LI 084, Frühjahr 2009
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Ohne Gott

Der Niedergang der religiösen Galubens und die Freude des Lebens

(...)Ich werde nicht sagen, daß es einfach ist, ohne Gott zu leben; daß die Wissenschaft alles ist, was wir brauchen. Für einen Physiker ist es in der Tat eine große Freude, wenn er erlebt, wie wir mit Hilfe der schönen Mathematik die reale Welt verstehen können. Wir ringen darum, die Natur zu verstehen, und bauen an einer großen Kette von Forschungsinstituten, die vom Museum von Alexandria und dem Haus der Weisheit in Bagdad bis zum CERN und zum Fermilab heute reicht. Wir wissen aber, daß wir nie zum Kern der Dinge vordringen werden, denn gleichgültig, welche Theorie einmal alle beobachteten Teilchen und Kräfte in sich vereinigt, werden wir nie erfahren, warum gerade diese Theorie und nicht irgendeine andere die reale Welt beschreibt.

Schlimmer noch: Das Weltbild der Wissenschaft ist ziemlich entmutigend. Wir können der Natur weder einen Sinn des Lebens für uns entnehmen noch eine objektive Grundlage für unsere moralischen Prinzipien oder eine Entsprechung zwischen dem, was wir für das moralische Gesetz halten, und den Gesetzen der Natur, wie es sich die Philosophen von Anaximander und Platon bis Emerson erträumten. Obendrein erfahren wir, daß die Emotionen, die wir am meisten schätzen, unsere Liebe zu unseren Ehegatten und Kindern, ermöglicht werden durch chemische Prozesse in unserem Gehirn, das durch eine über Millionen von Jahren wirkende Auslese von zufälligen Mutationen zu dem geworden ist, was es ist. Und dennoch dürfen wir nicht in Nihilismus versinken oder unsere Emotionen unterdrücken. Im günstigsten Fall leben wir auf Messers Schneide, zwischen Wunschdenken auf der einen Seite und Verzweiflung auf der anderen.

Was können wir angesichts dessen tun? Hilfreich ist Humor, eine Eigenschaft, mit der Emerson nicht übermäßig gesegnet war. So wie wir mitfühlend, aber ohne Verachtung lachen, wenn wir sehen, wie eine Einjährige sich abmüht, bei ihren ersten Schritten das Gleichgewicht zu halten, können wir uns selbst mit wohlwollender Belustigung zusehen, wie wir versuchen, bei unserem Leben auf Messers Schneide nicht das Gleichgewicht zu verlieren. In einigen von Shakespeares größten Tragödien werden die tragischen Helden genau dann, wenn die Handlung einem spannenden Höhepunkt entgegenstrebt, mit einem „ungehobelten Rüpel“ konfrontiert, der lustige Bemerkungen macht: einem Totengräber, einem Pförtner, einigen Gärtnern oder einem Mann mit einem Korb Feigen. Die Tragödie wird nicht bagatellisiert, aber der Humor rückt sie in die richtige Perspektive.

Dann gibt es noch die einfachen Freuden des Lebens, die seit jeher von religiösen Eiferern verschmäht werden, von den christlichen Anachoreten in der Wüste Ägyptens bis zu den heutigen Taliban und der Mahdi-Armee. Kommt man Anfang Juni, wenn die Rhododendren und Azaleen in voller Blüte stehen, nach Neuengland, wird einem bewußt, wie schön der Frühling sein kann. Und verachten wir nicht die leiblichen Genüsse. Wir, die wir keine Eiferer sind, können froh sein, daß Brot und Wein, wenn sie keine Sakramente mehr sind, immer noch Brot und Wein sein werden.

Und schließlich gibt es die Freuden, die uns die schönen Künste bereiten. Hier wird uns mit dem Niedergang des religiösen Glaubens wohl etwas verlorengehen. Viele große Kunst ist in der Vergangenheit aus religiöser Inspiration erwachsen. Ich kann mir zum Beispiel nicht vorstellen, daß die Gedichte von George Herbert oder Henry Vaughn oder Gerard Manley Hopkins ohne aufrichtige religiöse Überzeugung entstanden wären. Uns, die wir keinen religiösen Glauben haben, hindert jedoch nichts daran, religiöse Gedichte zu genießen, so wie der Umstand, keine Engländer zu sein, die Amerikaner nicht daran hindert, die patriotischen Reden in Richard II. oder Heinrich V. zu genießen.

Wir mögen es bedauern, daß künftig keine großen religiösen Gedichte mehr entstehen werden. Schon in der englisch-sprachigen Dichtung der letzten Jahrzehnte gibt es kaum etwas, das sich dem Glauben an Gott verdankt, und wo die Religion tatsächlich eine Rolle spielt, etwa bei Dichtern wie Stevie Smith oder Philip Larkin, ist es die Ablehnung der Religion, die ihnen Inspiration verschafft. Selbstverständlich kann sehr große Dichtung auch ohne Religion entstehen. Ein Beispiel dafür ist Shakespeare: Keines seiner Werke scheint mir auch nur im geringsten auf ernstzunehmende religiöse Inspiration hinzudeuten. Ariel und Prospero liefern uns den Beweis, daß Dichter auf Engel und Propheten verzichten können.

Ich glaube nicht, daß wir uns Sorgen darüber machen müssen, die Aufgabe der Religion werde einen moralischen Niedergang nach sich ziehen. Es gibt viele Menschen ohne religiösen Glauben, die ein moralisch vorbildliches Leben führen (nehmen Sie mich als Beispiel …), und wenn die Religion zuweilen auch bewundernswerte ethische Maßstäbe inspiriert hat, so hat sie doch andererseits oftmals den abscheulichsten Verbrechen Vorschub geleistet. Jedenfalls ergeben sich aus dem Glauben an einen allmächtigen, allwissenden Schöpfer der Welt keinerlei moralische Folgerungen – die Entscheidung, ob es richtig ist, seinen Geboten zu gehorchen, liegt immer noch bei Ihnen. Auch jemand, der an Gott glaubt, kann der Meinung sein, daß Abraham im Alten Testament Gott zu Unrecht gehorchte, als er sich bereit erklärte, Isaak zu opfern, und daß Adam in Paradise Lost recht hatte, Gott nicht zu gehorchen und, Eva folgend, den Apfel zu essen, so daß er mit ihr zusammenbleiben konnte, als sie aus Eden vertrieben wurde. Die jungen Männer, die in den Vereinigten Staaten mit Flugzeugen in Gebäude rasten oder in London, Madrid oder Tel Aviv Bomben inmitten von Menschenmengen explodieren ließen, waren nicht nur dumm, weil sie dies für ein Gebot Gottes hielten – selbst wenn sie glaubten, dies seien seine Gebote, waren sie obendrein böse, als sie ihnen gehorchten.

Je länger wir über die Freuden des Lebens nachdenken, desto mehr vermissen wir den größten Trost, den der religiöse Glaube uns einst gespendet hat: das Versprechen, daß unser Leben nach dem Tode weitergeht und wir den Menschen, die wir geliebt haben, im Jenseits wiederbegegnen werden. Wenn der religiöse Glaube nachläßt, werden immer mehr von uns zu dem Bewußtsein gelangen, daß nach dem Tode nichts ist. Dies ist es, was uns alle zu Feiglingen macht.

(...)

Mehr von:
Steven Weinberg
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 80
Aus dem Englischen von Friedrich Griese

Genre

Hauptthema
  • Gutgelaunt und ohne Verzweiflung
  • Ohne Gott leben

Schlagworte

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