LI 095, Winter 2011
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Der Stand der Dinge

Warum der Versuch einer dritten Modernisierung Ungarns nicht gelungen ist

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Die erste demokratische Regierung Ungarns, die sich als Hüterin der Freiheitsideale des 19. Jahrhunderts verstand, machte mit der Privatisierung den Weg für die bereits zweimal unterbrochene ungarische Modernisierung frei. Sie wußte, was sie wollte, zog allerdings nicht in Betracht, was sie alles von der Diktatur geerbt hatte. Geerbt hatte sie die Schattenwirtschaft und die Schwarzarbeit. In diesem Rahmen hatte bereits eine geheime Privatisierung stattgefunden, obwohl die Kádársche Gesetzgebung es nicht erlaubte, diese pro forma vollzogene Privatisierung de jure für gültig zu erklären. Sie ließ sozusagen nicht zu, die lokalen Duodezfürstentümer, die auf den im Rahmen der Genossenschaften gewinnbringend arbeitenden Betrieben basierten, zu vererben, wodurch die mit Unternehmergeist gesegnete Schicht der Landbevölkerung im Prinzip in eine wohlhabende bürgerliche Existenz hätte eintreten können. Die legalen Investitionen der Genossenschaften wurden von der Administration des Kádár-Regimes streng begrenzt; man wollte nicht, daß das Genossenschaftseigentum dem Staatseigentum über den Kopf wuchs, und zwang die tatsächlichen Geldflüsse damit in die Illegalität. So stieß sie die an Geheimgeschäften Beteiligten größtenteils in den Tauschhandel zurück. Vertragsverhältnisse wurden durch mündliche Absprachen ersetzt, Schriftlichkeit und Banktransaktionen waren quasi verboten. Jeder wußte von dieser informellen Wirtschaft, jeder hatte an ihren Segnungen und Anomalien teil, aber kaum jemand sprach offen darüber. Das Schweigen lag quasi im Interesse aller, damit die unselige Situation erhalten werden konnte. Das gegebene Wort und die Rechnung verloren noch für Jahrzehnte ihre Gültigkeit in Geschäftsbeziehungen. Beim Bruch eines illegal gegebenen Wortes konnte man nicht vor Gericht gehen, kann es auch heute nicht – dafür muß gemordet oder etwas in die Luft gejagt werden. Nach vierzig Jahren Sozialismus bestand im Ungarischen damit praktisch kein Unterschied mehr zwischen ja und nein. Es regierte der doppelte Sprachgebrauch, ein Nein so zu sagen, daß es auch ein Ja sein könnte, und umgekehrt. Das Wort „Rechnung“ erhielt eine ausgesprochen negative Bedeutung. Wenn irgend jemand eine Rechnung erbittet, vermißt, verlangt, wird das bis heute so gedeutet, als handele es sich um einen geheimen Finanzprüfer oder einen schlechten Menschen, der nicht an der für den Stamm oder den Clan gerechten und moralischen Aktion des Stehlens und Betrügens teilnimmt und deshalb ausgestoßen werden muß.

Im Augenblick des Systemwechsels war die Gesellschaft ausgehungert nach legalem Eigentum, wenngleich sie gar nicht vorbereitet war auf eine Verbindlichkeit von Ja- und Neinsagen, da sie den doppelten Sprachgebrauch, den doppelten Maßstab im Interesse des Überlebens schon traditionell kultiviert hatte und nicht auf die Verantwortung vorbereitet war, die das Besitzen, Investieren, Abrechnen, Steuernzahlen oder die Pflege des Eigentums mit sich bringt. Die Struktur, in der sie lebte, entsprach nicht dem Modell, dem sie folgen wollte. Ohne Privatisierung aber war, was immer geschehen würde, der Faden der Modernisierungstradition nicht wieder aufzunehmen. Die aufeinander folgenden Regierungen entschieden, die Modernisierungstradition fortzusetzen, damit Ungarn in absehbarer Zeit zu einem gleichberechtigten Partner der großen Industrienationen aufsteigen könnte, und gerade deshalb entschieden sie sich zur Beibehaltung der Strukturen der Diktatur. Sie bauten auch schon deshalb auf die Strukturen und die Protagonisten der Schattenwirtschaft, des informellen Sektors und der Schwarzarbeit, weil sie nichts anderes kannten. Noch Jahre später erfaßte Orbán als junger Parteivorsitzender die Bedeutung dieser strategischen Entscheidung nicht bzw. befand den doppelten Sprachgebrauch, den doppelten Maßstab und das doppelbödige Denken für moralisch inakzeptabel. Im Prinzip wäre natürlich eine Privatisierung möglich gewesen, die dem Gemeinwohl im republikanischen Sinn den Vorrang gegeben hätte; dazu aber hätten die Protagonisten die Spielregeln der Demokratie zumindest teilweise kennen und ihre Einhaltung von sich und anderen fordern müssen. Woher hätten sie sie kennen sollen? Ich erinnere mich an keine politische Gruppierung, die der Gesellschaft diese Möglichkeit, das heißt die von Transparenz und Kontrolle, eines ausgeglichenen Verhältnisses von Rechten und Pflichten, eröffnet hätte. Sie hätte einen starken Staat präsentieren müssen.

