LI 115, Winter 2016
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L’Amour toujours

Pariser Plaudereien über Liebe und Liebesgefühle

(…)

Troller: Neues Leben, neue Liebe. Womit wir beim Thema sind. Fangen wir an mit Thema eins der Liebe, dem Kennenlernen. Was sieht der Mann zuerst bei einer Frau? Und was sieht die Frau zuerst bei einem Mann? Was sieht man zuerst? Schönheit, Sexualität, Zugänglichkeit, innere Verwandtschaft? Hier sind wir schon mitten im Unauflösbaren. Aber das Ganze geht ja tiefer. Warum einen die einen interessieren und die anderen nicht, warum steigt man sofort auf gewisse Gesichter, Figuren, ein und andere lassen einen total kalt, auch wenn sie sehr schön sind? Ich sah mich immer als eine Art Ästhet, der die Schönheit bewundert, beinahe wie ein Kunstwerk. Irgendwo muß in einem etwas drin sein, das uns ansprechen läßt auf einen anderen Menschen.

Schygulla: Also ich schaue sofort auf die Augen. Und dann in zweiter Linie ... auf die Hände.

Jungk: Moment – Augen und Hände, bevor du ein Gespräch begonnen hast?

Schygulla: Ja, der Blick! Die Gesten und die Stimme sind für mich wichtig ...

Troller: ... Gestalt oder Gesicht oder Ausstrahlung. Was?

Jungk: Auch mir ist die Stimme sehr wichtig.

Schygulla: Und ich schaue jetzt auf andere Dinge bei einem Mann als früher.

Jungk: Vielleicht auch auf eine Frau, warum denn nicht?

Schygulla: Ja, auf Menschen überhaupt. Aber gut, wir können auch zuerst bei Mann-Frau anfangen. Also ein Mann muß für mich gleich sehr männlich wirken. Aber nicht in einer demonstrativen Weise, das mag ich nicht.

Jungk: Was ist denn „das Männliche“ für dich? Ich würde mich nicht als auf ersten Blick als typisch männlich empfinden ...

Troller: Ich mich auch nicht. Aber daß auch das ankommt, das mußte ich erst lernen.

Jungk: ... also habe ich bei dir gar keine Chance, Hanna?

Schygulla: (lacht) Nein. Aber das weißt du ja schon seit Anbeginn.

Troller: Also bitte, wir schweifen ab.

Schygulla: Das mit der Männlichkeit entscheidet sich sowieso in Sekundenschnelle, ob dich jemand in dieser Hinsicht interessiert oder nicht. Die Männer werden ja besonders erregbar zwischen fünfzig und sechzig, weil sie denken: Nachher ist es vorbei.

Troller: (lacht) Neunzig ist die neue Sechzig.

(…)

Schygulla: Damit man in der Liebe einen Schritt weiterkommt, muß man den Groll überwinden lernen, Bitterkeit überwinden, diese ganzen Emotionen, die ja auch gegenüber dem aufkommen, den man liebt. Man muß fähig sein, das umzuwandeln. Du mußt bei dir selber anfangen. Du kannst nicht immer darauf warten, daß der andere so wird, wie du es möchtest. Fang bei dir selber an, dann entstehen Überraschungen.

Jungk: Ich finde das Umgekehrte faszinierend – wie die größten Liebespaare, wenn die Beziehung schlecht wird, fähig sind, einander unendlich zu hassen. Daß das möglich ist, daß man so ins Gegenteil umkippt ... Tiefer Haß ...! Rosenkrieg ... und dann die Kinder wegzerren vom Partner.

Troller: Ich habe nie hassen können. Ich kenne den Haß nicht.

Schygulla und Jungk: Wirklich?

Troller: Deswegen habe ich mich immer gefragt, ob das für mich gilt: Wer nicht hassen kann, kann auch nicht lieben. Ich kann nicht hassen. Ich habe auch die Nazis nicht gehaßt, in dem Sinne.

Jungk: Schwer zu verstehen.

Schygulla: Aber ... dann bist du ja ein Heiliger! Zumindest ein verkappter Heiliger.

Troller: Überhaupt nicht, eher ein Psychologe oder etwas Ähnliches, ich versuche zu verstehen. Auch die Nazis versuchte ich zu verstehen. Mein ganzer Beruf beruht auf dem Versuch, andere Leute zu verstehen.

Jungk: Meint ihr nicht, daß jemand, der diese Eigenliebe gar nicht hat, immerzu auf der Suche ist nach jemandem, der ihn retten kann?

Troller: Also Selbstrettung über Liebe zu anderen? Ich glaube, daß ich das irgendwie praktiziert habe in meinem Metier.

Schygulla: Das ist gut, das bringt einen raus aus dem Haß. Wenn du versuchst, den anderen zu verstehen, bist du schon nicht mehr ganz so fähig, mit reinem Haß auf ihn zu reagieren. Du machst ihn schon zu einem Teil von dir selbst, du suchst ihn in dir ... Du verstehst ihn, weil du ihn in dir selbst auch verorten kannst.

Troller: Hanna, was war deine besondere Anziehung – vor allem auf junge Menschen –, als du mit Rainer Werner Fassbinder Filme gedreht hast? Du wurdest ja umschwärmt.

Schygulla: Da müßtest du die jungen Menschen fragen. Ich habe natürlich auch meine kleine Theorie dazu.

Troller: Und zwar?

Schygulla: Daß das in Verbindung zu ihm gesehen wurde. Weil er ja der absolute Neinsager war, sein mußte. Wir hatten beide schlechte Erfahrungen – als Ausgangspunkt – in der Kindheit. Wir konnten uns sehr gut verstehen, in vieler Hinsicht, aber ich hätte deswegen nie Kahlschlag gemacht, wie er. Ich habe immer noch versucht, zu verteidigen, was mir das Glück meiner Kindheit genommen hat. In dem Fall waren es meine Eltern, die nur das Beste für mich wollten, aber sie konnten halt nicht miteinander. Sie waren vom Krieg kaputtgemacht, speziell mein Vater, und meine Mutter dadurch auch. Da ist kein Glück gewachsen. Ich habe ihnen dann die letzten zwanzig Jahre meines Lebens geschenkt und versucht, das wiedergutzumachen. Das hätte der Rainer nie gemacht, der war ein Sezierer. Er hat gesagt: „Ich schieße auf alles, egal, in welche Richtung. Und wenn ihr mich nicht liebt, dann liebe ich euch zweimal nicht!“ Wohingegen ich verbindlich um Liebe geworben habe. Wir haben uns ergänzt.

Troller: Hat er dich geliebt?

Schygulla: Das könnte ich mir vorstellen, ja.

Troller: Hast du ihn geliebt?

Schygulla: Auf meine Art, ja. Aber ich habe mich ja auch immer gefürchtet vor ihm.

(…)

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Im Heft auf Seite 86
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