LI 088, Frühjahr 2010
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Die Politik des Heiligen

Demarkationen

Am Tag nach der Bestattung des Papstes ziehen sich die Kardinäle ins Konklave zurück. Der Zugang zu ihren Zellen wird vermauert, jeder Verkehr untereinander und mit der Außenwelt untersagt. Die Wahl des Nachfolgers erfolgt dabei auf versiegelten, mit verstellter Handschrift geschriebenen Stimmzetteln. Ergibt sich keine Zweidrittelmehrheit, wurden diese Zettel früher einmal zusammen mit etwas Pech auf feuchtem Stroh verbrannt, damit der dunkle Rauch den auf dem Petersplatz Harrenden Zeichen davon gab; heute sind es Chemikalien. Ist die Wahl zustande gekommen, steigt weißer Rauch auf, erwartungsvoll von den auf dem Platz Versammelten begrüßt. Dann wird der eben erwählte Papst in die Kammer der Tränen geführt, wo er dem Abschied von seinem alten Leben oder der Freude über seine Berufung Ausdruck verleihen kann und den neuen Namen bekanntgibt, den er zu führen gedenkt. Vom Heiligen Geist nunmehr in allen Wahrheiten geleitet und in den Stand der Unfehlbarkeit versetzt, erfährt er bis zu seiner Inthronisation die erste von mehreren Adorationen durch Fuß- und Handkuß.
Hinter diesem Zeremoniell – das nur entfernt noch an ein Brandopfer erinnert – verbirgt sich ein doppeltes Paradoxon. Einerseits liegt hier ein geregelter Wahlvorgang vor, der strikte Maßnahmen gegen unlautere Absprachen setzt; Ergebnis dieses Procederes ist jedoch eine Heiligung. Andererseits erhält das, was hinter verschlossenen Türen geschieht, erst auf dem Petersplatz seine Wirklichkeit. Das Geheime verbindet sich so in einem Ritual mit dem Öffentlichen – während eine Mehrheitsabstimmung zum Ausgangspunkt der Erhöhung einer Person wird, bei der diese eine Huldigung als irdische Verkörperung Gottes erfährt: eine Verwandlung, die der neue Name und die Unterwerfungsgesten bekräftigen. Ein völlig weltlicher Vorgang vermag sich so in etwas Sakrales zu transformieren. Wodurch wird dieses offenkundige Mysterium bewirkt?
Geläufigen Definitionen zufolge wird das Sakrale durch eine Demarkationslinie bestimmt, hinter der Physisches miteins meta-physischen Gehalt erlangt. In eine solche Tabuzone gesetzt, verliert alles seine konkrete Realität: Ein Mensch wird zum Heiligen, ein Holzsplitter zur Manifestation des Kreuzes Christi, ein Knöchel zur Reliquie, ein Portrait zur Ikone, ein Gegenstand zum Votiv, an das Göttliches sich binden soll, eine Fahne zum Symbol einer Nation, ein Leibchen von Maradona zur Devotionalie. Gleich, worum es sich handelt: Hinter einen Bannkreis verlegt, entwickelt es eine ungeahnte Kraft und Präsenz. Zugleich jedoch wird es durch den geschaffenen Abstand, der es unberührbar machen soll, so abweisend wie abwesend.
Diese Polarität spiegelt sich in den unterschiedlichen Begriffen für das Sakrale wider: Hagios bezeichnet das Fremde, Verbotene, Schreckliche, hieros hingegen das Lebensspendende; sacer umreißt das Ausgestoßene im Gegensatz zu augustus – „voll der Macht“ – als sakralisierter Begriff für die Staatsgewalt des imperiums; und in unserer Weihung steckt das gotische weihs, das Abgetrennte, während heilig die Idee unverletzter Gänze ausdrückt. Das Sakrale ist demnach so partiell wie total, etwas, das abstößt und doch anzieht, eine Ferne, die Nähe verspricht, eine Leere, die Fülle verheißt. Und es kann so destruktive wie konstruktive Formen annehmen. Wobei es die Grenzziehungen dazwischen sind, die eines ins andere umschlagen lassen.
Das Heilige schafft politische Kontexte auf mehreren Ebenen. Kraft seines Bannkreises vermag so aus einem Kardinalskollegium – im Konklave eingemauert und zu Elektoren einer anonymen und geheimen Wahl reduziert – der Statthalter Christi auf Erden hervorzugehen. Diese Verwandlung geht nicht auf irgendeine Offenbarung oder ein Wunder zurück: Der säkulare Wahlprozeß erhält seine sakrale Aura, indem er den Blicken der Außenwelt verborgen bleibt. Und er wird substantiiert durch das erwartungsvolle Publikum, das in einem wahrhaften Glaubensakt einer Person nunmehr göttliche Qualitäten zuzusprechen bereit ist.

Entfernt davon, bloß als inszenierte Illusion angesehen zu werden, besitzt das Heilige – wie das Amt des Papstes zeigt – eine politische Wirkungsmacht, die auf die Realität zurückwirkt. Diese wird ihr letztlich durch einen Akt kollektiver Suggestion verliehen: Die Grenze, die uns den direkten Zugriff auf ein Objekt verwehrt, verführt uns dazu, darauf alles nur Erdenkliche zu projizieren. Je ungreifbarer es ist, desto umfassender und intensiver werden diese Projektionen, bis die Leerstelle schließlich durch Idealisierungen ausgefüllt werden kann. So gesehen versinnbildlicht das Heilige ein höchstmögliches Maß an Verklärung. Ihr ordnet sich alles unter: das Ich und ein Wir, das sich dadurch definiert sieht.