Die Partei Orbáns, der Bund Junger Demokraten, wurde als erste in einen Korruptionsskandal verwickelt. Später verlor der Bund Freier Demokraten auf einen Schlag fast die gesamte Basis seiner Wählerschaft dadurch, daß er nach der Enthüllung eines Korruptionsskandals nicht einmal Aufklärung, quasi als Wiedergutmachung, anbot. Er beließ die Verantwortlichen im Amt. Als ich ein damaliges Mitglied des Parteivorstandes, István Eörsi, einen Schriftstellerkollegen, fragte, warum sie das politisch Unvermeidliche nicht getan hätten, antwortete er, sie hätten nur so vermeiden können, daß die Parteiführung in die Hände desjenigen Vorstandsmitglieds gefallen wäre, der sich bis dahin bereits einen Großgrundbesitz zusammengestohlen hatte und in dieser Leidenschaft auch nicht zu stoppen war. Jede neu- oder wiedergegründete Partei wollte vom ersten Augenblick an Zwielicht, wollte im trüben fischen, anders konnte sie nicht gedeihen. Die Parteileute, die aus moralischer Zimperlichkeit die im Korruptionssumpf versunkenen Parteien verließen, hüteten sich, ihr Wissen mit der Öffentlichkeit zu teilen. Wenn es auch nur eine einzige Ausnahme unter den die dritte ungarische Republik begründenden Parteien gegeben hätte, hätte sie sich gegenüber den übrigen dadurch auszeichnen müssen, dem Gemeinwohl geben und nicht von ihm bekommen oder nehmen zu wollen. Das Verlangen nach Besitz war in vierzig Jahren Diktatur so stark geworden, daß selbst die christlichen Kirchen und die jüdische Gemeinde nur kriegen wollten, kriegen, nicht geben, auch nicht einen Filler, keinem. Angesichts der plötzlich auftretenden Obdachlosigkeit und bitteren Armut riefen nicht einheimische, sondern ausländische Vereinigungen die ersten Hilfsorganisationen ins Leben.

Traditionen des Schattens
Gleichwohl war die Tradition kapitalistischen Wirtschaftens nicht unbekannt. Das Problem mit ihr war das gleiche wie das mit dem Demokratieverständnis. Im Zuge der Reformversuche der sozialistischen Planwirtschaft und der Stärkung der Schattenwirtschaft hatte die ungarische Gesellschaft zu Ende der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts die früheren Anomalien des ungarischen Kapitalismus faktisch vergessen, so wie sie auch die eigenen Arbeiter- und Bauernbewegungen vergessen hatte. Die Folgen ihrer Amnesie bekam sie auf der Stelle zu spüren. Sie begann sich für das Modell einer entwickelten sozialen Marktwirtschaft zu interessieren, die sie nicht kannte und an deren frühere Zustände sie sich nicht erinnern wollte. Sie wollte Illusion statt Realität. Mit seiner illegal blühenden Schattenwirtschaft kam Ungarn unter den Staaten des Warschauer Paktes zwar der kapitalistischen Wirtschaft am nächsten, jedoch nicht einer geordneten, der sozialen Marktwirtschaft, die den Wahnsinn kapitalistischer Exzesse des Egoismus durch Gesetze und Institutionen der demokratischen Gewaltenteilung reguliert, sondern dem ungeordneten, gesetzlosen Wirtschaften, das eher den Familien-, Clan- und Stammesegoismus pflegt, nur Geheimabsprachen und den Tauschhandel kennt, das Recht nur als Rechtslücke, Schriftliches wie der Teufel das Weihwasser scheut und dementsprechend bei der Durchsetzung seiner Interessen eher auf die Vorstellungen einer autoritären Gesellschaftsorganisation rekurriert und keineswegs auf den Fortschrittsgeist, vielmehr auf den Stammes- und Clangeist der Provinz. Es wahrt quasi den patriarchalischen Geist, der Kleinbauern und Gentry, herrschaftliche Dienstboten, Gesinde, Tagelöhner und Aristokratie miteinander verband. Um einen Begriff Radomir Konstantinovićs zu gebrauchen: den „Geist der Provinz“. Es mag keine Alleinherrschaft, erkauft sich jedoch mit dem ergebenen Dienst für den nächsten Herrn ein Stück Sicherheit. Es strebt nicht nach Höherem, liebt Universalität nicht einmal in der Kirche, bleibt friedlich in den Banden von Familie und Clan. Es versteht dementsprechend Individualismus nicht, verachtet ihn zutiefst. Es zieht in die Stadt, in die teuersten Viertel, aber haßt Urbanität. Es sehnt sich den ganzen Tag nach der zerstörten Provinz zurück, der es verächtlich den Rücken gekehrt und zu deren Zerstörung es selbst beigetragen hat. Es wünscht sich einen schwachen Staat, um auf Kosten der steuerzahlenden Gemeinschaft – und so auch auf seine eigenen Kosten – ungestört die Interessen von Familie, Stamm und Clan, die es mit in die Stadt gebracht hat, durchsetzen zu können. Es ist Feind eines jeden, wenn ihm nicht gedient wird, und sofort Freund, wenn ihm gedient wird, doch nur als Gegenleistung für den Dienst. In dieser Frage herrscht von den Neoliberalen, die an amerikanischen Universitäten studiert haben, bis zu den an englischen und französischen Universitäten ausgebildeten Nationalkonservativen völliger Konsens. Gemeinsam wünschen sie einen schwachen Staat. Natürlich einen, der ausschließlich ihnen, ihren Familien, Stämmen, Clans und Parteien mit jenen Gütern dient, die sie anderen weggenommen haben. Die Parteien haben die Privatisierung im Rahmen eines tödlich schwachen, zur Korrektur oder Kontrolle unfähigen Staates durchgeführt, auf der Basis von Stammes- und Clandenken, im Geist der Provinz. Gemeinsam wollten sie den schwachen Staat. Anders wären der allseitige ungehinderte Diebstahl und die Willkür auf Kosten des Gemeinwohls gar nicht vorstellbar gewesen.

