LI 087, Winter 2009
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Goldene Adele

Kakanische Rede über Opportunismus, Skandal, Kriminalität und Kunst

Ein Skandal hat die Eigenschaft, nicht nur die Beteiligten, sondern auch seinen Gegenstand zu verschlingen. Er geht immer mit großem Spektakel einher, mit Beschuldigungen, Anrufungen, Gebrüll, dem wilden Gerassel von Polizei und Staatsanwaltschaft, doch später wird schon niemand mehr sagen können, was geschah, wie die alte Ordnung wiederhergestellt wurde oder an ihrer Statt eine neue entstanden ist. Vergeßlichkeit und Unaufmerksamkeit werden zur Legitimation gesetzwidriger Geschehnisse. Im stillen läuft alles weiter, nur haben wir inzwischen akzeptiert, daß es so sein muß. Es gibt eine innerhalb des gesetzlichen Rahmens funktionierende Wirtschaft, in der hinter dem Geld auch Ware existiert, Arbeit, Wissen, vielleicht sogar Schweiß und Goldvorräte, und es gibt eine legitimierte virtuelle Wirtschaft, deren Deckung und Goldvorrat einzig das Geld von anderen ist. Fragt jemand die Finanzminister, warum sie den Handel mit den fiktiven Produkten der virtuellen Wirtschaft seither immer noch nicht reglementiert haben, erhält er die beachtenswerte Antwort, die Wirtschaftsstruktur sei eine empfindliche Angelegenheit, man könne sich nicht auf Experimente einlassen, nicht den Zusammenbruch der Börse und damit ganzer Industriezweige und Firmenimperien riskieren. In der Tat. Andererseits ist nicht ohne Grund zu befürchten, daß der inzwischen mit staatlichen Bürgschaftserklärungen gestützte Finanzmarkt in Ermangelung von Gesetzen seine mathematischen Seifenblasen einfach weiter in die Welt pustet.
 
Doch es wäre leichtfertig anzunehmen, daß die Teilhaber der realen Wirtschaft im wohlverstandenen eigenen Interesse nur das Risiko aus der Tätigkeit der anderen übernehmen müssen. Nein. Sie tragen auch die Betriebs- und Strukturkosten der Fiktion vom ständigen Wachstum der freien Marktwirtschaft, sind jedoch nicht am Gewinn beteiligt. Sie waren es noch nie. Zwar gibt es in den Führungskasten Verbindungen zwischen den beiden ineinander verzahnten Wirtschaftsgefügen, aber auf einer streng bewachten Einbahnstraße. Die demokratischen Regierungen kann man im Verlauf von Wahlperioden abwählen, die Doppelstruktur der Wirtschaft nicht. Das ist nicht deshalb so, weil irgend jemand es so gewollt hat, es hat sich unter dem Druck des politischen Opportunismus aber auch kaum jemand gemeldet, der es nicht so will. Und so haben wir dann die durch vernunftgemäße Arbeit, proportionalen Warenaustausch, Steuerabgaben und Sozialsysteme organisierte Gesellschaft gemeinschaftlich dem Chaos geöffnet, können aber die schwere Eisentür nicht mehr schließen. Die Ozeane wären auch dann leergefischt, wenn wir die Tür nicht geöffnet hätten, die Meere auch dann Mülldeponien und die Atmosphäre auch dann voller Satellitenwracks, die Schneehauben würden auch dann von den Bergen schmelzen, die Gletscher ins Rutschen und Auftauen kommen, und Grönland wäre auch dann nicht mehr weit davon entfernt, vollständig abzutauen.
 
Wenn ich meinen Mund gar nicht erst aufmachen würde, dann würden in der Stille erst nervöse anonyme Lacher aufkommende Panik signalisieren, auf die unverzüglich anhaltendes Zischen folgte. Das eine Lager hätte Vertrauen, würde sich versuchsweise auf mein Angebot einlassen, das andere würde nichts davon wollen, mich auslachen, protestieren. In den großen alten Theatern Kakaniens sieht man häufig noch eine Tafel an der Wand, die das Mitnehmen von Stöcken und Schirmen in den Zuschauerraum untersagt. Es kommt vor, daß das Publikum, einer an der Schulter des anderen, in schönster Eintracht schluchzt. Man kann vorhersagen, wann. Wenn Despotien abdanken, Revolutionen anstehen, wenn die Saite nicht weiter gespannt werden kann. Dann gehen die Leute aus dem Theater zusammen auf die Barrikaden. Ein andermal fallen sie gegenseitig über ihre Meinungen her, schreien gleichzeitig „Pfui“ und „Bravo“, tragen mit Fußgetrampel und Pfeifen Hernani-Schlachten um ethische und ästhetische Inhalte aus und würden sich ihre weltanschaulichen Schirme am liebsten gegenseitig auf dem Kopf zerschmettern. Das ist kein Scherz, es geht bis aufs Blut, bis heute. Denn es ist in der Tat ein großer Unterschied, ob ich mich erstens dem Gang der Ereignisse anvertraue, der Spontaneität, auf den freien Wettbewerb von Kräften und Interessen, Emotionen und Affekten setze oder ob ich zweitens das Zusammenwirken aufgrund kritischer Prüfung regele, die sozi-alen Beziehungen der Kontrolle von Wissen und Verstand unterstelle; mich etwa drittens den Kräften des Chaos und der Anarchie durch streng eingehaltene Konventionen entgegenstemme, aus Konventionen Mauern und Wehrtürme gegen barbarische Einfälle errichte oder viertens aus der allgemeinen Unzufriedenheit tatsächlich eine Revolution entfache, um die mit ihren eigenen Sünden und Skandalen zumeist zufriedene, im Spaßprinzip gründlich festgefahrene Gesellschaft aufzuwühlen. Das ist am Ende noch zu entscheiden.
 
Aber ich könnte auch umgekehrt Ärgernis erregen. Ich höre einfach nicht mehr auf. Verstreutes Lachen, Heiterkeit, Zwischenrufe würden mir signalisieren, meine Zeit sei abgelaufen, meine Maßlosigkeit einfach unerträglich. Es wären nicht die Friedlosesten, die zuerst aufstünden. Die sind neugierig. Sie wissen, daß man für einen guten Skandal das Ventil lange zuhalten muß. Auch nicht die Maßvollsten, denn die werden gelähmt und von einem unerfüllbaren Verantwortungsgefühl erfaßt angesichts der Willkür und Hybris der anderen. Eingefleischte Egoisten werden zuerst aufstehen. Erst von den Rändern der Reihen her, einzeln, mit gesenktem Haupt gehen sie, die Gesichter streng verschlossen, kurz darauf folgen jedoch schon von den Mittelplätzen andere. Der Auszug der Egoisten macht den Zuschauerraum frei von Teilnahmslosigkeit, und das ist eine große Erleichterung.
 
(...)

Mehr von:
Peter Nadas
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 14
Aus dem Ungarischen von Andrea Ikker

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