LI 119, Winter 2017
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Der Verkannte

Heinrich Ehmsen oder wie Malerei zwischen die Bewegungen geriet

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16. Haus Vaterland

Am 11. August 1933 findet in der Wohnung des preußischen Ministerpräsidenten Hermann Göring eine denkwürdige Begegnung zweier alter Frontkameraden statt: Heinrich Ehmsen trifft den Adjutanten Hermann Görings, Karl-Heinrich Bodenschatz. Das Treffen wird auf Wunsch Ehmsens stattgefunden haben, der den Kontakt zu seinen Bekanntschaften aus der Etappe immer aufrechterhalten hatte. Zwei Monate später wird er für Wochen in „Schutzhaft“ genommen, ein Wort, das es zu diesem Zeitpunkt juristisch noch nicht gab.

Für den Deutschen Heinrich Ehmsen bedeutet der Satz des Spaniers Picasso etwas anderes: „Solange nicht der erste Schuß fällt, rede ich auch mit Faschisten.“

Karl-Heinrich Bodenschatz, Diener seines Herrn, hat „literarische“ Ambitionen.
1935 veröffentlicht er das Buch: Jagd in Flanderns Himmel. Aus den sechzehn Kampfmonaten des Jagdgeschwaders Freiherr von Richthofen; Nach den Aufzeichnungen des Geschwader-Adjutanten Oberleutnants Karl Bodenschatz, jetzigen Generals der Flieger und Chefs des Ministeramtes Reichsmarschall Göring.
Faschistenprosa und Wochenschaudeutsch: „Das Geschwader Richthofen hat Zug um Zug, Hand über Hand, Tag um Tag beinahe seine besten Jagdflieger in die Hölle geworfen. Und allmählich ist einer wie der andere aus dieser Hölle nicht wiedergekommen. Diese Genies an fliegerischem Können und an Schießfertigkeit, diese unvorstellbar kaltblütigen, unerschrockenen und zähen jungen Männer, Sie wissen, was ihnen bevorsteht, wenn Sie nach dem Start hoch im französischen Himmel die feindlichen Geschwader erblicken, deren Maschinen aus dem besten Material bestehen, das für die Deutschen schon längst zum Märchen geworden ist. Mit welcher Andacht und mit welchem fressenden Neid stehen sie bisweilen vor einer erbeuteten feindlichen Maschine mit den Nickelteilen, Kupferteilen, Gummiteilen, mit der kostbarsten Einrichtung, mit allen Finessen, die nur eine Industrie liefern kann, der unbegrenztes Material zur Verfügung steht … Drüben stehen zu Tausenden und Tausenden unverbrauchte, wohlgenährte junge Engländer, Franzosen, Kanadier, Australier, Amerikaner bereit, die Lücken auszufüllen, unübersehbare Scharen, hinter sich die Gewißheit einer ungeheuren Übermacht …“

Bodenschatz beschreibt 1935 das Motiv eines Angriffskriegs: Rache, Gier, Neid.

„Mein Leben verdanke ich zwei ehemaligen Kameraden aus dem ersten Weltkrieg, von Thoma und Bodenschatz, die mit mir von 1914–1915 in den Schützengräben der Front gehaust hatten. Die beiden holten mich aus der Kolumbiadiele …“

Das ist die kurze Zusammenfassung eines langen und komplexen Vorganges durch Ehmsen Mitte der fünfziger Jahre und zwanzig Jahre später.

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21. Rechnung, Quittung

Der Konflikt ist so klar wie bizarr: Ehmsen ist im Auftrage Görings in der „Testhölle“ aller Konzentrationslager, will und wird Hugo Junkers nicht verraten, und die einzige mögliche Rettung bleibt der alte Kriegskamerad: der Adjutant von Hermann Göring, Karl-Heinrich Bodenschatz.

