LI 111, Winter 2015
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Rechtsstaat und Kalifat

Religion und Gewalt oder die Tragödie der Muslime Europas

Religiöse Ideologien und Mengen

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Die europäischen Gesellschaften, ganz besonders die französische, waren fest davon überzeugt, daß jede religiöse Ideologie früher oder später automatisch zum Niedergang verurteilt wäre und früher oder später auf vorsätzliche Tötungen verzichten würde. Selbst wenn religiöse Ideologien historisch einmal in der Lage gewesen sein sollten, Gewalt gegen ihre Gegner zu entfesseln, so würde es doch genügen, der Zeit ihre Zeit zu geben. Der Prozeß des Niedergangs würde sich von selbst in Gang setzen. Zuerst würde die religiöse Ideologie sich ins Innere der religiösen Gemeinschaften zurückziehen, dann ins Innere der Familie, zuletzt in die Innerlichkeit der Individuen. Sie würde zu einer rein persönlichen, intimen Entscheidung werden. Und mit jedem Schritt dieses Verinnerlichungsprozesses würde die Möglichkeit religiöser Gewalt weiter abnehmen, bis sie am Ende ganz verschwunden wäre. Die willkürlichen religiösen Massaker würden durch ordentliche gerichtliche Todesurteile ersetzt, dann würde man generell auf Tötungen verzichten, dann auf Gefängnisstrafen und zuletzt auf jede Art von Strafe. Die religiösen Ideologien würden schließlich akzeptieren, daß die Gesetze den Tatbestand der Blasphemie nicht mehr kennen, und sich darauf beschränken, nur noch ein Minimum an Achtung vor religiösen Überzeugungen einzufordern. Für ihre Gegner bliebe mithin nur noch die Waffe der mehr oder weniger frechen und gewagten Nicht-Achtung, die immer weniger Risiko enthielte.

War das nicht der historische Weg, den alle religiösen Ideologien in Europa historisch gegangen waren? Niemand konnte Zweifel daran haben, daß die römische Kirche einst eine gewaltige Machtmaschine konstruiert hatte, vielleicht die wirkungsvollste im ganzen sozialen Raum, auf jeden Fall aber die stabilste. Im Lauf der Jahrzehnte hatte sie sich, in Europa wenigstens, daraus zurückgezogen. Die Bischöfe wurden immer schüchterner; die Päpste mußten sich, gerade wenn sie immer stärker werdende Reformwünsche zurückweisen wollten, den massenmedial propagierten Moden beugen. Entsprechend hielt man am Zölibat fest, verkündete gleichzeitig aber seine Liebe zum Fußball; man konsolidierte das autokratische Lehramt des Papstes und maßregelte die Kardinäle, während man den Diktatoren Argentiniens – ausgerechnet – jede Kritik ersparte. Der Protestantismus in seinen unterschiedlichen Spielarten hatte aus England und Deutschland siegreiche Mächte gemacht; manche Gelehrte sind sogar der Ansicht, er habe dort entscheidend zum Aufstieg des Kapitalismus beigetragen. Aber auch hier konnte man beobachten, daß die Religion vor allem darauf bedacht war, sich nicht allzusehr in den Vordergrund zu drängen. Was schließlich das Judentum angeht, so war seine Geschichte chaotisch genug verlaufen, um es von sich aus vorsichtig sein und genau jene diskrete Zurückhaltung walten zu lassen, zu der es von den anderen nur allzuoft gezwungen worden war. Kurzum, im modernen Europa gaben die Nichtgläubigen den Ton gegenüber den Gläubigen an.

Damit es zu diesem Ergebnis kommen konnte, war, so dachte man, keine besondere Anstrengung nötig gewesen, und auch künftig würde keine nötig sein. Es genügte, daß die Gesellschaft wirtschaftlich Erfolg hätte, daß sie politisch auf den Frieden zwischen den Nationen setzte und sozial auf Konsens bedacht wäre. Wenn diese drei Ideale, ökonomisch, politisch und sozial, nur klar, verbindlich und laut genug bekräftigt würden, würden die religiösen Ideologien wie von selbst schwächer werden und in den Hintergrund treten, selbst dann, wenn die drei Ideale faktisch gar nicht erreicht waren. So die Doktrin. Und weil es in Europa in der Vergangenheit so gelaufen war, gab es keinen Grund anzunehmen, daß es in der Zukunft plötzlich anders laufen sollte. Was den Rest der Welt anging, so war die Annahme verpönt, daß derselbe Prozeß dort womöglich ausbleiben könnte.

