LI 042, Herbst 1998
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Allein der Sternenhimmel

Auf den Spuren Li Taibos und des chinesischen Altertums

(...) Wir kamen unbeschreiblich müde beim Tempel der Azurnen Wolken an. Das ist das einzige bewohnte daoistische Kloster von den drei Tempel-Ensembles auf der Spitze des Taishan-Berges. Es war gegen halb eins am Mittag, die Sonne schien hell, die Luft war klar. Wir taumelten vor Müdigkeit vor dem Hauptgebäude des Tempels herum. Min besah sich die Götterstatuen im Inneren des Tempels noch einmal, ich ging rechts am Gebäude entlang und blickte durch ein Hoftor. Drinnen aßen daoistische Mönche zu Mittag, sie saßen um einen steinernen Tisch. Ich lächelte sie an und war schon im Begriff, zurückzutreten, um sie nicht zu stören. Aber ein junger Mönch lächelte zurück, dann winkte er mir zu, näherzutreten. Ich sagte zu Min, der mittlerweile wieder hinter mir war, er möge mir nur folgen, und wir traten durch das Tor.
Mönch: Kommt! Kommt her! Ihr könnt euch hierher setzen! Setzt euch hierher!
- Wir setzen uns zu ihnen, zum steinernen Tisch. Danke...
Mönch: Schenkt Tee ein. Trinkt! Auf euer Wohl!
- Danke... Auf Ihr Wohl...
Mönch: Wendet sich zu Min und zeigt auf mich. Dein Freund ist ein Forscher des Daoismus?
Min: Nein. Er beschäftigt sich mit Literatur. Er kam nach China, um den Weg entlangzugehen, den einst auch Li Taibo beschritten hatte.
Mönch: WieTaibo?
Min: Ja. Wir sind zuerst hierher gekommen, und werden nach Qufu weiterfahren, nach Xi'an, Sichuan, und wir werden auch auf den San Xia steigen. Hierher sind wir gekommen, weil Li Taibo auch hier gewesen war, wie mein Freund weiß.
Ein Mönch verläßt die Tafel und verschwindet in einem der baufälligen Gebäude.
Mönch:Zeigt auf mich und wendet sich Min zu. Woher kommt er? Wo ist seine Heimat?
Min: Er ist Ungar.
Wir lächeln einander an. Sie nicken, ich schweige nur recht beklommen. Als es mir endlich gelingt, meinen ganzen Mut zusammenzunehmen, mache ich einen ungeschickten Versuch, meiner Freude Ausdruck zu verleihen, daß ich hier sitzen kann, mit ihnen, auf dem Dach des Taishan, im Sonnenschein.
- Wir haben ein besonders schönes Wetter.
Die Mönche lächeln, als wären sie auch ein wenig verlegen. Lauter wirklich freundliche Gesichter, die uns ansehen.
- Ich starte einen neuen Versuch. Sie wohnen recht hoch...
Mönch: Ja, das ist tatsächlich so. Wir leben im Ziel unseres Lebens, unter unseren Füßen die Wolken, über unseren Köpfen nur der blaue Himmel. Wir leben wie die Geister.
- Wie viele sind Sie denn?
Mönch: Wenn wir nur die Mönche zählen, nicht mehr als dreißig.
- Ich bitte Sie, essen Sie ruhig weiter. Ich wollte Ihre Mahlzeit nicht stören.
Mönch: Dann ist es gut, wir essen weiter.
Allgemeine Heiterkeit, die Mönche beugen sich wieder über ihre Eßschalen, doch sie mustern uns lächelnd.
- Irgendwann in der Tang-Zeit, ich weiß nicht genau wann, vielleicht zwischen 735 und 740, war Li Taibo hier. Darum bin ich hierher gekommen. Der Daoismus und Li Taibo hängen meines Wissens besonders eng zusammen.
Mönch: Wir nennen Li Taibo den Dichtergeist. Es gibt unter uns welche, die ihn anbeten. Li Taibo hat nämlich auch einen anderen Namen, Xi Xian, Dichtergeist. Und das bedeutet, er ist nicht mehr einfach ein Dichter, sondern er ist ein Geist. Und wir folgen ihm deshalb.
Der Mönch kommt zum steinernen Tisch zurück, er stellt vor jeden von uns eine Schale mit Essen. Weißer Reis, reichlich mit delikatem gebratenen Blumenkohl belegt.
- Das ist zu viel. Soviel kann ich nicht essen.
