LI 086, Herbst 2009
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Die Dynamik von 1989

Der Zusammenbruch des Kommunismus und die Neuordnung Europas

(...) Der schnelle und aufsehenerregende Zusammenbruch der kommunistischen Regime im Osteuropa des Jahres 1989 wurde damals (und so bewahrt es das kollektive Gedächtnis der Europäer) als eine gewaltlose Erhebung der von ihrem Streben nach Freiheit und Souveränität beseelten Völker wahrgenommen – eine Erhebung, die die Mauern sprengte und die totalitären Apparate erschütterte. Die im Gedächtnis gebliebenen Bilder – sie wurden in dieser ersten Fernsehrevolution live übertragen – zeigten eine fröhliche Menge, die die Berliner Mauer Stück für Stück abriß und dann, nachdem das Werk vollendet war, Rostropowitsch hörte, der die Ode an die Freude spielte. Oder die jeden Abend zahlreichere Menge, die sich auf dem Prager Wenzelsplatz versammelte, wo Václav Havel, die Symbolgestalt der Samtenen Revolution, verkündete, daß „sich die Geschichte wieder in Gang gesetzt hatte“ und daß „die Macht wieder dem Volk zugefallen war“. Der Herbst der Völker von 1989 erschien als ein Echo des „Völkerfrühlings“ von 1848, mehr noch als ein „1789b“ (André Fontaine), wobei sogar der Gedanke eines osteuropäischen Beitrags zu den Gedächtnisfeiern des 200. Jahrestags der Französischen Revolution aus Pariser Sicht faszinierend wirken konnte. Die Schnelligkeit, mit der sich die Erhebungen ausbreiteten, und die Tatsache, daß man sich von der doppelten Wiederentdeckung der Demokratie und der Nation inspirieren ließ, verstärken diese Analogie. 1989 erfindet aufs neue den von Michelet gestalteten Mythos des Volkes, das sein Schicksal in die eigene Hand nimmt.

Eine weniger historisierende Deutung des Jahres 1989, die jedoch im Grunde in dieselbe Richtung geht, setzt die Befreiung der Völker und die Emanzipation der Zivilgesellschaften gleich. Sie betont die Stärkung der sozialen Bewegungen in einer Situation, als der Zerfall der alten Ordnung neue Freiräume eröffnete, was die Annäherung zwischen den Nachachtundsechzigerdissidenten, den Erben der vorhergehenden Erfahrungen (und Niederlagen), und der jungen Protestgeneration ermöglichte. Diese bestand aus Studenten, Künstlern und „Alternativen“, die eigentlich nicht gegen das Regime waren, sondern neben ihm standen oder schon einen anderen Standpunkt hatten. Distanz, Ironie und Spott prägten ihr Vorgehen mehr als die politischen Strategien der Dissidenten. Das Eingreifen dieser gesellschaftlichen Kräfte und der Generationswechsel lassen sich sowohl bei den Demonstrationen der „Orangenen Alternative“ in Polen, bei den Anfängen des ungarischen FIDESZ (ein Beitritt war Leuten unter dreißig Jahren vorbehalten), im Kreis um die Zeitung Mladina in Slowenien als auch in der tschechischen Studentenbewegung nachweisen, die am 17. November 1989 die Samtene Revolution in Prag auslöste; diese brachte Padraic Kenney dazu, 1989 als einen „Karneval der Revolutionen“ darzustellen. 1989 also „von unten“ und mit neuen Protestformen gesehen. Diese Formen veränderten sich in dem Maße, wie sich die offiziellen Toleranzgrenzen verwischten und die Angst nachließ. Die Zivilgesellschaft erwachte als Hauptakteur der Revolution von 1989.

Eine solche sympathische Sichtweise kann nicht vollständig überzeugen und muß in mehreren Punkten relativiert werden. Zunächst: Diejenigen, die tatsächlich eine kurze „karnevalistische“ Revolution erlebten – Berlin und Prag –, hatten sich der Bewegung als letzte angeschlossen, mit dem berühmten Dirigenten Kurt Masur als Galionsfigur der täglichen Versammlungen in der Leipziger Nikolaikirche im Oktober und in Prag mit Václav Havel, dem Chefdramaturgen einer Samtenen Revolution, deren Bühne der Wenzelsplatz und deren Hauptquartier ein Theater mit dem schicksalhaften Namen Laterna Magika war. Vor allem in der Endphase dieser beiden Revolutionen, in denen Intellektuelle, Künstler und Musiker überrepräsentiert waren, gab es eine Dimension der Festfreude. Sie gehört offenkundig zur Kultur der Protestbewegung und des kollektiven Erlebnisses, so daß diese kommunistischen Diktaturen – sie waren zwei der härtesten – gewaltlos endeten. Doch man sollte den glücklichen Ausgang und den idyllischen Eindruck nicht mit der tiefen Dynamik verwechseln, die bei der zwischen den Vertretern der etablierten Macht und denen der demokratischen Opposition ausgehandelten Machtübertragung wirkte.