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Die neue autoritäre Tradition Ungarns ist aus dem Geist der Provinz geboren; ihre Basis sind Stämme und Clans; die Republik interessiert sie nicht; ihre Affinität zu den Menschenrechten ist schwach ausgeprägt – hingegen verfügt sie über ein starkes klerikales Netzwerk, denn sie spielt mit ihren Darstellern das Theater der feudal-autoritären Herrschaft der Vorkriegszeit. Auch der Klerikalismus kultiviert den patriarchalisch-provinziellen Geist. Das Gebot, Christus zu folgen und ihm zu dienen, steht dabei nicht im Widerspruch zur Verachtung des christlichen Universalismus. Der Klerikalismus spricht beide Sprachen gleichzeitig, er pflegt die nationale Kirche gegen das Universale, um mit der Kirchenhierarchie dem Geist der Provinz zu dienen; in beiden Fällen aber handelt es sich naturgemäß um Theatersprache. Mit seiner Doppelzüngigkeit dient er dem Haß auf alles Fremde, der Verachtung, Ausbeutung und Verspottung des Fremden – doch in erster Linie der Vermögenshierarchie. Dem Großbauern gegen den Kleinbauern, dem Kleinbauern gegen den Landarbeiter. Nicht der Eucharistie und nicht einmal der im modernen Sinne verstandenen Nation, sondern dem Clan, dem Stamm – einer Gemeinschaft, in die der Mensch hineingeboren und von der sich abzuheben verboten ist, egal ob man Großbauer oder mittelloser Landarbeiter ist. In diesem Sinne bedeutet das Christentum (weder in seiner katholischen noch in seiner protestantischen Variante) natürlich nicht Glaubensbekenntnis und nicht Konfirmation, sondern eine negative Deklaration der Clan- oder Stammeszugehörigkeit. Wir sind keine Juden, heißt diese Deklaration. Im heutigen ungarischen Sprachgebrauch ist das Christentum zum Synonym dieser Aussage, zur Chiffre für die Rassentheorie oder zumindest den Antijudaismus geworden. Die verschlüsselte Deklaration ist nicht etwa deshalb notwendig, weil die Juden mit ihrem Anteil von zwei Prozent an der Gesamtbevölkerung eine derart große Rolle im Leben der heutigen ungarischen Gesellschaft spielen würden, sondern damit der in Agonie liegende Stammes- oder Clangeist sich im Namen der Nächstenliebe ungetrübte Quellen des Hasses aufs Anderssein bewahren kann.
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Mehr von:
Peter Nadas
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 40
Aus dem Ungarischen von Heike Flemming und Ingrid Krüger

Genre

Hauptthema:
  • Ursachen des Scheiterns bei der notwendigen Veränderung des Landes

Schlagworte

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