LI 082, Herbst 2008
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Henker und Beil

Vom Ende des Roten Menschen. Sowjetische und russische Lebensläufe

Knapp zwanzig Jahre sind vergangen seit dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums, die Russen entdeckten die Welt, und die Welt entdeckte die Russen. Das war eine kurze romantische Phase. Doch das versprochene historische Happy-End ist ausgeblieben. Die Welt fällt zurück in einen neuen Kalten Krieg. Während man im Westen noch immer von der Gorbatschowzeit schwärmt, will man sie in Rußland am liebsten vergessen, bezeichnet sie als russische oder gar als geopolitische Katastrophe (Putin). Es ist eine neue russische Generation herangewachsen, die nicht mehr von Freiheit träumt, wie ihre Eltern in den neunziger Jahren, sondern von Revanche. Diese jungen Leute sehnen sich nach einer neuen Großmacht. Rußland lebt in einer Zeit des Second-hand. Das frühere Leben nannte sich Sozialismus, das heutige hat noch keinen Namen. Gebrauchte Ideen, gebrauchte Worte … Der rote Mensch ist Vergangenheit, es kommt ein neuer Mensch. Wie sieht er aus?
Dies ist nur eine Geschichte einer russischen Familie, in der Mutter und Sohn in verschiedenen Ländern leben, doch beide Länder heißen Rußland.

Die Mutter 

Ach … ich? Ich kann so nicht mehr weiterleben … Das letzte, woran ich mich erinnere, ist ein Schrei. Wer da geschrien hat? Ich weiß es nicht. Ich? Vielleicht die Nachbarin, sie hat im Treppenhaus das Gas gerochen. Und die Miliz angerufen. (Sie steht auf und geht zum Fenster.) Herbst … Erst war er gelb, jetzt ist alles schwarz vom Regen. Selbst tagsüber ist das Licht weit weg, schon morgens ist es dunkel. Mir fehlt das Licht … Ich schalte zu Hause immer alle Lampen an, sie brennen den ganzen Tag … Manchmal würde ich gern wegfahren von hier, irgendwohin … (Sie kommt vom Fenster zurück und setzt sich wieder mir gegenüber.)
Zuerst habe ich geträumt, ich sei tot … Als Kind habe ich oft Menschen sterben sehen, aber später habe ich das vergessen. Ach, warum weine ich denn? Ich weiß doch alles … Ich weiß doch alles über mein Leben … Im Traum kreisten viele Vögel über mir … und flogen gegen das Fenster … Ich wachte auf … Ich hatte das Gefühl, als ob jemand über mir steht. Ich wollte mich umdrehen und nachsehen, wer es war. Aber da war so eine Angst, das Gefühl, daß ich das lieber nicht tun sollte. Nein! (Sie verstummt.) Aber davon wollte ich gar nicht reden … Ich wollte etwas anderes erzählen … Nicht gleich davon … Sie haben nach meiner Kindheit gefragt … (Sie schlägt die Hände vors Gesicht.) Ich kann es richtig riechen … Den süßen Duft nach Stiefmütterchen … Und ich sehe die Berge vor mir, den Wachturm aus Holz und den Soldaten darauf – im Winter im Halbpelz, im Frühjahr im Uniformmantel. Und die Eisenbetten, ganz