LI 049, Sommer 2000
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Vom Zustand Europas

Die Verachtung der Qualität und die kommenden Konflikte

Gibt es eine Leitidee, mit deren Hilfe man erfassen könnte, was die spezifische Besonderheit Europas im Vergleich zu anderen Kontinenten und Kulturen ausmacht? Anders ausgedrückt, läßt sich ein Aspekt, ein Element, ein Begriff erkennen, der uns erlaubt, den europäischen Unterschied zu benennen?
Bei der Planung der europäischen Einheit hat man besonderen Wert auf die Wirtschaft gelegt. Es ist das eingetreten, was Nietzsche vorhersah, als er 1885 schrieb: "Das Geld allein schon zwingt Europa irgendwann sich zu Einer Macht zusammen zu ballen." Doch etwas Globaleres als die Wirtschaft läßt sich kaum denken - wenn wir den Akzent auf die wirtschaftliche Entwicklung legen, wird es schwierig, sich einen europäischen Unterschied vorzustellen.
Sicher, auch in diese Richtung wurden bereits Anstrengungen unternommen, vor allem von Jacques Delors und dem Weißbuch der Europäischen Kommission zur Erziehung und Bildung
Besonderes Gewicht wird in diesem Papier dem Begriff "menschliches Kapital", dem Projekt der Aufwertung menschlicher Ressourcen, dem Modell einer "Wissensgesellschaft" verliehen. Dabei folgt man einer Theorie, die Bildung nicht als Konsum, sondern als eine Investition betrachtet und die die Zunahme von Kenntnissen beim einzelnen Menschen mit ähnlichen Kriterien untersucht wie jene, die das Wachstum fester Kapitalanlagen regulieren. Die Akkumulation von Wissen und die berufliche Ausbildung werden also in Verbindung mit dem wirtschaftlichen Nutzen betrachtet, den man in Zukunft daraus ziehen kann.
Umgekehrt gelten Phänomene wie Alkohol-, Drogen- und Spielsucht als negative Faktoren, die den wirtschaftlichen Wert des einzelnen mindern.
Man hat darum gesagt, daß der Erfolg der Währungseinheit eng mit dem Wirtschaftswachstum verbunden sei und dieses wiederum in erster Linie von der "grauen Materie", also vom menschlichen Kapital abhänge. Die größte Ressource Europas bestehe demnach in der Erzeugung von Fähigkeiten und Sachkenntnissen, die mittel- und längerfristig Früchte tragen können.
Die Bürgerinnen und Bürger Europas seien schon lange keine menschliche Ware mehr, sondern zu einem neuen Stadium der kapitalistischen Entwicklung übergegangen, das von ihnen verlangt, sich in lebendes Kapital zu verwandeln.
Doch die Realisierung eines solchen Projekts erfordert massive Investitionen in die Erziehung, die Bildung und berufliche Qualifizierung, die in Europa ganz und gar utopisch erscheinen - sie müßten nämlich von einer Kulturpolitik aufklärerischer Prägung getragen werden, die in völligem Gegensatz zum europäischen Nihilismus steht. Wie kann man, anders ausgedrückt, den wirtschaftlichen Wert des Wissens in einem gesellschaftlichen Klima vertreten, in dem schon der allgemeine Begriff des Wertes verschwunden zu sein scheint? Wo offenbar sogar die Möglichkeit, überhaupt irgend etwas zu beurteilen und wertzuschätzen, verlorengegangen ist? Wo schon die Festlegung einer Rangfolge als ein Attentat auf die Demokratie aufgefaßt wird? Wo den Ideen von persönlichem Verdienst und herausragender Leistung Unwillen und Abneigung entgegengebracht werden? Wo der massenhafte Obskurantismus jede Art von Erniedrigung und Gemeinheit belohnt? Wo die Philosophie als etwas gilt, das im Widerspruch zur Demokratie steht?
Eine Idee hat in der europäischen Tradition immer die größte Wertschätzung besessen: die Idee von der Auszeichnung des Menschen
