LI 109, Sommer 2015
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Farkhunda

Kabul – ein Frauenmord und die Folgen

Im März ging ich nach Kabul, um alte Freunde zu besuchen. Wie es der Zufall wollte, war einen Tag vor meiner Ankunft eine Frau von einem Mob junger Männer zu Tode geprügelt und verbrannt worden. Die Welt sollte bald ihren Namen erfahren: Farkhunda, was so viel bedeutet wie „vielversprechend“ oder „glücklich“. Sie wurde im Zentrum der afghanischen Hauptstadt getötet, vor einem vielbesuchten Schrein, der Grabstätte eines namenlosen Ghazi, eines Kriegers, der im Kampf für den Islam zum Märtyrer wurde. Jahre zuvor hatte ich nur ein paar Häuser weiter gearbeitet. Ich kannte die Gegend als Treffpunkt von Reisenden und Händlern, eine Marktstraße mit fliegenden Händlern und Bettlern, Drogensüchtigen, Dieben und Tauben am Ufer des Kabulflusses. Es war schon immer eine zwielichtige Gegend gewesen. Jetzt war sie zum Schauplatz eines Verbrechens geworden.

Im April, am Ende der traditionell vierzigtägigen Zeit des Trauerns um die tote Frau, wurde dieser Verbrechensschauplatz zur Bühne einer Inszenierung des Mordgeschehens durch eine Gruppe, die sich „Komitee der Gerechtigkeit für Farkhunda“ nannte. Sie drängte die Regierung, die Mörder zu verhaften und zu bestrafen. Kurz nach der Aufführung erhob die Staatsanwaltschaft offiziell Anklage gegen 49 Männer: dreißig mutmaßlich an der Ermordung der Frau Beteiligte und 19 Polizisten, denen vorgeworfen wurde, nicht eingeschritten zu sein. Am 2. Mai begann der Prozeß vor dem Bezirksgericht, der im afghanischen Fernsehen live übertragen wurde. Farkhunda ist tot und begraben, aber ihre Geschichte wirkt nach. Sie scheint den Beginn von etwas zu markieren, das es in Afghanistan sehr lange nicht mehr gegeben hat: die Reaktion von Menschen, die machtvoll, aber unter Verzicht auf Gewalt ihre Rechte einfordern. Deshalb lohnt es sich, den Hergang der Ereignisse zu rekapitulieren.

(…)

Geprügelt, getreten, gesteinigt, verbrannt

Am Donnerstagnachmittag, dem 19. März, besuchte Farkhunda den Schah-Do-Schamshira-Schrein. Hier beobachteten etwa dreißig weitere Besucher, wie ein paar junge Männer mit einem Angriff begannen, der die Frau das Leben kostete. Einige der Umstehenden nahmen einen Ruf auf, der noch mehr Leute herbeilockte: Allah-u-akbar („Gott ist groß“). Als kaum eine Stunde später die Leiche der Frau verbrannt wurde, war die Menschenmenge auf 5 000 bis 7 000 angewachsen, so schätzte die Polizei. Von Anfang an machten Schaulustige mit ihren Mobiltelefonen Photos und Videos, von denen viele später auf Facebook gepostet und von Zehntausenden im ganzen Land und später weltweit gesehen wurden.

Aschraf Ghani, erst seit sechs Monaten Präsident Afghanistans und noch ohne eine funktionierende Regierung, stand kurz vor dem Aufbruch zu einem fünftägigen Besuch der Vereinigten Staaten. Während dieser Zeit fand die Nachricht über den schockierenden Mord ein starkes Echo in der Hauptstadt, wo die große Masse der ungebildeten Afghanen eine Mundpropaganda kultiviert, die Gerüchte, Klatsch und Spekulationen schneller verbreitet als soziale Netzwerke. Und meist haben die Mullahs das letzte Wort. Bevor Ghani Kabul verließ, war er klug genug, eine Kommission aus angesehenen Afghanen, sechs Männern und vier Frauen, zu berufen und mit der Untersuchung der genauen Umstände des Mordes zu beauftragen. Zu ihnen gehörten islamische Religions- und Rechtsgelehrte, Abgeordnete und Menschenrechtsbeauftragte.