viele Eisenbetten, eins am anderen. Eins am anderen … Früher dachte ich, wenn ich das je einem Menschen erzählen sollte, würde ich anschließend weglaufen und denjenigen nie wiedersehen wollen. Ich habe nie allein gelebt, ich lebte im Straflager KarLag in Kasachstan und danach in der Verbannung. Im Kinderheim, im Wohnheim, in einer Gemeinschaftswohnung … Immer waren da viele fremde Körper, fremde Augen … Mein erstes eigenes Zuhause hatte ich erst mit vierzig. Mein Mann und ich bekamen eine Zweizimmerwohnung, unsere Kinder waren schon groß. Aus alter Gewohnheit ging ich oft zu den Nachbarn, etwas borgen, Salz oder Streichhölzer, deshalb mochten sie mich nicht. Aber ich hatte eben noch nie allein gelebt, ganz für mich … Ich konnte mich nicht daran gewöhnen … Briefe habe ich immer über alles geliebt. Ich war ganz verrückt danach, nach richtigen Briefen in Kuverts! Das geht mir noch heute so. Ich bekomme Briefe von einer Freundin, die zu ihrer Tochter nach Israel gezogen ist. Sie fragt mich immer, wie es bei uns so aussieht nach dem Sozia-lismus. Tja, wie schon? Man geht eine vertraute Straße entlang, und da ist ein französisches Geschäft, ein deutsches, ein polnisches … Lauter ausländische Namen. Alles ist ausländisch, die Socken, die Pullover, die Stiefel … die Wurst und das Gebäck … Nirgends findet man etwas Vertrautes, Sowjetisches. Ich höre von allen Seiten nur: Das Leben ist Kampf, der Starke siegt über den Schwachen, und das ist das einzige Gesetz. Man braucht heutzutage Hörner, Hufe und einen Panzer aus Eisen, die Schwachen kann keiner gebrauchen. Überall nur Ellenbogen, Ellenbogen, Ellenbogen. Das ist doch Faschismus, wie unterm Hakenkreuz! Das schockiert mich … Es ist zum Verzweifeln! Das ist nicht meins. Nein, das ist es nicht! (Sie verstummt.) Wenn ich jemanden an meiner Seite hätte … Mein Mann? Der hat mich verlassen … Ist zu einer anderen Frau gegangen … Aber ich liebe ihn noch immer, ich bin nun mal monogam … (Sie lächelt plötzlich.) Wir haben im Frühjahr geheiratet, die Faulbeerbäume blühten schon, und der Flieder stand kurz vor der Blüte. Und verlassen hat er mich auch im Frühjahr … Aber er kommt mich besuchen … Im Traum besucht er mich und mag gar nicht wieder gehen. Er redet und redet. Aber am Tag … Manchmal sage ich den ganzen Tag über kein Wort. Ich werde noch taub von der Stille … Und blind … Die Vergangenheit ist für mich wie ein Mensch, wie etwas Lebendiges … Ich weiß noch, wie in der Zeitschrift Nowij Mir Solschenizyns Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch abgedruckt war und alle es lasen. Alle waren erschüttert und redeten über nichts anderes. Ich verstand das gar nicht, dieses große Interesse und dieses Erstaunen. Ich kannte das alles, für mich war das ganz normal – Gefangene, Lager, Latrinen … die Lagerzone ...