Und dieser vermeidet, wie es scheint, den direkten Kontakt zu seinem Kriegsvorgesetzten Röhm, dem SA-Chef. Ernst Röhm ist für Ehmsen keine abstrakte Figur, wenn er zwei Jahrzehnte später über den 27. Februar 1933, den Tag des Reichstagsbrands, schreibt: „Das war das Fanal des Tausendjährigen Reiches. Ernst Röhm gab mit seinen Rollkommandos das Signal zum ‘Morden’ und ‘Unschädlichmachen’ der Kommunisten und unabhängigen Sozialdemokraten und seiner Rivalen.“

„Seit 1930 war ich Mitarbeiter von Hugo Junkers in Dessau gewesen“ schreibt Heinrich Ehmsen. „Junkers hatte die stärksten Gegner … Er war ein absoluter Gegner des Krieges und wollte nicht noch einmal wie im ersten Weltkrieg Flugzeuge für den Krieg bauen, sondern Verkehrsflugzeuge für den Frieden … Er hatte auch ein Forschungsinstitut für Metallhausbau und die ersten Serienbauten, z. B. für Palästina, standen. Diese Architekturarbeit interessierte auch mich als bildenden Künstler, und darum war ich Mitarbeiter von Junkers geworden. In seinem Garten in Dessau stand das erste Versuchsmetallhaus. In diesem Haus saß ich oft mit Hugo Junkers, um die Metallhäuser in ihrer Metallverspannung künstlerisch dekorativ zu gestalten. Prof. Junkers war nicht mehr am unmittelbaren Flugzeugbau interessiert …“

Er weiß noch zwanzig Jahre später aus den betreffenden sechs Monaten des Jahres 1933 viel zu viel über Junkers Problematik, als daß es sich dabei um das Wissen nur eines halben Jahres handeln könnte. Eben diese Ahnung teilte zwanzig Jahre vorher die Gestapo: Sofort nach seiner Haftentlassung laufen stramm organisierte Denunziationen, die Konstruktion eines „roten Fadens“ aus der Biographie Ehmsens heraus. Der Vorwurf der Spionage für Rußland oder Verrat militärischer Geheimnisse war nicht aufrecht zu halten.

„Nachdem ich so als deutscher Staatsbürger, deutscher Künstler und deutscher Reserveoffizier nun beweiskräftig sauber dastand, wurde am 11. 12. 1933 nachmittags 2 Uhr die ‘Sicherstellung’ (Ehrenschutzhaft, wie man die Sicherstellung bei der Gestapo so nett mir gegenüber bezeichnete) aufgehoben“, faßt Ehmsen das vorläufige Ende im Dezember 1933 zusammen. „Wenn auch die Entlassung aus der ‘Ehrenschutzhaft’ nach der Meinung der Gestapo eine Rehabilitierung bedeutet, so werde ich dennoch vor einem Offiziersehrengericht meine restlose Rehabilitierung … beantragen.“

Das ist klug. Das Militärgericht einzuschalten bedeutet, daß vorab eine Befragung und Zeugenvernehmung durchgeführt wird. Nicht durch die Gestapo oder die SS, sondern durch die Armee selbst. Hier liegt die Sache „in den Händen“ von Ehmsens ehemaligem Regiment. Der Vorgang wird ab jetzt von München oder im Auftrage aus München in Berlin durchgeführt. Ehmsen ist sich bewußt: Seine Verhaftung brachte ihn nicht in das anhaltinische Gefängnis in Dessau, wo Peter Drömmer im Frühjahr 1933 einsaß. Sein Fall lag bei der Geheimen Staatspolizei. Ehmsen ist ein potentieller Fall für das Konzentrationslager, und das sagt ihm der Staatsanwalt laut.

Klug ist sein Handeln aus einem weiteren Grund: Am 20. April 1934 übergibt Göring die Leitung der Gestapo an den SS-Chef Heinrich Himmler, womit sich Göring Himmlers gegen seinen Konkurrenten Ernst Röhm versichert.

Röhm wird in der „Nacht der langen Messer“ am 1. Juli 1934 hingerichtet.

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26. Paris zwei

Was, wenn das Thema unfaßbar wird? Und wie beschreibt man das?