durch herausragende Leistungen, die ihren Ursprung in der humanistisch-wissenschaftlichen Kultur hat. Ich trenne den Humanismus nicht von der Wissenschaft, weil beiden ein Ideal vom Menschen gemeinsam ist, das sich auf die Freiheit, auf die als harmonische Entfaltung der eigenen Fähigkeiten verstandene Bildung, auf die Freude am Wettbewerb und auf die Bewertung des Geldes als zweitrangiges Gut gründet. Dieses Leitbild vom Menschen, der sich durch herausragende Leistungen auszeichnet, ist für Europa heute zu beschwerlich geworden: Es kostet zuviel und bringt zuwenig ein. Es erscheint daher als der Ursprung aller Enttäuschungen, als ein Bereich trügerischer Hoffnungen und ernüchternder Erfahrungen. Übersetzt man es in eine moderne Begrifflichkeit, sind mit dem humanistisch-wissenschaftlichen Leitbild Fähigkeiten wie Flexibilität, Kooperationsbereitschaft und Kampfgeist gemeint - diese Begriffe stehen für die Ziele, die mit einem solchen Vorbild erreicht werden sollen. Sie bilden eine Form menschlichen Kapitals, das die Europäer für einen sehr hohen Preis erwerben müssen.
Wenn wir im Umkreis humanistisch-wissenschaftlicher Vorstellungen bleiben, dann erscheint die europäische Rückständigkeit angesichts der Globalisierung der Märkte nur schwer überwindbar. Es handelt sich nämlich nicht nur um eine technologische Verspätung, um eine strukturelle Unterentwicklung, um organisatorische Mängel, sondern um etwas weit Grundsätzlicheres. Es geht dabei um die Art und Weise, als Einzelwesen zu existieren und Beziehungen zu anderen einzugehen. Es geht um den Charakter und das Gleichgewicht solcher Beziehungen, um die Festlegung von Prioritäten im Umgang mit der eigenen Zeit und den eigenen Ressourcen, es geht, allgemeiner gesprochen, um den ganzen Bereich befriedigender und enttäuschender Erfahrungen jeder Art. In einer Welt, die von den kategorischen Imperativen der Wendigkeit und Handlungsfähigkeit getragen zu werden scheint, sind wir zu langsam, zu unbeholfen, zu steif, zu sehr in einzelne Sprachen, Staaten, Arbeiten, Familien, Häuser und Beschäftigungen, ja sogar in statische und bedrückende Formen der Lustbefriedigung, des Vergnügens und der Zerstreuungen eingezwängt. Unfähig, miteinander zu kooperieren, sehen wir jede Art von Wettbewerb als eine Gegnerschaft an. Europa steht vor einem Paradox: Das Vorbild des freien, umfassenden, siegreichen und herrlichen Menschen, das es von der klassischen Antike geerbt und in der Neuzeit weiterentwikkelt hat und das zuletzt in Gestalt ebenjener Theorie vom menschlichen Kapital auftritt, ist zu anstrengend, zu unpopulär, zu belastend, um, ich sage nicht einmal verwirklicht, nein, um auch nur als ein Ziel entworfen zu werden. Es wäre eine naive Utopie, zu glauben, dieses Vorbild könnte die Grundlage der europäischen Identität bilden: Wir haben unsere Kultur als Herren und Beherrscher der Welt entwickelt, die beizubehalten und auszuweiten unsere Fähigkeiten inzwischen weit übersteigt.
Im übrigen ist die Krise des humanistisch- wissenschaftlichen Menschenbildes von einigen aufmerksamen Beobachtern der Ereignisse in Europa schon seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wahrgenommen worden, also von dem Moment an, als die mit der uneingeschränkten Steigerung und dem ständigen Wachstum der technischen Produktivkräfte verbundenen Gefahren, die Europas Schicksal nicht nur von den traditionellen Kulturen Afrikas und Asiens, sondern auch von seinen eigenen kulturellen Traditionen entfernt haben, sich bereits in aller Deutlichkeit abzeichneten. Tatsächlich hat das westliche Machtstreben an der Schwelle vom 18. zum 19. Jahrhundert einen qualitativen Sprung gemacht, durch den es eine nie zuvor gekannte Beschleunigung erfuhr und dem Bedürfnis nach Aneignung und Eroberung unendlich weiter Raum geöffnet wurde. In dieser Zeit hat der europäische Bürgerkrieg begonnen, der nicht als Krieg zwischen den Nationen, sondern auch als Krieg im Inneren der einzelnen Staaten auftritt.