1939 wurde mein Vater verhaftet. Er arbeitete bei der Eisenbahn. Meine Mutter rannte sich die Hacken ab, putzte Klinken, beteuerte, daß er unschuldig und das Ganze ein Irrtum sei. Mich vergaß sie darüber ganz. Ja, sie vergaß mich. Als sie sich besann und mich wegmachen lassen wollte, war es zu spät. Sie versuchte es mit diversen Mixturen und heißen Bädern … Schließlich hatte sie eine Frühgeburt … Aber ich überlebte … Merkwürdigerweise überlebte ich viele Male … viele Male! Bald wurde meine Mutter auch verhaftet und ich mit ihr, denn ich konnte ja nicht allein bleiben, ich war gerade vier Monate alt. Meine beiden älteren Schwestern hatte meine Mutter noch zu Vaters Schwester aufs Land schicken können, doch dann kam ein Schreiben vom NKWD, daß sie die Kinder nach Smolensk zurückbringen solle. Sie wurden ihr gleich am Bahnhof weggenommen. „Die Kinder kommen ins Kinderheim. Vielleicht werden noch Komsomolzen aus ihnen.“ Sie gaben meiner Mutter nicht einmal die Adresse. Wir fanden meine Schwestern erst wieder, als sie schon verheiratet waren und selbst Kinder hatten. Nach vielen, vielen Jahren … Bis ich drei wurde, lebte ich bei meiner Mutter im Lager. Alle Kleinkinder waren bei ihren Müttern. Das erfuhr ich später von meiner Mutter … Sie erzählte mir, daß kleine Kinder oft starben. Im Winter wurden die Toten in große Tonnen gesteckt, darin lagen sie bis zum Frühjahr. Die Ratten nagten an den Körpern. Im Frühling wurden die toten Kinder dann begraben … Das, was von ihnen noch übrig war … Mit drei Jahren kamen die Kinder in die Kinderbaracke. Mit vier, nein, eher mit fünf setzt meine Erinnerung ein … Ich erinnere mich an einzelne Episoden … Morgens sahen wir durch den Stacheldrahtzaun, wie unsere Mamas antraten und gezählt wurden. Sie wurden gezählt und zur Arbeit gebracht. Nach draußen, wo wir nicht hin durften. Wenn mich jemand fragte: „Woher kommst du denn, Kleine?“ antwortete ich: „Aus dem Lager“. „Draußen“, das war eine andere Welt, etwas Unbegreifliches, Erschreckendes, etwas, das für uns nicht existierte. Wüste, Sand und trockenes Gras … Ich glaubte, die Wüste reiche bis zum Horizont und ein anderes Leben als unseres gebe es nicht. Wir wurden von Soldaten bewacht, unseren sowjetischen Soldaten, und darauf waren wir stolz! Sie hatten einen Stern an der Mütze … Ich hatte einen Freund, Rubik Zirinski … Er brachte mich durch ein Loch unterm Stacheldrahtzaun zu den Müttern. Beim Antreten zum Essen versteckten wir uns hinter der Tür. „Du magst doch sowieso keinen Grützbrei, oder?“ fragte Rubik. Dabei war ich immer hungrig und mochte Grützbrei sehr gern, aber um meine Mama zu sehen, war ich zu allem bereit. Wir schlichen uns in die Baracke der Mütter, sie war leer, denn die Mütter waren alle bei der Arbeit. Das wußten wir, aber wir schlichen uns trotzdem hin … Wir rochen an allem … Die Eisenbetten, die eiserne Trinkwassertonne, die Becher mit der Kette daran – alles roch nach den Mamas. Nach Erde und nach Mamas. Ja, so roch es da … Manchmal trafen wir dort Mütter, die im Bett lagen und husteten. Eine Mama hustete Blut … Rubik sagte, das sei die Mama von Tomotschka, das war unsere Kleinste. Ihre Mama starb bald. Dann starb auch Tomotschka, und ich überlegte lange, wem wir nun sagen sollten, daß Tomotschka gestorben war. Ihre Mama war doch auch tot … (Sie verstummt.) Jahre später erzählte ich das meiner Mutter, viele Jahre später … Meine Mutter glaubte mir nicht. „Du warst doch erst vier!“ Aber ich erzählte ihr, daß ich mich an ihre Segeltuchschuhe mit den Gummisohlen erinnere … und daran, daß sie aus kleinen Flicken große Wattejacken genäht habe. Sie staunte wieder und weinte. Ja, ich erinnere mich … Daran, wie das Stück Zuckermelone roch, das meine Mutter mir einmal mitgebracht hatte … Es war nicht größer als ein Knopf, sie hatte es in einen Lappen gewickelt … Und daran, wie die Jungen mich einmal riefen, sie hätten eine Katze zum Spielen, und ich nicht wußte, was eine Katze ist. Die Katze hatte jemand von draußen mitgebracht, im Lager gab es keine Katzen, sie überlebten dort nicht, weil es nie Essensreste gab, wir sammelten alles auf, auch den Abfall. Wir schauten ständig auf den Boden, ob da vielleicht etwas Eßbares lag. Wir aßen Gräser und Wurzeln und leckten Steine ab. Wir wollten die Katze gern füttern, aber wir hatten nichts, also fütterten wir sie nach dem Essen mit unserem Speichel – und sie nahm ihn tatsächlich. Sie leckte ihn auf! Ich erinnere mich daran, wie meine Mutter mir einmal ein Bonbon geben wollte. „Hier, Anetschka, ein Bonbon!“ rief sie mir über den Stacheldraht zu. Die Wachleute jagten sie weg … Sie fiel hin … Sie schleiften sie an ihren langen schwarzen Haaren über den Boden … Ich hatte Angst, und ich hatte keine Ahnung, was ein Bonbon war. Keiner von uns Kindern wußte, was ein Bonbon war. Alle waren erschrocken und schubsten mich in die Mitte, um mich zu verstecken. Die Kinder nahmen mich immer in die Mitte. „Weil unsere Anetschka manchmal umfällt.“ (Sie umfaßt mit den Händen ihren Kopf.) Ich begreife gar nicht, warum … ich weine? Ich weiß das doch alles … Ich weiß doch alles über mein Leben … (Sie schweigt eine ganze Weile.) Jetzt habe ich vergessen, was ich erzählen wollte. Ich habe meinen Gedanken nicht zu Ende gebracht. Oder? Nein, das habe ich nicht …