Ehmsen schreibt eine Ansichtskarte an Behne aus Paris: „Meine Tätigkeit führt mich über alle Schlachtfelder und zu den verschonten und nicht geschonten Baudenkmälern Frankreichs. Meinen Wohnsitz habe ich in Paris und fahre mit meinem Auto dauernd durch die Landschaft. Wieder beim feldgrauen Verein herumzugeischtern hätte ich mir nicht träumen lassen …“

„Es kommt der Maler Ehmsen mitten ins Kofferauspacken“, schreibt der Maler Paul Strecker in sein Tagebuch, „… er kommt am nächsten Tag wieder und sieht sich Bilder an … Und damit macht er den Maler glücklich, denn der Maler zweifelt bisweilen und solche Bestätigung seines Tun’s aus berufenem Mund ist wichtiger Antrieb zur Weiterarbeit. Die von Ehmsen gezeigten Fotos nach eigenen Arbeiten enttäuschen ob einer unklaren Gesinnung und eines mangelnden Geschmacks oder überhaupt der Abwesenheit einer klaren Haltung und Beziehung zu den Dingen, und die vorgebrachte Entschuldigung, man müsse eben leben und die etwas leiser hinzugefügte Erklärung, man habe natürlich einen B.M.W. eröffnet Perspektiven auf neudeutsches Künstlertum.“

„Immerhin weiß er eine ganze Menge Dinge, die ein Maler früher wissen mußte, die heutzutage aber böhmische Dörfer geworden sind. Und eine holsteinisch-bäurische Verschmitztheit, die in seinen blauen Augen lauert und die ihn selbst in euphorischen Momenten nicht verläßt, läßt einen immer in Erwartung einer überraschenden Eröffnung, gibt einem das Gefühl daß da noch mehr Substanz ist, als vorgezeigt wird.“

„Nachmittags … bei Ehmsen, der 80 Radierungen von sich zeigt, die eigentlich nur noch historisches Interesse haben …“

Es ist noch keine fünf Jahre her, als diese Arbeiten, die er da zeigt, Gegenstand der Aktion „Entartete Kunst“ waren. Er hat diese „entarteten“ Arbeiten bei sich.
Im besetzten Paris. 1942.

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32. Blockade

Der Maler und Journalist Werner Knothe, in den dreißiger Jahren Hospitant bei dem Maler Kees van Dongen, in einer Berlin-Korrespondenz, am 23. Mai 1949 in der Welt:
„Man muß wissen, daß Ehmsen während des Krieges als Mitglied der Propagandastaffel Paris, als deutscher Hauptmann und als mein Kamerad, das Referat ‘Kunst’ verwaltete und in dieser Eigenschaft dafür sorgte, daß alle führenden französischen Künstler mit ausreichendem Mal- und Heizmaterial versorgt wurden. Mehr noch, er hat dafür gesorgt, daß diese Leute unbeschränkt arbeiten konnten, während in Berlin so viele unserer angeblich ‘entarteten Künstler’ Malverbot hatten. … Heinrich war immer ein harter Kopf, aber er hat sich nie gescheut, in einem Milieu wie ein Fisch im Wasser zu leben, das ihm seiner ganzen Herkunft nach eigentlich widerwärtig sein mußte. Alle seine Förderungen bekam er von reichen Leuten – so war er auch in Paris einer unserer elegantesten Offiziere. Wir wurden fast gleichzeitig Hauptleute. Aber Heinrich war der erste und einzige, der sehr bald im sogenannten Silberrock erschien. Heinrich war auch der erste, der eine ganze Reihe von Anzügen sich anfertigen ließ, die bei einem ersten Pariser Schneider in Auftrag gegeben wurden. – Heinrich wohnte in Berlin im Hause eines Mannes, der als hoher Ministerialbeamter auch unter den Nazis einer Partei angehörte, die den Kommunismus bekämpfte. Seine langjährige Freundschaft mit der Frau des Hauses mag hier vielleicht den Ausschlag gegeben haben. Lis Bertram ist immer wieder neu von ihm gemalt worden. Eine kluge, intelligente und viel von der Malerei wissende Frau, die eine hervorragende Küche auch in der Nachkriegszeit führte … es war Heinrich, der die eigentliche Arbeit der Reorganisation der in alle Winde zerstreuten Hochschule mit Erfolg in die Hände nahm. Jetzt ist dieser Mann ein Opfer der Berliner Spaltung geworden.“

Heinrich Ehmsen wird ein disziplinierter Amokläufer werden.

