LI 113, Sommer 2016
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Der Brennpunkt der Welt

Mein Dorf in China, ein Fleckchen Erde, ein Heimatort im Nirgendwo

Es gibt ein Dorf, in dem mein Vater, meine Mutter, meine Großeltern, mein großer Bruder und seine Frau, meine Schwestern leben, ein Ort im Nirgendwo, so wenig unterscheidbar von anderen wie ein Grashalm in der Steppe oder ein Sandkorn in der Wüste. 

Geographie

In meiner Erinnerung ist es ein großes Dorf mit etwa 2 000 Einwohnern; heute ist es mit mittlerweile 5 000 Einwohnern sogar ein ziemlich großes Dorf. Das liegt nicht nur am Geburtenzuwachs, sondern auch an der Welle von Zuwanderern. So wie es viele Chinesen gen Peking und Schanghai zieht oder viele Menschen auf der Welt in die USA und nach Europa, so sind alle Bewohner der umliegenden Weiler und Gebirgstäler begierig auf ein Leben in meinem Heimatdorf. 

In diesem Dorf gab es früher einmal einen Marktplatz, zu dem die Menschen aus einem Umkreis von zehn Kilometern fünf Mal pro Woche zum Kaufen und Verkaufen gepilgert sind. Heute ist aus dem Marktplatz eine blühende Einkaufsmeile geworden, wie die Wangfujing in Peking, die Nanjinglu in Schanghai, Central in Hongkong oder der Broadway von New York, wo Kommerz und Kultur, Politik und Folklore ihren Nährboden finden, sich verbreiten und verwirklichen. Im Laufe der explosionsartigen Expansion der chinesischen Städte ist auch aus dem kleinen Marktflecken ein ganzer Landkreis geworden und das ehemalige Dorf ist Regierungssitz dieses Kreises, so wie Peking für China, Tokio für Japan, London für England, Paris für Frankreich … Soweit zu der Blüte, der Ausdehnung und der Gegenwart dieses Dorfes.

Der wörtliche Name für China – Reich der Mitte – rührt vom traditionellen Selbstverständnis Chinas als Zentrum der Welt her – und es nennt sich zu Recht Reich der Mitte, denn das ist es, das Zentrum der Welt. So wie die chinesische Provinz Henan traditionell nicht Henan hieß, sondern Zhongyuan, Zentralebene, weil sie genau das war: das Zentrum Chinas. Und unser Landkreis liegt genau in der Mitte der Provinz Henan, unser Dorf genau in der Mitte des Landkreises. So betrachtet ist mein Dorf das Zentrum Henans, Chinas, der Welt. Mir erscheint diese Erkenntnis wie ein Geschenk des Himmels, als habe Gott mir den Schlüssel zum Paradies überreicht. Denn sie läßt mich glauben, daß ich, auch wenn ich nur dieses Dorf kenne, ganz China kenne und die ganze Welt. 

Ich war noch sehr jung, als mir eines Tages bewußt wurde, daß mein Dorf das Zentrum Chinas ist, und China das Zentrum der Welt. Es hat mich damals in meiner Naivität ganz ehrlich innerlich aufgewühlt, denn ich fühlte es, klar und deutlich, daß ich auf den zentralen Koordinaten der Erde lebte. Es stachelte mich an, nun auch das Zentrum dieses Dorfes zu finden, als wollte ich den absoluten Mittelpunkt der Welt finden, und so schritt ich spätnachts unter Mondlicht das Dorf ab, um die Entfernungen in alle Richtungen seiner Grenzen zu vermessen. Meine Familie hatte ursprünglich am westlichen Ende des Dorfes gelebt, doch mit der räumlichen Ausdehnung des Dorfes zogen immer mehr Familien an den Stadtrand, wo sie sich Häuser mit Gärten errichteten, und die Grenzen verschoben sich nach Westen, so daß die neuen Ideen und neuen Lebensentwürfe das Zentrum des Dorfes just auf unseren Hof verlagerten, vor unsere Eingangstür. Wenn also unser Dorf der zentralste Ort der Welt ist und vor unserer Haustür das Zentrum dieses Orts liegt, heißt das dann nicht, daß meine Familie den absoluten Mittelpunkt der Welt bildet? Die Koordinaten des Zentrums dieses riesigen Erdballs auf sich vereint?

