LI 098, Herbst 2012
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Kultur und Geheimdienst

Die Paris Review, gekaufte Zeitschriften, die CIA und der Kalte Krieg

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Kürzlich entdeckte Briefe im Archiv der Paris Review zeigen, daß die Verbindungen zwischen der New Yorker Literaturzeitschrift und der amerikanischen Propagandafront im Kalten Krieg noch enger waren als bisher bekannt.
 
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Im Time Magazine wurde die Paris Review als „größte der kleinen, feinen Literaturzeitschriften in der Geschichte“ gepriesen. Bei den Feierlichkeiten aus Anlaß der 200. Ausgabe zählten Redakteure eine ganze Riege literarischer Schwergewichte auf, denen die Zeitschrift seit ihrem ersten Erscheinen im Jahr 1953 als Sprungbrett gedient hat. Philip Roth, V. S. Naipaul, T. C. Boyle, Edward P. Jones und Rick Moody veröffentlichten ihre ersten Kurzgeschichten in der Review; Jack Kerouac, Jim Carroll, Jonathan Franzen und Jeffrey Eugenides waren allesamt mit wichtigen frühen Erzählungen auf ihren Seiten vertreten. Doch wie Peter Matthiessen, der Gründer der Paris Review, mehrfach bestätigt hat, kam die Zeitschrift nicht zuletzt als Tarnung seiner Agententätigkeit für die CIA zustande.

Plimptons Brief zur Affäre Pasternak wirft dennoch neues Licht auf die Angelegenheit, weil einige Journalisten seit Jahren vergeblich versuchen, Matthiessen weitere Einzelheiten über das immer noch unbekannte Ausmaß des CIA-Engagements bei der Paris Review zu entlocken. Viele fragen sich besonders, wieviel der legendäre George Plimpton selbst über die Herkunft der Zeitschrift wußte. Matthiessens Version der Geschichte hat sich seit den ersten Enthüllungen in einer Reportage der New York Times von 1967 nicht wesentlich verändert. Doch das Archivmaterial der Paris Review in der Morgan Library, Manhattan, enthält zahlreiche Belege für bisher nicht bekanntgewordene CIA-Kontakte. Offenbar knüpften mehrere Redakteure, darunter auch Plimpton, immer wieder Verbindungen zum Kongreß für kulturelle Freiheit. Diese Verbindungen – Anzeigentausch, Nachdrucke von Interviews der Paris Review in den Organen des Kongresses – begannen auf eher bescheidenem Niveau, wurden aber immer enger. Das ging bis hin zu einem joint emploi, wie es Nelson Aldrich nannte, im Zuge dessen Kongreß und Review sich die Lebenshaltungskosten eines Pariser Redakteurs teilten und Interviews und andere redaktionelle Inhalte gemeinsam publizierten. In seinem Bemühen, die Sowjets auf dem Gebiet der kulturellen Leistungen zu übertrumpfen und einflußreichen europäischen Lesern und Intellektuellen die amerikanische Literatur nahezubringen, gab der Kongreß möglicherweise sogar den Anstoß zu einigen der berühmten Interviews in der Paris Review. Daraus folgt, daß Amerikas angesehenste nichtpolitische Literaturzeitschrift am Beginn einer CIA-Ära der Staatsstreiche und ruchlosen Verschwörungen teilweise als heimliche internationale Waffe zur Ausübung dessen diente, was Joseph S. Nye „weiche Macht“ genannt hat.

An der Yale University wurde erstmals die Kultur zur Waffe gemacht. Der Literaturprofessor Norman Holmes Pearson wird auf der Website der Paris Review als jener Nachrichtenoffizier vorgestellt, der Matthiessen, einen Absolventen des Yale College von 1950, für die CIA verpflichtete. Diese Tatsache erklärt vielleicht schon die unterschwellige Kulturpolitik der vermeintlich unpolitischen Paris Review. Pearsons Berufslaufbahn war eine Mischung aus Literaturwissenschaft und Spionage. Nach Glanzleistungen im Office of Strategic Services (1942 bis 1945) neben so bedeutenden Gründerfiguren der späteren CIA wie William Donovan und ihrem Direktor Allen Dulles kehrte Pearson an die Universität zurück, um die neue Studienrichtung Amerikanistik aufzubauen.

Wie konnte es zum Brückenschlag zwischen Propaganda und nachrichtendienstlicher Arbeit einerseits und Amerikanistik andererseits kommen? Durch grimmige Entschlossenheit und den Kontext des Kalten Krieges.
 