33. Amok

„Hier sind die piefkehaften Sozis am Ruder und veranstalten nach amerikanischem Muster Hexenjagden. Einer unserer guten Lehrer ist schon halb zu Fall gekommen … Vielleicht komme ich auch dran“, sagt Hofer.

Hofer kommt nicht dran. Die erste, die es bemerken wird und es auch sagt, ist Lis Bertram. Aber Hofer ist getroffen, er ist auch betroffen: „Erschütternd aber ist es heute hören zu müssen, daß Professor Ehmsen, der die größten Verdienste um den Aufbau der Schule hat, und ich nunmehr gehen könnten damit andere, Gott schütze uns, was für welche, an die mit Verleumdungen eroberte Position kommen und die Früchte unserer Arbeit genießen. Nach einem langen Leben redlicher Arbeit stehe ich wiederum vor der gleichen Situation wie in den Jahren um 1933 …“

Am selben Tag schreibt der Formgestalter Wilhelm Wagenfeld an Ehmsen: „Ebenso haben sie mir dann ihr gutes Einvernehmen mit Angehörigen und Vertretern der westlichen Besatzungsmächte bewiesen … Wir leben doch nicht in Freiheit und für den Frieden, wo Angriffe sein können wie die gegen Sie, … während über Harlan geschwiegen wird und ebenso über andere, welche durch geistige Haltung das Rollfeld mitgeschaffen haben, auf dem die östliche Invasion über uns hereinbrach, nachdem vorher soviel Grauen und Tod in das russische Land getragen wurde …“

Es beginnen fünftägige „Vernehmungen“ im Auftrage des Magistrats-West, das Wort „Vernehmung“ ist völlig ernst gemeint. Die Vernehmungen werden protokolliert. „Wie wenig die Behauptungen zutreffen, daß ich die moderne Kunst in Frankreich verfolgt hätte, beweist der Umstand, daß nach Bekanntwerden meiner Strafversetzung nach dem Osten die Pariser Künstler zu meiner Verabschiedung ein gemeinsames Essen mit mir veranstalteten. Fotos davon lege ich vor …“

Diese Photos, die Hofer schon 1945 erwähnt, sind seitdem verschollen. Man sähe sie gerne. Wären Maurice Utrillo, André Derain und Maurice de Vlaminck auf ihnen zu erkennen? Oder auch Lou Albert-Lasard, von der Paul Strecker vor dem Ausschuß berichtet? Oder Georges Braque, von dem Lis Bertram sprach? „Mir ist bekannt, daß Herr Prof. Ehmsen zu Gunsten der jüdischen deutschen Malerin Frau Albert-Lazar, deren Deportation in Aussicht genommen war, eingegriffen hat. Ich erinnere mich auch, daß er mir gelegentlich von bevorstehenden Aktionen gegen Juden Mitteilung machte, damit ich meine Bekannten rechtzeitig informieren konnte. Mir ist nicht bekannt geworden, daß Herr Prof. Ehmsen während seines Aufenthaltes in Paris irgendwelche Aktionen gegen die sogenannte entartete Kunst unternommen hat. Ich weiß vielmehr im Gegenteil, daß Herr Prof. Ehmsen bei der Propagandastaffel verdächtig zu sein schien, allzu großzügig zu sein. Nach seinem Abgang von Paris herrschte sehr bald eine andere Haltung bei der Propagandastaffel, die sich in vielfachen Eingriffen in das Pariser Ausstellungswesen geltend machte. Ich habe mich in verschiedenen Fällen, in denen einer meiner Bekannten oder Freunde inhaftiert war, an Herrn Prof. Ehmsen gewandt, der dann jedes mal zu Gunsten des betreffenden Inhaftierten und ihm vielfach selbst aus dem Gefängnis heraushalf …“

Die Geliebte Rainer Maria Rilkes, Lou Albert-Lasard, hat die deutsche Besatzung überlebt.

