LI 089, Sommer 2010
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Zwei Revolutionen

Zur historischen Bilanz der Umwälzungen in China und der Sowjetunion

Wenn kein anderes Ereignis das 20. Jahrhundert so beherrscht hat wie das Trajekt der russischen Revolution, so wird das 21. Jahrhundert von den Folgen der chinesischen Revolution geprägt werden. Der sowjetische Staat, geboren aus dem Ersten Weltkrieg, siegreich im Zweiten, unterlegen in der kalten Simulation eines Dritten, dieser Staat löste sich nach sieben Jahrzehnten auf, ohne daß ein Schuß fiel – so rasch, wie er einst entstanden war. Was blieb, ist ein Rußland von geringerem Umfang als zu Zeiten der Aufklärung, mit weniger als der halben Bevölkerung der UdSSR, aufs neue einem Kapitalismus überantwortet, der noch stärker vom Rohstoffexport abhängig ist als zu Zeiten des Zarismus. Auch wenn zukünftige Umkehrungen dieses Urteils nicht auszuschließen sind, scheint das, was von der Oktobererhebung noch in irgendeinem positiven Sinne übrig ist, augenblicklich geringfügig. Die dauerhafteste Leistung der Sowjetunion – bedeutend genug – war eine der Negation: das Niederringen des Nazismus, das keinem anderen europäischen Regime gelungen wäre. So würde wohl heute das verbreitete Urteil lauten.
 
Das Ergebnis der chinesischen Revolution bietet einen bemerkenswerten Kontrast. Die Volksrepublik China ist beim Eintritt in ihr siebtes Jahrzehnt ein Motor der Weltwirtschaft, der größte Exporteur in die EU nach Japan und in die USA, der größte Inhaber von Fremdwährungsreserven des Planeten. Seit einem Vierteljahrhundert verzeichnet sie für die größte Bevölkerung der Welt die raschesten Wachstumsraten des Pro-Kopf-Einkommens, die je registriert wurden. Ihre großen Städte sind in ihrem kommerziellen und architektonischen Ehrgeiz konkurrenzlos, ihre Waren werden überall verkauft, ihre Bauplaner, Unternehmer und Diplomaten umkreisen den Globus auf der Suche nach weiteren Gelegenheiten und noch mehr Einfluß. Umworben von seinen einstigen Gegnern wie von seinen Freunden ist das Reich der Mitte zum ersten Mal in seiner Geschichte eine wahre Weltmacht, deren Präsenz auf allen Kontinenten spürbar ist. Aus einem bestimmten Blickwinkel betrachtet hat der Kommunismus nicht nur überlebt, er ist zur exemplarischen Erfolgsgeschichte der Epoche geworden. Im Wesen und im Umfang dieser Erfolgsgeschichte verbirgt sich eine bittere Ironie – mehr als eine. Doch am fundamentalen Unterschied zwischen den Schicksalen der Revolutionen in China und Rußland kann kaum Zweifel bestehen.
 
Wo ist die Erklärung für diesen Kontrast zu suchen? Trotz der welthistorischen Bedeutung dieser Frage ist sie selten erörtert worden. Dabei geht es nicht lediglich um den Vergleich zweier ähnlicher, aber voneinander getrennter Umwälzungen, deren Ausgangssituationen nichts miteinander zu tun haben (wie bei der einst beliebten Übung, die Jahre 1789 und 1917 nebeneinanderzustellen). Die chinesische Revolution ging direkt aus der russischen hervor, und diese blieb im Sinne einer Inspiration oder Mahnung immer mit ihr verbunden, bis Ende der achtziger Jahre für beide der Augenblick der Wahrheit kam. Die beiden Erfahrungen waren nicht unabhängig voneinander, sie bildeten eine bewußt hergestellte Abfolge. Diese Verbindung ist bei jeder Betrachtung der gänzlich verschiedenen Ergebnisse zu berücksichtigen. Um diese zu erklären, bedarf es Überlegungen auf verschiedenen Ebenen; um vier davon geht es im folgenden. Erstens: Wie sehr unterschieden sich die subjektiven politischen Agenturen der beiden Revolutionen – das heißt die Parteien in den jeweiligen Ländern und ihre Strategien? Zweitens: Was waren die objektiven Ausgangspunkte (sozioökonomischen und sonstigen Bedingungen) für die jeweils herrschende Partei bei ihren Reformbestrebungen? Drittens: Was waren die effektiven Folgen der eingeschlagenen Politik? Viertens: Welche Erbschaften in der longue durée der Geschichte beider Gesellschaften können als bestimmend für die endgültigen Resultate von Revolution wie Reform angesehen werden? Da die KP Chinas die UdSSR überlebt hat und da ihre Zukunft vielleicht die zentrale Rätselfrage der Weltpolitik darstellt, wird im Mittelpunkt der folgenden Überlegungen China stehen, aber so, wie es sich in der russischen Spiegelung darstellt – die nicht die einzige von Bedeutung ist, deren Betrachtung aber unausweichlich allen anderen Perspektiven vorausgeht.
 