Mönch: Iß nur. Iß, soviel du kannst. Es macht nichts, wenn etwas übrig bleibt. Nur zu, greif zu.
Anderer Mönch: Kannst du mit Stäbchen essen?
- Ja, ja, ich kann es.
Nach einigen Bissen wende ich mich wieder an sie, während sie wortlos essen.
- Ich möchte etwas fragen. Hat Li Taibo die Unsterblichkeit erlangt? Er hat doch sein ganzes Leben lang die Unsterblichkeit gesucht.
Mönch: Er hat sie nicht erlangt. Unsterblich ist der, der 'unter der Weißen Sonne wegfliegt'. Li Taibo hat es erwartet, aber nicht erlangt. 'Unter der Weißen Sonne wegzufliegen' bedeutet, daß auch das Fleisch wegfliegt. Was sich bei Li Taibo ereignet hat, das heißt yang ling chi chao. Daß die Yang -Seele einen Platz im Himmel findet. Der Körper aber bleibt hier.
Anderer Mönch: Eßt! Redet nicht nur!
Mönch: Trinkt auch Tee!
- Danke, danke, aber das reicht schon...
Mönch: Das ist ein berühmter, guter chinesischer Tee.
Erneut Heiterkeit. Dann beugt sich wieder jeder über seine Eßschale.
Mönch: Wenn du hier mit uns zu Mittag ißt, wird dir das Glück bringen!
- Dafür sage ich einen schönen Dank!
Anderer Mönch: Eßt! Redet nicht, eßt lieber!
- Das ist sehr gut! Wirklich!
Min: Wendet sich an den jungen Mönch, der neben unserem Mönch sitzt. Er ist in Weiß gekleidet, im Gegensatz zu dem Mönch, der sein Meister zu sein scheint und blau gekleidet ist. Wie alt bist du?
Junger Mönch: Zwanzig.
Min: Und wie alt warst du, als du Mönch geworden bist?
Junger Mönch: Sechzehn.
Min: Kommst du aus Shandong?
Junger Mönch: Nein, Hebei.
Anderer Mönch: Eßt! Redet nicht nur!
Min: Was ist der Unterschied zwischen deinem Gewand, dem weißen, und dem der anderen, den blauen Gewändern?
Junger Mönch: Lacht. Yi Qing Er Bai/Qing Qing Bai Bai (yi: eins, erster; qing: blau, grün, schwarz; er: zwei, zweiter; bai: weiß; qingbai: rein, Sauberkeit)
- Wie leben Sie hier vom Morgen bis zum Abend?
Junger Mönch: Unterhalten wir uns später, nach dem Essen.
Mönch: Schenkt sofort Tee nach, nachdem ich meine Tasse ausgetrunken habe. Chinesischer Tee. Tei Kuan Yin.
Anderer Mönch: Laß dich nicht bitten, iß.
- Danke, danke.
Aus dem Hintergrund kommt ein alter, zerlumpter Mönch zum Tisch.
Alter: Ihr seid beide Ausländer.
Min: Nein. Ich bin Chinese. Ich lebe nur seit sieben Jahren draußen.
Alter: Du bist sein Fremdenführer? Und deutet auf mich.
Min: NeIn. Ich lebe auch draußen. Ich helfe jetzt nur meinem Freund, der nach den Spuren Li Taibos sucht. Wir fahren auch nach Luoyang, nach Xi'an...
Alter: Wo kommt er her? Und zeigt auf mich.
Min: Aus Ungarn.
Der Alte macht ein ratloses Gesicht.
Min: Europa.
Alter: Sieht aus wie ein Asiate. Er ähnelt ein wenig den Asiaten.
Min: Vielleicht waren seine Vorfahren welche.
Mönche: (gemeinsam, lachend) Er ähnelt den Asiaten.
Min: Mit den Mongolen waren die Ungarn verwandt.
- Nein, nicht mit den Mongolen.
Niemand beachtet mich.
Mönch: Welche Religion hat dein Freund? Hierbei deutet er wieder auf mich.
Min: Ihre alte Religion war der Schamanismus.
Wir essen wortlos. Sie lächeln, wir stochern befangen im Essen herum.
- Wie leben Sie also? Hat sich viel verändert, seitdem Li Taibo hier gewesen ist?
