LI 107, Winter 2014
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Meine Blamagen

Aus dem Leben eines Interviewers

In einer achtlosen Stunde muß ich einmal behauptet haben, ich hätte zweitausend Interviews in meinem Leben absolviert. Diese erschreckende Zahl wird mir jedenfalls immer wieder vor Augen gehalten. Heute bin ich überzeugt, daß es höchstens die Hälfte gewesen sein können. Sagen wir eintausend Menschen, in deren Inneres ich mich einzuschleichen versuchte, soweit verbaler Dialog das hergibt. Wie viele von ihnen haben uns etwas gebracht, gar etwas Neues zur Welt gebracht? Unmöglich, das heute noch auszumachen. Schon eher im Gedächtnis bleiben einem die Fiaskos, die grotesken Versager, die albernen Flops. Warum? Laut Woody Allen, einem meiner eklatantesten Schiffbrüche, merkt sich der Mensch ganz allgemein seine Nieten eher als seine Triumphe. Siehe dazu den wehmütigen Satz des Wiener Haut- und Seelenspezialisten Dr. Arthur Schnitzler: „Es gibt so viele Krankheiten, und nur eine Gesundheit“ … Hier also, etwa in zeitlicher Reihenfolge, einige der schönsten Blamagen aus meinem Lebenslauf.

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Zu dieser Zeit steckten die Sender voller Redakteure, die keine blasse Ahnung hatten, wie die Dinge im Ausland funktionierten. Gern malte ich mir aus, wie so ein unbedarfter Vorsteher – es gab kaum Frauen in leitenden Stellungen – morgens unter der Dusche seine Bombenideen kriegte. Ausführen mußte sie vor Ort der geplagte Journalist. Solche brillanten Ideen bekam ich haufenweise, meist telefonisch, noch vor dem Frühstück. „Machen Sie doch schnell ein Interview mit General de Gaulle – mit Maurice Chevalier – mit Marlene Dietrich – mit Brigitte Bardot …“ Ja, mach du mal. Bei Brigitte etwa (schön zum Kürzel BB zusammengefaßt) lief alles über eine Agentin namens Olga Horstig-Primuz. Bis heute habe ich den undechiffrierbaren Akzent im Ohr, mit dem Madame dir am Draht die Tür vor der Nase zuschlug. Wozu brauchte sie mich als Werbetrommler, wo sie doch BB-Vergötterer bei der Hand hatte wie Jean Cocteau („die Vorsehung hat Brigitte genau an den Schnittpunkt von Traum und Wirklichkeit gestellt“), Simone de Beauvoir („sie würde sogar einen Heiligen in Versuchung führen“) oder Françoise Sagan: „Man sieht eine Frau, die Liebe macht wann sie will – eine berauschende Erfahrung.“ Zu ihr BB gesprächsweise: „Was denn, was denn? Bloß nicht alles komplizieren. Man liebt und dann liebt man eben nicht mehr. Ende!“ Oder aber: „Wenn ein Mann viele Geliebte hat, nennt man ihn einen Don Juan. Wenn eine Frau viele Liebhaber hat, ist sie eine Hure!“ Biographen werden BB an die dreißig solcher Liebhaber vorrechnen: Von ihrem Initialzünder, Regisseur Roger Vadim, über Jean-Louis Trintignant, Raf Vallone, Gilbert Bécaud, Gunter Sachs, nicht zu vergessen Serge Gainsbourg und Warren Beatty, bis zu ihrem laufenden Ehemann, Bernard d’Ormale, leitendes Mitglied des Front National. Dazwischen schicke Barmänner und Liftboys. Als ich sie kennenlerne, hat sie gerade ihren Sensationserfolg mit Vadim abgedreht: Und Gott erschuf das Weib. Mit Curd Jürgens als Partner. Und vielen – damals ungewöhnlichen – Freilichtaufnahmen. Zumeist aus Saint-Tropez, das damit zum Modebad avancierte.

Größe 1,66, Taille 50, Oberweite 90, Hüfte 88, lange gefärbte Blondmähne – Brigitte mit ihrem „panache“ (Schneid, Würde), ihrer Tierschützerpassion und ihrem klassenlosen Charme, im Gegensatz zu der unrettbar bourgeoisen Catherine Deneuve, ist zu dieser Zeit das Ideal aller Franzosen … und Französinnen. Aber wie an sie herankommen? Da ergibt es sich, daß sie einen ihrer extravaganten Einfälle hat. Zu ihrem Namenstag – ich glaube es war im Juli – lädt sie sämtliche Brigitten von Paris dazu ein, sie am spielfreien Dienstag im Olympia Music Hall zu besuchen. Wie immer stehe ich als erster vor dem Haus, bald gefolgt von Dutzenden, Hunderten, am Ende wohl an die tausend Brigitten. Schon gibt es ein höllisches Gedränge zum geschlossenen Eingang hin, Schreie, Pfiffe. Polizei fährt auf. Ich verdrücke mich in die Rue Caumartin zum Bühneneingang (entrée des artistes). Und tatsächlich: Nach wenigen Minuten erscheint eine bleiche Brigitte, von zwei schwergewichtigen Gorillas aus dem Haus gelotst. Eine Chance wie noch nie! Schon habe ich das Mikro parat. Und zücke meinen Spickzettel. Auf den ich besonders originelle Fragen notiert habe, die sie auch prompt beantwortet. „Madame, was war der schönste Tag in Ihrem Leben?“ „Es war eine Nacht.“ „Was macht Sie am meisten bei einem Mann an?“ „Seine Frau.“ „Warum tragen Sie keinen Lippenstift?“ „Das hinterläßt Spuren.“ „Welches ist die dümmste Frage, die man Ihnen je gestellt hat?“ „Diese!“ Ich bin begeistert. Welch ein Scoop. Nur leider, was ich nicht ahnte: Es waren genau die nämlichen Fragen, die ihr jeder Journalist von Anbeginn gestellt hatte. Die Repliken ihr wohl einstudiertes Standardrepertoire. Und als solches in allen Medien längst gelaufen.

