LI 109, Sommer 2015
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Fingerabdruck

Wie kommt der Krieg ins Kind?

(…)

Dichte Welt

Was machte jedes Wort meiner Mutter so stark, zu einem unumstößlichen Gesetz für uns Kinder? Ihre Sprache wurzelte in existentiellen Erfahrungen, war eins mit ihnen. Namen und Dinge verschmolzen miteinander, was sie aussprach, waren nicht Wörter, es war Wirklichkeit. Alles konnte ich genau vor mir sehen, nein, ich sah es nicht, alles war Gefühl, Geheimnis. Der Name eines Lagers und damals polnischen Staatsguts, auf dem sie drei Jahre Zwangsarbeit leistete, Chwaliszewo, hatte für mich als Kind eine große, dunkle Strahlkraft – als wäre Chwaliszewo ein Tor zu einer phantastischen, unheimlichen Welt, die sich in die Landschaft des Schwarzwalds, wo wir lebten, seltsam einfügte, zuweilen plastischer und wirklicher noch als alles, was ich mit Händen greifen konnte. Einmal würde ich sogar mit meiner Mutter hinfahren … Der schmiedeeiserne Namenszug ragt noch heute in rostiger Nüchternheit über dem Zufahrtsweg: CHWALISZEWO.

In den Tagebüchern, die meine Mutter nach ihrer Entlassung aus der Gefangenschaft 1949 zu schreiben beginnt und die ich jetzt, vier Jahre nach ihrem Tod, lese, notiert sie, daß vieles von dem, was sie erlebt habe, in ihrem Tagebuch nicht vorkomme, weil es nicht geschrieben werden könne und nicht geschrieben werden dürfe. Sie nennt die Zeit zwischen dem 1. Februar und dem 8. April 1945, versieht das Datum mit doppeltem Ausrufezeichen. Daten und Satzzeichen müssen genügen, um ihre Erinnerung zu sichern – für sich selbst und gegen den Blick von außen. Natürlich weiß sie und würde nie vergessen können, was sich in jenen Tagen abspielte. (Sie besaß ein geradezu absolutes Gedächtnis, das einmal Gehörtes und Gelesenes auf alle Zeit bewahrte und stets griffbereit hielt.) Es ist überflüssig, ja unmöglich, konkreter zu werden, die Verletzung zu benennen. Die Tragweite und vernichtende Kraft eines Ereignisses wird gerade darin deutlich, daß es nicht benannt werden kann und auch nicht darf – nicht einmal vor sich selbst in der Abgeschiedenheit ihres Tagebuchs. Das Datum schließt eine Wunde, die nicht berührt werden darf. Sie würde sie nie aus dem Blick verlieren.