Antireligiöse Propaganda erschien unter diesen Bedingungen überflüssig. Die Dinge würden von selbst ihren natürlichen historischen Gang gehen.

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Die religiöse Ideologie des Islam (…) wähnt sich keineswegs im Prozeß des Niedergangs. Der Islam (…) hat nie die historischen Erfahrungen gemacht, die dazu geführt haben, daß die religiösen Ideologien Europas, vorläufig jedenfalls, nur noch sehr bescheiden auftreten. Es gibt keinen Grund, weswegen der europäische Islam, schon gar nicht der französische, sich klein machen müßte. Die Anzahl seiner Anhänger wächst beständig, und die Intensität ihres Engagements nimmt stetig zu. Dafür gibt es meines Erachtens einen entscheidenden Grund: Im Unterschied zu den christlichen Ideologien Europas ist der Islam voll und ganz in eine entscheidende Dynamik der Gegenwartsgeschichte eingebunden: nämlich in die Infragestellung der Grenzen, welche die Europäer in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nach dem Fall des osmanischen Reiches, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Prozeß der Dekolonisierung gezogen haben. Die Infragestellung der von den Europäern gezogenen Grenzen hat mit der Annexion Kuwaits durch Saddam Hussein im Jahr 1990 begonnen. Sie betrifft ganz Nord- und Westafrika, den Nahen und Mittleren Osten, den Grenzverlauf zwischen Pakistan und Indien sowie das langfristige Ziel des Iran, einen freien Zugang zum Mittelmeer zu gewinnen. Die Ayatollahs knüpfen hier an das alte Projekt des Xerxes an. Vom türkischen Projekt der Wiederherstellung des osmanischen Reiches ganz zu schweigen. Ob Sunniten oder Schiiten, die islamischen Völker sehen überhaupt keinen Grund, weswegen sie Grenzen akzeptieren sollten, die weder die Geographie der Kulturen und Ethnien noch die Geschichte der präkolonialen Reiche berücksichtigen. Sie haben sich lange durch die Israelfrage ablenken lassen, wozu sie von den Ölstaaten am Golf gedrängt worden waren, die ihrerseits nicht das geringste Interesse an einer Infragestellung der Grenzen haben, die sie selbst in Gefahr bringen könnte. Genau damit ist es jetzt vorbei; es hat sich nämlich etwas Entscheidendes ereignet: Auch wenn die Israelfrage noch wichtig ist, ab jetzt ist sie weniger wichtig als die Errichtung neuer souveräner, allein der Scharia unterstellter Territorien. Das Christentum ist wieder der Glaube der Kreuzfahrer geworden. Das Judentum beschränkt sich nicht mehr auf einen kleinen Staat, der 1948 angeblich allein vom Westen der Region aufgezwungen worden wäre; es ist wieder zu dem geworden, was zu sein es nie aufgehört hatte: jener Name, der bereits in der Existenz eines einzigen seiner Vertreter ausreicht, den Islam zu entwerten und ihm das Monopol auf die Entdeckung des Monotheismus streitig zu machen.

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Die Westeuropäer sollten nicht zurückweichen vor einer faktischen Gegebenheit: nämlich daß das Modell, das sie universal glaubten, gar nicht universal ist. Es gibt religiöse Ideologien, die sich historisch keineswegs zum Niedergang verurteilt glauben und die sich auch keineswegs dazu verpflichtet sehen, auf die Anstachelung religiöser Mengen zu verzichten. Sie sind deswegen noch nicht kriminell, ja sie bilden noch nicht einmal eine Ausnahme. Umgekehrt: das europäische Modell ist die Ausnahme. Und solche religiöse Ideologien gibt es heute auch in Europa, sie haben dort einen legitimen Platz. Sie werden sich deswegen aber nicht von selbst einem Modell beugen, das sie nicht kennen, das sie nicht verstehen und das sie um so weniger verstehen, je weniger es jemanden gibt, der es ihnen erklärt. Der europäische Islam glaubt, daß er das Recht dazu hat, nicht anders als der amerikanische Protestantismus oder die russische Orthodoxie, auf die politische Ordnung jener Länder einzuwirken, in denen er heimisch geworden ist. Wer erklärt ihnen, klipp und klar, warum das nicht wahr ist? Warum die religiösen Ideologien dieses politische Recht nicht haben?