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34. Vergessenes Vergessen

Zum Countdown kommt es, als der achtundsechzigjährige Kronzeuge Dr. Kurt Biebrach erscheint, ehemaliger Leiter der Abteilung Bildende Kunst im Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda, Verantwortlicher der Aktion „Entartete Kunst“.
Es geht zu diesem Zeitpunkt um eine Maßnahme gegen die Exponenten der Berliner Hochschule der Künste, Hofer und Ehmsen, die den im sozialdemokratischen Vorwärts veröffentlichten und als kommunistisch geltenden „Pariser Friedensappell“ unterzeichnet hatten. Ein Bauernopfer wird gebraucht, Hofer ist für diese Rolle zu berühmt. Diesen Part kann nur der exponierte Ehmsen geben.
Es ist die vorletzte Möglichkeit, die beschlossene Entlassung von Hofers Stellvertreter „politisch gesichtswahrend“ durchzusetzen.

Wilhelm Canaris’ Mann für die geheimdienstliche Koordinierung in Belgien und Frankreich wirft den ersten Stein. Er möchte Architekturprofessor werden an der Berliner Hochschule der Künste und wird es 1951 dann auch. Die beiden Hauptakteure gegen Ehmsen müssen sich sputen: Der Architekt Edgar Leonhard Wilhelm Wedepohl hat 1949 noch in der SBZ Maschinenausleihstationen (MAS) gebaut und darf jetzt im Westen den Anschluß nicht verpassen. Es spricht der Major der Abwehr des Zweiten Weltkriegs gegen den Fronthauptmann Ehmsen. Er wird schnell, umgehend seinen Lohn einfordern. Man habe ihm „vor einiger Zeit, nach Abschluß der Angelegenheit Ehmsen den wiederholten Beschluß“ seiner Berufung mitgeteilt.

Karl Hofer zumindest versucht, das im März 1951 noch zu verhindern.

Wedepohl wird vier Jahre später von seiten der Hochschule der Künste die Grabrede für Karl Hofer halten.

„Zeuge Dr. Biebrach: Ich habe Herrn Prof. Ehmsen zum ersten Mal in Paris kennen gelernt ohne direkt dienstlich mit ihm zu tun zu haben. Vor Eröffnung der Kunstausstellung im Trocadero ging ich zusammen mit Herrn Prof. Ehmsen und Leutnant Lucht durch die Ausstellungsräume, um eine Besichtigung der aufgehängten Bilder vorzunehmen und sie insbesondere daraufhin zu prüfen, ob die Darstellung eine Herabsetzung der deutschen Besatzungsmacht enthalte. Nach meiner Erinnerung war Herr Prof. Ehmsen im Zweifel, ob er einzelne Bilder, die nach nazistischen Begriffen als entartete Kunst gelten könnten, zulassen solle. Ich habe meinerseits erklärt, daß mir das nicht seine Aufgabe zu sein schiene und Herr Prof. Ehmsen hat dann auch meiner Auffassung schließlich zugestimmt.“

Ehmsen „bemerkt“ dazu, „daß er bei Herrn Dr. Biebrach als zuständigem Dezernenten des Propagandaministeriums eine besondere Einstellung zu der Frage der entarteten Kunst voraussetzen mußte und deshalb die Frage der Aussonderung gewisser Bilder glaubte anschneiden zu müssen“.

Das ist keine humorlose Bemerkung eines „entarteten“ Künstlers am zweiten Tag seiner Vernehmung im „Westsektor“, bedenkt man, daß zu diesem Zeitpunkt, 1949, der erste, schon veröffentlichte Report zur Aktion „Entartete Kunst“ 113 beschlagnahmte Arbeiten Ehmsens aus 15 Museen erfaßt und aufzählt.

„Zu der mir vorgelegten Niederschrift von Herrn Wedepohl über die Besprechung … am 10.8.1947 bemerke ich, daß ich mich bei der Unterhaltung jeder charakterlichen Beurteilung von Herrn Prof. Ehmsen enthalten habe“, sagt Biebrach aus, „und daß ich die Darstellung von Herrn Wedepohl als tendenziös entstellt bezeichnen muß …, der von Herrn Wedepohl in seiner Niederschrift … erwähnte Bericht … an das Propagandaministerium ist nicht zu meiner Kenntnis gelangt. Ich kann also über seinen Inhalt auch keine Auskunft geben. Von einer Beschwerde der französischen Ausstellungsleitung wegen Entfernung von Bildern ist mir nichts bekannt geworden. Sie ist ja schon deshalb nicht möglich, da eine Aussonderung von Bildern nicht stattfand.“

Das heißt wohl, daß der Geheimdienstvertreter in Paris Ehmsen dort von 1940 bis 1942 beobachtet hat.

