LI 089, Sommer 2010
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Mixen aan de Maas

Das multiethnische Rotterdam sucht seine Identität als Stadt

Das Herz von Rotterdam haben wir nicht gefunden. Vielleicht war es ein Fehler zu glauben, man könnte es in Einkaufspassagen mit ihrer heruntergedimmten Schaufensterbeleuchtung, der sparsamen Straßenillumination finden, in Wohnquartieren, gezeichnet vom zweifelhaften Charme der Nachkriegsmoderne, zwischen Backpacker-Hotels, dieser Pilgerstation einer globalen Jugend auf dem langen Marsch zu sich selbst, die nächtelang auf vermüllten Hotelfluren ihre fröhliche Fraternisierung feiert – vielleicht war es ein Fehler, das Herz einer Stadt in seiner Fußgängerzone zu suchen, die einmal Architektendelegationen aus vielen Ländern als avantgardistisch bestaunten, weil sie als erste Europas den Fußgänger gegenüber den Automobilisten privilegierte, oder im Weena-Viertel, wo Bürokraten und Geschäftemacher hinter verspiegelten Hochhausfassaden auf den Abend lauern, auf die befristete Freiheit von Angestelltenjargon und Dresscode. Es war ein Fehler, dem Wort „Zentrum“ zu trauen. Denn wo eine Stadt sich um neun Uhr schlafen legt, und die Bedienung im Restaurant den Gästen unaufgefordert die Rechnung auf den noch gedeckten Tisch legt, kann das Herz nicht sein.


 
Sie können hier jeden fragen“, sagt der Mann, den wir eines Abends im Dudok treffen. Das Dudok ist eine Brasserie, „located in the heart of Rotterdam, a lively meeting place for young and old“, schreibt der Prospekt, den man uns im Touristenbüro überreichte. (Aber da hatten wir schon, nach zwei schlaflos verbrachten Nächten in einem Backpacker-Hotel – in the heart of Rotterdam – unsere Zweifel.) Der Mann, den wir im vom After-work-Partysound erfüllten Dudok treffen, lebt in einem dieser Vororte, die das ohnehin schon stark zersiedelte Holland noch weiter zerstückelt haben. Er wirkt älter, als er vermutlich ist. Auf jeden Fall ist er entschieden zu jung, um sich darüber aufzuregen, daß auf dem Spielplatz vis-à-vis seines Vororthauses abends jugendliche Marokkaner herumlungern. Er ist auch zu jung für Sätze wie diesen: „Soso. Die Stadt beglückwünscht sich also dazu, jährlich Millionen von Euro für Integrationskurse auszugeben. Hat die Stadt mich jemals gefragt, ob ich damit einverstanden bin?“ Er blickt in seinen Bierkrug, den er zwischen seinen schweren Händen hält. Natürlich haben sie ihn nicht gefragt, und auch aus diesem Grund hat er im März bei den Kommunalwahlen Leefbaar Rotterdam seine Stimme gegeben. Sie haben ihn nicht gefragt, wie sie die Steuern verwenden sollten, die er – Ausdruck seiner Loyalität dem Staat gegenüber – zu zahlen hat; sie haben auch nichts gegen die Marokkaner getan, die sich abends auf den Banklehnen lümmeln und den Dreck, der ihren Schuhsohlen anhaftet, an den Sitzflächen abstreifen, während sie in keinesfalls nächtlich gedimmter Dezibelstärke in einer Sprache schwadronieren, die er nicht versteht.