Mönch: Tagsüber nehmen wir teil an religiösen Zeremonien. Morgens lesen wir die Klassiker. Auch am Nachmittag. Außerdem erledigen wir unsere klosterinternen Angelegenheiten. Dann sammeln wir Gaben ein, denn der Daoismus ist auch eine Institution, in der die Gaben eine Rolle spielen, wir unterstützen damit nämlich die Armen. Gaben zu sammeln bedeutet zu erfahren, wem wir helfen müssen, wen wir als unterstützungswürdig und hilfsbedürftig anerkennen müssen, und wie wir ihnen helfen müssen. Weil wir wollen, daß die Leute sich unserer Religion annähern.
Wir essen still weiter.
Mönch: Lächelt mich an, weil er sieht, daß ich nicht essen kann. Sag es nur ruhig, wenn du eine Frage hast.
Anderer Mönch: Er soll lieber essen, nur essen...
Mönch: (Schenkt wieder Tee nach.) Und trinken... Trink!
- Danke. Ich trinke lieber.
Mönch: (Zeigt auf die Speisen.) Da ist keine Zwiebel, kein Knoblauch und kein huixian dran. Wir haben fast alle scharfen Gewürze vermieden. Es ist sicher auch nichts Pikantes drin.
- Es ist wirklich außerordentlich schmackhaft, nur kann ich einfach nicht mehr essen.
Sie lächeln still.
- Ich bin so glücklich, daß ich hier, unter euch sitzen kann.
Gekicher.
- Mir fällt es jetzt so schwer, auch nur irgend etwas zu sagen.
Mönch: Deine Haare und dein Gewand ließen mich annehmen, du seist ein westlicher Mönch. Es freut uns besonders, wenn jemand, sei er aus dem Osten oder aus dem Westen, mit unserer Religion sympathisiert. Wir haben dich mit großer Freude empfangen und dich in unserem Hof bewirtet.
- In dem Land, aus dem ich stamme, bedeutet das Daodejing [Tao-te-king. Das Buch vom Sinn und Leben] sehr viel für die gebildeten Leute. Stellt euch vor, es gibt mindestens sechs Übersetzungen davon!
Mönch: Das Daodejing ist unsere höchste Welt. Wir folgen der höchsten Welt im Daodejing. Außerdem sind für uns noch Zhuangzi und das Buch Yijing [Buch der Wandlungen] sehr wichtig. Das Wesentliche unserer Religion aber finden wir im Daodejing.
- Ich möchte gerne zum Anfang zurück und euch fragen, wie man zur Unsterblichkeit gelangt?
Mönch: Das Wesentliche des Quanzhen-Daoismus [Quanzhen: Bewahrung der vollkommenen menschlichen Natur] ist die nei gan (nei: Inneres, nan: Gefühl, Welt). Nei gan bedeutet, daß der Mensch den Körper durch Meditieren entfernt und die Yang-Seele frei macht. Die zweite Art, Unsterblichkeit zu erlangen, besteht im 'Wegfliegen unter der Weißen Sonne' (Bai ri fei sheng). Dies bedeutet, daß auch der Körper wegfliegt. Die Seele mitsamt dem Körper. Vor der Tang-Zeit gab es noch die wai gan (wai: äußerer, außen). In diesem Fall sprechen wir von einer Unsterblichkeit, zu erlangen durch bestimmte chemische Verbindungen, sogenannte Lebenselixiere. Solche Elixiere sind zum Beispiel das tan oder das Quecksilber oder man muß im yunmu Eisen oder Gold essen. Es gab aber noch viele solche Verbindungen. Man kann die Seele mit Elixieren anheben, wir aber tun das durch Meditation.
Die meisten Mönche beenden ihre Mahlzeit und verlassen uns. Der Mönch und der andere Mönch bleiben mit mir am Tisch.
- Gibt es Unterschiede zwischen den Mönchen in einem daoistischen Kloster?
Mönch: Es gibt zweierlei Mönche. Die einen sind an ein Kloster gebunden, die anderen wandern. Ich bin ein Wandermönch, das heißt, mich kann man an keinen Tempel binden, ich kann aber jederzeit alle unsere Tempel besuchen und mich dort aufhalten, so lange ich will. Und ich kann gehen, wann ich will. Hier bin ich noch nicht lange, im Tempel der Azurnen Wolken, davor lebte ich auf dem Berg Emei. Der Emei ist ein besonders schöner Berg und auch Li Taibo war dort, er hat darüber auch geschrieben. Ich weiß genau, wo der Ort ist, über den Li Taibo dieses Gedicht geschrieben hat. Sein Titel lautet: Wasserfall auf dem Lu-Berg. Der gemeinte Wasserfall ist aber nicht der, den die Leute dafür halten. Der Wasserfall des Li Taibo liegt tiefer in den Bergen.