(…)

Sie ermittelten folgendes: Die Siebenundzwanzigjährige war eine tiefreligiöse, unverheiratete Frau, die nach der höheren Schule an einer privaten islamischen Medrese islamische Theologie studiert hatte und Dozentin für islamisches Recht werden wollte. Sie war das vierte von zehn Kindern und lebte bei ihren Eltern. An jenem Donnerstag besuchte sie den Schrein in der schwarzen Abaya frommer Musliminnen, bei der ein Halbschleier den unteren Teil des Gesichts verdeckt. Dort sprach sie Gebete und säuberte den Bereich des Schreins, wo die Gläubigen beten. Anschließend kam es zu einem Wortwechsel mit einem Mann, der in der Schah-Do-Schamshira-Moschee auf der anderen Straßenseite als Reinigungskraft arbeitete und gleichzeitig neben dem Schrein einen kleinen Laden betrieb, in dem er tawiz verkaufte, Zettelchen mit handgeschriebenen Koranversen, denen magische Eigenschaften zugeschrieben werden.

Die Kommission konnte nicht ermitteln, was Farkhunda und die Reinigungskraft Zainuddin miteinander gesprochen hatten, doch diese Lücke in der Geschichte wurde inzwischen von Farkhundas Familie und Freunden gefüllt. Offenbar äußerte Farkhunda dem Mann gegenüber ihr Mißfallen darüber, daß er unislamische Amulette an arme, abergläubische Frauen verkaufte. Diese Geschichte kann erklären – und nach Ansicht einiger rechtfertigen – was die Reinigungskraft danach tat. Die Kommission fand zwar keine Zeugen dieses Gesprächs, aber der Mann selbst gab an, er habe den Leuten, die sich am Schrein versammelt hatten, zugerufen: „Diese Frau ist Amerikanerin, und sie hat einen Koran verbrannt.“ Farkhunda wandte sich an Leute im Hof und sagte mit lauter Stimme, die viele Zeugen hörten: „Ich bin keine Amerikanerin, und ich habe keinen Koran verbrannt.“

Die Vorwürfe waren zwar falsch, aber sie provozierten eine prompte Reaktion. Während wütende junge Männer auf die Beschuldigte zugingen, intervenierte ein Polizist und brachte sie mit Hilfe eines anderen jungen Mannes in einen Raum im Innern des Schreins. Dieser junge Mann stellte sich anschließend vor die Tür und sagte zu anderen: „Laßt sie in Ruhe. Hört auf damit.“ (Er war Anfang zwanzig, also etwa so alt wie diejenigen, die Farkhunda töteten, und er war offenkundig der einzige, der ihr an jenem Tag beistand.)

Der Polizist wollte sie zu ihrer eigenen Sicherheit auf die Polizeiwache bringen. Farkhunda bestand auf einer weiblichen Begleitung, als jedoch eine Polizistin kam und die Tür zu dem Zimmer öffnete, wo Farkhunda wartete, drangen wütende Männer ein und zerrten sie heraus. Einige stürzten sich auf sie, rissen ihr den Schleier herunter, der ihre Haare bedeckte, und schlugen ihr Gesicht blutig. Sie stürzte zu Boden, konnte sich aber aufsetzen und mit einem Arm abstützen, während sie den anderen schützend hob. Photos dieser Szene zeigen die Beine eines uniformierten Polizisten neben ihr.

Dieser Polizist oder andere zogen Farkhunda hoch und manövrierten sie auf ein niedriges Dach, über das sie dem Mob hätte entkommen können. Ein Polizist hielt sie am Bein und schob von unten, aber einer der Angreifer schlug ihn mit einer Holzlatte aufs Handgelenk, so daß er loslassen mußte. Farkhunda rutschte vom Dach zurück und stürzte auf den Gehsteig. Ein oder mehrere Polizisten feuerten Schüsse in die Luft, aber es war zu spät. Zehn bis zwölf Männer traktierten Farkhunda mit Schlägen und Tritten und steinigten sie zu Tode. Einer hob einen großen Stein hoch und schmetterte ihn auf ihren Kopf. Später sagte er entschuldigend: „Sie war schon tot.“