(…)

Wandel

In den frühen achtziger Jahren, als in China die Zeit der Reform- und Öffnungspolitik anbrach, blühte unser Dorf auf. Einer der Bauern unserer Gegend wurde so wohlhabend, daß er sich ein eigenes Auto leisten konnte. Also reiste er nach Schanghai, kaufte einen VW Santana und fuhr damit einen Tag und eine Nacht lang zurück ins Dorf. Man muß dazu sagen, daß in dieser Zeit allein der Kreisvorsteher einen eigenen Wagen fuhr. Und nun hatte dieser Bauer einen. Als er damit zurückkam und den Santana auf seinem Hof parkte, lief das ganze Dorf zusammen und auch aus Nachbardörfern kam man, um es zu bestaunen, es war wie damals, als die Bauern zum ersten Mal einen Fernseher zu Gesicht bekamen. Doch an jenem Tag regnete es, es regnete sogar ziemlich heftig. Es regnete die ganze Nacht hindurch, und als jener Autobesitzer am nächsten Morgen erwachte, war die Straße vor seinem Haus von den Wassermassen zerstört und auch der Santana stand halb unter Wasser. Seitdem hat der Santana den Hof des Bauern nicht mehr verlassen und parkt für immer dort, als Symbol der Zeit und der Unwandelbarkeit, ein Souvenir.

Seither nahm die Entwicklung unverdrossen ihren Lauf. Jener Flecken Erde – genauer gesagt, ein Nachbardorf – wurde, so richtig weiß ich nicht, warum, von der Provinzregierung zu einem Vorbild für den Wandel von Armut zu Reichtum erklärt. Der Provinzgouverneur und der Parteisekretär der Provinzregierung kommen hin und wieder persönlich vorbei, um sich vom Stand der Dinge zu überzeugen, zeigen Anteilnahme und halten Reden, so daß die Banken auch weiterhin großzügig Kredite vergeben. Um noch reicher zu werden und der ganzen Welt zu zeigen, wie gut es diesem sozialistischen Dorf geht, hatte das Dorf auf eigene Kosten eine TV-Doku in Auftrag gegeben und es damit ins „goldene Archiv“ von CCTV geschafft (nebenbei bemerkt: das Drehbuch stammt von mir). Um zu beweisen, daß man wirklich, wirklich reich ist und es mit dem Kreis, der Provinz, dem ganzen Land aufnehmen kann, hatte das Dorf sogar zwei kleine Motorflugzeuge auf Kredit gekauft – im Lokaljargon nannte man sie die Honigbienenkonkubinen. Besucher sollten die Möglichkeit zu einem Rundflug über das Dorf bekommen, um sich aus der Vogelperspektive von den großartigen Errungenschaften des Sozialismus zu überzeugen. Noch dazu sollten sich so auch einfache Leute für nur hundert Yuan den Traum verwirklichen können, einmal in einem Flugzeug durch die Lüfte geflogen zu sein. Wunderbare Aussichten, ein herrliches Leben – doch nachdem die beiden Flugzeuge auf LKWs in unser Dorf gebracht, fertig montiert worden waren und zu einem Testflug starteten, brach dem einen ein Tragflügel und es stürzte ab. Seitdem stehen die beiden Bienen von Segeltuch bedeckt in der Gegend herum.

Das Dorf war auf einmal wieder ein armes Dorf.

Das reale Leben ist voll von surrealen Begebenheiten. Und im gewöhnlichen Alltag finden sich die erstaunlichsten Persönlichkeiten und die tiefsten Einsichten. Schließlich ist das Dorf das Zentrum des Zentrums der Welt. Dort ist der Wandel der Gesinnungen und Charaktere am heftigsten, es brodelt im Innern des Vulkans. Vor einigen Jahren kam ich zurück in das Dorf, besuchte meine Familie und traf mich mit meinem jüngeren Bruder, der mir deprimiert davon erzählte, daß sämtliche Dorfbewohner sich erfolgreich auf den Weg des Wohlstands begeben hätten, während sein eigenes Schicksal ihn auf einen holprigen Weg voller Katastrophen, Abgründe und Ausweglosigkeit geführt habe. Mit Mühe und Not habe er das Geld für einen Transporter zusammengekratzt und versuche, sich mit Auftragstransporten durchzuschlagen. 