- Wann sind Sie Mönch geworden?
Mönch: Nach Abschluß der Mittelschule. Jetzt sind es schon sieben Jahre, daß ich der daoistischen Religion angehöre.
- Gibt es eine Hierarchie in der daoistischen Glaubensgemeinschaft?
Mönch: Nein, hier nicht. Nur so viel, daß der Jüngere den Älteren verehrt. Wir haben deshalb keine Hierarchie, weil wir meinen, daß die Achtung sich nur aus inneren Quellen nähren kann. Das ist nicht überall so, der Hohe Priester der Azurnen Wolke lebt in Peking, und in Peking gibt es eine überaus strenge Hierarchie.
- Gibt es auf dem Taishan eine Li Taibo-Stele?
Mönch: Das weiß ich nicht. Du Fu hat aber sicher eine. Die steht hinter dem Jadekaiser-Tempel. Wo ihr aber die Stele Li Taibos suchen könntet, weiß ich leider nicht. Hier auf dem Taishan gibt es ein Institut, da kommt man zwar schwer hinein, aber dort wüßte man es sicher, die haben ein detailliertes Buch über den Taishan. Der Titel lautet: Taishan-Aufzeichnungen. Vor langer Zeit hat man schon begonnen, das Buch zu schreiben, aber es wird heute noch kontinuierlich weitergeschrieben.
- Stört der Tourismus Ihr Leben nicht?
Mönch: Im Tempel der Azurnen Wolken kann man ein Ritual nur im Innenhof vollziehen. Draußen, wo die Haupttempel sind, können wir nichts tun. Im Innenhof machen wir, was wir wollen, draußen können wir aber nichts tun. Die Staatsreligion spricht von Religionsfreiheit, was ist das aber für eine Religionsfreiheit, wenn wir uns vor den Touristen zurückziehen müssen? Die Regierung hat unsere Tempel renoviert, aber nicht aus Achtung vor der Tradition, sondern, weil sie viel Geld mit dem Tourismus verdienen wollen.
- Wie ist das Verhältnis des Daoismus zum Konfuzianismus und zum Buddhismus?
Mönch: Der Buddhismus ist keine richtige chinesische Religion. Richtige chinesische Religionen sind der Daoismus und der Konfuzianismus.
- Beim Aufstieg habe ich in einem daoistischen Tempel einen Guanyin-Buddha gesehen.
Mönch: Der Guanyin-Buddha war ursprünglich ein daoistischer Heiliger. Sein Name war Ci Liang. Als sich der Buddhismus in China ausgebreitet hatte, lieh er sich diesen daoistischen Heiligen nur aus.
Der Mönch und sein Novize bieten uns an, uns die gesamte Tempelanlage zu zeigen. Wir gehen hinaus, um die Haupttempel zu sehen. Der ältere Mönch hat des öfteren zu tun, er schlägt für die Gaben der Gläubigen, die zum Heiligtum kommen, einen Gong an, so kann ich mich jetzt mit dem jüngeren Mönch unterhalten.
Wen dürfen wir als obersten Heiligen des Haupttempels verehren? Meines Wissens hat er einen recht absonderlichen Namen, Taishan-Großmutter...
Junger Mönch: Ursprünglich hat er nicht Taisan-Großmutter geheißen, und er war auch nicht der Hauptheilige. Den einfachen Menschen stand er aber immer am nächsten. Darum hat man ihn schließlich Taishan-Großmutter genannt, weil man meint, er behüte die Gläubigen, wie eine Großmutter die Enkelkinder. Die Großmutter war freilich eine daoistische Gottheit, sie hieß Bixia Yüan Jün [Prinzessin der Bunten Wolke], heute ist sie die Hauptheilige im Tempel der Azurnen Wolken.
Der junge Mönch geleitet uns weiter, stolz zeigt er uns die renovierten Pagoden, dabei verschwindet aber sein seltsames Lächeln keine Sekunde. Dieses Lächeln bewirkt, daß ich mich gar weit von ihm wähne, obgleich ich an seiner Seite gehe.
Junger Mönch: Das Dach ist aus Eisen... Die inneren Verzierungen sind vergoldet... Im Duftenden Pavillon verwahren wir eine kaiserliche Stele...