Ein Professorenkollege bestätigt vor dem Vernehmungsausschuß, daß Ehmsen „die Stalin- und Molotow-Bilder von Gerassimow“ – ein sowjetischer Staatskünstler – sehr deutlich „als ‘Scheiße’ bezeichnet habe“.
Nur der Reisebericht von 1948, von der „Schriftstellerreise“ nach Moskau, bleibt noch als Restvorwurf. Er ist das Gegenteil der Gestapoakten oder der Berichte aus der Sowjetunion von 1932/1933: Man liest diesen Bericht wie eine von einem Nichtkünstler verfaßte soziologische Zustandsbeschreibung. Man darf die vollständige Authentizität – im Sinne der alleinigen Autorschaft von Ehmsens Reisebericht aus der Sowjetunion 1948, mit einigem Grund bezweifeln, nicht zuletzt deshalb, weil er sprachlich völlig uneigen ist, was ihn von den sonstigen Auslassungen des Malers unterscheidet.

Es gibt darin aber auch kulturpolitische Juwelen: „Rembrandt, der auch gesellschaftskritische Themen gestaltete, gibt auch heute den besten Maßstab für Farbe und Form“, setzt er gegen Repin, dessen Malerei verbindlich für den „sozialistischen Realismus“ in der Malerei angesehen wurde, und fährt fort: „Damit will ich die Zielsetzung für die bildenden Künstler im Interesse ihres eigenen Volkes andeuten. Wenn auch die Resultate der sowjetischen Schriftsteller (Majakowski etc.) und Musiker (Schostakowitsch) eine glückliche Synthese zwischen Inhalt und Form sind, und sie heute auch kritisiert werden, so haben sie trotzdem gegenüber den derzeitigen bildenden Künstlern in der UdSSR in den Leistungen einen sehr großen Vorsprung.“
Und er fügt hinzu: „Hindernd sind die Arbeiten quantitativer Art … Das künstlerische Niveau ‘durchläuft’ einen vorübergehenden Tiefstand.“

„Es geht hier nicht um die Persönlichkeit … Ehmsens oder die meine“, weiß Karl Hofer 1949, „daß … Ehmsen hier Feinde hat, wie jeder tüchtige Mensch, muß außer Betracht bleiben … In keinem Gesetzbuch irgendeiner wirklichen Demokratie, auch nicht in der neuen Bonner Verfassung findet sich ein §, der das Recht der freien Meinungsäußerung einschränkte, solange diese nicht zur Schädigung des Staates mißbraucht wird, was im vorliegenden Fall nachgewiesenermaßen nicht der Fall ist. Wohin geraten wir, wenn eine Behörde aus Rücksicht auf die durch Lügen aufgestachelte öffentliche Meinung sich zu nichtwiedergutzumachenden Schritten verleiten läßt. Was heute dem einen passiert, davon kann morgen jeder andere aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen betroffen werden“.

In der „Vernehmung“ wird auf einige Weise klar, daß Ehmsens mündliche Berichte von der Reise nicht identisch waren mit dem vorgelegten Text, und daß er ihn „nicht benutzt bzw. den Vortrag nicht in dieser Form gehalten habe …“ Daß er das sogenannte Manuskript, ohne dazu aufgefordert worden zu sein, ausgehändigt habe, erkennt er als Fehler: Er habe „nicht darauf aufmerksam gemacht, daß er den Vortrag in dieser schriftlich niedergelegten Form nirgends gehalten habe … Er müsse heute einige dieser Ausführungen als recht skizzenhaft bezeichnen“.