Doch nun habe er einmal beim Fahren nicht aufgepaßt und sei mit einem Radfahrer kollidiert. Es handelte sich um eine Frau, die einen fünfjährigen Jungen auf dem Gepäckträger hatte. Der Junge sei vom Rad gestürzt und noch vor der Einlieferung ins Krankenhaus gestorben. Mein Bruder meinte, es gebe wirklich keinen, dem das Schicksal so übel mitspiele wie ihm, denn heutzutage seien solche Todesfälle für die anderen Dorfbewohner keine große Sache, man zahle dem Geschädigten fünftausend oder zehntausend Yuan und damit sei der Fall erledigt. Schließlich habe ja niemand etwas mit Absicht getan, schließlich seien wir doch alle eine Dorfgemeinschaft, gutherzig und verständnisvoll, manchmal erwarte man nicht einmal eine Kompensationszahlung für den Verunglückten, sondern befreunde sich auch noch über den Unglücksfall hinweg, so sei das hier. Doch die Frau, mit der er es hier zu tun gehabt habe, die mit dem fünfjährigen Jungen, eine junge und vom Glück verwöhnte Mutter, sei gar nicht gutherzig und verständnisvoll gewesen, sondern habe von ihm dreißigtausend Yuan Kompensationszahlung verlangt, ohne Wenn und Aber. 

Ein Menschenleben gegen dreißigtausend Yuan. Und dazu das Jammern und die Seufzer meines kleinen Bruders. Ich war einfach nur sprachlos und konnte einfach nicht fassen, daß das normal sein sollte.

(…)

Literatur

Gibt es in einem Dorf, das der Mittelpunkt der Welt und quasi mit China gleichzusetzen ist, so etwas wie Literatur?

Ja. Selbstverständlich. Es gibt sie nicht nur, sie ist sogar einzigartig, klassisch, kunstvoll, unverwechselbar. Die Werke der größten Schriftsteller der Welt erscheinen im Vergleich dazu trivial, armselig und nicht der Rede wert. Die literarische Moderne und Avantgarde der Welt wirken im Verhältnis zur Literatur dieses Dorfes alt und abgestanden, konventionell und von gestern. Und selbst die Klassiker der Weltliteratur, Die Odyssee, 1001 Nacht, Die göttliche Komödie, Don Quichotte und Shakespeares Dramen haben im Licht dieses Dorfes betrachtet so gar nichts Klassisches und Epochales mehr, sondern sind eher schlicht und zeitgenössisch.

Nehmen wir Kafka. In unserem Dorf kennt man mit dem Buddhismus schon seit ewigen Zeiten die Idee der Reinkarnation. Wird man als Schwein wiedergeboren oder als Hund, dann, weil man den falschen Weg eingeschlagen hat. Und es gibt unzählige Geschichten, in denen ein Mensch über Nacht in ein Schwein oder ein Pferd verwandelt wird. Das war lange, bevor Gregor Samsa eines Morgens als Käfer aufwachte. 

Als ich klein war, erzählte man im Dorf die Geschichte von dem Mann, den jeder nur das Katzenadlerauge nannte. Am Tag war er fast blind, doch nachts sah er alles. Kaum, daß die Nacht hereinbrach, sah er sogar tief und weit. Alle Familiengeheimnisse, schmutzige Geschichten, Diebe und ihre Beute, er wußte um alles genau Bescheid, seine Augen waren wie eine Taschenlampe auf die im Dunkeln verborgenen Mysterien des Dorfes gerichtet. Diese Legenden bergen für mich so viel mehr an magischem Realismus als der eines García Márquez. 

Dantes Inferno und sein Fegefeuer, schön und gut, aber das in unserem Dorf überlieferte Werk über die Hölle und das Fegefeuer ist etwa 2 000 Jahre älter als Dantes und die darin beschriebenen Begebenheiten und Details sind noch viel haarsträubender und lehrreicher. 
Der Kampf gegen Windmühlen im Don Quichotte ist für uns wie ein geistiges Symbol Spaniens. In unserem Dorf gibt es schon lange die Legende vom Mühlraddreher und seinem Kampf gegen den Mühlstein – mit aller Kraft, Ausdauer und Willen dreht er den Mühlstein, immer weiter und weiter, bis alle Kanten des Steins abgewetzt sind, bis der ganze Mühlstein heruntergeschliffen ist und sich mit dem dicken Mühlstab unterhalten kann, und erst, als er schreiend seine Niederlage gesteht, kommen die unermüdlichen Füße des Mühlraddrehers zum Stillstand. 

