LI 110, Herbst 2015
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Elf Thesen zur Laizität

Religion, Freiheit und Demokratie

Die Laizität ist buchstäblich zu einer Frage von Leben und Tod geworden. Nicht von ungefähr ist sie die Kernfrage der Demokratie. Auch wenn wir das vergessen und die Laizität als etwas so Selbstverständliches betrachtet hatten, daß selbst namhafte „laizistische“ Denker deren Überwindung mit deren Aufhebung (im Hegelschen Sinn) gleichsetzten: die postsäkulare Gesellschaft. Am 7. Januar 2015 holte der islamische Terrorismus die Demokratien in die Wirklichkeit zurück. Das Massaker in der Redaktion von Charlie Hebdo war eine Kriegserklärung an Meinungsfreiheit und Laizität, an die Entzauberung und die Moderne und somit an die zunehmend breitere und tiefere Ausgestaltung dessen, was logisch und historisch das Fundament der Demokratie bildet.

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In diesem Kampf der Kulturen steht nicht die jüdisch-christliche Welt dem Islam gegenüber, vielmehr werden die Spaltungen und Konflikte im Inneren dieser beiden und aller anderen kulturell-geopolitischen Gefüge ausgetragen. Kein heiliger Krieg zwischen Religionen also, sondern der Krieg des Heiligen gegen den autos nomos, das „Sich-selbst-das-Gesetz-Geben“, die Selbstsouveränität des Homo sapiens, die auf dieser Erde an die Stelle des heteros nomos tritt, der Souveränität Gottes als Quelle für das Diktat von Vorschriften und Werten, Rechten und Pflichten jedes einzelnen.

Des Heiligen gegen die Entzauberung. Ein Krieg, bei dem der intransigente vom kompromißbereiten Laizisten weiter entfernt ist als der Gläubige vom Ungläubigen. Dieser Krieg läßt die beiden großen historischen „Parteien“ erkennbar werden, in die sich der Westen aufgespaltet hat: die Partei derjenigen, die der Entzauberung und ihrer Logik Geltung verschaffen wollen, und die Partei der Heuchler, die sie nur im Munde führen.

Die Laizität ist eine zwingende Folge der Entzauberung, und die Freiheit bis hin zur Verspottung jeglicher Macht wiederum ist eine zwingende Folge von beidem: die volle Ausübung des autos nomos, dessen höchste Stufe somit der Libertäre (und der Libertin) ist, der erklärt: ni Dieu ni maître.

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Die Religion ist nur dann mit der Demokratie vereinbar, wenn sie bereit und daran gewöhnt ist, Gott aus den staatsbürgerlichen Belangen und Konflikten auszuschließen; wenn sie bereit ist, das erste Gebot der republikanischen Souveränität zu erfüllen: Du sollst den Namen Gottes nicht im öffentlichen Raum aussprechen.

Die Religion ist nur dann mit der Demokratie vereinbar, wenn sie gezähmt ist, sich also zur absoluten Autonomie der zivilen Normen gegenüber dem religiösen Gesetz bekehrt hat. Nur wenn die Religion akzeptiert, daß die religiöse Sanktionierung der Sünde nicht die Hilfe des säkularen Arms in Anspruch nehmen darf, um diese Sünde zur Straftat zu erklären. Mehr noch, die Religion muß die Freiheit zur Sünde als das Recht eines jeden Staatsbürgers anerkennen: die Freiheit zur gesetzlich garantierten und geschützten Todsünde, wenn die Souveränität des autos nomos es so beschlossen hat. Anerkennen und verinnerlichen.

Die mit der Demokratie vereinbaren Religionen sind somit zahme Religionen. Sie haben allen militanten Glaubensüberzeugungen (der Scharia und den Märtyrern ebenso wie den Legionären Christi und anderen Gemeinschaften und Befreiungen)1 abgeschworen, die der religiösen Moral weltliche Geltung verschaffen wollen. Es sind unterworfene Religionen, welche die Unterlegenheit des „Gesetzes Gottes“ gegenüber dem souveränen Willen der Menschen auf dieser Erde verinnerlicht haben.

Es sind re-formierte Religionen, denn sie erziehen den Gläubigen zu einem Leben, das sich problemlos zwischen der Heilsordnung und der Ordnung des menschlichen Miteinanders aufteilt, zwischen dem persönlichen Gehorsam gegenüber den göttlichen Geboten und der Pflicht, der Freiheit aller anderen, diese Gebote zu verletzen, Geltung zu verschaffen.

