LI 107, Winter 2014
Heftpreis: 13,90 € inkl. MwSt. 7%

Zur Erinnerung

Was heißt und wozu brauchen wir "Erinnerung" im digitalen Zeitalter

(…)

Wenn wir uns das Internet mit seiner ständigen Verknüpfung von mehr als zweieinhalb Milliarden Nutzern als Gehirn des digitalen Zeitalters vorstellen, dann befindet es sich im Kopf eines Kleinkinds, das in seiner Wahrnehmungsfähigkeit sehr eingeschränkt ist. Es kann sich nicht bewegen und wird niemals berührt. Auch jede andere sinnliche Wahrnehmung ist ihm verwehrt, und es hat keinerlei Möglichkeit, einem Gegenüber zu begegnen. In seinem Kopf jedoch funkt es unablässig. Alle Neuronen senden Reize, die ungefiltert durch die Synapsen jagen, und mal keine Reaktion, mal einen Sturm der Erregung auslösen, dessen äußerer Anlaß schon deshalb nicht erkennbar ist, weil es kein Außen gibt. Eindrücke bleiben in diesem Gehirn nur als einzelne Notizzettel haften, von denen stündlich Milliarden neu erscheinen, ohne sich zu Strukturen des Wiederhervortretens erlebter Situationen zu fügen.

Es ist vorstellbar, daß ein frühkindliches Gehirn sich tatsächlich in einer ähnlich chaotischen Situation befindet, daß nichts seinen Platz hat, kein Reiz zugeordnet werden kann und Erinnerung sofort verweht, aber uns allen ist etwas gegeben, von dem das Kind besonders ausgiebig Gebrauch macht und das dem digitalen Zeitalter fehlt: der Schlaf.
 

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Mehr von:
Ingo Klamann
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 20

Genre

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