LI 081, Sommer 2008
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Fragen oder Googlen

Gegen Informationsüberflutung brauchen wir eine kreative Netzkultur

Ein Gespenst geht um unter den intellektuellen Eliten der Welt: Informationsüberlastung. Das gemeine Volk hat sich strategische Ressourcen unter den Nagel gerissen und verstopft einst sorgfältig überwachte Medienkanäle. Vor dem Internet beruhte die Macht der Mandarinklasse auf der Idee, daß man „Geschwätz“ von „Wissen“ trennen könne. Mit dem Aufstieg von Internetsuchmaschinen ist es jedoch nicht mehr möglich, zwischen patrizischen Einsichten und plebejischem Tratsch zu unterscheiden. Die Trennung von high und low, dem Ernsten und dem Trivialen, und ihre Vermischung zu Zeiten des Karnevals stammen aus vergangenen Zeiten. Sie sollten uns nicht weiter beunruhigen. Heute gibt ein völlig neues Phänomen Anlaß zur Sorge: Die Listen der Suchmaschinen gehorchen dem Gebot der Popularität, nicht der Wahrheit. Zu suchen bestimmt heute unser Leben. Mit dem dramatischen Anwachsen aufrufbarer Information sind wir von Werkzeugen der Informationsgewinnung abhängig geworden. Wir suchen nach Telefonnummern, Adressen, Öffnungszeiten, Namen von Personen, Flugdaten und Schnäppchen. Und wenn uns das rasend macht, deklarieren wir den stetig wachsenden Berg grauer Materie als „Datenmüll“. Bald werden wir uns darin nur noch verlieren, wenn wir suchen. Die alten Hierarchien der Kom-munikation sind nicht nur implodiert, die Kommunikation selbst hat eine Form angenom-men, die einem Angriff auf das zerebrale System gleichkommt. Nicht nur ist das Rauschen des Popu-lären zu unerträglicher Lautstärke angeschwollen, wir haben auch nicht mehr die Kraft, noch eine weitere Anfrage wichtiger Kollegen zu beantworten. Selbst freundliche Grüße von Freunden und Verwandten sind mit der lästigen Erwartung verbunden, beantwortet zu werden. Was die gebildeten Klassen aber am meisten beschäftigt, ist die Tatsache, daß das Geplapper die bis dahin geschützten Bereiche von Wissenschaft und Philosophie erreicht hat, während man sich eigentlich Sorgen darüber machen müßte, wer das zunehmend zentralisierte Computernetz kontrolliert.

Was die heutigen Administratoren nobler Einfachheit und ruhiger Erhabenheit nicht sagen können, sollten wir an ihrer Stelle aussprechen: Es herrscht wachsende Unzufriedenheit mit Google und der Art und Weise, wie im Internet Informationsgewinnung organisiert wird. Das wissenschaftliche Establishment hat die Kontrolle über eines sei-ner Schlüsselprojekte verloren – das Design und die Eigentümerschaft der Computernetze, die heute von Milliarden von Menschen benutzt werden. Wie kam es dazu, daß so viele Menschen von einer einzigen Suchmaschine abhängig wurden? Warum wiederholt sich die Microsoft-Geschichte? Es erscheint langweilig, über ein Monopol zu klagen, wo der durchschnittliche Nutzer über eine Vielzahl von Werkzeugen verfügt, um Macht zu verteilen. Eine Möglichkeit, wie diese mißliche Lage überwunden werden kann, besteht darin, das Heideggersche „Gerede“ neu und positiv zu definieren. An die Stelle einer Kultur der Klage, die von einem ungestörten Leben offline und radikalen Maßnahmen träumt, das Rauschen zu filtern, sollte die offene Auseinandersetzung mit den heutigen trivialen Formen des „Daseins“ in Blogs, SMS und Computerspielen treten. Intellektuelle sollten Netznutzer nicht länger als sekundäre Amateure zeichnen, die von einem primären und ursprünglichen Verhältnis zur Welt abgeschnitten sind. Eine wichtigere Angelegenheit steht auf dem Spiel: Es gilt, sich auf die Politik des informationellen Lebens einzulassen. Es ist an der Zeit, das Aufkommen eines neuen Unternehmenstyps anzusprechen, der das Internet rapide transzendiert: Google.

Das World Wide Web, das Borges’ unendliche Bibliothek wahrmachen sollte, wie er sie in seiner Kurzgeschichte Die Bibliothek von Babel (1941) beschrieben hat, wird heute von vielen Kritikern als bloße Variation von Orwells Big Brother (1948) betrachtet. Der Herrscher hat sich dabei von einem bösen Monster in eine Versammlung cooler Ju-gendlicher verwandelt, deren Vorstellung unternehmerischer Verantwortung sich im Motto Don’t do evil – „Tu nichts Böses“ – manifestiert. Angeleitet von einer älteren und er-fahrenen Generation von IT-Gurus (Eric Schmidt), Internetpionieren (Vint Cerf) und Ökonomen (Hal Varian), ist Google so schnell und auf so vielfältigen Feldern gewachsen, daß es keinen Kritiker, Akademiker oder Wirt-schaftsjournalisten gibt, der hätte Schritt halten können. Neue Anwendungen und Dienste stapeln sich regelmäßig wie ungewollte Weihnachtsge-schenke übereinan-der. Dazu zählen etwa Googles freier E-Mail-Dienst Gmail, die Videoplattform YouTube, das so-ziale Netzwerk Orkut, Google Maps und Google Earth, seine Haupteinnahmequelle AdWords mit seinen Anzeigen, die per Klick bezahlt werden, sowie Büroanwendungen wie Calendar, Talks und Docs. Google steht nicht nur mit Microsoft und Yahoo im Wettbewerb, sondern durch sein ambitioniertes Programm des Einlesens von Büchern in großer Zahl auch mit öffentlichen Bibliotheken und Unternehmen der Unterhaltungsindustrie und der Telekommunikation. Das Google Phone soll demnächst auf den Markt kommen. Vor kurzem hörte ich ein weniger computeraffines Familienmitglied sagen, es habe gehört, Google sei viel besser und einfacher zu benutzen als das Internet. Das hörte sich niedlich an, stimmt aber. Google ist nicht nur das bessere Internet geworden, es übernimmt Aufgaben der Soft-ware des Heimcomputers, so daß eigene Daten von jedem Terminal oder mobilen Gerät jederzeit abgerufen werden können. Apples MacBook Air ist ein weiteres Indiz für die zunehmende Migration von Daten in von privater Hand kontrollierte Datenbanken. Sicherheit und Datenschutz werden zur neuen Ökonomie und Technologie der Kontrolle. Die Mehrzahl der Nutzer und auch Unternehmen scheint froh darüber zu sein, die Macht zur Steuerung der eigenen Informationsressourcen aufgeben zu können.

(…)

Mehr von:
Geert Lovink
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 206
Aus dem Englischen von Ulrich Gutmair

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