LI 113, Sommer 2016
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Die Insel Lampedusa

Wo das Meer endet und das Land beginnt – Erkundungen am Tor Europas

(…)

Der Tod von Migranten ist ein namenloser Tod. Auf dem Friedhof tragen nur zwei Grabsteine einen Namen. Das Problem ist, daß man immer dazu neigt, sie, die Migranten, zu anonymisieren. Ihnen müßte man das Wort überlassen, sagt Paola, wir dagegen sollten still sein, nicht ständig über uns, die auf dieser Seite der Mole stehen, schwatzen. Das, was wir gemeinsam mit den anderen freiwilligen Helfern machen, sagt sie mit Nachdruck, ist nichts Außergewöhnliches. Es bedeutet für uns nur, sie wieder als Personen wahrzunehmen, ihnen ihre Persönlichkeit zurückzugeben, die ihnen von allen Seiten abgesprochen wird. 

Mir kommt der Araber in den Sinn, der von Meursault in Camus’ Der Fremde ermordet wurde. Ein Leichnam liegt auf dem Strandstreifen. Wie ein gestrandetes Tier. Ich habe vor kurzem Den Fall Meursault gelesen, der Verfasser ist ein Algerier. „Ich gebe dir eine Zusammenfassung der Geschichte, bevor ich sie dir dann erzähle:“, schreibt Kamel Daoud. „Ein des Schreibens mächtiger Mann tötet einen Araber, der an jenem Tag nicht einmal einen Namen trägt – so als hätte er denselben am Nagel aufgehängt, bevor er die Bühne des Geschehens betritt –, und dann setzt er an zu seiner Erklärung, daß das Ganze Schuld eines Gottes ist, der nicht existiert, und spricht von dem, was er unter der Sonne begriffen hat.“ Es ist ein Buch, das Rechenschaft von uns einfordert. Es erzählt die gleiche Geschichte, aber von einem anderen Blickwinkel aus: von dem des Toten, vom nassen Sand des Ufers aus. Wir haben geglaubt, daß wir die Fremden sind, wir die schwere Last des Absurden auf unseren Schultern tragen. Aber da haben wir einen Reinfall erlebt. Von jenem Araber, der da auf der Erde liegt, wissen wir nichts. Nicht einmal seinen Namen.

Paola hat recht. Die Migranten bleiben weiterhin unsichtbar. Sie machen nur einen Zwischenhalt auf dieser Insel, bevor sie weiterziehen. Oft bekommt das keiner mit. Es ist eine Landestelle, für Erste Hilfe, zur Umverteilung. Sie ziehen vorbei wie die Wolken. Und ständig kommen neue an. Alle zwei, drei Tage, mindestens einmal die Woche. 

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Die Porta d’Europa ist ein von dem italienischen Künstler Mimmo Paladino geschaffenes Mahnmal zum Gedenken an die toten oder auf See vermißten Migranten. Das Tor, neben einem Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg, ist an einem Ort errichtet, der ausgerichtet ist auf die Stelle im Meer, an dem ein Schiffbruch geschah. Vor einigen Jahren, als massenweise Tunesier in Lampedusa an Land gingen, wurde dieser Ort „der Hügel der Schande“ genannt. Denn zu Tausenden schliefen sie hier unter freiem Himmel. 

Bei unserer Ankunft ist niemand dort. Fabio weist mich auf eine Kamillenpflanze hin, die nur hier wächst. Auf einer Reise vor vielen Jahren gelangte ich bis nach Cabo da Roca, oberhalb von Lissabon. Das ist der westlichste Punkt Europas, wo die Erde zu Ende ist und das Meer beginnt, wie es Luís de Camões in seinen Lusiaden besingt. Lampedusa ist die am südlichsten gelegene Insel, und ich muß an den Anfang meines Lieblingsromans von José Saramago Das Todesjahr des Ricardo Reis denken: „Hier endet das Meer, und das Land beginnt.“

(…)

Die Gräber der Migranten sind ohne Namen. Anfangs stand auf den Grabmälern aus Plastik oder aus Aluminium die Aufschrift „Nichtidentifizierter Migrant“. Dann hat Paola begonnen, sich mit jedem einzelnen Schild zu befassen. Sie hat das Datum der Auffindung der Leiche durch die Küstenwache eingravieren lassen, sowie die Todesursache, also ob Ertrinken oder Ersticken, der Ort des Unglücks, in der Nähe von Capo Ponente oder beim Capo Maluk oder vor der Cala Pisana, das Geschlecht und das vermutliche Alter der Toten, die hier begraben sind; also zwischen zwanzig und dreißig Jahre oder zwischen dreißig und vierzig Jahre alt, die Herkunft, möglicherweise aus Subsahara-Afrika. Die Gräber der Migranten liegen inmitten derer der Lampeduser, die jedoch Marmorgrabsteine haben, auf denen die Personendaten eingraviert sind. Das macht den Unterschied aus. Unter den vielen Migrantengräbern tragen nur zwei einen Namen, das erste ist das von Ester Ada, 18 Jahre alt, aus Nigeria, geboren 1991, gestorben am 16. April 2009. An Bord des Bootes war auch ihr Bruder, deshalb wissen wir, wer sie war. 