Die Oktoberrevolution war ein schneller großstädtischer Aufstand, der die Macht in den wichtigsten Zentren Rußlands in wenigen Tagen an sich riß. Der Geschwindigkeit, mit welcher die provisorische bürgerliche Regierung gestürzt wurde, entsprach die rasche Kristallisierung der Partei, die dies vollbrachte. Die Bolschewisten, die im Januar 1917 kurz vor der Abdankung Zar Nikolaus’ II. nicht mehr als 24.000 Mitglieder gezählt hatten, waren bereits über 200.000, als sie neun Monate später Kerenskis Regierung das Ende bereiteten. Die soziale Basis bildete die junge russische Arbeiterklasse, die weniger als drei Prozent der Bevölkerung ausmachte. Auf dem Lande, wo über achtzig Prozent der Bevölkerung lebten, war die Partei nicht vorhanden, da sie nie daran gedacht hatte, sich hier zu organisieren – ebensowenig wie die Sozialrevolutionäre; trotzdem hatte die SRS 1917 eine vorwiegend ländliche Anhängerschaft. Dieser rasche Sieg, errungen mit einer immer noch schmalen Basis, war durch die Zerschlagung des zaristischen Staates möglich geworden, durch die deutschen Hammerhiebe im Ersten Weltkrieg; das militärische Debakel führte zu explosiven Meutereien, die den Unterdrückungsapparat auflösten, und die Februarrevolution ließ als Folgeautorität nur eine höchst wacklige Struktur übrig.
 
War aber die Macht in diesem Vakuum leicht zu erringen, so stellte sie sich als schwer zu verteidigen heraus. Weite Teile des Staatsgebiets gerieten unter deutsche Besetzung. Nachdem Deutschland 1918 selbst besiegt worden war, drangen zehn verschiedene Militärexpeditionen – Amerikaner, Briten, Kanadier, Serben, Finnen, Rumänen, Türken, Griechen, Franzosen, Japaner – ins Land ein, um die Weiße Armee bei ihrem Versuch zu unterstützen, das neue Regime zu zerschlagen: ein grimmiger Bürgerkrieg, der bis 1920 andauerte. An dessen Ende, und mit den Zerstörungen durch den Weltkrieg, lag Rußland in Ruinen – die Dörfer hungerten, die Fabriken in den Städten waren verlassen, die Arbeiterklasse war durch die Kämpfe und die Deindustrialisierung des Landes aufgerieben. Lenins Partei, deren soziale Basis verschwunden oder in den Strukturen des neuen Staates aufgegangen war, hing als isolierter Machtapparat über einer öden Landschaft, und man brachte ihre Herrschaft nun eher mit dem Elend des Krieges im eigenen Land in Verbindung als mit den Geschenken des Friedens und der Landreform nach dem Oktober.
 
Die Union der sozialistischen Sowjetrepubliken, welche die Partei mit äußerster Anstrengung ins Leben rief, umfaßte den größten Teil des einstigen russischen Imperiums. Doch als erster moderner Staat, der jegliche territoriale Definition von sich wies, berief sich die werdende UdSSR nicht auf patriotischen Stolz oder auf das Konstrukt eines Nationalstaats. Zur Macht gelangt in einem riesigen zurückgebliebenen Land, dessen Produktion fast ausschließlich landwirtschaftlich und dessen Bevölkerung weitgehend analphabetisch war, zählten die Bolschewiki auf den Ausbruch von Revolutionen in den höherentwickelten Industrieländern Europas, die Rußland retten sollten, das nun mit einem radikal sozialistischen Programm und einer Gesellschaft ohne die elementaren Vorbedingungen eines kohärenten Kapitalismus in einer sehr prekären Lage war. Dieses Vabanquespiel, das die unter größtem Druck stehende Führung bald verlor, kümmerte die Massen, über die sie herrschte, von Anfang an nicht. Die Sowjetpartei mußte nun alleine ausharren und versuchen, sich, soweit sie konnte, auf einen anderen Gesellschaftszustand zuzubewegen – ohne große Unterstützung im Lande und ohne jegliche Hilfe von außen.
 
Die chinesische Revolution war zwar von der russischen inspiriert, kehrte aber deren sämtliche Parameter um. Die chinesische KP, im Jahre 1921 gegründet, hatte vier Jahre später noch weniger als tausend Mitglieder – zu einem Zeitpunkt, als sie zum ersten Mal als bedeutsame politische Kraft in Erscheinung trat: hervorgegangen aus der Explosion von Arbeitermilitanz in den Küstenstädten 1925 im Rahmen der Bewegung des 30. Mai (und unterstützt durch die im jungen nationalistischen Regime Sun Yat-sens in Kanton entscheidend wichtigen sowjetischen Berater und Materiallieferungen). Zwischen diesem Augenblick der Gründung und der kommunistischen Eroberung der Macht in ganz China lagen Kämpfe, die sich über ein Vierteljahrhundert ausdehnten. Die wichtigsten Stationen sind wohlbekannt: die Militärexpedition in den Norden, welche Nationalisten und Kommunisten gegen die führenden regionalen Kriegsherren vereinigte; Tschiang Kaischeks Massaker an den Kommunisten in Schanghai 1927; der sich anschließende weiße Terror; die Einrichtung der Räteregierung von Jiangxi 1931 und die fünf auf ihre Vernichtung zielenden Kampagnen der Nationalisten; der Lange Marsch der Roten Armee nach Yenan in den Jahren 1934 bis 1935 und die Schaffung von Grenzregionen im Nordwesten, die von der KP beherrscht wurden; die erneute Volksfront mit den Nationalisten gegen die japanische Invasion 1937 bis 1945 und schließlich der endgültige Bürgerkrieg 1946 bis 1949, in welchem die Kommunisten das ganze Festland eroberten.

 
(...)

Mehr von:
Perry Anderson
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 54
Aus dem Englischen von Joachim Kalka

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Hauptthema:
  • Vergleich der Russischen mit der Chinesischen Revolution

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