Der ältere Mönch schließt sich uns wieder an, er zeigt auf die Masse der Gläubigen, die über den Hof des Tempels strömen.
Mönch: Es kommen viele, und diese vielen Gläubigen zeigen uns, daß der Daoismus blüht. Der Gläubige kommt zunächst, um sich etwas zu erbitten, dann, nachdem seine Bitte Erfüllung gefunden hat, kommt er wieder und schenkt aus Dankbarkeit dem Tempel Geld. Das verwenden wir für die Vergoldungen. Gäbe es keine daoistischen Götter, gingen die Wünsche nicht in Erfüllung. Sie gehen aber in Erfüllung, und die Gläubigen kehren zurück.
- Sind diese Leute noch Gläubige, oder schon Touristen?
Der Mönch bricht in schallendes Gelächter aus.
Mönch: Der Weg zum wahren Wissen ist qualvoll lang.
Einer der Mönche schlägt vor, daß wir uns an der Seite der Haupthalle auf eine Bank setzen. Die Sonne scheint warm, um die Bank stehen Hibiskus-Büsche, in den einfallenden Lichtstreifen wärmen sich Hunderte von Käfern.
Mönch: Jetzt erzähle du uns davon, wie unsere daoistischen Brüder im Westen leben...
- Eure daoistischen Brüder?
Mönch: Ja, in welchen Gemeinschaften sie bei euch leben, wie die Tagesordnung der Klöster ist, und, zum Beispiel, wie unsere daoistischen Brüder in Europa den Yijing benützen.
Junger Mönch: Wie benützen die europäischen daoistischen Orden das Zeiteinteilungssystem des Yijing?
- Die europäischen daoistischen Orden?
Mönch: Ja, das wäre sehr gut, wenn wir wüßten, wie der Yijing bei euch gedeutet wird. Wie er benützt wird. Wie die Zeiteinteilung ist. Viele kommen zu uns aus dem Ausland, und ich kann ihnen nicht helfen, weil die Ausländer eine andere Zeiteinteilung nach dem Yijing haben.
- Dem werde ich unbedingt nachgehen. Was brauchen Sie noch?
Mönch: Das wichtigste ist, daß du uns hilfst, Kontakt zu unseren europäischen Brüdern aufzunehmen. Schick uns Bücher, aus denen hervorgeht, wie ihr im Westen lebt.
- Ich werde mich bemühen, alles Einschlägige zu sammeln.
Unser Besuch ging dem Ende entgegen, wir erhoben uns von der Bank. Die zwei Mönche begleiteten uns zum Tor der Azurnen Wolken, aber sie wollten uns sichtlich noch nicht gehenlassen. Der Ältere verschwand kurz, dann kam er mit zwei Amuletten wieder, die er uns umhängte. Wir wollten schon los, doch sie wollten uns noch immer zum Bleiben bewegen. Sie sagten aber nichts mehr, also kam ich ihnen zu Hilfe.
- In meiner Heimat wird das Wort Dao ziemlich verschiedenartig übersetzt. Einmal heißt es Weg, dann Ordnung, oder Gesetz. Welche Übersetzung ist die richtige?
Mönch: Dao ben wu ming, qiang ming wei dao, das bedeutet: "Dao ursprünglich nicht ist Name, mit Gewalt etwas Dao nennen", darunter müssen wir verstehen, daß dao nicht die Regel des menschlichen Verhaltens ist, auch nicht die Ordnung der Natur, noch schlechter ist der Weg, denn wir meinen, zhongyong zhi dao [Die goldene Mitte], das bedeutet, das dao ist der Mittelpunkt. Alles ist in ihm, er selbst ist aber mit nichts identisch.
- Oh, die Adresse, wohin ich die Sachen schicken soll! Und ich nehme ein Stück Papier zur Hand.
Mönch: Also, schreibe: Mein Name ist Hou Qiuyu. Sein Name ist Gong Jie Fei. Und die Adresse: Provinz Shandong, Stadt Taian, Berg Taishan, Bixia si daoguan.
Junger Mönch: Ja, und die Postleitzahl! 271.000!
Damit nahmen wir herzlich Abschied von einander. Sie standen noch lange im Tor und blickten uns im Strom der hinein- und herausströmenden Touristen nach, sie winkten uns wortlos nach.
(...)

Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 52
Aus dem Ungarischen von György Buda

Genre

Hauptthema:
  • Chinesisches Altertum und Li Taibo

Schlagworte

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