Eine Schlappe, die laut Redaktion nur durch ein persönliches Interview mit Picasso wettzumachen war. Das habe ich auch geschafft, nur leider …

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Vielleicht war mir gerade deshalb Woody Allen so sympathisch. Ein Typ, der scheinbar keinerlei Überzeugungen mitbringt, außer vielleicht der, daß alles was besteht, auch wert sei, daß es zugrunde geht. Nein, Woody war ebenfalls, und auf Anhieb, davon überzeugt, daß ich in etwa der letzte Mensch sei, von dem er abgefilmt werden wollte. Oder auch nur bewundert. Zum ersten Mal war ich ihm im Beverly Hills Hotel, Hollywood, begegnet, als einem noch reichlich unbesungenen Jungfilmer und morosen Jüngling. Zur Einführung habe ich mir am Vortag seine Komödie Alles was Sie schon immer über Sex wissen wollten zu Gemüte geführt. Im Saal zwei Dutzend gelangweilte Zuschauer, die offenbar einen Porno erwartet haben. Ich berichte ihm darüber. „So viele Leute“, staunt er. Blickt dabei unwirsch von seiner Schreibmaschine hoch, wo er wahrscheinlich gerade einen neuen Gag in Arbeit hatte, und nun ist der Gag weg. Vielleicht etwas so Brillantes wie: „Jeder Witz ist ein Grabspruch über ein Gefühl“ (angeblich von Nietzsche). Verbissenes Gesicht. Ich frage ihn provokant, ob er seelisch durchhänge oder dies sein normaler Gefühlshaushalt sei? „Glauben Sie, es ist ein Vergnügen, lustig zu sein?“ Daraufhin verdrücke ich mich, davon überzeugt, daß von diesem deprimierten Loser in drei Jahren kein Mensch mehr reden wird.

Drei Jahrzehnte später im Hotel Carlyle, Madison Avenue, New York. Woody mit kleiner Band spielt vor hingerissenem Publikum, aber nicht durchwegs euphonisch, seine Jazzklarinette. Die Scheinwerfer des Raums sind so eingerichtet, daß jeder Musiker sein Licht bekommt außer Woody selbst, der mit vorgeknicktem Kopf im Dunklen west. Schamlos klettere ich auf einen Stuhl und kippe den Bühnenscheinwerfer voll auf ihn. Daraufhin ein durchdringender Basiliskenblick, der für unseren Dreh nichts Gutes verheißt. Dabei hatten wir mit der Firma Loeb & Loeb am Santa Monica Boulevard einen schriftlichen Vertrag in vierfacher Ausfertigung abgeschlossen: eine Stunde Klarinette, eine Stunde Schneideraum mit seinem neuen Film, eine Stunde Interview. Knapp genug. Außerdem ist unser Film vor Sendung dieser Firma einzureichen zwecks allfälliger Zensur … Am nächsten Morgen Dreh mit Woody im Schneideraum. Wo er seinen neuen Film bearbeitet, der uns nur als „Frühlingsprojekt“ angesagt wird. Den Schneidetisch hat er so teuflisch in eine Ecke manövriert, daß wir von Woody gerade die Glatze zu sehen bekommen. Eine Viertelstunde vergeht mit nichts, bis sich der Künstler überraschend nach einem Papier herumdreht. Endlich Aktion! Wild gestikuliere ich zum Kameramann hin, remple dabei in der Aufregung an eine von unseren Lampen, die krachend umfällt und verlischt. Darob das erste und einzige Mal ein Freudestrahl in Woodys Angesicht. Tücke des Objekts, darauf versteht er sich – nicht anders als ich. Allerdings scheint ihn nichts so sehr zu verstören, als mit irgendjemand anderem (ich spreche nicht von Frauen) etwas gemeinsam zu haben.

Das ausgemachte Interview widerstrebt ihm womöglich noch mehr als alles Bisherige. Meine Fragen prallen wirkungslos ab. Ob sie nun jüdischen Humor betreffen („Beim Humor sind wir alle Juden“), Geschlechtsverkehr („nur ein schwacher Ersatz für Onanie“ – stammt eigentlich von Karl Kraus), oder seine Karriere („Ich habe noch nie einen Film gemacht, ohne nachher den Drang zu verspüren, ihn zurückzukaufen und zu zerschleißen.“) Das soll witzig sein? Ich spüre, wie nicht nur Ungeduld in mir hochsteigt, sondern Impertinenz: „Woody, manche Ihrer Filme machen ja allein in Paris mehr Kasse als in ganz Amerika. Hier scheint man Sie gerade ein bißchen an der West- und Ostküste zu kennen, dazwischen aber bares Niemandsland.“ Darauf er: „Was wollen Sie, vielleicht bin ich unbekannt in Oklahoma. Aber in Brooklyn kennt mich jedes Kind.“ Abruptes Ende eines Interviews.

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Im Heft auf Seite 124

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