 
Wenn er diese dunkel gekleideten Jungen auf der Parkbank sieht, sieht er mehr als ein paar schlecht erzogene Migrantenkinder. Sie personifizieren für ihn die Krise seines Landes. Diese Typen haben keine Chance in einer auf Konkurrenz getrimmten Gesellschaft, sie haben nicht einmal eine Ahnung von dem Wettbewerb, dem sich der Mann hinter dem Fenster täglich stellt – auch um seine Steuern zahlen zu können. Sie haben sich frühzeitig, als ihr schulischer Ehrgeiz unter dem Ansturm eines hormonell getunten Rebellentums erlahmte, aus diesem Wettbewerb selbst entlassen. Sie werden sich von der Großzügigkeit eines Sozialstaates nähren, wie Epiphyten von ihrer Wirtspflanze. Und sie werden diesen Staat verachten, weil er ihr Scheitern alimentiert, weil er sie daran erinnert, daß sie nichts sind, nichts, das ihre Machoposen rechtfertigen könnte. Sie sind wie unerzogene Kinder, große Kinder, entschlossen, die ge-sellschaftlich tolerierte Anarchie des Kindseins, diesen privilegierten Zustand, bis ins Greisenalter zu verlängern. Wenn er abends diese Jungs sieht, wie sie ihre halbgerauchten Kippen in den Sand schnippen, wie sich ihre mageren Rücken unter ihren Lederblousons abzeichnen, sieht er, wie weit es mit Holland gekommen ist: ein einst wohlgenährter Fürsorgestaat, abgenagt bis auf die Knochen. „Ich wünschte“, spricht er zu seinem schal gewordenen Bier, „das ganze System würde zusammenkrachen.“ Es kann gar nicht schnell genug zusammenkrachen. Wenn es nach ihm ginge. (Aber ihn fragt niemand, wie auch die Königin vergessen hat, diesen Mann aus dem Vorort nach seiner Meinung zu fragen, als sie einen neuen Bürgermeister für Rotterdam bestellte: ein Einwandererkind, Sohn eines Imam, der als erster Bürger Rotterdams nicht die Absicht hat, seinen marokkanischen Paß abzugeben.)
 


Der Mann, den wir eines Abends im Dudok treffen, ist jung, vielleicht Mitte dreißig, aber er hat die glanzlosen Augen eines alten Mannes, der genug gesehen hat. „Fragen Sie, wen Sie wollen“, sagt er noch einmal zum Abschied auf der Straße und schnippt mit seiner Schuhspitze einen Papierfetzen vom Trottoir, „keiner hier wird Ihnen sagen: Ich liebe diese Stadt.
 


Rotterdam hat ein Problem: Die Stadt steht morgens auf und sieht im Spiegel eine Person, von der sie nicht eindeutig zu sagen weiß, ob sie mit ihr identisch ist oder ob sie ihr wie einem Fremden höflich guten Morgen wünschen soll. Es ist schwer, eine Stadt kennenzulernen, die sich selbst nicht mehr kennt: Hafenstadt mit dem größten Containerhafen der Welt, der seine Rolle als wichtigster Arbeitgeber längst verloren hat; Arbeiterstadt mit dem ramponierten Stolz einer Arbeiterschaft, die eine erlahmende Industriegesellschaft in die Langzeitarbeitslosigkeit oder in den Vorruhestand entließ. Stadt der Stadtflüchtlinge, gefangen in zeitraubenden Pendelbewegungen zwischen urbaner Arbeitsstelle und einem Privatleben im suburbanen Reservat des Status quo, einer von lauen Lüften umfächelten unverrückbaren Ordnung, wie sie das Arrangement der Nippesfiguren im Vorgarten suggeriert.


 
Rotterdam mit knapp 600.000 Einwohnern ist die zweitgrößte Stadt Hollands, hier leben Menschen aus 170 Nationen, und seit kurzem stellen die Zuwanderer, ihre Kinder und Enkel mit 51 Prozent die Mehrheit der Bevölkerung.


 
Sie werden niemanden finden“, sagt der Anhänger von Leefbaar Rotterdam, „der diese Stadt liebt.“


 
We must strengthen the sense of belonging“, sagt jemand, der im Namen dieser Stadt spricht.


 
(...)

Mehr von:
Sabine Riedel
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 21

Genre

Hauptthema
  • Multiethnisches Zusammenleben in Rotterdam

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