Der Punkt, von dem auszugehen ist, wenn man den europäischen Unterschied erfassen will, kann also nicht die griechische Idee der Auszeichnung durch hervorragende Leistungen sein - dieses Ideal des Menschen ist von den großen Strömungen der europäischen Kultur, von der mittelalterlichen Scholastik bis zur Renaissance, von der Aufklärung bis zur Romantik, vom Positivismus bis zur Moderne aufgenommen und weiterentwickelt worden, doch es hat unseren Kontinent mittlerweile verlassen und findet seinen Humus, den geeigneten Boden für sein Wachstum, in den Kontinenten der Neuen Welt. Damit will ich natürlich nicht behaupten, daß es in Europa keine ausgezeichneten Männer und Frauen gibt - ich meine allerdings, daß in Europa die gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Bedingungen verschwunden sind, die es möglich machen, ihre Leistungen anzuerkennen. Kaum zeigt sich eine Überlegenheit, verbündet sich alles gegen sie, um sie zu vernichten, indem man sie totschweigt oder lächerlich macht, diffamiert oder der Diktatur der Meinungsumfragen unterwirft, indem man der Qualität Verachtung entgegenbringt oder die allgemeine Niedrigkeit bekräftigt. Dieser Zustand, bei dem der Beste zum Abschuß freigegeben wird, beginnt mit der systematischen Zerstörung der Einrichtungen für die mittlere und höhere Schulbildung, die in den meisten europäischen Staaten sorgfältig betrieben wird und darin gipfelt, daß die großen europäischen Denker des 19. und 20. Jahrhunderts (von Marx zu Freud, von Wittgenstein bis Heidegger) persönlich lächerlich gemacht und ihr theoretisches Erbe vernichtet wird. Herausragende Leistungen des einzelnen jedoch werden mit einer geradezu terroristischen Strategie verfolgt, die denjenigen, der nach dem "arduum et difficile" strebt, dazu bringen soll, sich seiner ehrgeizigen Ziele zu schämen und sich hinter der letzten Idiotie zu verstecken, die von den Marktforschern propagiert wird. In Europa gibt es keinen Platz mehr für einen Faust (und ebensowenig für Don Juan)! Die Abwertung der Bewunderung, die Descartes für die stärkste aller menschlichen Leidenschaften hielt, kennzeichnet das Ende einer Kultur, die die gesellschaftliche Anerkennung herausragender Leistungen jahrtausendelang zu einer ihrer Grundlagen gemacht hat.
Wer meint, diese Wut gegen den Besseren dem vom Christentum verbreiteten Ideal der Demut zuschreiben zu können, irrt sich gewaltig. Gerade das Christentum hat den Menschen immer der allergrößten Anerkennung für wert befunden. Indem es Begriffe wie Ruhm und Gnade zu tragenden Elementen seiner Anthropologie machte, hat das Christentum den griechischen Kult überragender Leistung fortgesetzt und vertieft. Ebenso irrt, wer den herrschenden Obskurantismus auf das Ideal der Gleichheit zurückführt, das der Sozialismus vertrat. In Wahrheit hat der Sozialismus entschiedener als alle anderen politischen Strömungen behauptet, daß es eine Verbindung zwischen Wissen und Macht gibt, und er war immer der Ansicht, daß ohne Theorie keine Revolution möglich ist. Die feindselige Einstellung gegenüber den Besseren hat allenfalls einige Wurzeln im Populismus, doch kann das Phänomen des heutigen Obskurantismus nicht auf eine politische Kategorie aus dem 19. Jahrhundert zurückgeführt werden, die auf einer romantischen Vorstellung vom Volk basiert. Die Psychologie dieses Phänomens ist viel komplexer.
Die Wut gegen herausragende Leistungen steht in engem Zusammenhang mit der europäischen Melancholie, mit jenem Zustand tiefer Niedergeschlagenheit und Traurigkeit, die den emotionalen Grundton des heutigen Europa charakterisiert. Bekanntlich war es Freud, der die scharfsinnigste Analyse der Melancholie unternahm. Seiner Ansicht nach besteht die Melancholie aus einem Zustand tiefer Bedrücktheit, der begleitet wird vom Verlust der Liebesfähigkeit und einem gedemütigten Selbstbewußtsein, das sich in Selbstvorwürfen und einem tiefsitzenden Schuldgefühl ausdrückt. Für Freud hängt das Krankheitsbild der Melancholie eng mit der Trauer zusammen. Diese besteht in einer psychischen Arbeit und dient dem Zweck, nach dem Verlust einer geliebten Person oder eines Objekts die Libido von diesen abzuwenden und einen Ersatz zu finden. Findet die Trauerarbeit nicht statt, entsteht das Syndrom der Melancholie, bei dem eine tiefgreifende Verarmung des Ich mit einer anklagenden Einstellung gegenüber den anderen zusammenwirkt.