Die altehrwürdige Formel „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“ ist absolut unbrauchbar, weil sie keine Grenze zwischen den beiden Bereichen zieht. Wer entscheidet, was Gottes ist und was des Kaisers: Gott oder der Kaiser? Wenn aber der „Kaiser“ der autos nomos von allen und jedem ist, ist keine Doppeldeutigkeit mehr hinnehmbar: Die demokratische Souveränität ist die einzige Souveränin, und sie stiftet die religiöse Freiheit als Kult- und Gewissensfreiheit, solange sie nicht den republikanischen Freiheiten ins Gehege kommt und solange die Gläubigen die „Trennmauer“ zwischen Politik und Glauben als wirklich unabdingbare bürgerliche Pflicht akzeptieren.

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Die Moderne entsteht aus der kontingenten Synergie von Häresie + Naturwissenschaft, wobei die Naturwissenschaft (die heutige, nicht die in ihren Anfängen) gezeigt hat, daß sie sich assimilieren und der Religion anverwandeln läßt und mit einer defizitären Laizität vereinbar ist. Im Fundamentalismus eines Chomeini verträgt sich der Tschador mit dem elektronischen Chip, im terroristischen Fundamentalismus mit Hightech-Sprengstoff und mit Hackerangriffen im Internet. Anders die Häresie. Läßt man der Häresie freien Lauf, zerbricht sie die Geschlossenheit einer Glaubensgemeinschaft, legitimiert den Dissens bis hin zum einzelnen Dissidenten, mutiert zu Gewissens-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit und erhebt die uneingeschränkte Forderung nach gleicher Souveränität.

Die Einforderung von Respekt für die eigene Religion, verbunden mit der öffentlichen Anerkennung jeder Gemeinschaft, deren Vehikel sie ist, negiert das Individuum gerade in seinem Recht auf Häresie, auf Apostasie, auf eine singuläre Existenz, fesselt es an die Zugehörigkeit zu einer Glaubens- und Blutgemeinschaft und reduziert es auf eine Funktion der Gemeinschaft. Wer den Respekt für das Heilige einfordert, verlangt gleichzeitig, ob er sich dessen bewußt ist oder nicht, Respekt für eine Gemeinschaft der Gläubigen, in welcher der nomos des Glaubens und der Hierarchien Hand in Hand gehen – etwas, das der einzelne respektieren, nachahmen und fördern muß. Einschließlich der körperlichen und geistigen Erniedrigung der Frau, immer und überall. Der Westen, der in London Scharia-Gerichte erlaubt, um Ehe-, Familien- und Erbstreitigkeiten beizulegen, der in Berlin zuläßt, daß Mädchen vom Biologie- und Sportunterricht fernbleiben, und der in den Großstädten der Alten und der Neuen Welt so tut, als wisse er nichts von Zwangsehen, die hunderttausendfach geschlossen werden, tritt die elementarsten Freiheiten mit Füßen, die dieser Westen seit Jahrhunderten als unveräußerlich und sogar von einer erdrückenden Mehrheit unantastbar proklamiert hat – Freiheiten, die man heute der Willkür patriarchalischer Minderheiten ausliefert. Eine Form des Rassismus.

Der Respekt, den die Demokratie braucht, ja der ihre Grundlage bildet, bezieht sich auf die Freiheiten aller und jedes einzelnen, einschließlich der Kritik, die als Verhöhnung wahrgenommen wird – nicht auf die „Freiheit“ von Gemeinschaften, die jene Freiheiten vereiteln und zerstören möchten.

Gleiche Staatsbürgerschaft ist die einzige Identität, welche die Demokratie als unverbrüchlich zu schützen hat: indem sie mit der Erziehung zur Laizität verhindert, daß die Gewalt, aber auch der soziale Druck und die psychologische Manipulation die Unterwerfung unter den patriarchalischen Konformismus perpetuieren.

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Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 13
Aus dem Italienischen von Rita Seuß

Genre

Hauptthema:
  • Der Ausschluß Gottes aus den staatsbürgerlichen Belangen und die säkulare Trennung von ziviler Macht und religiösem Gesetz

Schlagworte

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