LI 100, Frühjahr 2013
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Originalität

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Als Nietzsche seinen berühmten Satz „Gott ist tot“ schrieb, fügte er die Feststellung hinzu, daß wir den Betrachter unserer Seelen verloren hätten – und damit im Grunde auch die Seelen selbst. Nach Nietzsche, in der ganzen Epoche der mechanischen Reproduktion, haben wir eine Menge über den Tod der Subjektivität gehört. Wir haben von Heidegger gehört, daß „die Sprache spricht“, nicht etwa ein Individuum, das von ihr Gebrauch macht. Wir haben von Marshall McLuhan gehört, daß „das Medium die Botschaft“ ist. Später haben Derridasche „Dekonstruktion“ und Deleuzesche „Wunschmaschinen“ uns gelehrt, uns von den letzten Illusionen in bezug auf die Möglichkeit zu befreien, Subjektivität zu identifizieren und zu stabilisieren.

Verschwörung

Doch nun ist der universelle Betrachter zurück, und die Gedanken unserer „virtuellen“ oder „digitalen Seelen“ sind wieder verfolgbar und sichtbar geworden. Unsere Erfahrung der Gegenwart ist weniger durch das Vorhandensein der Dinge für uns als Betrachter definiert als durch unser Vorhandensein für den Blick des verborgenen und unbekannten Betrachters. Und wir wissen nicht, ob dieser unbekannte Betrachter der gütige Gott ist oder das malin génie. Natürlich können wir, wenn auch nur bis zu einem bestimmten Punkt, die Aktivitäten von Google und Facebook analysieren; aber wir können die Möglichkeit eines völlig unbekannten Betrachters nicht ausschließen, da sie technisch gegeben ist. Mit anderen Worten: Der verborgene universelle Betrachter des Internets kann nur als Subjekt universeller Verschwörung gedacht werden. Die Reaktion auf diese universelle Verschwörung kann nur die Form einer Gegenverschwörung annehmen: Man möchte seine Seele vor einem bösen Auge schützen. Die Subjektivität der Gegenwart kann sich nicht mehr auf ihre Auflösung im Fließen der Signifikanten verlassen, weil dieses Fließen kontrollierbar und verfolgbar geworden ist. Folglich muß sie, um unsichtbar zu werden, eine Gegenverschwörung beginnen, die von Decknamen und Paßwörtern Gebrauch macht, obwohl sie für sich selbst gleichzeitig totale Transparenz herzustellen versucht. Das paradigmatische Beispiel für eine solche paradoxe Strategie ist das Vorgehen von WikiLeaks.

Wir haben uns in letzter Zeit an Proteste und Revolten im Namen partikularer Identitäten und Interessen gewöhnt – Revolten im Namen universeller Projekte, wie es der Liberalismus oder der Kommunismus sind, scheinen der Vergangenheit anzugehören. Die Aktivitäten von WikiLeaks aber dienen keinen partikularen Identitäten oder Interessen, sondern haben ein allgemeines, universelles Ziel: freien Informationsfluß zu garantieren. Insofern signalisiert das Phänomen WikiLeaks eine Rückkehr des Universalismus auf dem Gebiet der Politik. Aber WikiLeaks signalisiert darüber hinaus einen tiefgreifenden Wandel, den die Vorstellung vom Universalismus in den letzten Jahrzehnten erfahren hat. WikiLeaks ist keine politische Partei. Es hat keine universalistische Vision von der Gesellschaft, kein politisches Programm, keine Ideologie zu bieten, die zu dem Zweck entworfen wäre, die Menschheit „spirituell“ oder politisch zu einen. Vielmehr bietet WikiLeaks eine Summe technischer Instrumente, die universellen Zugang zu jedem partikularen Inhalt ermöglichen. Die Universalität der Idee ist ersetzt durch die Universalität des Zugangs.

Zugleich zeigt das Vorgehen von WikiLeaks, daß der universelle Zugang nur in Form einer universellen Verschwörung verschafft werden kann.

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Mehr von:
Boris Groys
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 139
Aus dem Englischen von Jens Hagestedt

Genre

Hauptthema
  • Die Wiederkehr des Originals durch die digitale Kunst und der universelle Betrachter des Internets

Schlagworte

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