LI 081, Sommer 2008
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Der Vierte Juni

Neunzehn Jahre, achtzehn Tage im Leben eines chinesischen Dichters

In den frühen Morgenstunden des 4. Juni 1989 erlebte die Hauptstadt Beijing der Volksrepublik China ein entsetzliches Massaker, das die Welt schockierte. Bis heute gibt es keine genaue Statistik über die Anzahl der Toten. Die von der Regierung genannte Zahl der „fahrlässig Getöteten“ liegt unter 200, die unter dem Volk kursierende Zahl der Opfer liegt bei etwa 3000. Das Ehepaar Ding Zilin und Jiang Peikun, Angehörige eines der Opfer, kann nach jahrelangen Recherchen mit Gewißheit sagen, daß mehr als 200 Unschuldige ihr Leben ließen.

In den frühen Morgenstunden jenes 4. Juni war ich mit dem kanadischen Sinologen Michael Day zusammen, und wir nahmen in meinem Haus in Fuling mit einem alten Tonbandgerät der Marke Kangli und von Hintergrundmusik begleitet mein gegen die sich in Beijing abspielende Tragödie gerichtetes Protestgedicht Massaker auf. Auch meine erste Frau Ah Xia war damals dabei.

Da Michael Day infolge der Radioübertragung von Massaker festgehalten und verhört wurde, kam heraus, daß wir auch einen mit der Radiosendung korrespondierenden Film namens Totenmesse gedreht hatten, und ich wurde wegen Mittäterschaft bei der „Verbreitung konterrevolutionärer Propaganda mit ausländischer Hilfe“ angeklagt.

4. Juni 1990. Ich hatte die ersten Verhöre durchgemacht und auch die zwanzig Tage dauernde „Wagenradtaktik“, bei der man abwechselnd auf dich einprügelt, und bar jedes Glorienscheines befand ich mich nach wie vor in Untersuchungshaft in einem Gefängnis der Sicherheitspolizei in Geleshan bei Chongqing. Vor und nach mir wurden um die zwanzig Schriftsteller eingeliefert und mit unterschiedlichen Maßnahmen tyrannisiert. Ich erinnere mich schemenhaft an diese Tage, als man durch die den Himmel spaltenden Eisengitter die schlechten Nachrichten vernahm und ich unter heruntergekommenen Kleinkriminellen die Frage diskutierte: Wie kann das schon ein Jahr her sein? Ein mit Ausschachtarbeiten beschäftigter Arbeitslagerhäftling steckte mir durch die Gitterstäbe heimlich einen zusammengerollten Zettel zu, und ich war überrascht, eine Botschaft von einem anderen, für das gleiche Vergehen angeklagten Schriftsteller, Liu Taiheng, zu erhalten: „Alter Liao, ich hab Hunger. Kannst Du mir nicht irgendwas Eßbares rüberschicken? Zwei Zigaretten wären noch besser.“ Ich weiß nicht mehr genau, was ich ihm schickte, es wird wohl ein halbes kaltes Dampfbrötchen gewesen sein. Dann ging in der Zelle plötzlich ein großer Tumult los, wobei offenbar ein Großteil der Plastiknachttöpfe umgeworfen wurde. Ein widerlicher Geruch von Exkrementen stach mir dermaßen in die Augen, daß mein Gesicht binnen Sekunden von Tränen überströmt war.

An den frühen Morgen des 4. Juni 1991 erinnere ich mich nur dunkel; sicher ist, daß ich mit zwei zum Tode Verurteilten zusammen eingepfercht war. Da sie in Ketten lagen, hörte man ständig das Gerassel beim Aufstehen, und ich wälzte mich schlaflos hin und her. Es war das Jahr der großen Flutkatastrophe in Anhui, deren Auswirkungen das ganze Land zu spüren bekam, und so litten wir Häftlinge im Untersuchungsgefängnis von Chongqing ständig unter Hunger. Die Portionen in unseren Reisschüsseln wurden von Mal zu Mal kleiner, und irgendwann gab es zu jeder Mahlzeit nur noch zwei Süßkartoffeln für jeden. Außer Kürbis und Kartoffeln gab es nichts mehr zu essen; die Verwaltung verkochte die beiden Gemüse jeweils zu einem dünnen Brei ganz ohne Öl, nur ein bißchen Salz war dran. Wir machten die Augen zu und schütteten uns das Zeug in den Magen, alles auf einmal, und schissen es jedesmal gleich wieder aus. Kartoffeln sind weiß, also war unser Schiß auch weiß; Kürbis ist gelb, also war unser Schiß auch gelb. Weil wir uns mit etwa zwanzig Leuten einen etwas mehr als zehn Quadratmeter großen Raum teilten, konnten wir nicht anders, als den ganzen Tag krumm auf der Pritsche zu hocken, deshalb bekam jeder von uns eine Taille so dick wie die eines fetten, verdorbenen Reichen, der es sich den ganzen Tag essend und trinkend wohl sein läßt. Wenn man nur ein bißchen die Position veränderte, hing man gleich mit beiden Beinen in der Luft.

Ich hatte oft die Gefängnisregeln verletzt und wurde oft bestraft, aber ob ich an diesem Tag angekettet war oder nicht, kann ich nicht mehr sagen.

(...)

Mehr von:
Liao Yiwu
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 59
Aus dem Chinesischen von Karin Betz

Genre

Hauptthema
  • Dissidenz
  • Lebenserinnerungen eines chinesischen Dissidenten

Schlagworte

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