LI 081, Sommer 2008
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Flaches Geld

SCHON Walter Benjamin nannte die Pariser Passage den „Tempel des Warenkapitals“. In dieser „geilen Straße des Handelns, nur angetan, die Begierden zu wecken“ erkannte er sogar einen „Rest vom Kirchenschiff“. Sein 1921 entstandenes Fragment Kapitalismus als Religion deutet den Kapitalismus als die extremste Kultreligion, die es je gegeben hat, die ohne jede Dogmatik und Theologie auskommt. Er sei ein Kult von permanenter Dauer. Es gebe „keinen Tag, der nicht Festtag ist“.

In intellektuellen Kreisen ist es heutzutage Mode, den Kapitalismus als Ersatzreligion darzustellen. Warenhäuser und Shopping-Malls als Konsumtempel sind demnach neue Kathedralen. Es wird behauptet, die Religion verlasse die Kirche und besetze den Marktplatz. Es werden unterschiedlichste Vergleiche zwischen Religion und Kapitalismus angestellt. Hingewiesen wird auch auf sprachliche Übereinstimmungen: Kredit/Credo, Gläubiger/Glauben, Schulden/Schuld, Erlös/Erlösung, Emission/Mission, Preis/Lobpreis.

Spekulationen über die Wesensverwandtschaft zwischen Religion und Kapitalismus gehen auf die Religionssoziologie Max Webers zurück. Weber zufolge beherrscht die protestantische Askese den Geist des Kapitalismus. Sie setzt einen Akkumulationszwang frei, der zur Kapitalbildung führt. Nur mit einem ununterbrochenen Streben nach mehr Gewinn macht man sich gottgefällig. Sie führt zu einem hemmungslosen Gütererwerb, sprengt die Fesseln des Gewinnstrebens, indem sie es nicht nur legalisiert, sondern auch als gottgewollt ansieht. Diese Verbindung zwischen der protestantischen Askese und dem Geist des Kapitalismus kann allerdings den Konsumzwang nicht erklären, der ebenfalls konstitutiv ist für den Kapitalismus. Die kapitalistische Gesellschaft ist nicht nur eine asketische Gemeinschaft, sondern auch eine Konsumgemeinschaft. Zu ihr gehören wesentlich Verzehr und Bedürfnisbefriedigung. Produktion und Zerstörung sind zwei Triebfedern des Kapitalismus.

Der Erfolg im Gelderwerb ist für den Kalvinisten das einzig sichtbare Zeichen dafür, daß man zu den Erwählten gehört und nicht verworfen ist. Nicht materielle Gier, sondern Angst ums Heil erzeugt den Akkumulationszwang. Man investiert und spekuliert auf das Heil. Das fast irrational wirkende Gewinnstreben hätte so gesehen seine Triebfeder im Religiösen. Demnach nötigt nicht die reine materielle Gier, sondern die Sorge um das Heil zur Akkumulation. Der materielle Erfolg allein stellt die certitudo salutis, nämlich die Gewißheit her, daß man zu den Erwählten gehört. Am Werk ist gewiß auch eine Allmachtsphantasie. Mehr Geld bedeutet mehr Vermögen, das heißt mehr Macht. Hier bestünde das religiöse Heilsstreben darin, die menschliche Endlichkeit und Bedürftigkeit endgültig zu überwinden.

Simmel sieht die Wesensverwandtschaft zwischen Kapitalismus und Religion in der besonderen Beschaffenheit des Geldes. Der Gottesgedanke besteht darin, daß alle Mannigfaltigkeiten der Welt in ihm zur Einheit gelangen, daß er die coincidentia oppositorum ist, daß alle Gegensätze und Unterschiede der Welt in ihm ihre Einheit und Versöhnung finden. Das Geld hat ähnliche Eigenschaften, denn es ist ein allen Dingen gemeinsames Maß. Alles ist übersetzbar in Geld. Dadurch schafft es die Inkommensurabilitäten der Dinge ab. Simmel hebt auch jene Eigenschaft des Geldes hervor, wonach dessen Besitz das Gefühl von Ruhe und Sicherheit hervorbringt, das psychologisch dem Gefühl entspricht, das der Gläubige in Gott findet.

In der aktuellen Diskussion zur Wesensverwandtschaft zwischen Religion und Kapitalismus wird oft auf die Mythenbildung hingewiesen, der sich der Markt und das Marketing bedienen. Mit den neuen Waren werden neue mythologische Imaginationen produziert. Sie formulieren eine Botschaft, ein Lebensideal, ein Versprechen und wirken auch identitätsbildend. Stars als Werbeträger agieren wie neue Götter. Abgekoppelt von ihrem Gebrauchswert wird die Ware zum Fetisch. Logos und Marken bilden den neuen Ideenhimmel. Ja der göttliche Logos weicht den Logo(s). Werbeplakate und Reklame werden als neue Heiligenbilder gedeutet. Ein Apologet dieser konsumistischen Religion schreibt: „Religionen ohne Dogma heißen heute ,Trends‘. Sie wollen nicht spielen, sondern binden, und suggerieren Verbindlichkeit. Sie ersparen uns die Last eines kohärenten Glaubenssystems und geben doch – rein formal – Bindung (religio) (Norbert Bolz).

Diese oft postulierte Nähe zwischen Kapitalismus und Religion hält jedoch einer genaueren Analyse des Kapitals nicht stand. Schon Simmels Gleichsetzung von Geld und Geist ist problematisch. Das Geld macht sicherlich alles vergleich- und übersetzbar. Aber es ist nicht dem Geist benachbart. Den Geist zeichnet gerade die Fähigkeit aus, zu versöhnen, zu vermitteln und zu verbinden. Das Geld versöhnt aber nicht. Es bringt soziale Konflikte hervor. Hegel zufolge besteht die Kraft des Geistes darin, das Ich über seine Isolierung hinaus zu einem Wir zu erheben. Das Geld stiftet kein Wir. Wie Simmel selber festgestellt hat, wirkt es vielmehr individualisierend und vereinzelnd. Es erhöht meine individuelle Freiheit, indem es mich von einer persönlichen Bindung an die anderen befreit. Die Besonderheit des Geldes besteht darin, daß ein anderer gegen Bezahlung für mich arbeitet, ohne daß ich eine persönliche Beziehung mit ihm eingehe. Diese rein ökonomischen Beziehungen bringen keine menschliche Nähe hervor. Geld macht einsam. Geld ist geronnene Zeit. Diese ist aber keine Zeit für das Zusammensein, sondern eine Arbeitszeit. Gemeinschaftserfahrung ist eine Grunderfahrung der Religion. Man erhebt sich über sein isoliertes Ich. Daß das Geld isoliert und vereinzelt, war auch die schmerzliche Erkenntnis jenes Schlemihls von Chamisso, der dem Teufel seinen Schatten verkaufte für einen Goldsäckel, der wie ein Füllhorn nicht versiegte. Ganz isoliert von seinen Mitmenschen, wünschte er sich seinen Schatten zurück und warf seinen Goldsäckel in den Abgrund. Seine Geschichte schließt mit der Mahnung: „Du aber, mein Freund, willst Du unter den Menschen leben, so lerne verehren zuvörderst den Schatten.“

(...)

Mehr von:
Byung-Chul Han
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 112

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Hauptthema
  • Plädoyer für eine neue Spiritualität gegen die Hyperaktivität der heutigen Gesellschaft

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