Bei dem, was dann geschah, klaffen in der photographischen Dokumentation große Lücken. Farkhunda lag mitten auf der Straße, und ein Auto überfuhr sie. Wie sie vom Gehsteig auf die Straße kam, ist unklar. Rätselhaft ist auch das Auftauchen des Autos, das sie überrollte und dann die Straße entlangschleifte; dies geschah absichtlich, wie es genau geschah, ist jedoch unklar. Dann wurde sie von Unbekannten gepackt und über ein Mäuerchen auf die Steine des fast ausgetrockneten Flußbetts geworfen. Ein Mann goß Benzin auf seinen Schal und begoß dann auch Farkhunda. Er zündete den Schal an und ließ ihn auf die Leiche fallen. Als die Flammen in die Höhe schossen, warfen andere aus der Menge Tücher und Jacken auf den Scheiterhaufen. Erpicht, das Feuer weiter anzufachen, erstickten sie es. Die ganze Zeit standen bewaffnete Polizisten in dem Flußbett und sahen zu, wie Farkhunda verbrannte.

Schließlich traf die Bereitschaftspolizei ein. Sie konnte sich nur schwer einen Weg durch die Tausenden Schaulustigen bahnen, die auf den Uferstraßen und den beiden Brücken zusammengeströmt waren, um der Verbrennung der angeblichen Koranschänderin zuzusehen.

Für die Ungläubigen tätig

Binnen Stunden wußte jeder, daß der Mord an Farkhunda in Kabul kein gewöhnlicher Akt alltäglicher Gewalt war. Es war keine Kriegshandlung, kein Terroranschlag, kein politischer Mord. Es war kein Mord aus Rache, kein Ehrenmord, kein Familienmord. Am hellichten Tag hatte ein Mob ganz gewöhnlicher junger Männer an einem vielbesuchten Schrein eine junge Frau ermordet, die sie gar nicht kannten – mit Schlägen, Fußtritten und allen möglichen Waffen, die gerade zur Hand waren. Während geschockte Bewohner Kabuls noch gar nicht fassen konnten, was geschehen war, beeilten sich einige Personen des öffentlichen Lebens, ihnen zu sagen, was sie zu denken hatten.

Einige Regierungsmitarbeiter begrüßten umgehend den Mord auf Facebook und sagten, selbst wenn die Koranschänderin keine Amerikanerin war, so seien doch ihre Vorstellungen amerikanisch gewesen. Der Polizeisprecher von Kabul, Hashmat Stanekzai, schrieb, Farkhunda habe, „wie einige andere Ungläubige auch, geglaubt, durch ein solches Handeln und eine solche Beleidigung die amerikanische oder europäische Staatsbürgerschaft zu erhalten. Doch bevor sie ihr Ziel erreichten, verloren sie ihr Leben.“ Die stellvertretende Ministerin für Kultur und Information, Simin Ghazal Hasanzada, billigte gleichfalls die Hinrichtung der Frau, „die für die Ungläubigen tätig war“. Zalmai Zabuli, der Vorsitzende der Beschwerdekommission im Oberhaus des Parlaments, postete ein Photo Farkhundas mit der Botschaft: „Das ist die abscheuliche und verhaßte Person, die von unseren muslimischen Landsleuten für ihre Tat bestraft wurde. Damit demonstrierten sie den Auftraggebern dieser Person, daß die Afghanen nichts anderes wollen als den Islam und daß sie Imperialismus, Abfall vom Glauben und Spione nicht dulden können.“

Am Tag nach dem Mord billigten auch sehr viele Imame und Mullahs beim Freitagsgebet in ihren Moscheen, was geschehen war. Einer von ihnen, der einflußreiche Maulavi Ayaz Niazi von der Wazir-Akbar-Khan-Moschee, warnte die Regierung, jeder Versuch, die Männer zu verhaften, die den Koran verteidigt hätten, werde zu einem Aufstand führen.

Doch als Niazi bei Farkhundas Beerdigung auftauchte, forderten Trauernde ihn auf zu verschwinden. Wenige Tage später wurde der Polizeisprecher entlassen, und als die stellvertretende Ministerin für Kultur und Information ihre Ansichten im Fernsehen verteidigte, mußte auch sie gehen. Die Drohung mit einem islamistischen Aufstand in Kabul, von der sich Regierungsvertreter zehn Jahre lang hatten einschüchtern lassen, schien diesmal ins Leere zu laufen. Diesmal fand der Aufstand auf der Gegenseite statt.

(…)
 

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Mehr von:
Ann Jones
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 23
Aus dem Englischen von Rita Seuss

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