Die andere Tote ist Welela aus Eritrea. Ihr Bruder lebt in der Schweiz. Welela war das Recht auf Familiennachzug zuerkannt worden (jenes Recht, das die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika beispielsweise Anne Frank verwehrte, als sie den Antrag ihrer Familie auf Anerkennung ihres Flüchtlingsstatus abwies). In Libyen war vor der Abfahrt eine Gasflasche explodiert, wodurch viele der Migranten sich Verbrennungen zuzogen, auch Welela. Sie ging dennoch an Bord, um dann auf der Überfahrt den Tod zu finden. 

Weiter vorne stehen 13 Holzkreuze in die Erde gerammt. Sie stehen für 13 Personen, die auf einem einzigen Boot starben. Der Friedhofswächter hatte die Kreuze gesetzt: Wir halten das so, hat er gesagt, auch wenn die Toten nicht katholisch waren. Hätte ich anders gehandelt, dann hätte es so ausgesehen, als wollten wir sagen: Sie sind etwas anderes als wir. Das war seine Erklärung. 

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Vor einem Tag ist ein Ehepaar aus Genua eingetroffen; er ist Professor für Botanik. Bei Tisch erklärt er uns, daß beinahe alle Pflanzen, die wir der typischen mediterranen Vegetation zurechnen, in Wirklichkeit von außerhalb kommen. So kam die Plumelia, eines der Wahrzeichen Palermos, aus Zentralamerika, die Magnolie aus Nordamerika (sie war bereits vor der Eiszeit da), sämtliche Zitrusfrüchte stammen aus dem Orient, nach Sizilien kamen sie zum großen Teil dank der Araber; die Pfirsiche haben ihren Ursprung in China, die Aprikosen in Persien. Nein, keine einzige Zitrusfrucht ist autochthon, wiederholt der Professor, und die Verwunderung ringsum ist groß. Die Agave kommt aus Mexiko, die Kaktusfeige aus Mittelamerika. Die Weinrebe aus dem Orient, direkt aus den Stätten des biblischen Geschehens. Die Bougainvillea aus Brasilien; was sich einer Reise des Grafen Bougainville dorthin verdankt, auf die er seine Ehefrau, als Schiffsjunge verkleidet, mitgenommen hat. Die Mohnpflanze wurde zusammen mit den Getreidepflanzen durch Vermischung der Samen eingeführt. Aber es gibt unendlich viele Beispiele.

Was gibt es eigentlich an autochthoner Vegetation, fragen wir.

Nun, den Oleander, antwortete er, die Tamariskengewächse und wenig mehr: die Zwergpalme von San Pietro, die Myrte, die Zypresse, die Steineiche. Über die Herkunft des Oleasters wird noch gestritten, ob es sich um einen ursprünglich sizilianischen Stamm handelt. Aber das gleiche gilt auch für die Ernährung, fährt er fort: Mais, Kartoffeln, Tomaten, Zucchini, Bananen, Getreide, Zitrusfrüchte, Äpfel, Reis – all das haben wir aus anderen Teilen der Welt eingeführt. Bei uns gediehen vorwiegend Kohlarten und Zwiebeln.

Es ist ein faszinierendes Thema, und mir scheint, meine Reise konnte keinen besseren Ausklang finden als so, mit diesem Gespräch darüber, wie lächerlich es ist, eine irgendwie geartete Identität behaupten zu wollen. Alles ist ein großer melting pot, auch in der Natur. Alles ist in Bewegung. 

Er bestärkt mich in meiner seit geraumer Zeit heranreifenden Idee – daß nämlich der Terminus „Identität“ sehr ambivalent und fast immer unzutreffend ist. Es ist ein Begriff, hinter dem sich ein weiterer verbirgt, den man nicht verwenden darf. Das Wort „Reinheit“, in dessen Namen – Reinheit der Rasse, der Religion, der Sprache, der Politik – die größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte begangen wurden. Zu Recht behauptet der französisch-libanesische Schriftsteller Amin Maalouf: Identität dient nur dazu, die anderen auszugrenzen und auszuschließen. Das ist auch der Grund, weshalb die kriminellen Organisationen einen so starken identitären Kult pflegen, genau wie die Diktatoren. Aber warum, fragt sich Paola, wurde „Ideologie“ zu einem so häßlichen und „Identität“ zu einem so attraktiven Wort? Im Grunde müßte es doch genau umgekehrt sein: bei den Ideen hast du die Wahl, bei deinem Herkunftsort nicht.

Auch für mich trifft zu, was dieser Professor der Botanik uns erklärt hat. Unsere Identität ist genau wie die Mittelmeervegetation, die dafür der lebende Beweis ist, eine multiple Identität, und für die Zukunft trifft das in noch stärkerem Maße zu. Das läßt sich just hier, auf dieser fernen und vergessenen Insel, besonders gut begreifen. 

Nun verstehe ich auch bestens, weshalb ich als staatenloser Leser nach Lampedusa kommen wollte.

Genau hierher, wo Europa endet oder wo es anfängt.

Wo die Utopie, der es zu folgen gilt, die ist, daß auch diese Insel ein Land mannigfacher Vielfalt wird, wie es das Bahia von Jorge Amado und von Zelia Gattai ist.

(…)

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Mehr von:
Fabio Stassi
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 17
Aus dem Italienischen von Monika Lustig

Genre

Hauptthema:
  • Tagebuch eines Aufenthalts auf Lampedusa

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