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„Sehr geehrter Herr Fleischman,“ schrieb Peter Matthiessen einige Zeit vor Erscheinen der Nullnummer auf Briefpapier der Paris Review, „hier kommt nun endlich eine Vorschau auf die prächtige neue Literaturzeitschrift, von der ich Ihnen im Juni erzählt habe. Ich bin fest davon überzeugt, … daß sie zur besten literarischen Vierteljahresschrift seit transition aus der Hemingway-Pound-Gertrude-Stein-Ära werden wird.“ In der Folge bat er Fleischman um finanzielle Unterstützung und erhielt laut eines Artikels von Scott Sherman in The Nation eintausend Dollar. Nach dieser Spende gefragt, gab Matthiessen im Gespräch mit Sherman zu, sie „trübe“ das von ihm selbst gezeichnete Bild, wonach sich die Verbindungen zwischen Paris Review und CIA auf die kurze Zeit seiner aktiven Mitarbeit in der Redaktion beschränkten. Das darauf folgende im Archiv der Morgan Library gefundene Angebot Matthiessens an Plimpton haut in dieselbe Kerbe.

Seinen Brief schickte Matthiessen im Winter 1953/54 an Plimpton, der inzwischen zum öffentlichen Gesicht und, in Matthiessens Worten, „nominellen“ Chefredakteur der Zeitschrift geworden war. Matthiessen bot Plimpton großzügige Hilfe in Höhe von 20 000 Dollar von seiten nicht genannter Geldgeber an, die allerdings noch zu überzeugen seien, daß die von Geld- und Kommunikationsproblemen geplagte Review damit auf einer „soliden Arbeitsgrundlage“ stehe. Er bezog sich in Andeutungen auf die letzte Ausgabe, die zum Ärger der Anzeigenkunden verspätet erschienen war, und bat Plimpton, sorgfältig über das Angebot nachzudenken. Es erfordere mit einiger Wahrscheinlichkeit, Matthiessen wieder zum Chefredakteur zu machen, da er selbst sich für die Verwendung des Geldes verantworten müsse. 20 000 Dollar damals entsprechen ungefähr 170 000 Dollar heute.
 
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Abgesehen von der Frage, inwieweit Plimpton von der Spionagearbeit seines Freundes Matthiessen wußte, überdauerten die Kontakte anderer Redakteure zur CIA auch den Kongreß für kulturelle Freiheit selbst, die Ermordung John F. Kennedys, die Vorbereitungen auf den Vietnamkrieg und den tatsächlichen Kriegseintritt.
 
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Natürlich konnte man Verbindungen zum Kongreß unterhalten oder Kontakte dorthin pflegen, ohne Ausmaß und Geltungsbereich dessen zu ermessen, was Teile der unüberschaubaren Hierarchie anderswo taten. Viele Schriftsteller der damaligen Zeit waren ohne Zweifel mit dem riesigen Apparat verbunden, und einige von ihnen wußten sicherlich nicht, daß der Kongreß für kulturelle Freiheit eine Gründung der CIA war. Daß Plimpton und Aldrich Geld für die Interviews nahmen und Personal mit dem kulturellen Propagandaflügel der CIA teilten, bedeutet nicht, daß sie wissentlich am Sturz der Regierungen in Iran oder Guatemala beteiligt waren. Auch waren sie – das muß gesagt werden – nicht verantwortlich für das, was ihre Geldgeber später taten oder sagten. Das gesamte Budget für die psychologische Kriegführung betrug 1950, umgerechnet in heutige Dollar, etwa 320 Millionen. Es vervierfachte sich innerhalb der nächsten zwei Jahre. Der Anteil, den die Paris Review daran hatte, machte nach allem, was ich in den Briefen der Morgan Library finden konnte, nicht mehr als Brosamen aus.

Doch Matthiessens Behauptung, er habe die CIA noch vor all dem „widerwärtigen Zeug“ verlassen, ist falsch – zumindest wenn man die schmutzigen Heldentaten der vierziger und frühen fünfziger Jahre als widerwärtig betrachtet. In jedem Fall scheint klar, daß ein geheimes, vom Steuerzahler finanziertes System der Patronage existierte, das sich der öffentlichen Debatte entzog.
 
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Also arbeitete die Paris Review schon in den frühen sechziger Jahren mit einer Organisation zusammen, deren geheime Aktivitäten – neben dem Sturz von Mossadegh, der 1979 zur Islamischen Revolution von Ajatollah Khomeini, zum Geiseldrama in der US-Botschaft und zur Fatwa gegen Rushdie führte – unter anderem beinhalteten: die Fälschung der italienischen Wahlen von 1948 und die Stärkung der griechischen Rechten im selben Jahr (beides könnte man einen sanften Umsturz nennen), die Vertreibung von Guatemalas Präsident Jacobo Árbenz 1954 (die Ernesto Che Guevara,der den Staatsstreich mit ansah, zu äußerster Radikalität trieb) und die Kette von Ereignissen, die zum Vietnamkrieg führte.

Nichts davon kann man legitimerweise der Paris Review anhängen, hätte Matthiessen nicht behauptet, daß die Verbindungen zur CIA vor dem „widerwärtigen Zeug“ abbrachen, und hätte Plimpton nicht die Verbindungen verschwiegen, die er weiter pflegte.

 

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Mehr von:
Joel Whitney
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 74
Aus dem Englischen von Herwig Engelmann

Genre

Hauptthema:
  • Enthüllungsgeschichte über die Geheimdienstfinanzierung einer literarischen Zeitschrift im Kalten Krieg

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