LI 108, Frühjahr 2015
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Die verwundete Frau

Große Universaltheorie über den weiblichen Schmerz

(…)

Diese verwundeten Frauen, man findet sie überall: Miss Havisham trägt ihr Hochzeitskleid, bis es verbrennt. Ich sah, daß die Braut im bräutlichen Kleide gewelkt war gleich dem Kleide. Belindas Haar wird abgeschnitten – Die Schneiden treffen sich. Dem schönsten Haupt, / Ist nun für ewige Zeit der Schmuck geraubt – und fährt auf in den Himmel: Gar manche Locke glänzet schwarz und schön. / Doch hat man eine so erhöht gesehn? Anna Kareninas verschmähte Liebe schmerzt so sehr, daß sie sich vor einen Zug wirft – Freiheit von einem Mann führte nur zum nächsten Mann, und der blieb noch nicht mal bei ihr. Violetta aus La Traviata schaut im Spiegel in ihr blasses, schwindsüchtiges, liebliches Gesicht und sieht ein alabasterfarbenes Gespenst mit fiebrigen Augen. Mimi in La Bohème liegt im Sterben, und Rodolfo findet sie so schön wie die Morgenröte. Das ist falsch verglichen, korrigiert sie ihn. Weit richtiger wäre: „Schön wie die sinkende Sonne“. In Dracula erbleichen Frauen alle naselang. Mina wird erst ihr Blut ausgesaugt, dann wird sie zur Teilhabe am Festschmaus gezwungen: Seine Rechte umklammerte ihren Nacken und drückte sie mit dem Gesicht an seine Brust. Ihr weißes Nachthemd war mit Blut bespritzt … Ihre Stellung hatte verzweifelte Ähnlichkeit mit der eines kleinen Kätzchens, dem ein Kind die Nase in die Milch stößt, um es zum Trinken zu zwingen. Maria in Wem die Stunde schlägt gesteht einem amerikanischen Soldaten erst, daß sie vergewaltigt worden ist – Als sie mir was antaten, da wehrte ich mich, bis ich nichts mehr sah –, und ergibt sich dann in seinen Schutz. „Niemand hat dich angerührt, mein Häschen“, sagt der Soldat, und seine Berührung tilgt alle vorherigen. Ein kleines Kätzchen in Männerhänden. Wie war das noch? Freiheit von einem Mann führt zum nächsten Mann. Auch Marias Haare werden geschnitten. Ihr Leid beschert Sylvia Plath einen privaten Holocaust: Ein ratterndes Knattern, ein Zug, / Der mich forttrug, als wär ich ein Jud. Und der Geist ihres Vaters spielt den Lokführer: Jede Frau liebt einen Faschisten, / Im Gesicht den Stiefel, und den, der sie haut, / Und das Herzverhau eines wie du, der das tut. Frauen vergöttern Faschisten oder Guerilleros, die Faschisten abmurksen, oder Stiefel im Gesicht, von egal wem. Er macht sie zu kleinen Kätzchen und Häschen, er läßt sie erbleichen, ausbluten und verhungern, verfrachtet sie in Vernichtungslager und schickt Locken ihres Haars hinauf zu den Sternen. Männer stecken Frauen in Züge oder bringen sie dazu, sich vor Züge zu werfen. Die Erfahrung von Gewalt gibt Frauen eine göttliche Aura. Die Jahre lassen sie alt werden. Und wir können einfach nicht wegsehen. Unaufhörlich denken wir uns neue Leiden für sie aus. Susan Sontag hat die Blütezeit einer „nihilistische[n] und sentimentale[n]“ Logik des 19. Jahrhunderts beschrieben, als das weibliche Leid attraktiv wurde: „Traurigkeit machte jemanden ‘interessant’. Es war ein Zeichen von Vornehmheit, von Sensibilität, traurig zu sein. Das bedeutet, machtlos zu sein.“ Das ließ sich auch aufs Kranksein übertragen: „Traurigkeit und Tuberkulose wurden Synonyme“, schreibt Sontag – und beide standen plötzlich hoch im Kurs. Traurigkeit war interessant, und die Krankheit gehörte zu ihrem Gefolge, weil sie nicht nur den Grund für jene Traurigkeit lieferte, sondern auch ihre Symptome und Metaphern: ein quälender Husten, eine fahle Blässe, ein ausgezehrter Körper. „Der melancholische Charakter“, schreibt Sontag, „war ein überlegener: empfindsam, schöpferisch, ein besonderes Wesen.“ Krankheit wurde zu einer „kleidsame[n] Auffälligkeit“, die eine „anziehende Verletzlichkeit, eine überlegene Sensibilität symbolisierte [und] in zunehmendem Maße zum idealen Aussehen der Frauen [wurde].“ Ich bin einmal wound dweller genannt worden, von einem Mann, mit dem ich zusammen war. Eine Bewohnerin von Wunden. Ich mochte es nicht, so bezeichnet zu werden, und obwohl es jetzt schon ein paar Jahre her ist, bin ich bis heute nicht darüber hinweg. (Es war eine Wunde; ich bewohne sie.) Einer Freundin schrieb ich:

„Mein Gefühl in bezug auf körperliche Krankheiten und Gebrechen – gebrochener Kiefer, eingeschlagene Nase, zu schnell schlagendes Herz, gebrochener Fuß usw. – ist immer irgendwie zweischneidig. Ich bin zugleich beschämt und empört. Auf der einen Seite denke ich: Warum passiert diese Scheiße gerade mir? Und auf der anderen: Verdammt, warum rede ich so viel darüber?“

