LI 103, Winter 2013
Heftpreis: 13,90 € inkl. MwSt. 7%

Gertrude und Alice

Oder: Alles was ich weiß von der Liebe ...

Am 23. Mai 1907 lernte Gertrude Stein Alice B. Toklas kennen.

Gertrude: dick, sexy, warmherzig, mächtig.

Alice: ein winziges Einhorn, nervös, klug, wachsam, bestimmt.

Als Gertrude die Tür zum Atelier in der rue de Fleurus 27 öffnete, versuchte Alice sich hinzusetzen, aber es ging nicht, weil die Stühle Stein-Größe hatten und Alice nur Toklas-Größe, und ihre Füße reichten nicht bis auf den Boden.

„Die Welt dreht und dreht sich“, sagte Gertrude, „aber irgendwo muß man sich hinsetzen.“

(…)

Früher war die Liebe Frauensache – es war unsere ganze Domäne, unsere Lebensaufgabe: Liebe geben Liebe machen Liebe pflegen Liebe hegen.

Männer brauchten Frauen als die Liebe selbst, um alles tun zu können, was ohne Liebe nicht getan werden kann – aber nie wurde die geheime Notwendigkeit der Liebe gewürdigt. Außer in Widmungen wie: Für meine Frau.

Jetzt haben wir unser eigenes Geld, und wir dürfen wählen. Wir sind Karrierefrauen. (Das Wort „Karrieremann“ gibt es gar nicht.) Wir sind mehr als nur die Angebetete. Mehr als die Liebe selbst. Wir sind unabhängig. Ebenbürtig.

Nur … was ist mit der Liebe passiert?

Wir haben darauf vertraut, daß die Liebe immer da sein würde, wie die Luft, wie Wasser, wie Sommer, wie die Sonne. Die Liebe konnte für sich selbst sorgen. Das stille Hegen der Liebe, die täglichen kleinen Reparaturen am Stoff der Liebe hatten wir nie bemerkt. Die verläßliche gigantische Arbeit, um die Liebe beständig zu halten wie das Licht.

Die Liebe ist ein Ökosystem wie jedes andere. Man kann sie nicht trockenlegen und abtragen, aufbohren und über sie hinweg bauen und sich dann fragen, wo die Blumen und Bienen geblieben sind.

Die Liebe ist dort, wo wir leben wollen. Planet Liebe.

(…)

Gertrude Stein nannte die Generation zwischen den Kriegen „die verlorene Generation“. Wir sind die Upgrade-Generation. Hol dir das neueste Modell: Telefon Freundin Auto. Gertrude Stein haßte Kommas. Man versteht den Grund, wenn Auto Freundin Telefon ein und dasselbe und austauschbar sind. Warum sollte ich mit der Liebe arbeiten, wenn ich das Objekt der Liebe ersetzen kann?

Männer tauschen noch immer ihre Frauen aus – dagegen ist der Feminismus machtlos. Heute tauschen sich Frauen selbst aus – neue Brüste, neues Gesicht, neuer Körper. Was wird aus diesen Mädchen werden, die in ihr iPhone kichern.

Es ist die Upload-Generation. Neophyten im Dienst eines grausamen Social-Network-Gottes.

Furcht. F steht für Furcht.

Was bleibt der Liebe für eine Chance in dieser kargen und kaputten Welt? Die Liebe ist ein Ort für ein Date und byteweise Liebe. Liebe ist ein Strom von Körperteilen. Aber wenn wir auseinandergehen, will ich wissen, daß die Liebe genug Zeit hatte. Es braucht viel Zeit, um dir nahe zu sein.

(…)

Zeichenanzahl Exzerpt: 
2.694 von 17.693 Zeichen
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 82
Aus dem Englischen von Monika Schmalz

Genre

Hauptthema
  • Geschichte einer Schriftstellerinnen-Liebe

Schlagworte

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