Was von der alltäglichen Wirklichkeit ausgegrenzt wurde, vermag so eine Gemeinschaft zu kreieren: Das zeigt sich in dieser Zeit nirgendwo deutlicher als in der Problematik des fundamentalistischen Islamismus. Das Heilige separiert im selben Maße, wie es integriert – sozial, ethisch und politisch. Vermittelnd zwischen dem Zustand der Ausgrenzung und der Berührung mit einer Fülle, zwischen der inneren Isolation und dem Aufgehen in einer Macht, zwischen dem Ausgestoßensein und dem Eingehen in eine Gemeinschaft, wirkt das Ritual. Wo das heilige Denken auch auf unsere Gesell-schaft einwirkt, sollen die folgenden Vignetten anreißen.
Jede Preisvergabe beruht auf einem ähnlichen Ritus wie die Papstwahl: Eine Jury tritt zusammen und fällt eine quantitative Entscheidung, deren Zustandekommen der Diskretion unterworfen ist – eine nach außen getragene Mißstimmigkeit schlägt sich stets negativ auf Jury wie Preisträger aus. Die öffentliche Verkündung verleiht dem Preisträger dann jedoch eine Qualität, die über seine Person hinausreicht und ihn zum Träger jener überzeitlichen Ideale macht, für die die Auszeichnung ausgerufen wurde. Was ihn mit dieser Aura ausstattet, ist erneut eine Projektion, welche die Mechanismen der Wahl kaschiert und ihr profanes Umfeld weit in den Hintergrund rückt.

Das gilt auch für die prestigeträchtigste weltliche Auszeichnung: den Nobelpreis. Auch er wird durch eine Institution verliehen, bei der nicht das Illustre einzelner Juroren zählt, sondern die weitgehende Anonymität eines Gremiums von auf Lebenszeit ernannten Mitgliedern. Seinen Rang verleiht ihm zusätzlich etwas völlig Profanes: die Höhe des Preisgeldes, das ihn von anderen Auszeichnungen absetzt. Obwohl das Kapital in diesem Fall von der Massenherstellung von Sprengstoff herrührt, dem Patent für ein die Schußtechnik revolutionierendes Pulvergemisch sowie der Waffenfabrik Bofors und die Wahl auf einer nicht immer konfliktfreien Abstimmung beruht, hebt das Ritual alle säkularen Aspekte auf, um ein Werk krönen zu können, das sich im Sinne Alfred Nobels durch „hohe, ideale Tendenz“ auszeichnet.

Wie bei der Papstwahl – oder beim Oscar – wird ein Name verkündet und sein Träger der Öffentlichkeit vorgeführt, um im Mittelpunkt einer Huldigung zu stehen. Dieser Akt präsentiert nicht nur dem Publikum eine neue Lichtgestalt; er wirkt auch zurück auf die Person. Denn solcherart ins Rampenlicht gestellt, erfährt der Auserwählte eine Verwandlung, die noch in der leichten Verstörung durchscheint, mit der beispielsweise Herta Müller spontan darauf reagiert hat. Sie zeigt, wie eine in der Gegenwart stehende, kritisch beobachtende Schriftstellerin ihre überraschende Kanonisierung ins Überzeitliche, ihre Aufnahme in einen Kreis von Unsterblichen erlebt. Gewissermaßen aus der camera lacrimatoria heraus war sie mit zitternder Stimme zu hören, unsicher darüber, was aufgrund dieser plötzlichen und fremdbestimmten Metamorphose mit ihr nun geschieht. Um schließlich zu sagen, daß es nicht sie selbst sei, sondern ihre Bücher, die die Auszeichnung gewonnen hätten. Denn wo jeder Preis sich durch seinen Preisträger legitimiert, gilt dies auch umgekehrt: Er verleiht einen Nimbus, der gleichzeitig verpflichtet, diesen gebührend auszufüllen.
Das trifft für jedes Starlet zu, das erst durch die Grenzüberschreitungen von Paparazzi und Boulevardpresse einen Status erhält, der letztlich dem Rollenbild von Heiligen entspricht, nur ungleich vulgärer. Die Strahlkraft dieses Ruhmes ist jedoch durchaus steigerbar zum Schein des Göttlichen wie etwa bei Exponenten des Schaugeschäfts vom Schlage einer Madonna. So wie der Papst seinen Namen wechselt, büßen auch sie meist ihren Vornamen ein, um ihn durch ein Epitheton – die göttliche Garbo – oder den bestimmten Artikel – die Callas – ersetzt zu sehen. Dadurch wird mehr als Einzigartigkeit ausgedrückt: Die Erhöhung macht sie zum Typus, der ein ganzes Genre verkörpert, zu einer Figur, in der bestimmte Qualitäten auf dieselbe Weise idealisiert werden wie bei einem Schutzheiligen.

Wer etwas Derartiges verkörpert, wird auch vergewaltigt. Denn wird das Irisierende des Scheins nicht entsprechend aufrechterhalten, wandelt sich der Adorationsgestus schnell in Verletzungen ad personam – durch dieselben Paparazzi, die die Projektion dessen, was wir in diesen Figuren sehen wollen, erst ermöglicht haben. Erkennen die Heiligen des Scheins dann auch selbst, daß sie keinen Nimbus mehr auszustrahlen vermögen, bleiben oft nur noch ein Leben im Rückblick und das Sichentziehen bis zum völligen Verschwinden: Das ist die Garbo hinter ihren großen schwarzen Sonnenbrillen, die Dietrich in ihren verdunkelten Zimmern.
 
(...)

Mehr von:
Raoul Schrott
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 7

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