Die Macht der Auslassung

Mit meinem heutigen Wissen kann ich das Datum ergänzen: Am 1. Februar 1945, zehn Tage nach ihrem Aufbruch, wird der Flüchtlingstreck meiner Mutter zwanzig Kilometer nordöstlich von Frankfurt an der Oder bei Zerbow/Serbów von der Roten Armee (genauer von der 1. Weißrussischen Front) überrollt, gestoppt und wieder ostwärts geleitet. Am 8. April wird meine Mutter in Leichholz/Drzewce verhaftet und getrennt von Mutter und Schwester verschleppt. In der im Tagebuch erwähnten unaussprechlichen Zeit zwischen dem 1. Februar und dem 8. April 1945 befinden sich die Flüchtlinge in russischer Hand. Meine Großmutter, seit einer Tumoroperation an der Wirbelsäule gelähmt und hilflos, rät ihren vierzehn- und achtzehnjährigen Töchtern, sich steif wie ein Brett zu machen, wenn die Russen sie holen. Ein halbes Jahr würde sie auf die Rückkehr ihrer älteren Tochter, vier Jahre auf ihre jüngere warten. Ihre Nichte würde die Bewegungsunfähige in einem Leiterwagen auf einer monatelangen Odyssee durch ein verwüstetes, in Chaos und Gewalt gestürztes Land ziehen, ehe sie bei Verwandten ankommen und Aufnahme finden würden. In meiner Kindheit fielen solche Daten völlig unvermittelt während der gemeinsamen Mahlzeiten. Die Floskel „heute vor soundso vielen Jahren“ kündigte den Beginn einer Geschichte an und zugleich ihr Ende. Ein Datum, gefolgt von Schweigen, hieß, daß an jenem Tag vor soundso vielen Jahren etwas Unaussprechliches geschah. Auch Geburtstage waren schrecklich, es waren die Geburtstage von Toten. Der 21. Januar 1945, ein Sonntag, war so ein Datum: In den frühen Morgenstunden des 21. Januars beginnt, nach der von Gauleiter Arthur Greiser offiziell erteilten Räumungserlaubnis, die Flucht meiner Familienangehörigen aus dem Posener Raum. Zu spät, wie sich schnell herausstellen sollte, um der sich zügig westwärts kämpfenden Sowjetarmee zu entkommen. Am selben Tag, ebenfalls am 21. Januar, wie ich jetzt lese, befreit die Rote Armee das gut hundert Kilometer nordöstlich von Posen, nahe Bromberg gelegene SS-Lager Potulice. Das sich leerende Lager sollte sich schnell wieder füllen, nicht nur mit Kriegsgefangenen und deutschen Zivilisten, auch mit Angehörigen der polnischen Heimatarmee, die für ein freies Polen gekämpft hatten und dem Machtanspruch der kommunistischen Partei jetzt im Wege standen ... Meine Mutter konnte von entwaffnender, ja erschreckender, nichts beschönigender Offenheit sein im plötzlichen Wechsel mit hartem, undurchdringlichem Schweigen. Plötzlich stieß man an eine unsichtbare, unverrückbare Wand. Wo liegt die Trennlinie zwischen dem Erzählbaren und dem Unsagbaren, der unterhaltsamen, makaber-witzigen Anekdote und dem Erzähltabu, dessen Nichteinhaltung Panik zur Folge hatte? In ihrem Tagebuch wechseln präzise Beschreibungen mit abrupten, durch drei Punkte immerhin markierten Auslassungen. Teilt sich bereits ihre persönliche Erinnerung in Tabuzonen und begehbare Bereiche? Trotz Aussparungen lesen sich ihre Aufzeichnungen als Aneinanderreihung des Schreckens, etwa der Beschuß eines Zwischenlagers am 16. April 1945 durch deutsche Bomber, bei welchem eine von den Russen abgeschossene deutsche Maschine mit voller Bombenlast auf die Baracken stürzt und ein regelrechtes Massaker anrichtet, die Baracken knackten ein wie Streichholzschachteln, das meine Mutter wie durch ein Wunder lediglich leicht verletzt, mit wenigen Schrammen, überlebt. Später erwähnt sie die demütigende Prozedur des Glatze-Schneidens. Die Glatze gehört in den Bereich des Erzählbaren und tatsächlich zu meinen frühesten Erinnerungen. So weiß ich von klein auf, daß die Menschen in Wahrheit die seltsamsten Kopfformen haben, daß Menschen mit besonders schönem Haar auch besonders leiden, wenn sie es verlieren. Ich versuchte mir vorzustellen, wie meine Schulkameraden in Wirklichkeit aussahen, mit kahl rasiertem Schädel saßen sie mit mir im Klassenzimmer, und berauschte mich an meinen gruseligen Phantasien, die ich mit niemandem teilte. Unversehens hatte meine Mutter mir einen Schlüssel zu einer anderen Perspektive auf meine Mitmenschen gegeben. Ich kannte das Ergebnis von Handlungen, die ich selbst weder begangen noch beobachtet hatte, verfügte über anschauliche Bilder des Schreckens, die meine Mutter mir lieferte. Wenn ich wollte, konnte ich meine Schulfreunde im Geiste kahl rasieren, die schönsten, längsten Haare fielen mit Wonne zuerst. Ich dachte dabei an das bildhübsche Mädchen mit dichtem, kornblondem Lockenhaar, ganz das Schönheitsideal der Nazis, wie meine Mutter erzählte, der auf ihrem tagelangen Transport im Güterwaggon nach der Entdeckung von Läusen von Mitgefangenen mit einer Glasscherbe der Kopf rasiert wurde. Mehrere hätten die sich brüllend vor Schmerz und Verzweiflung Wehrende festhalten müssen, die später bei Tageslicht schrecklich verwundet und entstellt ausgesehen habe. Zeitzeugenberichten entnehme ich, daß es sich im Lager Potulice um Ganzkörperrasuren gehandelt haben soll, mit stumpfen Messern, Klingen oder Glasscherben von männlichen Mitgefangenen unter den Augen des bewaffneten Aufsichtspersonals durchgeführt, die den Frauen zur Schikane, zur Folter wurden. Davon hatte meine Mutter nicht erzählt.