Diese Analyse der Melancholie liefert uns einen Schlüssel für das Verständnis des europäischen Nihilismus, der somit als eine melancholische Reaktion auf den Untergang und das Verschwinden jener metaphysischen "Werte" erscheint, die den Aufstieg der Europäer zu Herrschern über die Welt gerechtfertigt und unterstützt haben. Die Europäer sind angesichts des Verlusts dieser "Werte" nicht fähig gewesen, die notwendige Trauerarbeit zu leisten, das heißt, sich allmählich von ihnen zu lösen, um neue Objekte libidinöser Besetzung zu finden. Sie werden, ohne es zu wissen, weiterhin von der Vergangenheit beherrscht und geben sich selbst die Schuld an ihrem Verschwinden, weil sie sich unbewußt noch mit ihr identifizieren. Daraus folgt dann ein stark gestörtes Verhältnis zu sich selbst und zu anderen, das sich einerseits im Gefühl einer schwerwiegenden Unzulänglichkeit gegenüber den eigenen Ansprüchen ausdrückt, was bis zur Selbstanklage und dem Verlust der Selbstachtung führen kann, und die Menschen andererseits unfähig macht, irgend jemand anderen der Achtung und Bewunderung für würdig zu befinden.
Die Europäer bleiben auf diese Weise Gefangene jener metaphysischen "Werte", die sie verbal ablehnen. Ihr Nihilismus (oder Zynismus) ist keine Befreiung von der Tradition, er ist kein Phänomen der Entzauberung und Säkularisierung, sondern im Gegenteil die Faulheit von heruntergekommenen, melancholischen Herrschern, die nicht mehr in der Lage sind, bei der gegenwärtigen generellen Neuverhandlung aller zum Globalisierungsprozeß gehörenden "Werte" eine eigene Position zu finden. Die Nihilisten oder Zyniker von heute sind alles andere als die Erben der esprit forts und der Dandies vergangener Jahrhunderte - es handelt sich um Melancholiker, die unfähig sind, sich neu zu definieren und in die neue Hierarchie der "Werte" einzuordnen.
Im übrigen kommt die vom Nihilismus unternommene Negierung der "Werte" dem Mechanismus sehr nahe, den Freud als Verneinung beschrieb: er besteht darin, einen Gedanken, dessen Gegenwart verdrängt wird, in negativer Form auszudrücken. Im Fall des Nihilismus kann die Bestätigung der traditionellen "Werte" also nur unter der Bedingung bewußt werden, daß diese Bestätigung verneint wird. Diese "Werte" können nicht positiv ausgedrückt werden, weil sie den Unwert desjenigen offenbaren würden, der sie vertritt. Sie würden ihn als jemanden erweisen, der nicht auf der Höhe dessen ist, was er fordert. Gleichzeitig können sie aber auch nicht vollkommen aus seiner Psyche verbannt und ausgemerzt werden, denn das würde das Aufstellen neuer Bewertungskriterien erfordern. Anders ausgedrückt: Um sein Ungenügen nur ja nicht erkennen zu müssen, zieht der melancholische Nihilist es vor, die Gültigkeit des Neuen zu verneinen. Wir sind also von Melancholikern umgeben, die sich und die Welt verachten, weil sie das, was seinen "Wert" verloren hat, in ihrem psychologischen Haushalt noch länger am Leben erhalten wollen.
Freud bemerkt, daß die Melancholie zur psychischen Konstellation der Revolte gehört, doch die Revolte des Melancholikers wird niemals eine Revolution sein, da sie eher eine Klage über etwas Fehlendes ist, eine Klage, die sich in eine anklagende Haltung gegenüber denen verwandelt, die seine Melancholie nicht teilen. Die Idee von Europa mit der Zukunft einer Revolte zu verbinden, wie Julia Kristeva es in ihrem gleichnamigen Buch tut, bedeutet daher, die Melancholie, "die schwarze Sonne", zum unvermeidlichen Schicksal unseres Kontinents zu erklären. Ich meine dagegen, daß der europäische Unterschied zu anderen Kontinenten in einer anderen Richtung gesucht werden sollte, denn die Melancholie ist nur das Symptom einer komplizierteren Krankheit.
(...)

Mehr von:
Mario Perniola
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 7
Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki

Genre

Hauptthema:
  • Europa

Schlagworte

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