Ich vermute mal, ich rede darüber, weil es passiert ist. Und das ist die problematische Kehrseite von Sontags Kritik: Mag sein, daß wir die verwundete Frau zu einer Art Göttin gemacht haben, daß wir ihre Krankheit romantisiert und ihr Leiden zum Ideal erhoben haben, aber das heißt ja nicht, daß es die verletzte Frau nicht trotzdem gibt. Frauen haben immer noch Wunden: gebrochene Herzen, gebrochene Knochen, beschädigte Lungen. Wie kann man über diese Verletzungen sprechen, ohne sie zu glorifizieren? Ohne diesem alten Mythos in die Hände zu arbeiten, der das weibliche Trauma in ein Sternbild verwandelt, das der Anbetung würdig ist – Gar manche Locke glänzet schwarz und schön. / Doch hat man eine so erhöht gesehn? –, und der Schaulustige herbeilockt, die den Zusammenbruch der Dame begaffen wollen? Der Zusammenbruch der Dame: vage aristokratisch, eine hohlwangige Gestalt, liebreizend im Schatten wandelnd.

Wann immer wir über verwundete Frauen sprechen, laufen wir Gefahr, ihr Leiden nicht als einen Aspekt weiblicher Erfahrung, sondern als konstitutiven Bestandteil von Weiblichkeit an sich zu betrachten – möglicherweise sogar als das raffinierteste Element ihrer Vollendung.

(…)

Ich möchte das wertschätzen, was passiert, wenn eine persönliche Erfahrung auf eine Schlachtanweisung prallt: wie die Wunde zur Anerkennung gelangt, während sich unser Blick dafür öffnet, wie ein blutiger Körper manipuliert, geordnet und in seine Bestandteile zerlegt werden kann. Ich möchte darauf beharren, daß weiblicher Schmerz der Rede wert ist. Noch immer und immer wieder. Wir werden die Geschichte nie schon gehört haben.

Es ist der Rede wert, wenn ein Mädchen seine Unschuld verliert oder ihr Lumpensammler-Herz bricht. Es ist der Rede wert, wenn dieses Mädchen zum ersten Mal ihre Tage bekommt oder versucht, das zu unterbinden. Es ist der Rede wert, wenn eine Frau sich schrecklich fühlt in der Welt – egal wo, egal wann, einfach immer. Es ist der Rede wert, wenn ein Mädchen eine Abtreibung vornehmen läßt, denn ihre Abtreibung hat vor ihr noch niemand gehabt und wird auch niemand jemals haben. Ich sage das als Frau, die eine Abtreibung hatte, aber noch nie die Abtreibung einer anderen.

Sicher, manches scheint mehr der Rede wert als anderes. Krieg ist relevanter als ein Mädchen, das verwirrt ist, weil ein Typ sie gevögelt und dann nicht mehr angerufen hat. Aber ich glaube nicht daran, daß Empathie endlich ist. Ich bin der Auffassung, daß Aufmerksamkeit zu schenken genausoviel einbringt, wie es kostet. Wir beginnen zu sehen.

Ich glaube, hinter der Haltung, mit der weiblicher Schmerz als altbekannt oder irgendwie von gestern abgetan wird – schon mal gehört, hundertmal gehört, tausendundeine Nacht lang gehört –, verbergen sich tiefer liegende Vorwürfe: daß leidende Frauen das Opfer spielen, daß sie sich in die Schwäche flüchten, daß sie sich gehenlassen, anstatt Mut zu beweisen. Ich glaube, das Leugnen der Wunden liefert eine bequeme Entschuldigung: Endlich muß man sich nicht mehr damit herumplagen, sich diese Geschichten anzuhören. Oder sie selbst zu erzählen. Stopf es rein. Als bestünde unsere Aufgabe darin, nach vollständig erlangter Selbsterkenntnis endlich den Zustand emotionaler Abgeklärtheit zu erreichen, in dem die Geschichte des Schmerzes ein für alle Male erzählt ist.

Ich habe lange gezögert, ein Buch über die Frau zu schreiben – so beginnt Simone de Beauvoir eines der berühmtesten Bücher, das je über Frauen geschrieben worden ist. Das ist ein Reizthema, besonders für Frauen, und es ist nicht neu. Und manchmal kommt es mir so vor, als würde ich bloß alte Wunden immer wieder aufreißen. Und doch sage ich: Blute weiter. Aber schreib auf etwas hin, das jenseits des Blutes liegt.

Die verwundete Frau wird als Stereotyp bezeichnet und manchmal ist sie das auch. Doch manchmal aber ist sie auch real. Daß Schmerz zum Fetisch werden kann, ist kein Grund dafür, ihn nicht mehr darzustellen. Schmerz, der vorgeführt wird, ist immer noch Schmerz. Schmerz, der abgedroschen klingt, ist immer noch Schmerz. Der Vorwurf des Klischees und der Theatralik bieten unseren verschlossenen Herzen zu viele Alibis, und ich will, daß unsere Herzen offen sind. Da steht es jetzt. Ich will, daß unsere Herzen offen sind. Genau so.
 

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Mehr von:
Leslie Jamison
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 56
Aus dem Englischen von Kirsten Riesselmann und Johann Christoph Maass

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