(…)

Buch oder Leben

Als meine Mutter mein erstes Buch in Händen hielt, überfiel sie eine so maßlose Angst, daß sie sich das Leben nehmen wollte. Das klingt übertrieben, ungeheuerlich. Und dennoch ist es wahr. Meine Mutter drohte mit Selbstmord, sollte ich mein Buch nicht zurücknehmen. Sie sagte: Ich habe dein Buch gelesen. Jetzt bin ich krank. Du mußt mich wieder gesundmachen. Das Buch muß weg. Ich oder das Buch. Was stand so Unerträgliches für sie darin? Ich weiß es nicht. Sie kam nicht direkt vor, auch in keiner entblößenden, entstellenden Weise, dachte ich. Aber als hochempfindliche Leserin las sie zwischen den Zeilen, so wie sie auch ihre Geschichte zwischen den Zeilen erzählte, las alles heraus und hinein, was nicht Wort für Wort im Text stand, um das sie aber wußte und was sie in einem ständigen Kraftakt mühevoll in sich gebändigt hielt. Sie las mein Buch nicht wie die tägliche Zeitung oder irgendeines der unzähligen Bücher, in denen sie allabendlich versank, sondern identifizierte sich mit dem Text ihrer Tochter, hielt ihn für einen Teil ihrer selbst, ja, verwechselte mein Buch mit sich. Mein Leben lang habe ich versucht, unsichtbar zu sein, sagte sie. Und dann kamst du und zerrst mich ans Licht. Das Buch müsse verschwinden. Ich oder das Buch. Kann sich Angst vor dem Wort und seiner Wirkung, vor einem Dammbruch nach innen und außen, vor Gesichtsverlust und Strafe, vor Beschämung und Entwürdigung drastischer ausdrücken? Ich oder das Buch. Mit meinem Text war sie unfreiwillig und ungefragt ans Licht der Öffentlichkeit geraten. Ein fatales Mißverständnis. War es zu korrigieren? Was würden Sie aus einem brennenden Haus retten, wurde Giacometti gefragt: Eine Katze oder einen Rembrandt? Ihre Mutter oder Ihr literarisches Baby? Der große Künstler entschied sich für die Katze – für das Leben vor der Kunst.

Mutter. Sprache

Lag der Fehler des Buches darin, daß es von mir stammte? Meine geschriebenen Worte lösten sich in ihren Augen nicht von ihrer Tochter ab. So wenig, wie ich mich von ihr lösen konnte. Wir waren eins, meine Worte, meine Mutter und ich. Keines ließ sich vom anderen trennen. Als ihr Kind war ich eingeweiht in ihre Welt, in ihren Körper. Die Wörter trugen den Klang ihrer Stimme, atmeten ihren Atem, sangen ihre Melodie. Sooft auch immer ich als kleines Mädchen das Bedürfnis hatte, durfte ich zu ihr unter die Decke kriechen, so daß sie schon scherzte, ich würde einmal keinen Mann finden, so gerne wie ich mit ihr im Bett läge. Hier durfte ich ihr fraglos, bedingungslos nah sein, meiner Origine du Monde (wie ein Meister Courbet sie ohne falsche Scham gemalt hätte), als ihre leibliche Vertrauensträgerin und Verbündete. Mit meinem Erwachsenwerden kam der Bruch. Meine erste Monatsblutung bewirkte einen Klimawandel. Der Mond schob sich vor die Sonne, es wurde kalt, dunkel, und die Vögel hörten auf zu singen. Habe ich es nicht verhindern können, kommentierte sie das Ereignis, für das ich nichts konnte, dessen Entdeckung mich gerade noch stolz gemacht hatte. Ich wurde erwachsen, eine Frau, wie sie! Habe ich es nicht verhindern können. Ein geheimnisvoller, bedeutungsschwangerer Satz. Wollte sie den Gang der Natur aufhalten, verhindern, daß ich Frau wurde, wie sie – oder schlimmer, eine ganz andere? Ich war knapp 14 – genauso alt wie sie zum Zeitpunkt ihrer Gefangennahme. Lagerhäftlingen wurde ein Mittel verabreicht, das den Sexualtrieb und bei Frauen die Monatsblutung unterdrücken sollte. Als Nebenwirkung führte es zu offenen Wunden, eiternden Geschwüren. In der Enge der Zellen, auf rohen Brettern ohne Strohsäcke und Decken, schmiegten die Gefangenen sich Wärme suchend aneinander, morgens konnten sie sich nur unter Schmerzen voneinander lösen, ihre Wunden hatten sich nachts miteinander verklebt. Die Brom genannte Essenz, die dem Essen beigemischt wurde, war Teil ihrer Erzählung, die mich spätestens seit meiner Pubertät begleitete.

(…)
 

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Mehr von:
Susanne Fritz
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 60

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