Wenn sie die Situation erst einmal genau abgeschätzt haben werden, werden die Europäer sich zu entscheiden haben: ob sie die Lage gefährlich finden oder nicht. Falls ja, sollten sie sich an ihre eigene Geschichte erinnern: Was haben sie getan, als die religiösen Ideologien sich im Aufstieg befanden? Und dabei sollten sie sich nicht auf Leo Strauss stützen. Seine Position ist grundlegend falsch. Zugespitzt formuliert, läßt sich die Situation auf eine einfache Formel bringen: Wenn eine religiöse Ideologie im Aufstieg ist und jenen Punkt erreicht hat, wo sie sich dem Staat entgegenstellt, dann muß der Staat ihre Ausübung einschränken. Genau so, wie es die Dritte Republik gegenüber der katholischen Kirche getan hat. In seiner Eigenschaft als Rechtsstaat wird der Staat sich nach Möglichkeit auf jenen Bereich beschränken, in dem er Autorität besitzt. Wenn es sein muß, dann kann er diesen Bereich allerdings auch ausdehnen, so wie er es beispielsweise gegenüber den Universitäten getan hat. Um Studentendemonstrationen zu verhindern, hat er das Gelände der Universitäten in gewöhnlichen öffentlichen Raum zurückverwandelt, das heißt er hat den Raum eingeschränkt, in dem noch die alten, vorstaatlichen akademischen Freiheiten galten. Und weil der Staat das Recht hat, Politik zu betreiben, hat er auch das Recht, Unterscheidungen geltend zu machen: Eine religiöse Ideologie, die ihren Niedergang verinnerlicht hat, kann anders behandelt werden als eine religiöse Ideologie, die sich im Aufstieg befindet und expandiert.

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Das Kalifat hat sich offen zu den Angriffen vom 13. November 2015 bekannt. Die Attentate haben unübersehbar ideologischen Charakter. Sie wurden an einem Freitagabend verübt, und sie galten Orten der öffentlichen Zerstreuung und Unterhaltung. Sie stellen gleichzeitig einen Akt von (islamischer) Moralpolizei an die Adresse der gesamten Welt sowie eine militärische Vergeltungsmaßnahme an die Adresse Frankreichs dar. Ihre hauptsächliche Zielsetzung aber ist politisch. Und sie betrifft in allererster Linie die europäischen Muslime.

Zum einen versuchen die Angriffe, die Vertiefung ihrer Zugehörigkeit zur Gesellschaft zu erschweren. Zum anderen versuchen sie, diese Zugehörigkeit selbst als verdammenswert erscheinen zu lassen.

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Wenn man die Angriffe vom 13. November mit denen vom Januar 2015 vergleicht, dann fällt auf, daß die November-Attentate fast stumm abgelaufen sind. Ich glaube nicht, daß die Stummheit nebensächlich war. Dadurch rücken die Taten in die Nähe des organisierten Verbrechens. Zwar waren die Mörder keine Profikiller, aber sie haben ganz offensichtlich die Haltung von Berufskillern nachgeahmt, die sie aus Fernsehserien und Filmen zur Genüge kennen. Verkörpert haben sie damit zwei symmetrisch aufeinander bezogene Aussagen: Wir sind Verbrecher, weil unsere Opfer es auch sind. Das heißt: einer Gesellschaft europäischen Typs anzugehören ist an sich schon ein Verbrechen.

Deshalb wurden auch keinerlei Vorsichtsmaßnahmen getroffen, um zu vermeiden, daß auch Muslime getötet würden. Unter den Opfern befinden sich in der Tat viele Muslime. In den Augen des Kalifats spielt das offenbar keine Rolle mehr. Im Januar war die Identität der Opfer noch von Bedeutung: Karikaturisten und Juden mußten sterben, weil sie waren, was sie waren; im November treffen die Schüsse wahl- und unterschiedslos all diejenigen, die gerade da sind. Daß Muslime unter den Opfern sind, womöglich sogar Anhänger des Kalifats, liegt in der Ordnung der Dinge: Die einen hatten dort ganz einfach nichts zu suchen; die anderen werden glücklich sein zu sterben.

Mit der Ausrufung des Kalifats am 29. Juni 2014 ist eine historische Schwelle überschritten worden. Nach und nach beginnt man, das Ereignis zu begreifen. Mit der Ausrufung des Kalifats ist eine institutionelle und ideologische Formation entstanden, die sich selbst universale Geltung und Reichweite zugesprochen hat und sie für sich in Anspruch nimmt: Jeder Muslim ist dem Kalifat unterworfen, jeder Nichtmuslim ist Feind des Kalifats, und jedes menschliche Wesen, Muslim oder nicht, das diese beiden Glaubenssätze nicht unterschreibt, ist ein Verbrecher.

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Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 19
Aus dem Französischen von Clemens Pornschlegel

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