Will man diese interne Dynamik der Umwälzungen von 1989 hervorheben, muß man sich Warschau und Budapest zuwenden. Dort wurden die Grundlagen der alten kommunistischen Ordnung zuerst zerschlagen, wobei es zu einer Wechselwirkung zwischen der Zersetzung der Institutionen, dem Druck der Gesellschaft und dem Zurückweichen oder der Flucht nach vorn des Reformflügels der Partei kam. Dieser langsame Prozeß beschleunigte sich 1989 beträchtlich, blieb aber auf einen ausgehandelten Übergang ausgerichtet: Der in Warschau im Februar 1989 eingerichtete Runde Tisch war gewiß weniger spektakulär als die Menschenmenge, die sich im November vor dem Brandenburger Tor versammelte, doch die Polen erinnern gern und mit vollem Recht daran, daß der Fall der Mauer nicht ohne die vor-hergehende Demontage der kommunistischen Macht in Polen stattgefunden hätte.
Die Beschleunigung der Geschichte im Jahre 1989 wurde damals in der Formulierung von Timothy Garton Ash zusammengefaßt: „Polen zehn Jahre, Ungarn zehn Monate, DDR zehn Wochen, Tschechoslowakei zehn Tage.“ Man könnte in derselben Art fortsetzen: Rumänien zehn Stunden, Albanien zehn Minuten … Schnelligkeit und Gleichzeitigkeit waren die zwei Wesenszüge der gewaltigen Beschleuni-gung der Geschichte im Jahre 1989.

Wann hat der Anfang vom Ende begonnen? 1980 mit Solidarnosc, wie es die angeführte Formulierung nahelegt? 1968 mit dem Prager Frühling, wenn man als entscheidende Faktoren die Erschöpfung der Ideologie und den Einfluß ansieht, den diese Erfahrung zwanzig Jahre später auf Gorbatschow und seine Umgebung ausübte? Oder muß man bis 1956 und zur ungarischen Revolution zurückgehen, die das Zeitalter der Brüche im kommunistischen Block eröffnete? Offensichtlich gibt es mehrere Bewerber um den Titel des „entscheidenden Wendepunktes“. Sie schließen sich nicht zwangsläufig gegenseitig aus und haben jedenfalls das Verdienst, zu veranschaulichen, daß der Sturz des Kommunismus kein Ereignis ist, das im Frühjahr 1989 begann. Vielmehr handelte es sich um einen langen Prozeß, bei dem Erosion, Zerfall und Reformen eine kumulative Wirkung hatten. Die in einem zwölfjährigen Zeitraum aufeinanderfolgenden Systemkrisen ermöglichen es, den „endgültigen Sturz“ in eine Perspektive einzubeziehen, die bis 1956 zurückreicht.

Der Budapester Aufstand von 1956 war für Péter Kende und Krzysztof Pomian „die zweite Oktoberrevolution“ und für Claude Lefort die „erste antitotalitäre Revolution“. Tatsächlich wies der Aufstand auf Wesenszüge der späteren Krisen voraus: auf eine „Legitimationskrise“ (Jürgen Habermas) im Innern des Systems selbst, die im März 1956 von Chruschtschows Anprangerung der Verbrechen Stalins auf dem XX. Parteitag ausgelöst wurde und zu einer Spaltung in der Machtelite führte. Danach wurden die Stärken und Grenzen einer „revisionistischen“ kommunistischen Führung (Imre Nagy) demonstriert, die von einer radikalen demokratischen Bewegung mit ihren Arbeiterräten, dem politischen Pluralismus und dem Willen, die Moskauer Bevormundung zu überwinden, mitgerissen wurde. Der „Anfang vom Ende“?

Die Prager Ereignisse von 1968 waren der am gründlichsten ausgearbeitete und am weitesten vorangetriebene Versuch einer maßgeblichen Reform des Systems, womit man eine hypothetische Versöhnung der Werte des Sozialismus und der Demokratie im Zusammenhang mit einer Überwindung des Kalten Krieges durch die Entspannung und den „Brückenschlag“ zwischen Ost und West erreichen wollte. Die Leitthemen des Prager Frühlings hatten die Kreml-Führer erschreckt, fanden aber großen Anklang bei den reformorientierten Moskauer Intellektuellen. Um dies richtig einzuschätzen, braucht man nur den Essay nachzulesen, den Andrei Sacharow im Juli 1968 unter dem Titel Gedanken über Fortschritt, friedliche Koexistenz und geistige Freiheit veröffentlichte. Dort findet man gewisse Nachwirkungen des Prager Frühlings sowie Themen, die zwanzig Jahre später unter Gorbatschow wieder auftauchen würden. Selbstverständlich zuallererst Informations- und Meinungsfreiheit als Voraussetzung des freien Denkens, die für die Entwicklung moderner und die Menschenrechte achtender Gesellschaften notwendig sei. Die beiden Großmächte sollten darauf verzichten, „die Revolution oder die Konterrevolution zu exportieren“. Jedes Volk solle frei über sein Schicksal bestimmen. Die Möglichkeit einer Konvergenz der beiden Systeme kündige sich einerseits durch die Marktwirtschaft und andererseits durch eine öffentliche Kontrolle der Manager an. Diese Thesen, die denen der Reformer des Prager Frühlings nahe sind, wurden vom Moskauer kommunistischen Apparat im Namen der Verteidigung des „real existierenden Sozialismus“ zurückgewiesen – und dieser Terminus beinhaltete geradezu die Definition des Konservativismus und Immobilismus: Was real ist, ist sozialistisch, was sozialistisch ist, ist real.

(...)

Mehr von:
Jacques Rupnik
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 15
Aus dem Französischen von Ulrich Kunzmann

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