LI 097, Sommer 2012
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Veloziferische Exzellenzen

Bologna-Prozeß und Exzellenzinitiative verbindet nicht zuletzt eines: der entschlossene Versuch, die Zeit zu kontrollieren, zu beherrschen und, wo irgend möglich, zu beschleunigen. Wenn Modularisierung und Quantifizierung zu Instrumenten dafür werden, die Zeit des Studiums zu reduzieren, die Zeit der Studierenden über workloads zu kontrollieren, die erhöhte Verfügbarkeit der Lehrenden zu implementieren und diese durch stark aufgeblähte Verwaltungen, die an alle immer neue Aufgaben verteilen, zu reglementieren, dann zeigt dies nur die gut sichtbare Seite der exzellenten Arbeit an der Zeit. Doch sie ist vor allem eines: Arbeit am Mythos.

Denn die andere Seite dieser Arbeit an der Zeit betrifft die Selbstinszenierung der neuen Eliten selbst. Sind sie nicht Herren der Zeit, die vor allem auf eines abzielen: auf eine immense Beschleunigung aller Prozesse? Da kann es schon einmal vorkommen, daß eine entschlußfreudige Dekanin einem Institut nicht mehr als drei Wochen zugesteht, um einen neuen Studiengang zu entwickeln, da die verwaltungstechnische Seite mehr als sieben Monate in Anspruch nehme, zum Wintersemester aber alles funktionstüchtig „ans Netz gehen“ müsse.

(…)

Die neuen Bologna- und Exzellenz-Eliten zeichnen sich nicht durch die Entfaltung komplexen Denkens, sondern einer möglichst hohen Handlungsgeschwindigkeit aus, die allem reiflichem Überlegen immer schon zwei Schritte voraus sein muß, soll ihre Macht, die auf der Beschleunigung − und damit Verknappung − von Zeit beruht, nicht in Gefahr geraten, kritisch reflektiert zu werden. Eine Studienordnung löst die andere ab, ein Exzellenzprogramm das andere. Wege zurück kann es nicht geben, die Trümmerberge der Kollateralschäden versperren die Sicht.

Im Bestiarium von Bologna bilden die veloziferischen Exzellenzen folglich längst eine neue Spezies aus, die sich durch proklamierte Programmatik und teuflischen Tatendrang ausweist. Sie reden von Zukunft, weil es ihnen um die Beherrschung der Gegenwart geht. Sie sprechen mit hundert Köpfen und bilden doch denselben einzigen Körper. Sie gehen nicht ins Netz, sie sind es.

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Mehr von:
Ottmar Ette
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 124

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