LI 112, Frühjahr 2016
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Als Freud in Paris ankam

Ein Leben als Kulturvermittler zwischen Deutschland und Frankreich

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Auf das Wort hören

Heinz-Norbert Jocks: Ihre These lautet, Freud hätte nur auf die deutsche Sprache zu hören, ihr genau lauschen, ihr zuhören und folgen müssen, um seine Theorie zu entwickeln. Das klingt so, als sei der Kern der Psychoanalyse schon in der Sprache unterschwellig enthalten gewesen oder als habe diese die Psychoanalyse antizipiert, ohne sich dessen bewußt gewesen zu sein.

Georges-Arthur Goldschmidt: Alles kommt vom Hören. Den Franzosen gelang, was sich mit Freud in Deutschland durchsetzte, bereits im 17. Jahrhundert. Ein Text wie der Traktat über die Falschheit der menschlichen Tugenden von Jacques Esprit verdeutlicht, daß sie nicht nur alles wußten, sondern es zudem auch verstanden. Die Psychoanalyse kam mit der Verspätung von einigen Jahrhunderten. In Frankreich wurde alles unternommen, um nur ja nicht wie eine Concierge zu sprechen. Darin besteht das ganze Drama der französischen Psychoanalyse. Um es auf einen einfachen Punkt zu bringen: Die französische Intelligenz will höher pupsen, als ihr Arschloch steht.

Noch einmal zur Andersartigkeit der Sprachen: Könnten Sie weitere Beispiele geben?!

Mein Lieblingsbeispiel ist das Wort „Bauchspeicheldrüse“. Sobald Sie es im Deutschen hören, verstehen Sie es ohne große Anstrengung. Die Bedeutung eines Wortes wie „pancréas“ kennt hingegen kein Mensch. Es sei denn, ihm wurde zuvor erklärt, was es besagt. Es kommt aus dem Griechischen. Bitten Sie ein Kind darum, Ihnen das Vorhängeschloß zu holen, so kann es sich überhaupt nicht irren. Hingegen rätselt ein kleiner Franzose beim Hören des Wortes „cadenas“. Ohne dessen Bedeutung zu kennen, hat er nicht die geringste Ahnung, was das ist. Das Deutsche weist diese realistische Nähe zum Objekt auf, während dem Französischen eine fast systematische Entfernung zum Objekt immanent ist, so, als läge dieser Sprache eine metaphysische Scham zugrunde. Dem deutschen „Mülleimer“ entspricht die französische „poubelle“. Ein Wort, das sich dem Namen des Pariser Polizeipräfekten namens Poubelle verdankt. Im Französischen gibt es stets eine Maske und eine viel größere Distanz als im Deutschen. Dieses verfügt über die unglaubliche Möglichkeit, Wörter zusammenzusetzen, wodurch sich diese Sprache ständig erneuert. Zudem bleibt sie wirklichkeitsverfangen. „Ein Bluter“ ist im Französischen „un hémophile“, etwas enorm Abstraktes. Es ist, als wolle die Sprache alles möglichst weit von sich wegschieben oder sich vom Leib halten. Im Deutschen gibt es hingegen immer wieder furchtbar wirklichkeitsnahe Wörter, als ob der Sprache die Zeit gefehlt hätte, sich vor den Gegenständen zu schützen. Das hat bereits Leibniz in seinem wunderbaren Text Die unvorgreiflichen Gedanken zur Verbesserung der deutschen Sprache formuliert. Das Deutsche sei, so Leibniz, eine Handwerkersprache, die eine sofortige Beziehung zu den Gegenständen erlaubt, aber noch nicht reif genug ist, sich politisch ausdrücken zu können.

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Nun ist jedes Übersetzen ein Über-Setzen und insofern das Übertreten einer Schwelle. Ihr Freud-Buch läßt sich auch als Nachdenken über die Ereignisse am Übergang zwischen zwei Sprachen verstehen?

Das sehen Sie ganz richtig. Wenn ich übersetzte, fühlte ich angesichts der Leerstellen der Zielsprache im Vergleich mit dem Reichtum der Ausgangssprache in mir so ein Zappeln. Das ist ein unglaublicher Moment, von dem der Leser nichts ahnt. Die Aufgabe des Übersetzers besteht darin, die Probleme für diesen zu lösen. Die da im Kopf sitzende Masse, die so überdeutlich wie stumm ist, erweist sich als das Spannende. Sie fühlen es förmlich in den Schultern. Das Wort ist da drinnen, und obwohl von sonnenklarer Deutlichkeit, kommen Sie einfach nicht durch. Das widerfährt Ihnen als Übersetzer tagtäglich. Hingegen läßt sich ein Satz wie „Il a cherché du pain“ mit „Er ist Brot holen gegangen“ wie von selber übersetzen, das läuft so problem- wie reibungslos. Spannend wird es da, wo die Sprache beim Übersetzen Widerstand leistet. Wörter wie „Rauschen“ oder „Säuseln“ teilen sich im Deutschen direkt mit. Die eine Sprache präzisiert immer den Raum, doch die andere nicht. Für ein Wort wie „Ahnung“ kennt das Französische keine Übersetzung, wie umgekehrt das Deutsche keine Übersetzung für „désir“ parat hat. Wie Sie sehen, beruht diese Unübersetzbarkeit auf Gegenseitigkeit. Der unglaubliche Reichtum der Sprachen kommt da zum Vorschein, wo sie sich nicht decken.

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Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 89

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