In Dostojewskis Brüdern Karamasow gibt es die berühmte Geschichte vom Großinquisitor. Dieses Kapitel hat mich erzittern lassen. Doch dann habe ich mich auf die Leute in unserem Dorf besonnen, ihre unprätentiösen religiösen Handlungen, die mich viel mehr berühren und erschüttern als dieses große Stück Literatur – in unserem Dorf gibt es eine über siebzigjährige Frau. Sie kann nicht lesen und schreiben, war noch nie in einer Kirche oder in einem Tempel, um Räucherstäbchen zu verbrennen oder Kotaus zu machen. Sie war nie verheiratet und hat keine Kinder, niemand kümmert sich besonders um sie, sie bestellt das Feld, jätet Unkraut, füttert die Hühner, baut Gemüse an, fegt den Hof, erntet Obst. Ihre Existenz wird auf dieser Welt keine Spuren hinterlassen, niemand wird je erfahren, was das bewegendste Erlebnis ihres Lebens war. Doch diese Frau sitzt jeden Morgen, ganz gleich ob während der Zeit der atheistischen Kulturrevolution oder während des materiellen Überflusses der Reformperiode, an ihrem Fenster vor einem schlichten, aus Eßstäbchen gebastelten kleinen Kruzifix und betet still bis zum „Amen“. Wenn ich an sie denke, fange ich an zu zittern. 

Wenn ich es recht überlege, sind sämtliche großen, reichen, traurigen und lustigen Geschichten, die ich aus Büchern kenne, in meinem Dorf geschrieben worden. Alles ist hier geschehen, und viel wahrhaftiger und erschütternder, als ich es in meinen Romanen beschreiben kann. Es war meine Ignoranz, die mich diese Dinge nicht früher schon in meinem Dorf hat entdecken und erspüren lassen. Ich hatte die Straßen, Häuser, Felder, das Essen und den Müll, das Altern und den Tod in diesem Dorf schon zu oft gesehen. Ich war so überflutet vom Alltag dieses Dorfs, von den substantiellen, physischen, physiologischen Facetten Chinas, daß ich kein Auge hatte für den das Materielle und Physische überschreitenden Geist des Ortes und seine Kunst. Erst heute, wo ich schon seit dreißig Jahren schreibe, wird mir allmählich bewußt, daß dieses Dorf selbst, das einmal meine Heimat war, eines der großartigsten Werke der Welt ist. Selbst wenn man alle Literatur der Welt zusammennimmt, alle Entstehungsgeschichten dieser Werke, bliebe es ein unübertroffenes Werk der Weltliteratur.

Unser Dorf hat nichts von dem Luxus und der Extravaganz der Szenerie des berühmten chinesischen Romans Der Traum der roten Kammer, aber die Persönlichkeiten aus diesem Roman, die gibt es bei uns alle. Gu Baoyu, Lin Daiyu, Xue Baochai, Wang Xifeng, Liu Laolao – sie alle wohnen bei uns im Dorf. Die Sagen aus dem Buch von den Bergen und dem Meer und die Berge aus Die Reise nach Westen mögen andere sein als unsere, doch sie ähneln den unseren. Der Dichter Li Bai saß auf dem Berg vor unserer Haustür und schrieb Gedichte. Den Staatsmännern Bai Juyi und Fan Zhongyan gefiel unsere Landschaft so gut, daß sie sich hier begraben ließen. Hier gedeiht der blühende Garten Eden der Literatur, ein wunderbares Panorama an Persönlichkeiten und Geschichten, über die ich nicht nur immer unfähig war zu schreiben, sondern die ich nie im Leben hätte entdecken, erspüren, mir ausdenken können. 

Meine ganze Unwissenheit kommt daher, daß ich dieses Dorf und diese Gegend nicht ausreichend verstanden und gekannt habe. Wenn man einer Wüste nur ihre Trockenheit ansieht, liegt das daran, daß man keine Oasen in sich trägt. Und jetzt, wo ich mir bewußt geworden bin, daß mein Dorf eine Oase der Literatur in der Wüste ist, sehe ich, daß nur mein Alter, mein Schicksal und mein Unvermögen mir Grenzen gesetzt haben und zuweilen den ersten Schritt verhindern, um durch die Wüste zur Oase zu gelangen. Doch dieses Dorf zu kennen ist für sich schon das größte literarische Werk, es ist das Gras in der Wüste, und ich bin auf dem Weg, langsam darauf herumzuwandeln.

(…)

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Mehr von:
Yan Lianke
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 115
Aus dem Chinesischen von Karin Betz
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