Es gab nicht nur eine Angst, es gab viele Ängste, große und kleine. Wir hatten Angst vorm Grö-ßerwerden, Angst davor, fünf zu werden. Mit fünf wurden wir ins Kinderheim gebracht … Wir wußten, das war ganz weit weg … Weit weg von unseren Mamas … Ich kam in das Kinderheim Nummer acht in der Siedlung Nummer fünf, das weiß ich noch wie heute. Alles dort hatte Nummern … Und die Straßen hießen Linie: Erste Linie, Zweite Linie … Wir wurden in einen LKW verladen und fortgebracht. Die Mütter liefen hinterher, klammerten sich an die Bordwände, schrien und weinten. Ich erinnere mich, daß die Mütter immer weinten, wir Kinder dagegen nur selten … Wir waren nicht verwöhnt … Wir machten keine lustigen Streiche und lachten nie … Weinen lernte ich erst im Kinderheim. Im Kinderheim wurden wir oft sehr geschlagen. Es hieß: „Euch darf man schlagen, ja sogar totschlagen, weil eure Mütter Feinde sind.“ Väter kannten wir nicht. „Deine Mama ist böse.“ Ich erinnere mich nicht an das Gesicht der Frau, die das immer wieder zu mir sagte. „Meine Mama ist lieb. Meine Mama ist schön.“ „Deine Mama ist böse. Sie ist unser Feind.“ Ich erinnere mich nicht, ob sie wirklich „totschlagen“ sagte, aber so etwas in der Art … Ja, solche Worte fielen. Schlimme Worte … Solche Worte … Ja … Ich hatte sogar Angst, sie mir zu merken. Wir hatten keine Erzieher und keine Lehrer, diese Begriffe kannten wir nicht, bei uns gab es nur Kommandeure. Kommandeure! Sie hatten immer lange Lineale in der Hand … Sie schlugen uns für Vergehen und auch einfach so … Einfach so … Ich wünschte mir, daß von den Schlägen Löcher blieben, dann würden sie mich nicht mehr schlagen. Löcher bekam ich nicht, aber eitrige Geschwüre am ganzen Körper. Ich freute mich darüber … Meine Freundin Oletschka hatte Metallklammern in der Wirbelsäule, und sie durfte nicht geschlagen werden. Alle beneideten sie … (Sie schaut lange aus dem Fenster.) Ich habe nie jemandem davon erzählt. Aus Angst … Wovor eigentlich? Ich weiß es nicht … (Sie schweigt nachdenklich.) Wir mochten die Nacht. Wir sehnten die Nacht herbei. Die dunkle, dunkle Nacht. Nachts kam Tante Frosja, die Nachtwächterin. Sie war nett, sie erzählte uns Märchen, von Aljonuschka und von Rotkäppchen, sie hatte immer eine Handvoll Grieß in der Tasche und verteilte Körnchen an diejenigen, die weinten. Am meisten weinte immer Liletschka, sie weinte morgens und abends. Wir alle hatten Hautausschlag mit dicken roten Flechten auf dem Bauch, aber Liletschka hatte außerdem Eiterbeulen unter den Armen, die aufplatzten. Ich erinnere mich daran, daß die Kinder sich gegenseitig denunzierten, und das wurde belohnt. Am eifrigsten war Liletschka … Das kasachische Klima ist rauh, im Winter vierzig Grad Frost, im Sommer vierzig Grad Hitze. Liletschka starb im Winter … Wenn sie noch bis zum ersten Grün durchgehalten hätte … Im Frühling wäre sie nicht gestorben … Nein … (Sie verstummt mitten im Wort.)

(...)

Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 20
Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt

Genre

Hauptthema:
  • Kindheit im Lager

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