Aber es bleibt kein Spielraum mehr. „Am 28.9.1949 war ich mit Frau Bertram bei Herrn Prof. Pechstein und Frau eingeladen. Zwischen 8 und 9 Uhr erschienen unangemeldet dort Herr Prof. Sage und Herr Prof. Vellgut [Sage ist Vorstand des Betriebsrates und Vellgut Mitglied des Betriebsrates der Hochschule der Künste], um im Auftrag des Magistrats dienstlich mit mir zu sprechen. Herr Prof. Sage las mir ein Schreiben des Magistrats … an den Betriebsrat vor. Der erste Absatz enthielt die Formulierung der Kündigung des Magistrats an mich mit der Mitteilung, daß die Kündigung mir am 30. September 1949 gegen Quittung zugestellt würde. Der zweite Absatz enthält die kategorische Aufforderung an den Betriebsrat, der Kündigung zuzustimmen. Ich nahm dieses Schreiben zur Kenntnis und fragte nach dem eigentlichen Sinn ihrer Mission … Herr Prof. Sage erklärte mir nun, daß der Magistrat mir ein Angebot mache, … betonte, daß das Angebot vertraulich sei. Ich konnte dieser vertraulichen Art nicht zustimmen, sondern betrachtete das Angebot als dienstlich, und sagte, daß ich jederzeit Gebrauch davon machen würde. – Der Magistrat bot mir … auf ein Jahr mein volles Gehalt … wenn ich kündige. Wenn ich nicht kündige, würde einer Anzahl von Professoren auch gekündigt und die Hochschule würde als ‘rote Schule’ behandelt. Ich war aufs Tiefste beleidigt und gekränkt durch diesen üblen Erpressungsversuch (Nötigung). Meine dienstliche Antwort war kurz und bündig: ‘Ich bin keine käufliche Hure’ … Damit beendete ich die dienstliche Unterhaltung und ging mit den Herren in’s Nebenzimmer zu Pechstein’s und Frau Bertram zurück.
Privat wurde in unserem Kreise nun ‘Fraktur geredet’. Herr Prof. Sage sprach von 30 Lehrern, die in Gefahr seien, wenn ich nicht kündige. Und der Betriebsrat hätte nun zu entscheiden in meinen Augen sich als Lump zu benehmen oder in den Augen der 30 in Gefahr schwebenden Lehrer …“

Hofer witterte schon davor Verrat und macht dafür Karl Schmidt-Rottluff verantwortlich. Die Maler und Bildhauer hatten sich geschlossen zu Ehmsen bekannt, die Architekten mit ihrem Sprecher Max Taut nicht. Karl Hofer beschreibt damit den Bruch zwischen den beiden Brücke-Künstlern Max Pechstein und Karl Schmidt-Rottluff, der sich aus der „Ehmsen-Affäre“ herleitet. „Erschüttert hat mich nur“, schreibt Hofer an den politisch Verantwortlichen, „die plötzliche Gegnerschaft eines von mir hochgeschätzten Künstlers wie Schmidt-Rottluff, der sich bei der Abstimmung in der Abteilung rückhaltlos für Ehmsen erklärt hat (relata refero). Ich habe nach dem Schluß der Sitzung den Händedruck Taut–Schmidt-Rottluff beobachtet, der mir alles erklärt hat.“

Ehmsen kündigt nicht. Er wird gekündigt, vier zu eins. Eine der vier Gegenstimmen kommt von dem Strafrechtler Prof. Richard Lange, Professor an der Freien Universität, bekannt für einen Strafrechtskommentar bezogen auf einen zu ergänzenden Paragraphen von 1941, den die Nürnberger Gesetze übersahen, betreffs „Rassenschande deutscher Staatsbürger im Ausland“. Lange hat noch bis März 1949 an der Universität Jena in der Sowjetischen Besatzungszone gedient. Die anderen sind: Geheimrat Prof. Dr. Rumberg von der TU Berlin, Hochschuldezernent Dr. Friedrich Kruspi (FDP) und Herr Blumenthal, beide vom Volksbildungsamt des Senats.

Eine Pro-Stimme bekommt Ehmsen: Magistratsdirektor und Bürgermeister Erich Lange (SPD).

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Mark Lammert
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