich, daß die Bedingungen, die für die Existenz und das Fortbestehen einer Nation notwendig sind – wie die Integration in die Weltwirtschaft durch staatlich vermittelte Strukturen – bis auf weiteres für eine Vielzahl von jungen Männern und Frauen in den sich wandelnden arabischen Gesellschaften nicht gegeben sein werden. Möglicherweise sind die meisten postkolonialen Gesellschaften schlicht zu spät dran, um zu selbstbestimmten Nationen zu werden.
 
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Mehr von:
John Borneman
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 33
Aus dem Englischen von Martin Zillinger und Daniele Saracino

Genre

Hauptthema:
  • Zukunft der arabischen Gesellschaften nach der Arabellion

Schlagworte

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